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Abitur 2007 – Deutsch
Haupttermin
1
Aufgabe I
Interpretationsaufsatz mit übergreifender Teilaufgabe zu einer Pflichtlektüre(Werk im Kontext)Thema:
Friedrich Schiller (1759 – 1805), Kabale und Liebe (Erster Akt, 4. Szene)Theodor Fontane (1819 – 1898), Effi Briest
05101520253035Vierte SzeneFERDINAND
 
VON
 
WALTER.
 
LUISE.
 Er fliegt auf sie zu – sie sinkt entfärbt und matt auf einen Sessel – er bleibt vor ihr stehn – sie sehen sich eine Zeitlang stillschweigend an.Pause.
F
ERDINAND
. Du bist blass, Luise?L
UISE
 
(steht auf und fällt ihm um den Hals).
Es ist nichts. Nichts. Du bist ja da. Es ist vorüber.F
ERDINAND
 
(ihre Hand nehmend und zum Munde führend)
.Und liebt mich meine Luise noch? Mein Herz ist das gestrige, ist’s auchdas deine noch? Ich fliege nur her, will sehn ob du heiter bist, und gehnund es auch sein – Du bist’s nicht.L
UISE
. Doch, doch, mein Geliebter.F
ERDINAND
. Rede mir Wahrheit. Du bist’s nicht. Ich schaue durchdeine Seele, wie durch das klare Wasser dieses Brillanten.
(Er zeigt auf seinen Ring.)
Hier wirft sich kein Bläschen auf, das ich nicht merkte –kein Gedanke tritt in dies Angesicht, der mir entwischte. Was hast du?Geschwind! Weiß ich nur diesen Spiegel helle, so läuft keine Wolkeüber die Welt. Was bekümmert dich?L
UISE
 
(sieht ihn eine Weile stumm und bedeutend an, dann mit Wehmut).
Ferdinand! Ferdinand! Dass du doch wüsstest, wie schön indieser Sprache das bürgerliche Mädchen sich ausnimmt –F
ERDINAND
. Was ist das?
(Befremdet.)
Mädchen! Höre! Wie kommstdu auf das? – Du bist meine Luise. Wer sagt dir, dass du noch etwassein solltest? Siehst du, Falsche, auf welchem Kaltsinn ich dir begegnenmuss. Wärest du ganz nur Liebe für mich, wann hättest du Zeit gehabt,eine Vergleichung zu machen? Wenn ich bei dir bin, zerschmilzt meineVernunft in einen Blick – in einen Traum von dir, wenn ich weg bin,und du hast noch eine Klugheit neben deiner Liebe? – Schäme dich!Jeder Augenblick, den du an diesen Kummer verlorst, war deinemJüngling gestohlen.L
UISE
 
(fasst seine Hand, indem sie den Kopf schüttelt)
. Du willst micheinschläfern, Ferdinand – willst meine Augen von diesem Abgrundhinweglocken, in den ich ganz gewiss stürzen muss. Ich seh in dieZukunft – die Stimme des Ruhms – deine Entwürfe – dein Vater – meinNichts.
(Erschrickt, und lässt plötzlich seine Hand fahren.)
Ferdinand! einDolch über dir und mir! – Man trennt uns!
 
Abitur 2007 – Deutsch
Haupttermin
240455055606570F
ERDINAND
. Trennt uns!
(Er springt auf.)
Woher bringst du dieseAhndung, Luise? Trennt uns? – Wer kann den Bund zwoer Herzenlösen, oder die Töne eines Akkords auseinander reißen? – Ich bin einEdelmann – Lass doch sehen, ob mein Adelbrief älter ist, als der Risszum unendlichen Weltall? oder mein Wappen gültiger als dieHandschrift des Himmels in Luisens Augen: Dieses Weib ist für diesenMann? – Ich bin des Präsidenten Sohn. Eben darum. Wer, als die Liebe,kann mir die Flüche versüßen, die mir der Landeswucher meines Vatersvermachen wird?L
UISE
. O wie sehr fürcht ich ihn – diesen Vater!F
ERDINAND
. Ich fürchte nichts – nichts – als die Grenzen deiner Liebe.Lass auch Hindernisse wie Gebürge zwischen uns treten, ich will sie fürTreppen nehmen und darüber hin in Luisens Arme fliegen. Die Stürmedes widrigen Schicksals sollen meine Empfindung emporblasen,G e f a h r e n werden meine Luise nur reizender machen. – Also nichtsmehr von Furcht, meine Liebe. Ich selbst – ich will über dir wachen wieder Zauberdrach über unterirdischem Golde – M i r vertraue dich. Dubrauchst keinen Engel mehr – Ich will mich zwischen dich und dasSchicksal werfen – empfangen für dich jede Wunde – auffassen für dich jeden Tropfen aus dem Becher der Freude – dir ihn bringen in derSchale der Liebe.
(Sie zärtlich umfassend.)
An diesem Arm soll meineLuise durchs Leben hüpfen, schöner als er dich von sich ließ, soll derHimmel dich wiederhaben, und mit Verwunderung eingestehn, dass nurdie Liebe die letzte Hand an die Seelen legte –L
UISE
 
(drückt ihn von sich, in großer Bewegung)
. Nichts mehr! Ich bittedich, schweig! – Wüsstest du – Lass mich – du weißt nicht, dass deineHoffnungen mein Herz, wie Furien, anfallen.
(Will fort.)
 F
ERDINAND
 
(hält sie auf)
. Luise? Wie! Was! Welche Anwandlung?L
UISE
. Ich hatte diese Träume v e r g e s s e n und war glücklich – Jetzt!Jetzt! V o n h e u t an – der Friede meines Lebens ist aus – WildeWünsche – ich weiß es – werden in meinem Busen rasen. – Geh – Gottvergebe dir’s – Du hast den Feuerbrand in mein junges friedsames Herzgeworfen, und er wird nimmer, nimmer gelöscht werden.
(Sie stürzt hinaus. Er folgt ihr sprachlos nach.)
 
(Friedrich Schiller: Kabale und Liebe. Stuttgart 2001, S. 15-17)
Aufgabenstellung:
Skizzieren Sie die Bedeutung dieser Szene für die Exposition des Dramas.
Interpretieren Sie diese Textstelle; beziehen Sie die sprachliche und szenischeGestaltung ein.
Schillers „Kabale und Liebe“ und Fontanes „Effi Briest“:Untersuchen Sie in einer vergleichenden Betrachtung die Bedeutung der „Liebe“ fürLuise und Ferdinand sowie für Effi und Innstetten.
Maßgeblich für die Beurteilung des Aufsatzes ist das Ganze der erbrachten Leistung. Dabei werden die zweite und dritte Teilaufgabe etwa gleichwertig gewichtet.
 
Abitur 2007 – Deutsch
Haupttermin
3
Aufgabe II
Gestaltende InterpretationThema:
Theodor Fontane (1819 – 1898), Effi BriestKapitel 35 (Auszug)
0510152025303540»Gnäd’ger Herr! Sie werden sich wohl am Ende wundern, dass ich Ihnenschreibe, aber es ist wegen Rollo. Anniechen hat uns schon voriges Jahrgesagt: Rollo wäre jetzt so faul; aber das tut hier nichts, er kann hier so faulsein wie er will, je fauler je besser. Und die gnäd’ge Frau möchte es doch sogern. Sie sagt immer, wenn sie ins Luch oder über Feld geht: >Ich fürchtemich eigentlich, Roswitha, weil ich da so allein bin; aber wer soll michbegleiten? Rollo, ja, das ginge; der ist mir auch nicht gram. Das ist der Vorteil,dass sich die Tiere nicht so drum kümmern.< Das sind die Worte der gnäd’genFrau, und weiter will ich nichts sagen, und den gnäd’gen Herrn bloß nochbitten, mein Anniechen zu grüßen. Und auch die Johanna. Von Ihrer treuergebensten Dienerin Roswitha Gellenhagen.«»Ja«, sagte Wüllersdorf, als er das Papier wieder zusammenfaltete, »die ist unsüber.«»Finde ich auch.«»Und das ist auch der Grund, dass Ihnen alles andere so fraglich erscheint.«»Sie treffen’s. Es geht mir schon lange durch den Kopf, und diese schlichtenWorte mit ihrer gewollten oder vielleicht auch nicht gewollten Anklage habenmich wieder vollends aus dem Häuschen gebracht. Es quält mich seit Jahr undTag schon, und ich möchte aus dieser ganzen Geschichte heraus; nichts gefälltmir mehr; je mehr man mich auszeichnet, je mehr fühle ich, dass dies allesnichts ist. Mein Leben ist verpfuscht, und so hab ich mir im stillen ausgedacht,ich müsste mit all den Strebungen und Eitelkeiten überhaupt nichts mehr zutun haben und mein Schulmeistertum, was ja wohl mein Eigentlichstes ist, alsein höherer Sittendirektor verwenden können. Es hat ja dergleichen gegeben.Ich müsste also, wenn’s ginge, solche schrecklich berühmte Figur werden, wiebeispielsweise der Doktor Wichern im Rauhen Hause zu Hamburg gewesenist, dieser Mirakelmensch, der alle Verbrecher mit seinem Blick und seinerFrömmigkeit bändigte...«»Hm, dagegen ist nichts zu sagen; das würde gehen.«»Nein, es geht auch nicht. Auch
das
nicht mal. Mir ist eben allesverschlossen. Wie soll ich einen Totschläger an seiner Seele packen? Dazumuss man selber intakt sein. Und wenn man’s nicht mehr ist und selber so wasan den Fingerspitzen hat, dann muss man wenigstens vor seinen zubekehrenden Confratres den wahnsinnigen Büßer spielen und eineRiesenzerknirschung zum Besten geben können.«Wüllersdorf nickte.»... Nun sehen Sie, Sie nicken. Aber das alles kann ich nicht mehr. DenMann im Büßerhemd bring ich nicht mehr heraus, und den Derwisch oderFakir, der unter Selbstanklagen sich zu Tode tanzt, erst recht nicht. Und dahab ich mir denn, weil das alles nicht geht, als ein Bestes herausgeklügelt: wegvon hier, weg und hin unter lauter pechschwarze Kerle, die von Kultur undEhre nichts wissen. Diese Glücklichen! Denn gerade
das
, dieser ganze
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