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Adorno-Über Statik und Dynamik als soziologische Kategorien

Adorno-Über Statik und Dynamik als soziologische Kategorien

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Theodor W. Adorno
Aus Soziologische Schriften I
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09/25/2010

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Adorno, W.Über Statik und Dynamik als soziologische KategorienAus: GS 8, S. 217ff Auf dem Amsterdamer Soziologentag von 1955 sollte erneut über das Verhältnis von Statikund Dynamik in der Gesellschaft diskutiert werden. Anlaß dazu bot eine unabweislicheBeobachtung. Dynamische Phänomene von größter Vehemenz sind sichtbar, Veränderungender Gesellschaftsstruktur wie jene im sowjetischen Machtbereich, wie die Modernisierung desOrients und all der Gebiete, für die man nicht umsonst den Namen Entwicklungsländererfunden hat; schließlich auch, daß in den westlichen Staaten, trotz festgehaltenerInstitutionen, soziale Stammbegriffe wie Individuum, Familie, Schichtung, Organisation,Verwaltung ihrer inneren Zusammensetzung nach sich wandeln. Andererseits scheintvielerorten die Gesellschaft zu dem zu gravitieren, was schon vor mehr als fünfzig JahrenVeblen »neuen Feudalismus« nannte, einem stationären Zustand. Mit der Industrialisierungder außerhalb des kapitalistischen Raums befindlichen Gebiete zeichnet sich eine Grenze deskapitalistischen Verwertungsprozesses ab und damit eine jener Expansion des ökonomischenSystems, die von seinem eigenen Begriff erheischt dünkte; bei aller Güterfülle etwas wie eineRückbildung des Kapitalismus zur einfachen Reproduktion. Das reflektiert sich auchkulturell; so konnte vor nicht langer Zeit, zu Recht oder Unrecht, der Musiker Messiaen, ausder Gruppe »Jeune France«, davon sprechen, es habe die geschichtliche Entwicklung derMusik ihren »Plafond« erreicht, über den hinaus keine Entwicklung mehr vorzustellen sei.Das Interesse an der Alternative von Statik und Dynamik dürfte in der Frage kulminieren, wasals mächtiger sich erweisen wird; ob der seit dem Ende des Mittelalters vorwaltendeEntwicklungszug weiterführt oder ob er mündet in einen Erstarrungszustand, wie ihn dergrauenvolle Himmler meinte, als er dem Dritten Reich eine Dauer von zehnoderzwanzigtausend Jahren prophezeite; ins »Ende der Neuzeit«. Die Alternative aber verlangtBesinnung auf die von ihr verwandten Begriffe, wofern sie nicht im müßigen Rausch desWürfelns um die Weltgeschichte verpuffen soll. Das erste Programm von Soziologie alsSonderzweig, als institutionell verfestigter, ordnender, klassifizierender Wissenschaft, dasComtes, fordert, wie bekannt, daß »bei der Soziologie ... hinsichtlich eines jeden politischenGegenstandes zwischen dem grundlegenden Studium der Existenzbedingungen derGesellschaft und demjenigen der Gesetze ihrer beständigen Bewegung durchausunterschieden wird«1. Danach sei »die soziale Physik ... in zwei Hauptwissenschaften zuzerlegen, die man zum Beispiel soziale Statik und soziale Dynamik nennen kann«2. Denbeiden universalen Prinzipien von Ordnung und Fortschritt soll in der Gesellschaft ein»wissenschaftlicher Dualismus« entsprechen, »denn es ist klar, daß das statische Studium dessozialen Organismus im Grunde mit der positiven Theorie der Ordnung zusammenfallen muß,die dem Wesen nach faktisch nur in einer richtigen dauernden Harmonie zwischen denverschiedenen Existenzbedingungen der menschlichen Gesellschaften bestehen kann; ebensoerkennt man noch deutlicher, daß das dynamische Studium des Gemeinschaftslebens derMenschheit notwendig die positive Theorie vom sozialen Fortschritt bildet, die, jedennutzlosen Gedanken an eine absolute und unbegrenzte Vervollkommnungsfähigkeit beiseiteschiebend, naturgemäß auf die bloße Vorstellung dieser fundamentalen Entwicklunghinauslaufen muß«3. Wohl lieferte die unkritische gesellschaftliche Beobachtung noch bisins zwanzigste Jahrhundert hinein statische Typen wie den als Modell dafür besondersbeliebten Bauern, und dynamische wie die kapitalistische Wirtschaft, zu deren WesenExpansion und Dynamik gehören sollten. Wer die Einteilung begründen will, kann auf diegesamte Tradition der abendländischen Philosophie pochen, schließlich auf die Sokratik, dietrennte zwischen dem, was von Natur aus und was bloß von Menschen gesetzt, was physei
 
und thesei sei. Gesellschaftliche Phänomene, die auf menschliche Grundbedürfnisse oder, wieman heutzutage im Jargon der Eigentlichkeit sagt, auf die Existenz des Menschenzurückgingen, sollen unter die statischen Kategorien fallen und statischen Gesetzengehorchen; hinzutretende Differenzierungen dagegen, alle sozialen Formen, die besonderenTypen von Vergesellschaftung korrespondieren, seien dynamisch. Implizit dient alsDenkmodell, daß die großen, allumfassenden Hauptstrukturen beharrten, während dieSpezifikationen das logisch Niedrigere, der Entwicklung unterlägen; die dynamischenMomente sind durch das Modell a priori zu Akzidenzien herabgesetzt, zu bloßen Nuancen derHauptkategorien, ohne daß gefragt würde, ob diese nicht selektiv nach dem Besonderengebildet sind und bei dieser Selektion ausmerzen, was einer sozialen Invariantenlehre nichtgehorchen will. Darüber setzt sich der wissenschaftspraktische Verstand hinweg: man brauchenur an Kriterien wie Statik und Dynamik sich zu halten, um bereits über eine erste handfesteKlassifizierung gesellschaftlicher Tatsachen zu verfügen. Allbekannt und immer wieder vonWissenssoziologen betont ist dabei die Versuchung, die statischen, zumal die institutionellenMomente um ihrer vorgeblichen Ewigkeit willen metaphysisch zu verklären, die dynamischenaber, und damit vielfach den konkreten Inhalt des gesellschaftlichen Lebensprozesses, alswandelbar und zufällig abzutun, nach jener philosophischen Tradition, die das Wesen mitdem Beständigen identifiziert und das bloße Phänomen mit dem Vergänglichen. Der realenGesellschaft wird der Unterschied des Statischen und Dynamischen, sei es vomklassifikatorischen Bedürfnis, sei es von einer latenten Philosophie, imputiert. Als solchegehorchen die Phänomene ihm keineswegs. Inmitten der kritisch filtrierten modernenWissenschaft überlebt die archaische, längst von der Erkenntnistheorie verworfene Methodeder Scholastik, das bestimmt Seiende aus allgemeinen Begriffen, wie dem des Wesens, desAkzidens, der Existenz, des Individuationsprinzips, zusammenzuaddieren. So sollen sozialeTatsachen aus statischen und dynamischen Bestandteilen komponiert sein, unter Absehungvon dem auf Ordnung erpichten Geist, ohne dessen Vermittlung jene Bestandstückeüberhaupt nicht sich konstituieren; sie dürften nicht als Sein an sich behauptet werden, wofernman nicht vorweg eine nach Ordnung und Fortschritt säuberlich gegliederte Gesellschaftpositiv und dogmatisch unterstellt. Man konstruiere etwa als Idealtypus für ein »statischesGesetz«, also ohne Rücksicht darauf, ob er real zutreffe oder nicht, den Satz, allegesellschaftliche Herrschaft bestehe in der Appropriation fremder Arbeit, und ebenso als ein»dynamisches«, daß im Feudalsystem Herrschaft vermittels des Pachtverhältnisses sichrealisiere. Wendet man das aufs empirische Material an, so findet sich gewiß der Pächter nichtunter einem Allgemeingesetz »gesellschaftliche Herrschaft überhaupt« und einembesonderen, »Pachtherrschaft«, das zu dem allgemeinen als differentia specifica hinzuträte.Der Pächter erfährt nicht Herrschaft schlechthin und dann deren historische Spielart, sonderneinzig die der Feudalherren, mag immer in einer soziologischen Typologie diePachtherrschaft einem höheren Allgemeinbegriff von Herrschaft sich eingliedern. Das ist aberkeine bloße erkenntnistheoretische Finesse: es hängt davon ab, ob man einzelne Gesetze alsinvariant und andere als variabel ausgliedern und darauf Rückschlüsse über das Wesen derGesellschaft ziehen kann. Illegitim wäre dies Verhältnis, wenn die sogenannten Invariantenüberhaupt nur in Gestalt der Varianten und nicht isoliert »an sich« vorkommen: maninstallierte dann das Ordnungsschema anstelle der Sache selbst. Die Neigung dazu, mit allihren Konsequenzen, reicht bis in die moderne Wissenssoziologie, etwa in den von Mannheimeingeführten und jüngst in Amerika auferstandenen Begriff der »principia media«, die dazwischen dem vorgeblichen Allgemeingesetz und dem vermitteln sollen, was den Gesetzenals bloßes Faktum gegenüberstehe, während jenen principiis mediis im Kräftespiel derGesellschaft selber gar nichts korrespondiert. Der gesunde Menschenverstand, der frisch-fröhlich Statisches und Dynamisches in der Gesellschaft trennt, verdankt seine Gesundheit derNaivetät, mit der er seine eigenen Bestimmungen als solche des Objekts zurückspiegelt. DieOrientierung an natürlichen, konstanten Bedürfnissen einerseits und bloß von Menschen
 
gesetzten und darum geschichtlich wandelbaren andererseits ist, als pures Produkt derKlassifikation, abstrakt. Die Bedürfnisse lassen darum nicht bündig sich aufteilen, weil dieGesellschaft selber nicht bruchlos auf Bedürfnisse zurückzuführen ist. Wohl gehen dieseallemal in den gesellschaftlichen Prozeß der Selbsterhaltung der Einzelnen wie desorganisierten Ganzen ein, aber doch nur durch dies Ganze hindurch. Was ein Mensch zumLeben braucht und was er nicht braucht, steht keineswegs schlicht bei der Natur, sondernrichtet sich nach dem »kulturellen Existenzminimum«. Jeder Versuch, reine Natur darausherauszuschälen, führt in die Irre. Zumindest in der modernen Gesellschaft, und gewiß schonin vielen früheren, entscheidet gar nicht das soit-disant natürliche Bedürfnis der Menschenüber die Ordnung ihres Lebens. Vielmehr ist es bereits schematisiert, wenn nicht gar, wie inder heutigen Ära der Überproduktion, überhaupt erst planvoll hervorgebracht. Wer dieGesetze der kapitalistischen Gesellschaft umstandslos auf die Bedürfnisse der Menschenreduzieren und dann nach deren Maß in statische und dynamische einteilen wollte, verkehrte,was heute nur noch gleichsam vom ökonomischen Interesse mitgeschleppt wird, dieBedürfnisbefriedigung, ins Erste: als fiele der Erwerb von drei Autos durch eine zweiköpfigeFamilie unter dieselbe Kategorie wie das Auflesen von Früchten in einer primitivenSammlerhorde. Nicht nur erweist vieles von dem sich überhaupt als dynamisch, was demnaiven Bewußtsein statisch dünkt: selbst unleugbare Grundbedürfnisse wie das nach Nahrung,Kleidung, Obdach wandeln sich so eingreifend, daß die Quantität des Neuen in die Qualitätdes als invariant Verkannten umschlagen mag. Der gesellschaftliche Prozeß ist weder bloßGesellschaft noch bloß Natur, sondern Stoffwechsel der Menschen mit dieser, die permanenteVermittlung beider Momente. Das auf allen Stufen enthaltene Natürliche ist nicht aus seinergesellschaftlichen Form herauszuoperieren ohne Gewalt gegen die Phänomene. Allerorten hatdie technische Entwicklung der letzten Dezennien soziale Gruppen, die man noch imneunzehnten Jahrhundert, freilich verblendet gegen ihre eigene Vorgeschichte, alseinigermaßen ahistorisch ansehen durfte, zumal die Überreste der Agrargesellschaft,dynamisiert und Dogmen Lügen gestraft wie jenes, daß der Mechanisierung derLandwirtschaft durch die Ewigkeit des gottgeschaffenen Landwirts Grenzen gesetzt seien. Jehinfälliger durch die Forschung der Begriff der Naturwüchsigkeit wird, um so mehrverflüchtigt sich die Behauptung von Invarianz ins philosophischanthropologische Bekenntnisund sperrt sich der gesellschaftlichen Konkretion. Schließlich sucht die Invariantenlehre ihreRechtfertigung bei jener Ontologie, der hochspezialisierte Fachwissenschaftler leicht allzuvertrauensselig eine Wahrheit zutrauen, die in ihrer eigenen philosophischen Gestalt nichtsich bewährt und die vollends unvereinbar ist mit der Einsicht in eine Gesellschaft, die seitJahrtausenden mehr den Menschen angetan wird, als daß sie im Wesen ihres Daseinsentspränge. Um zu begreifen, weshalb an Konstruktionen wie der statischer Gesetze sohartnäckig festgehalten wird, ist auf ihren Ursprung in Comte zurückzugehen. DieDichotomie von Statik und Dynamik, erst von »Zuständen« (état)4, dann von Gesetzen, leiteter aus dem wissenschaftlichen Bedürfnis ab: »Zu diesem Ende muß ich nun vor allem auf dasGanze der sozialen Erscheinungen eine wahrhaft grundlegende wissenschaftlicheUnterscheidung ausdehnen, die ich schon in allen Teilen dieser Abhandlung, undhauptsächlich bei der biologischen Philosophie, als ihrer Natur nach auf jederleiErscheinungen, und namentlich auf diejenigen, welche die lebenden Körper zeigen können,durchaus anwendbar festgestellt und benutzt habe, indem ich den statischen und dendynamischen Zustand eines jeden Gegenstandes positiver Studien getrennt, aber immer mitRücksicht auf eine strenge systematische Verknüpfung betrachtete.«5 Die Nötigung, welchedas »muß« ausdrückt, rührt her von Comtes Konzeption einer in der Soziologie gipfelndenPyramide der Wissenschaften: jede in der Hierarchie höher rangierende müsse den Prinzipienaller niedrigeren ebenfalls gerecht werden. Seit Comtes Zeiten hat der Positivismus,gleichsam als Ersatz fürs idealistische System, die bis auf Leibniz zurückdatierendeVorstellung einer durch die Einheit der Methode über alle Divergenz der Gegenstände hinweg

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