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Digitale Linke:Überarbeitung des sog. Schröder Blair-Papier (Dritter Weg, Neue Mitte) zum 10. Jahrestag1999-06-08 >> überarbeitet, 8. 6. 2009Der Weg nach vorne für Europas Sozialdemokraten
 Die originalen Sätze wurden zum Teil verändert, zum Teil ergänzt. Gestrichen ist fast nichts. Alle wesentlichen Linien der Argumentationen sind erhalten.
In fast keinen Ländern der Europäischen Union regieren mehr Sozialdemokraten.Die Sozialdemokratie verliert ständig an Zustimmung - weil es ihr nicht gelingt, auf der Basisihrer alten Werte ihre Zukunftsentwürfe zu erneuern und ihre Konzepte zu modernisieren.Sie hat Zustimmung verloren, weil die angestrebte Quadratur des Zirkels aus "sozialer Gerechtigkeit" [auch ein falscher Begriff] und neoliberalem Turbokapitalismus nichtgelungen ist. Sie konnte nicht gelingen. Aber sie hat auch nicht geschafft, was wirklich nötiggewesen wäre: eine sozialdemokratische Antwort & Position im sozio-ökonomischenUmbruch zu finden. Wenn die alte industrielle Grundlage des linksbürgerlichenWohlfahrtssaates wegbricht, und wenn der neoliberale Turbokapitalismus (natürlich) keineLösung ist: Was dann?Es ist der Sozialdemokratie bisher nicht gelungen, eine Verbindung zu neuen sozialenGraswurzel-Bewegungen herzustellen, die sich über die neuen digitalen Medien organisieren:Social Software, Open Source, Crowdsourcing, emergente Strukturen sind nur Stichworte für die nötige Diskussion, die in Deutschland keiner führt. Hier sind die Kreativität undInnovation zu finden, die das Schröder-Blair-Papier 1999 bei den Investmentbankern und denDotcom-Bubble-Kapitalisten vermutete.Die Schlagworte der "Neuen Mitte" in Deutschland und des "Dritten Wegs" im VereinigtenKönigreich sind längst vergessen. Mit Recht. Aber auf die in großen Teilen zutreffendenAnalysen, die dahinter standen und jedenfalls schmerzhafte Punkte (noicht aber Lösungen) bezeichneten, z.B. von Anthony Giddens und (auf niedrigerem Niveau) Peter Glotz, gibt esnoch immer keine sozialdemokratische Antwort.Die meisten Menschen teilen ihre Weltsicht längst nicht mehr nach dem Dogma von Linksund Rechts ein. Die Sozialdemokraten müssen die Sprache dieser Menschen sprechen undauf die Sprache dieser Menschen einwirken: Denn dass die Menschen glauben, der Gegensatzvon Links und Rechts sei bedeutungslos, liegt auch daran, dass wir es aufgegeben haben, denInhalt von "Links" neu zu definieren. Tatsächlich lassen sich immer noch "linke" und "rechte" politische Haltungen unterscheiden, auch wenn es letzlich egal ist, wie genau man sie bezeichnet.Das heißt, die Sozialdemokraten müssen vor allem neu und undogmatisch definieren, was inZukunft "links" ist. Es war falsch, den Anspruch auf linke Politik aufzugeben.Aber wahr ist auch: Das Festhalten an staatlicher Hilfe für Benachteiligte als universalemLösungsmuster für alle Probleme des fundamentalen gesellschaftlichen Umbruchs, in dem
 
wir stehen, ist allein keine ausreichende Grundlage für zukunftsorientierte linke Politik. Dasist der Kurs von "Die Linken": Sie sind de facto eine Lobby für die Modernisierungsverlierer.Daran ist eigentlich noch nichts Falsches, denn die anderen gesellschaftlichen Interessenhaben ihre eigenen egoistischen Lobbies. Das Problem ist, dass Lobbyismus, auch wenn er  berechtigt ist, längerfristig nicht politische Konzeptionen ersetzt.Fairneß, soziale Gerechtigkeit, Freiheit und Chancengleichheit, Solidarität undVerantwortung für andere: diese Werte sind zeitlos.(Und es wäre gut, sie noch ein wenig schärfer zuzuspitzen. So ist das allzu verwaschen. 1999scheute man noch vor allem zurück, was von ferne "links" klang.)Die Sozialdemokratie wird sie nie preisgeben. (Jedenfalls solange sie noch existiert.)Um diese Werte für die heutigen Herausforderungen relevant zu machen, bedarf esrealistischer und vorausschauender Politik, die in der Lage ist, die Herausforderungen des 21.Jahrhunderts zu erkennen. Modernisierung der Politik bedeutet nicht, auf Meinungsumfragenzu reagieren, sondern es bedeutet, sich an objektiv veränderte Bedingungen anzupassen.Eigentlich müssen wir wieder auf Marx zurückzugehen: Wir müssen den Kapitalismus imdigitalen Zeitalter analysieren, um ihn besser zu verstehen als die Kapitalisten selbst. Wir müssen die Eigendynamiken und Binnenlogiken herausarbeiten, die sich ausnutzen lassen,um für eine neue emanzipatorische, solidarische Bewegung Schwung zu gewinnen.Wir müssen unsere Politik in einem neuen, auf den heutigen Stand gebrachtenwirtschaftlichen Rahmen betreiben, innerhalb dessen der alte Gegensatz wie auch das alteZusammenspielvon "der Staat" und "die Wirtschaft" überwunden ist. Das alte Spielfunktioniert nicht mehr. Das neue Spiel, das gerade entsteht, haben wir noch nicht verstanden. Niemand hat es bisher verstanden.Die Rolle von "Märkten" muss völlig neu überdacht werden. Markt ist nicht Markt. Der Markt als ein System, um kreative Unordnung zu organisieren und kollektive Lösungen auf sozialen und gesellschaftlichen Bedarf zu finden, ist nicht dasselbe wie der "Markt" desglobalen Finanzkapitalismus oder der "Markt" von staatlich subventioniertenGroßtechnologiekonzernen.Politik kann gesellschaftliche Rahmenbedingungen setzen und sie kann auchgesellschaftliche Aufmerksamkeit und gesellschaftliche Energien auf neuralgische Punktelenken.Leider hat hier Politik in den letzten 10 Jahren auf der ganzen Linie versagt, dieSozialdemokraten eingeschlossen.Die Steuerungsfunktion von Märkten muß durch die Politik ergänzt und verbessert werden,kann aber nicht durch Politik ersetzt werden. Politik ist immer nur eine gesellschaftlicheKraft unter mehreren. Was aber eine "linke Marktwirtschaft" sein könnte, müssen wir klären.Wir teilen ein gemeinsames Schicksal in der Europäischen Union. Wir stehen den gleichenHerausforderungen gegenüber: Arbeitsplätze und Wohlstand fördern, jedem einzelnenIndividuum die Möglichkeit bieten, seine eigenen Potentiale zu entwickeln, sozialeAusgrenzung und Armut bekämpfen; materiellen Fortschritt, ökologische Nachhaltigkeit undunsere Verantwortung für zukünftige Generationen miteinander vereinbaren; Problemewirksam bekämpfen, die den Zusammenhalt unserer Gesellschaften bedrohen, und Europa zu
 
einem attraktiven Modell in der Welt machen.Wir müssen unsere Politik stärken, indem wir unsere Erfahrungen austauschen, aber auch mitden Gleichgesinnten in Europa und der übrigen Welt. Insbesondere auch mit denen, die sichseit 10 Jahren im digitalen Raum organisieren.Wir müssen voneinander lernen und uns an der besten Praxis und Erfahrung in anderenLändern messen. Leider gibt es gegnwärtig wenig, was als Vorbild taugt.Mit diesem Appell wollen wir alle, die unsere Modernisierungsziele teilen, einladen, sich anunserer Diskussion zu beteiligen.I.Aus Erfahrung lernenObgleich Sozialdemokraten und Labour Party eindrucksvoll historische Errungenschaftenvorweisen können, müssen wir heute realitätstaugliche Antworten auf neueHerausforderungen in Gesellschaft und Ökonomie entwickeln. Dies erfordert Treue zuunseren Werten, aber Bereitschaft zum Wandel der alten Mittel und traditionellenInstrumente.<streichen> In der Vergangenheit wurde die Förderung der sozialen Gerechtigkeit manchmalmit der Forderung nach Gleichheit im Ergebnis verwechselt. Letztlich wurde damit dieBedeutung von eigener Anstrengung und Verantwortung ignoriert und nicht belohnt</streichen>Es hatte sich ein Denkmuster gebildet, in dem man soziale Demokratie mit "Konformität undMittelmäßigkeit" verband und dem neoliberalen Kapitalismus nicht nur "Kreativität,Diversität", sondern (absurder Weise) auch "herausragender Leistung" zuschrieb. DieseZuschreibungen gilt es zu durchbrechen.Der immer weiter ausgebaute Sozialstaat erscheint inzwischen auf dem alten Weg als nichtmehr finanzierbar: Es ist nicht mehr zu erkennen, wie Krankenversicherung, Rente, Schulenund Universitäten, Infrastruktur auf dem alten Niveau,mit den alten Mitteln erhalten und dazuweiter zukunftsorientiert ausgebaut werden können. Die Bürger wissen das unterschwellig.Es hat keinen Sinn, die Augen vor dieser dramatischen Entwicklung zu verschließen. DieGründe für diese Entwicklung müssen scharf analysiert und Konsequenzen im Sinne einer neuen linken Politik müssen daraus gezogen werden. Neben der mit immer höheren Kosten belasteten Vollzeit- und Tarifarbeit entstand eineVielzahl von neuen, mehr oder weniger prekären Lebensmodellen, die sich immer weniger inden alten Gegensatz von (Industrie-)Arbeit und "Arbeitslosigkeit" fügen.Soziale Gerechtigkeit läßt sich nicht an der Höhe der öffentlichen Ausgaben messen. Der wirkliche Test für die Gesellschaft ist, wie effizient diese Ausgaben genutzt werden undinwieweit sie die Menschen in die Lage versetzen, sich selbst zu helfen.In der Vergangenheit kam es oft zur überproportionalen Ausweitung von Verwaltung undBürokratie, auch (aber keineswegs nur) im Rahmen sozialdemokratischer Politik. Wir habenWerte, die sich nicht in das enge Muster des industriellen Wohlfahrtssaats fügten, zu wenigverstanden und zu häufig zurückgestellt. Auf ander Weise haben die konservativen undliberalen Parteien denselben Fehler begangen: Sie verstanden unter "Leistung undKreativität" immer nur den sich selbst fortzeugenden Erfolg der Privilegierten.

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