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2. Deutschland im Wandel
2. Deutschland im Wandel
 „Wer die multikulturelle Gesellschaft verabschiedet,ist entweder ein Idiot oder ein Verbrecher.“ 
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Daniel Cohn-Bendit, 2004
 …Der Begriff des Mulikulturalismus wurde von demin Kanada lebenden Soziologen Charles Hobart1964 geprägt und wurde dann von der kanadischenPolitik aufgegriffen. Dabei ging es zunächst um dasBildungswesen, dem „eurozentristische“ Lehrinhaltevorgehalten wurden und von denen eineAnerkennung der „ethnischen Vielfalt“ gefordertwurde. Auch für den Begriff Multikulturalismus gilt,das er einerseits normativ verwendet wird (alspolitisches Programm für Formen anzustrebendenZusammenlebens in einem Land) und andererseitsrein positivistisch: „Die Realität desZusammenlebens mit ethnischen Minderheiten wirdmit dem Begriff „multikulturelle Gesellschaft“umschrieben. Damit wird nicht mehr und nichtweniger gesagt, als das wir in einem Land mitkultureller Vielfalt und entsprechenden Konfliktenund Chancen leben.“
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 Da genügt für die Behauptungvon Multikulturalität einer Gesellschaft bereits der Hinweis auf eine ethnisch heterogene Herkunft undZusammensetzung der Bevölkerung.
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 So behaupten etwa Daniel Cohn-Bendit undThomas Schmid, Deutschland sei bereits vor dengroßen Wellen der Gastarbeiter – Zuwanderung„multikulturell“ gewesen und verweisen dazu auf diepolnisch-stämmigen Einwanderer im Ruhrgebiet.
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Bild 1: Wellritzstraße in Wiesbaden
 Solche Behauptungen dienen der Verwirrung – nach dem Motto: Irgendwie sind wir doch allemultikulturell. Die begriffliche Vagheit bietet den Vorteil, jede Kritik am Multikulturalismus mit der Begründung zurückweisen zu können, dieser oder jener Aspekt sei ja nie Gegenstand desKonzepts gewesen, im übrigen habe es nie ein dezidiertes „Konzept“ gegeben.Der 
Europarat
bezeichnete 1983 in einer Empfehlung die „multikulturelle Gesellschaft innerhalbEuropas als einen nicht mehr umkehrbaren und sogar anstrebbaren Tatbestand im Sinne der Förderung des europäischen Ideals und Europas weltweiter Mission.“
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Die Erfahrungen jener Länder, in denen der 
Multikulturalismus zur Staatsdoktrin
wurde, bieten bei Licht besehenkeinerlei Anlaß, sich hier Vorbilder zu suchen. [12, Seite 375-377]Multikulturismus führt nicht zu einer homogenen Einebnung ethnischer Konflikte, sondern betontvorhandene oder vermeintliche Unterschiede, führt zur ethnischen Abgrenzung der jeweiligenethnischen Gruppen, nicht zu deren friedlichem Miteinander, bewirkt in der Regel dieTransformation einer harmonischen Solidargemeinschaft in eine atomisierte, „tribalisierte“
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,vonInteressengegensätzen paralysierte, inhomogene, disharmonische und chaotische Gesellschaftständig im Streit liegender Gruppenegoismen. Multikulturismus ist das fatale, reaktionäreBollwerk auf dem Weg von der schlechten zur guten Freiheit. Multikulturismus verheißt keinenFortschritt, sondern nur Auflösung und Zerstörung, bestenfalls eine „Dauerbaustelle“(Leggewie). Die Islamisierung ist hier nur Teil des staatlich organisierten Multikulturalismus inDeutschland und Europa.
1
„Wir brauchen viel mehr Gelassenheit“, sagt Daniel Cohn-Bendit im Interview in der 
tageszeitung 
vom18. November 2004. [12, Seite 375]
2
Miksch, Jürgen: Vielfalt statt Einfalt. Strategien gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, 1997, Seite 40
3
Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen (Hrsg.): Kulturelle Freiheit in unserer Welt der Vielfalt.Bericht über die menschliche Entwicklung 2004, Berlin 2004, Seite 2
4
Cohn-Bendit; Schmid, Thomas: Heimat Babylon. Das Wagnis der multikulturellen Demokratie, 1992, Seite 14
5
Empfehlung Nr. 968 der Parlamentarischen Versammlung des Europarates von 1983, zit. nach Manfrass:Türken in der Bundesrepublik, Seite 126
6
Tribalismus, der;- (lat.-engl.) Stammesbewußtsein, Stammesegoismus
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2. Deutschland im Wandel
Bevölkerungspolitik der Gegenwart
Bis heute argumentiert mit der demographischenEntwicklung, wer die Berechtigung der Zuwanderungspolitik begründen will. So wurde jüngstdie Behauptung aufgestellt, daß es ein Kennzeicheneines modernen Staates sei, daß er „seinedemographische Reproduktion über die Immigrationregeln muß“, was allerdings nicht näher begründetwurde.
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 Auch der „Think Tank der Deutschen BankGruppe“ forderte im Juli 2006, mehr Zuwanderungzuzulassen: aus demographischen Gründen und um„Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit iminternationalen Vergleich“ zu erhalten.
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 [12, Seite 34]
Bild 2: Kongolesische Familie in Wiesbaden
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Verbreitet waren und sind Hinweise auf positive Auswirkungen auf einzelne Politikbereiche. Dieniedrigen Geburtenraten sollten durch Zuwanderer und deren höhere Fruchtbarkeit kompensiertwerden – sich leerende Räume sollten besiedelt, Sozialversicherungssysteme intakt gehaltenund der Arbeitsmarkt mit ausreichend Arbeitskräften versorgt werden. Für Raumplaner solltenZuwanderer Bevölkerungsrückgänge in einzelne Regionen ausgleichen. So hieß es imLandesentwicklungsprogramm Bayern zur Planungsregion „Oberfranken-Ost“ 1974:
 „Ohne entsprechende Ausländerzuwanderung und eine Beseitigung des negativenWanderungssaldos gegenüber dem übrigen Bundesgebiet dürfte eine Tendenzumkehr in der Bevölkerungsentwicklung bei dieser Region nicht zu schaffen sein. Eine Ausländerzuwanderung in die Region Oberfranken-Ost … wirft zwar im Hinblick auf die gesellschaftlichen Integrations-möglichkeiten Probleme auf; diese müssen jedoch im Interesse der Entwicklung der Region in
 
Kauf genommen werden
.“
 Wirtschaftswissenschaftler stellten 1973 die Bedeutung der hohenGeburtenrate der Zuwanderer für das bundesdeutsche System der Rentenversicherung in der Vordergrund:
 „Aus Sicht der GRV (Gesetzlichen Rentenversicherung) ist sowohl einewachsende Zahl ausländischer Beschäftigter als auch ihre Eingliederung im Inland wünschenswert, da der ausländische Bevölkerungsteil infolge der größeren Kinderfreundlichkeit hilft, die bundesdeutsche ‚Babylücke’ zu schließen, und für das – zum reibungslosenFunktionieren der Gesetzlichen Rentenversicherung notwendige – Bevölkerungswachstumsorgt.
… Dieses Argument, das so plausibel schien, hatte nur zwei Haken: Es unterstelltezunächst, daß gegen die sinkende Bevölkerungszahl nicht eine Erhöhung der Geburtenzahlender eigenen Bevölkerung helfen könne, sondern nur der ersatzweise Zuzug von Ausländern.Diese „kompensatorische Zuwanderungspolitik“
,die auch eine „Bevölkerungspolitik“ war,wurde hinsichtlich ihrer mittel- und langfristigen Auswirkungen allerdings nicht problematisiert.So stellt der Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg fest:
 „Der Übergang der Politik von der Erneuerungsstrategie durch Geburten zur Kompensationsstrategie mittels Wanderungen wurde
in keinem Land durch öffentliche Debatten vorbereitet und durch demokratischeEntscheidungen eingeleitet 
, sondern stillschweigend und mehr oder weniger unreflektiert vollzogen.“ 
 [12, Seite 34-36]
 
… Auch für den Begriff des Multikulturalismus gilt, das er einerseits normativ verwendet wird(als politisches Programm für Formen anzustrebenden Zusammenlebens in einem Land) undandererseits rein positivistisch: „Die Realität des Zusammenlebens mit ethnischen Minderheitenwird mit dem Begriff ‚multikulturelle Gesellschaft’ umschrieben. Damit wird nicht mehr und nichtweniger gesagt, als daß wir in einem Land mit kultureller Vielfalt und entsprechenden Konfliktenund Chancen leben.“
Da genügt für die Behauptung von Multikulturalität einer Gesellschaftbereits der Hinweis auf eine ethnisch heterogene Herkunft und Zusammensetzung der Bevölkerung.
 [12, Seite 376]
7
Maas, Utz: Sprache und Sprachen in der Migration im Einwanderungsland Deutschland, Osnabrück 2005, Seite 99
8
„Ausländer rein!“ Die Folgen abnehmender Nettozuwanderung für Deutschland, Alexander Landbeck, 26. Juli 2006
9
Vor dem Hintergrund der Geburtenarmut der Deutschen: „Heute hilft uns Deutschland, morgen helfen wir denDeutschen“. Spiegel spezial 4/2005, Die Deutschen - 60 Jahre nach Kriegsende, Seite 176, 181
10
Landesentwicklungsprogramm Bayern Teil A, Amtsblatt Nr. 9, München 26. August 1974
11
Höpfner, Klaus; Ramann, Bernd; Rürup, Bert: Ausländische Arbeitnehmer; Bonn 1973, Seite 47
12
Birg, Herwig: Strategische Optionen der Familien- und Migrationspolitik in Europa, in: Leipert, C., 2003, S. 28
13
Birg, Herwig: Strategische Optionen der Familien- und Migrationspolitik in Europa, S. 34
14
Miksch, Jürgen: Vielfalt statt Einfalt. Strategien gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, 1997, S. 40
15
Vgl. Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen (Hrsg), Berlin 2004, S. 2
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2. Deutschland im Wandel
Ziele des Multikulturalismus
Die kulturelle, ethnische oder nationale Identitätvon Zuwanderern wurde als bewahrenswert,nahezu als sakrosankt angesehen. Dies stand imGegensatz zu der Haltung, die man der eigenenKultur und dem eigenen Volk gegenüber einnahm. Hier wären derartige Forderungenmindestens als rechtsradikal bezeichnet worden.Frank-Olaf Radtke notierte 1990 zu Recht:
 „Es ist ein merkwürdig verschobener Diskurs, wennauch „Modernisierer“ den Fremden zuschreiben,was sie für das eigene „Volk“ (bislang) nicht gefordert hätten: ethnische Identität, das hießefür die Ansässigen das Recht auf unangefochtenes Deutschtum.“ 
Bild 3: Schulklasse in Dortmund
 
Die Kultur in Deutschland gilt Protagonisten des Multikulturalismus entsprechend als eine zu
überwindenden Fehlentwicklung
„Eine „Kulturarbeit in der Einwanderungsgesellschaft“ gehtnicht vom provinziellen „Deutschen“ aus und auch nicht von irgendwelchen darunter oder daneben liegenden, ebenso provinziellen Wurzeln in der Heimat.“
 Auf eine „
Multikulturalisierung der deutschen Staatsbürgernation
“ werden großeHoffnungen gesetzt, ebenso auf die Stärkung bürgerschaftlichen Engagements inDeutschland.
Dieter Oberndörfer geht es um die „
Überwindung des völkischen National-staates
durch den Aufbau einer multiethnischen Einwanderungsgesellschaft“
, die Heilung der deutschen Krankheit durch Zuwanderer. Die verstockte deutsche Mehrheitsbevölkerung wirdder „migrationspolitischen Fachöffentlichkeit“ zur Projektionsfläche aller nur denkbarennegativen Eigenschaften: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, borniertes Kleinbürgertum – dieDiskreditierung des „kleinen Mannes“ und die Verachtung für seine Sorgen (und gelegentlichauch Existenznöte) ziehen sich wie ein roter Faden durch deren Argumentation. „Grundlagender Abwehrhaltung bilden Konkurrenzen und neofeudal-fremdenfeindliche Empfindlichkeiten der Einheimischen“, heißt es im „Handbuch der kommunalen Sozialpolitik“.
Die Bevölkerungmüsse entsprechend volkspädagogisch bearbeitet werden
.Durch den konzentrierten Einsatz von Pädagogen und Sozialwissenschaftlern mit der richtigenGesinnung bestehe eine Chance, diese irrationale Abwehrhaltung und die „bornierte Sicht der Einheimischen“
(Ebd., Seite 475)
zu überwinden. Solche Vorstellungen wurden durch Visioneneiner 
 „modernen Vielvölkerrepublik“ 
 bestärkt. Zielvorstellung ist dabei eine „Gesellschaft ohnekulturelles Zentrum und ohne hegemoniale Mehrheit. Dieser Aggregatzustand tritt ein, wenn dashistorische Gerüst des europäischen Universalismus, der Nationalstaat als Denk- und Handlungseinheit, nachgibt und transnationale Mobilität (Migration) in einem Maße stattfindet,daß die Weltgesellschaft von einer Abstraktion zur alltäglich erfahrbaren Realität wird.
 [12, Seite 389-391] ...Anhänger des Multikulturalismus betonen daher häufig auch dasKonfliktpotential, „daß die multikulturelle Gesellschaft eine
Konfliktgesellschaft
ist und bleibenwird.“ Sie begründen dies mit den Kontakten von „Kulturen, Lebensstilen und Wertsystemen.“Ohne auf die Art der Konflikte einzugehen, wird gleichzeitig die allgemeine These vertreten, daß jemand
 „… irrt wer meint, ohne Ausländer ginge es in dieser Gesellschaft friedlicher zu.“ 
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 Eine der Konsequenzen für die Einheimischen endet damit, daß „
ein Staat, der den Migrantenein dauerhaft einklagbares Bleiberecht (Bodenrecht) gibt, wird auf (nationale)
Gebietshoheit 
und 
Souveränität 
verzichten müssen.“ 
[2, Seite 219]
 
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Radtke, Frank-Olaf: Multikulturell - Das Gesellschaftsdesign der 90er Jahre, in: Informationsdienst zur Ausländerarbeit, H.4/1990, Seite 32
17
Die Klasse 1e der Albrecht-Brinkmann-Grundschule in Dortmund. 22 ABC-Schützen aus 14 Staaten –aber kein einziges deutsches Kind! Bild, 14.08.2008
18
Terkessidis, Mark: Kulturarbeit in der Einwanderungsgesellschaft, 20. März 2006, Seite 2
19
Schoch, Bruno: Alle Macht geht vom Volke aus. Doch wer ist das Volk? Frankfurt/Main 2000, Seite 48
20
Oberndörfer, Dieter: Politik für eine offene Republik. (Hrsg.): Das Manifest der 60, Seite 147
21
Krummacher, Michael; Waltz, Viktoria: Kommunale Migrations- und Integrationspolitik. In: Bethold Dietz(Hrsg.): Handbuch der kommunalen Sozialpolitik, Opladen 1999, Seite 470
22
Schulte, Axel: Multikulturelle Gesellschaft: Ideologie oder realistische Perspektive? H.4/1990, Seite 25
23
Leggewie, Claus: Multi Kulti. Spielregeln für die Vielvölkerrepublik, Nördlingen 1993, Seite 142
24
Cohn-Bendit/Schmid: Heimat Babylon, Seite 12 und 31
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