Offenbarung von Freiheit und Wille im Leiden des tragischen Helden beschrieben wird.Auch Schillers Interesse hatte sich immer mehr der antiken, hellenischenWelt zugewandt, die – wiederum vom Konzept Winckelmanns ausgehend – seinem mythischen Weltbild, in dessen Zentrum der Mensch als moralisch-ästhetische Existenz steht, einen konkreten, sinngebenden Rahmen bot.Am 21. Juli 1794 kam in Jena das entscheidende Treffen zwischen Goethe undSchiller zustande, die sich bis dahin eher distanziert zueinader verhalten hatten. Nun fand sich »eine unerwartete Übereinstimmung, die um so interessanter war,weil sie wirklich aus der größten Verschiedenheit der Gesichtspunktehervorging. Ein jeder konnte dem anderen etwas geben, was ihm fehlte, undetwas dafür empfangen« (Schiller an Körner). 1795 erschien Schillers Aufsatz
Über naive und sentimentalische Kunst,
in dem er die antike Poesie der Griechen als naturempfindend in Gegensatz zur Dichtung späterer Zeiten setzte:diese
sucht
die Natur und stellt Wirklichkeit nicht mehr unmittelbar, sondern imVerhältnis zum Ideal dar. Mit dieser Definition von realistischem undidealistischem Dichtertum brachte er zugleich den Unterschied zwischenGoethes und seiner eigenen Auffassung auf den Punkt. Nun begann die Zeit, in der sich die beiden Dichterfürsten trotz – oder gerade dank – ihres unterschiedlichen Temperaments und der differierendenAusgangspositionen gegenseitig anregten und einen Großteil der Werke schufen,die bis heute das Attribut
klassisch
für sich in Anspruch nehmen können.Unmittelbares Ergebnis der Zusammenarbeit waren die Zeitschriften
Die Horen, Die Propyläen
und der
Musenalmanach,
die zu Organen der klassischen Kunst-und Literaturprogrammatik wurden. Eine echte Koproduktion waren die
Xenien
(1796), fast tausend bissig-ironische 'Gastgeschenke', die sich provokativ miteinzelnen Personen und Werken der Zeit auseinandersetzten und sowohl persönliche Gegner als auch gesellschaftliche Mißstände, Verirrungen in Kunstund Wissenschaft sowie literarische Plattheiten aufs Korn nahmen.Vom gegenseitigen Gedankenaustausch beflügelt, konnte der eine wie der andere jetzt die individuelle Produktion in allen literarischen Gattungen zur Entfaltung bringen. Im »Balladenjahr« 1797 schrieb Goethe
Der Zauberlehrling, Der Gott und die Bajadere sowie Die Braut von Korinth,
Schiller
Der Taucher, Der Ring des Polykrates, Der Handschuh, Die Kranichedes Ibykus,
und ein Jahr später
Die Bürgschaft.
Auch des letzteren Ideenlyrik,die mit dem Gedicht
Die Ideale
(1796) ihren Ausgang nahm, fand in dennächsten Jahren ihre Vollendung mit
Das Ideal und das Leben, Der Spaziergang, Nänie
und
Das Lied von der Glocke.
Mit der für ihn charakteristischen Vielseitigkeit und Energie nahm Goethenun verschiedene Projekte in Angriff, wobei Schillers Rolle als Kunstrichter ihmentscheidende Impulse gab. Seine Dramen
Torquato Tasso,
das dieKünstlerproblematik beispielhaft auslotet, und
Iphigenie auf Tauris,
vielleicht
das
klassische deutsche Drama schlechthin, hatte er bereits 1790 bzw. 1787 in