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Adorno-Thesen über die Sprache des Philosophen

Adorno-Thesen über die Sprache des Philosophen

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Theodor W. Adorno
Aus Soziologische Schriften I
Theodor W. Adorno
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Adorno, Theodor W., Thesen über die Sprache des Philosophen, : Gesammelte Schriften, S.632-366Thesen über die Sprache des Philosophen1. Die Unterscheidung von Form und Inhalt der philosophischen Sprache ist keineDisjunktion in geschichtsloser Ewigkeit. Sie gehört spezifisch dem idealistischen Denken zu:entspricht der idealistischen Unterscheidung von Form und Inhalt der Erkenntnis. Ihr liegtzugrunde die Meinung, es seien die Begriffe und mit ihnen die Worte Abbreviaturen einerVielheit von Merkmalen, deren Einheit Bewußtsein bloß konstituiere. Wenn demMannigfaltigen seine Einheit als Form subjektiv aufgeprägt wird, ist solche Form notwendiggedacht als ablösbar vom Inhalt. Im Sachbereich wird solche Ablösbarkeit geleugnet, da dieSachen selber ja einzig Produkte der Subjektivität sein sollen. Im Sprachraum läßt sie sichnicht verbergen. Es ist Zeichen aller Verdinglichung durch idealistisches Bewußtsein, daß dieDinge beliebig benannt werden können: angesichts der Sprache bleibt die vorgeblicheObjektivität ihrer geistigen Konstitution formal und vermag die Sprachgestalt nicht zu prägen.Für ein Denken, das die Dinge ausschließlich als Funktionen von Denken faßt, sind dieNamen beliebig geworden: sie sind freie Setzungen des Bewußtseins. Die ontische»Zufälligkeit« der subjektiv konstituierten Einheit der Begriffe wird in der Vertauschbarkeitvon deren Namen evident. Im Idealismus stehen die Namen nur in bildlicher, nicht in konkretsachlicher Beziehung zu dem damit Gemeinten. Für ein Denken, das Autonomie undSpontaneität als Rechtsgrund der Erkenntnis anzuerkennen nicht mehr willens ist, wird dieZufälligkeit der signifikativen Zuordnung von Sprache und Sachen radikal problematisch.2. Philosophische Sprache, die Wahrheit intendiert, kennt keine Signa. Durch Sprachegewinnt Geschichte Anteil an Wahrheit, und die Worte sind nie bloß Zeichen des unter ihnenGedachten, sondern in die Worte bricht Geschichte ein, bildet deren Wahrheitscharaktere, derAnteil von Geschichte am Wort bestimmt die Wahl jeden Wortes schlechthin, weilGeschichte und Wahrheit im Worte zusammentreten.3. Die Sprache der Philosophie ist durch die Sachhaltigkeit vorgezeichnet. Der Philosophhat nicht wählend Gedanken auszudrücken, sondern muß die Worte finden, die nach demStande der Wahrheit in ihnen einzig legitimiert sind, die Intention zu tragen, die der Philosophaussprechen will und nicht anders aussprechen kann, als indem er das Wort trifft, dem zurgeschichtlichen Stunde solche Wahrheit innewohnt.4. Die Forderung der »Verständlichkeit« der philosophischen Sprache, ihrergesellschaftlichen Kommunizierbarkeit, ist idealistisch, geht notwendig vom signifikativenCharakter der Sprache aus, setzt, daß die Sprache vom Gegenstand ablösbar sei, darum dergleiche Gegenstand auf verschiedene Weisen adäquat gegeben sein könne. Gegenständewerden aber durch die Sprache überhaupt nicht adäquat gegeben, sondern haften an derSprache und stehen in geschichtlicher Einheit mit der Sprache. In einer homogenenGesellschaft ist Verständlichkeit der philosophischen Sprache niemals gefordert, allenfalls jedoch vorgegeben: wenn die ontologische Macht der Worte so weit reicht, daß ihnen in derGesellschaft objektive Dignität zukommt. Diese Objektivität resultiert niemals aus einerAngleichung der philosophischen Sprache ans Verständnis der Gesellschaft. Vielmehr ist dieObjektivität, die die Sprache »verständlich« macht, die gleiche, die dem Philosophen dieWorte eindeutig zuordnet. Sie kann nicht gefordert werden; wo sie problematisch wurde, istsie inexistent schlechthin und so wenig für den Philosophen vorbestimmt wie in derGesellschaft nur zu vernehmen. Die abstrakt idealistische Forderung der Adäquation derSprache an Gegenstand und Gesellschaft ist das genaue Widerspiel wirklicher Sprachrealität.In einer atomisierten, zerfallenen Gesellschaft die Sprache bilden mit Rücksicht aufsVernommensein, heißt romantisch einen Stand der ontologischen Verbindlichkeit der Wortevortäuschen, der sogleich dementiert wird durch die Ohnmacht der Worte selber. Ohne
 
geschlossene Gesellschaft gibt es keine objektive, damit keine wahrhaft verständlicheSprache.5. Die intendierte Verständlichkeit philosophischer Sprache ist heute in allen Stücken alsTrug zu enthüllen. Sie ist entweder banal: setzt also naiv Worte als vorgegeben und gültig,deren Beziehung zum Gegenstand in Wahrheit problematisch wurde; oder ist unwahr, indemsie unternimmt, jene Problematik zu verbergen; benutzt das Pathos von Worten, die dergeschichtlichen Dynamik enthoben scheinen, um den Worten geschichtslose Gültigkeit und ineins damit Verständlichkeit zu vindizieren. Die einzig berechtigte Verständlichkeitphilosophischer Sprache ist heute die in getreuer Übereinstimmung mit den gemeinten Sachenund im getreuen Einsatz der Worte nach dem geschichtlichen Stand der Wahrheit in ihnen.Jede absichtsvoll erstrebte verfällt radikal der Sprachkritik.6. Dagegen: es ist ein Verfahren, das wohl die geschichtliche Problematik der Worteermißt, jedoch ihr auszuweichen trachtet, indem es eine neue Sprache der Philosophie vomEinzelnen aus zu errichten trachtet, in gleicher Weise unzulässig. Heideggers Sprache flüchtetaus der Geschichte, ohne ihr doch zu entrinnen. Die Plätze, die seine Terminologie besetzt,sind allesamt Örter der herkömmlichen philosophischen - und theologischen - Terminologie,die durchschimmert und die Wörter präformiert, ehe sie anheben; während die manifesteSprache Heideggers versäumt, in dialektischem Zusammenhang mit der überkommenenSprache der Philosophie deren Zerfall vollends aufzudecken. Die frei gesetzte Sprache erhebtdie Prätention einer Freiheit des Philosophen vom Zwange der Geschichte, die immanentbereits bei Heidegger widerlegt wird durch die Einsicht in die Notwendigkeit, sich zu jenerSprache kritisch zu verhalten, da ihre aktuelle Problematik ja allein in Geschichte ihren Grundhat. Die herkömmliche Terminologie, und wäre sie zertrümmert, ist zu bewahren, und neueWorte des Philosophen bilden sich heute allein aus der Veränderung der Konfiguration derWorte, die in Geschichte stehen, nicht durch Erfindung einer Sprache, die zwar die Macht derGeschichte über das Wort anerkennt, ihr aber auszuweichen trachtet in eine private»Konkretheit«, die nur scheinbar vor Geschichte sichergestellt ist.7. Es steht heute der Philosoph der zerfallenen Sprache gegenüber. Sein Material sind dieTrümmer der Worte, an die Geschichte ihn bindet; seine Freiheit ist allein die Möglichkeitvon deren Konfiguration nach dem Zwange der Wahrheit in ihnen. Er darf so wenig ein Wortals vorgegeben denken wie ein Wort erfinden.8. Das sprachliche Verfahren des Philosophen, abstrakt heute kaum zu benennen, ist jedenfalls einzig dialektisch zu denken. Seiner eigenen Intention sind im gesellschaftlichenZustande heute keine Worte vorgegeben, und die objektiv vorhandenen Worte derPhilosophie sind seinsentleert, für ihn unverbindlich. Der Versuch, neue Gehalte in der altenSprache verdeutlichend mitzuteilen, krankt an der idealistischen Voraussetzung derAbtrennbarkeit von Form und Inhalt und ist darum sachlich illegitim; verfälscht die Gehalte.Es bleibt ihm keine Hoffnung als die, die Worte so um die neue Wahrheit zu stellen, daßderen bloße Konfiguration die neue Wahrheit ergibt. Dies Verfahren ist nicht zu identifizierenmit der Absicht, neue Wahrheit durch herkömmliche Worte zu »erklären«; die konfigurativeSprache wird vielmehr das explizite Verfahren, das die ungebrochene Dignität von Wortenvoraussetzt, durchaus zu meiden haben. Gegenüber den herkömmlichen Worten und dersprachlosen subjektiven Intention ist die Konfiguration ein Drittes. Ein Drittes nicht durchVermittlung. Denn es wird nicht etwa die Intention durch das Mittel der Sprache objektiviert.Sondern es bedeutet konfigurative Sprache ein Drittes als dialektisch verschränkte undexplikativ unauflösliche Einheit von Begriff und Sache. Die explikative Unauflöslichkeitsolcher Einheit, die sich umfangslogischen Kategorien entzieht, bedingt heute zwingend dieradikale Schwierigkeit aller ernsthaften philosophischen Sprache.9. In der Sphäre der Form-Inhalt-Dualität mochte die Sprache der Philosophie sichvergleichgültigen, weil eben ihre Irrelevanz von der spezifischen Struktur des verdinglichtenDenkens vorgezeichnet war. Heute ist ihr gründender Anteil an der Erkenntnis - der latent

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Die Kraft des Wortes?
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