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Fremdsprache
Deutsch
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Heft 9: Lebendiges Grammatiklernen
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 Liebe Leserin, lieber Leser,
 Die X. Internationale Deutschlehrertagung hat es mög-lich gemacht: Auf Einladung von FREMDSPRACHE  DEUTSCH trafen sich im August dieses Jahres in Leip- zig über 40 Redakteure und Redakteurinnen nicht-kom-merzieller Deutschlehrerzeitschriften aus aller Welt zumGedanken- und Erfahrungsaustausch. Besonders erfreu-lich war die Anwesenheit zahlreicher Vertreter neuge-gründeter Deutschlehrerzeitschriften und Deutschlehrer-verbändeaus Mittel- und Osteuropa. Bei dem Treffenwurde deutlich, daß sich seit Bestehen von FREMD-SPRACHE DEUTSCH schon viele Kontakte und For-men der Zusammenarbeit (z.B. Austausch von Artikeln, Hilfe bei der Autorensuche) herausgebildet haben. Daswohl wichtigste Ergebnis dieses Treffens ist die erklärte Absicht aller, auch in Zukunft eng zusammenzuarbeiten, Informationen und Zeitschriftennummern auszutau-schen. Bei diesem Treffen fand auch eine Verlosungstatt, von der wir auf Seite 24 berichten.„Lebendiges Grammatiklernen“ haben wir das Themadieses Heftes programmatisch genannt. „LebendigesGrammatiklernen“ und nicht Paukerei und Plackerei,das wünschen sich die Lernenden, und das realisierenschon viele Lehrkräfte auf ganz unterschiedliche Art und Weise in ihrem Unterricht. Davon möchte diese Heft-nummer unter anderem Zeugnis ablegen und zur Nach-ahmung, zum Weitermachen, zum Weiterdenken ermuti-gen. Wir würden uns freuen, wenn die Anregungen, diein diesem Heft gegeben werden, Anstöße für Ihren eige-nen Unterricht vermitteln könnten. Und wir würden uns freuen, über Ihre Reaktionen und Kommentare in einemder nächsten Hefte berichten zu können.Und weil in jeder „Deutschstunde“ auf die eine oder andere Art Grammatik enthalten ist, fanden wir dasTitelbild, das einmal ein Berliner „Mauerbild“ war und 1985 von dem Fotografen Heinz Kuzdas festgehaltenwurde, besonders passend für „unser Grammatikheft“: zeigt es doch, daß Deutschstunden sehr bunt, sehr abwechslungsreich, sehr lebendig sein können, geradeauch dank eines lebendigen Grammatikunterrichts.(Übrigens: Das Titelbild gibt es auch als Plakat (50 x70cm) und kann bei Heinz Kuzdas, Muthesiusstr. 30, D-12163 Berlin, bestellt werden. Stichwort: „Deutsch-stunde“)
 Mit den besten Grüßen IhreSchriftleitung
EDITORIALINHALT
 
Fremdsprache
Deutsch
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F
remdsprachenlehren vollziehtsichin Wellen, manchmal auch inModen. Das Auf und Ab der zurücklie-genden Jahrzehnte betraf häufig wie-derkehrende Aspekte: die Rolle desLehrenden und die der Lernenden, dieBedeutung des Lehrmaterials und dertechnischen Medien, das Verhältnisvon Ausgangs- und Zielsprache sowiedie Anwendung des Gelernten in Situa-tionen außerhalb des Unterrichts.Ein Thema aberstand stets im Mittel-punkt: die Rolle derGrammatik, in neuererZeit das Verhältnis von
Kommunikation und Grammatik 
. War dievorherrschende Mei-nung zu Zeiten der
grammatikalisierenden Übersetzungs-methode
, die Grammatik – verstandenals traditionelle Schulgrammatik – ste-he im Mittelpunkt des Geschehens,verdammten dies die direkten Metho-den mit Vehemenz und setzten auf diedem Behaviorismus entlehnten Verfah-ren (Drill, Nachsprechen usw.). Mit der
 pragmatischen Wende
des Sprach-unterrichts änderte sich dies erneut:sprachliches Handeln sollte der Sprach-unterricht vorbereiten, und die lingu-istische Pragmatik (Sprechakttheorieu. a.) wurde ,angewendet‘. Mit einerneuerlichen Wende, in den achtzigerJahren, hin zur Einbeziehung der,Fremdperspektive‘ in den Fremdspra-chenunterricht, rückten naturgemäßwieder Themen wie Sprachvergleich,Zweisprachigkeit und Regelkenntnisanstelle einer unbedingten Einspra-chigkeit in den Vordergrund. Eine Ent-wicklung hin zu einer
Kognitivierung
des Sprachunterrichts bahnte sich an:
Sprachwissen
und
Sprachbewußtsein
(language awareness) gewannen anBedeutung, Nachsprechen und Ge-wohnheitsbildung gerieten in denHintergrund. Die Überzeugung, einmentalistischer Ansatz, der auf Kreativität und Verstehen beimErwerb natürlicher Sprachen wiedes Deutschen setzt, sei überlegen,breitete sich aus. Neuere Lehrwer-ke wie
Stufen
oder
Sprachbrücke
künden davon, im Detail freilichunterschiedlich.Wenn ein vorläufiges Fazit heutemöglich ist, so sicher dieses: Gram-matik ist ausdem Erwerbs-und Lernprozeßvon Fremdspra-chen nicht zuverbannen, zu-mal im Erwach-senenunterricht.Jedoch ist dieBeherrschung ihrer Regeln nicht Zieloder gar Selbstzweck. Grammatikspielt stets eine dienende Rolle: sie sollKommunikation im umfassenden Sin-ne ermöglichen. Damit sind alle vierGrundfertigkeiten angesprochen –Hören, Sprechen, Lesen und Schrei-ben –, die entwickelt werden sollen.
Kommunikativ-funktionale Grammatik
Für den Unterricht heißt das, daß derLehrer stets den kommunikativ-funk-tionalen Aspekt der Grammatikbeach-ten sollte: welche sprachlichen Mittelstehen zur Verfügung, um einebestimmte Intention (Absicht, Funkti-on) zu realisieren? Für den Fremdspra-chenunterrichtist also das – zweifellosschwierige – Erlernender korrekten sprachli-chen Form (Perfekt, Kon- junktiv II, Valenz einesVerbs usw.) nicht daseigentliche Ziel, sondernder intentions- und situa-tionsadäquate Gebrauchdieser Mittel durch denLernenden.Am Beispiel der „Aufforderungssät-ze“ soll dieser funktional-grammati-sche Ansatz verdeutlicht werden. Tra-ditionell behandeln Lehrwerke nahezuausschließlich in diesem Zusammen-hang die Formen des Imperativs, undauch im Unterricht wird selten auf dieanderen sprachlichen Möglichkeiten,Aufforderungen zu formulieren, einge-gangen. Hier eine Auswahl
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EBENDIGES
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RAMMATIKLERNEN
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Lebendiges
Grammatiklernen
Anmerkungen zu einem modernen GrammatikunterrichtVon Lutz Götze
In der Schule gilt noch häufig der Grundsatz: erst lernen,dann gebrauchen. Eine Sprache aber lernt man, indemman sie gebraucht.
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TTO
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ESPERSEN
 
Fremdsprache
Deutsch
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Aufgabe des Lehrenden ist es nun,vom Sprachstand der Gruppe undeinem entsprechenden Text ausge-hend, die geeigneten sprachlichen Mit-tel für Aufforderungen auszuwählenund zu üben. Im weiteren Fortgang desKurses sollten sie ergänzt und variiertwerden. Auf diese Weise ließe sichZusammengehöriges in einer sinnvol-len Progression verbinden.Doch sogleich stellen sich zahlrei-che Fragen:Welche Grammatik? WelcheTerminologie? Wieviel Gramma-tik? Grammatische Regeln oderkommunikativer Fremdspra-chenunterricht? usw.Um bei der letzten Frage zubeginnen, so zeigt sich beimnäheren Hinsehen schnell, daß dieAlternative scheinbar, genauer: falschist, gibt es doch grundsätzlich zweier-lei Arten grammatischer Regeln: sol-che des
Sprachsystems
und jene des
Sprachgebrauchs.
Regeln des Sprachsy-stems sind ohne unser Dazutun in jeder Sprache vorhanden, vor jederKommunikation bereits vorgegebenund damit Voraussetzung für derenGelingen: sie müssen daher von Gram-matikern genau beschrieben und vonSprachteilnehmer/inne/n so vollstän-dig wie möglich beherrscht und so kor-rekt wie möglich angewendet werden.Dies sind beispielsweise Regeln der
Präpositionen
(*Sie ist mit ihn gegan-gen), der
Verbvalenz
(*Er half die Mut-ter) oder der
semantischen Unverträg-lichkeit 
(*Er stirbt manchmal).Regeln des Sprachgebrauchs sinddagegen durch den Kontext, dieSprechsituation oder die Textsortebestimmt und damit veränderbar. Sowird im Deutschen das Präteritumgebraucht, wenn etwas Vergangenes inTexten der geschriebenen Spracheberichtet wird, dagegen das Perfekt inTexten der gesprochenen Sprache.Oder: in der mündlichen Kommunikati-on werden häufig Sätze abgebrochenoder durch Mimik und Gestik erläutert,während in der geschriebenen Spracheder voll ausgeformte Satz dominiert.
Wieviel Grammatikbraucht der Lernende?
Auf die Frage:
Wieviel Grammatik 
hat jüngst Gerhard Helbig geantwortet
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. Erreduziert sie auf die Frage: „WievielGrammatik braucht der Lehrer?undantwortet: „Er braucht viel mehr Gram-matik als der Lerner, braucht ein Regel-wissen über die Grammatik, das sovollständig, so genau und so explizitwie möglich ist. … Aber es genügtnicht, wenn der Lehrer die fremdeSprache nur spricht (was zwar eineVoraussetzung ist) unddem Lerner nur sagenkann, waser im konkre-ten Kontext oder in derkonkreten Situation äu-ßern soll. Er muß ihmvielmehr ... auch erklärenkönnen, wie und war-um (und d. h. auch, nach welchergrammatischen Regel) er es so sagenmuß.“
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Der Lehrende sollte dabei stets dieFunktion grammatischer Formen imAuge haben: wozu dienen sprachlicheMittel? Rein formale Erklärungenbehindern eher den Lernprozeß. Des-halb sollte der Lehrer sprachliche Mit-tel im Textzusammenhang und nichtisoliert behandeln. Eine Grammatik,die diese Funktionen im Text erklärt,ist deshalb für den Unterricht stetsvorteilhaft. In den Beiträgen vonSudrow und Esa/Graffmann in diesemHeft wird beispielhaft gezeigt, wieGrammatikarbeit an und mit Textenaussehen kann.Der Lernende sollte ein umfangrei-cheres
 Regelwissen
für das rezeptiveVerstehen als für den aktiven Ge-brauch der Fremdsprache erwerben:für die Produktion von Sätzen (Spre-chen, Schreiben) genügt im Regelfalleine geringere Zahl an Regeln, die aber jederzeit abrufbar sein müssen.
Welche Terminologie?
Es bleibt die Frage nach der Terminolo-gie. Grammatische Termini (Fachbe-zeichnungen) sollten im Unterricht nurdort benutzt werden, wo sie wirklichder Erklärung von Sachverhalten die-nen; zuviel an Terminologie schadetnur. Dies gilt ebensofür einige Wortungetü-me der Valenzgramma-tik (Subsumptivergän-zung usw.), durch wel-che freilich derdidaktische Wert die-ser Grammatik (z. B.die klare Gliederungder Ergänzungsklassenbeim Verb) keineswegs beeinträchtigtwird. Dabei sollten die Lehrenden anden Schülern bekannten Terminianknüpfen und behutsam zu lateini-schen Benennungen (Akkusativ, Pas-siv, Futur usw.) hinführen: diese Termi-nologie hat sich im Fach Deutsch alsFremdsprache’ über Jahre hinweg alsdie am ehesten geeignete herausge-stellt. Die deutschsprachigen Terminisind häufig irreführend („Begleiter“,„Leideform“, „Mittelwort der Gegen-wart“).
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IntentionTextsorte
AufforderungWahlaufruf,Befehl Hausordnung,EmpfehlungKochrezept,Bitte, AppellgesprocheneSprache(Appell etc.)
Sprachliche Mittel
Imperativ:
Komm jetzt! Fahrt nicht so schnell! 
Aussagesatz im Präsensbzw. Futur:
Du kommst sofort zurück, Hans! Das werden Sie bis morgen erledigen! 
Frageform :(2. Person Singular/Plural):
Willst du nicht noch ein Stück Kuchen? Kommt ihr morgen nach? 
Infinitiv:
Aufpassen! Nicht rauchen! 
Partizip II:
Hergehört! Stillgestanden! 
Passiv:
Jetzt wird gearbeitet! Morgen wird abgereist! Das Haus wird sauber gemacht! 
Nebensätze mit
daß: Daß du mir ja nichts davon erzählst! 
Implizite Aufforderung:
Es zieht! 
(Machen Sie die Tür zu!)
Die Pflanze ist vertrocknet! 
(Gieß sie bitte!)
Ich habe Hunger! 
(Mach mir etwas zu essen!)
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