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INDMAIL-pack 6-2009
Piraten mit
Rückenwind
 
 Nach der Verabschiedung des "Zugangserschwerungsgesetzes" steigenMedienaufmerksamkeit und Mitgliederzahlen Nimmt man nur die neueren elektronischen Medien zum Maßstab, dann müssteeine Mehrheit für Merkel in Deutschland eigentlich genausounwahrscheinlich sein wie eine für Ahmadinedschad in Iran. Allerdingsist der medienkompetente Teil der Bevölkerung möglicherweise in beidenLändern deutlich in der Minderheit, worauf etwa Peter Scholl-Latour hinwies (1), der nüchtern konstatierte, dass er ebenso wenig Zweifel aneiner Wahlmanipulation wie an einer tatsächlichen Mehrheit für den persischen Präsidenten habe.Sah man sich die deutsche Blogosphäre in der letzten Woche an, solautete das bemerkenswert einhellige Urteil von Johnny Haeusler (2) bisFelix von Leitner (3), vom Immateriablog (4) bis Carta (5), dass sichdie SPD endgültig in die Unwählbarkeit verabschiedet hat, während diePiratenpartei fast überall als neue Hoffnung gefeiert wurde. Hauptgrunddafür war das von Sozial- und Christdemokraten am Donnerstagverabschiedete "Zugangserschwerungsgesetz" (6), gegen das über 130.000Bürger eine Petition unterzeichneten.Zur ungewöhnlich großen Empörung, die dieses Gesetz hervorrief, trugauch die Art und Weise, wie die neu zu schaffende Zensurinfrastruktur vermarktet wurde - nämlich mit dem Argument des Kinderschutzes, wofür die Sperren allerdings nachgewiesenermaßen so wenig taugen, dass sichauch Opferverbände dagegen aussprachen. Hinzu kam, dass sich bereits vor der Abstimmung im Bundestag abzeichnete, wofür das Instrument mitgrößerem Erfolg eingesetzt werden könnte - nämlich gegenUrheberrechtsverletzungen (7), "Killerspiele" (8) und politischUnliebsames wie Wikileaks.
 
Daneben dürfte auch eine Rolle spielen, dass sowohl JustizministerinZypries von der SPD als auch Kulturstaatsminister Neumann von der CDUdurchblicken ließen, dass sie für die nächsten Legislaturperiode neueMonopolrechte für Verlage (9) planen, was erhebliche rechtliche Risikenund eine deutliche Erschwernis von Medienkritik mit sich bringen würde -einem Bereich, in dem sich Blogs in den letzten Jahren eine wichtigeRolle erarbeiteten.Während des Gesetzgebungsprozesses führte das Verhalten (10) der Opposition vor Augen, dass bei Grünen, FDP und Linkspartei die imWahlkampf vertretenen Positionen zum Schutz von Bürgerrechten keineKernanliegen sind, und (wie auch die Koalitionen auf Landesebene in denletzten Jahren zeigten) im Zweifelsfall gegen Zugeständnisse in steuer-,umwelt- oder sozialpolitischen Fragen aufgegeben werden. Bei der Abstimmung am Donnerstag enthielt sich ein Drittel der Grünen-Abgeordneten (11) der Stimme, während bei der Linkspartei vielegar nicht erst anwesend waren. Von der FDP-Fraktion stimmte unter anderem Guido Westerwelle nicht gegen das Gesetz, weshalb in Forengespöttelt wurde, ob wohl auch seine von Norbert Bisky (12) gemaltennackten Knaben auf die Zensurliste kommen könnten.Die Piratenpartei hatte dagegen den "Schutz der Privatsphäre, einetransparente Verwaltung, eine Modernisierung des Urheberrechtes, freieKultur, freies Wissen und freie Kommunikation" zu ihren zentralenForderungen erhoben. Eine klare Ankündigung (13) des frisch gewähltenschwedischen Europaparlamentsabgeordneten Christian Engström, sich demLinks-Rechts-Schema konsequent zu verweigern und ganz auf diese Felder zu konzentrieren, stieß auch in Deutschland auf bemerkenswert vielSympathie, was zeigte, dass es offenbar an Bürgerrechts- undInformationspolitik interessierte Stimmberechtigte gibt, für welche dieGrünen (14), die FDP (15) und die Linkspartei (16) aufgrund einer oder mehrerer Positionen dieser Parteien nicht wählbar sind.Politik durch AufmerksamkeitDas früher häufig vorgebrachte Argument, eine Stimme für diePiratenpartei sei eine "verschenkte Stimme", weil sie nicht über dieFünf-Prozent-Hürde komme, scheint in Zeiten einer relativ geringenUnterscheidbarkeit der etablierten Parteien zunehmend gegenüber demBewusstsein in den Hintergrund zu treten, dass auch Stimmenzuwächse ohne politische Mehrheiten Themen erst in die Medien und über diese in dieanderen Parteien hinein tragen. Als Beispiel dafür wird immer wieder die
 
Umweltpolitik genannt, die diesen Weg in den 1980er Jahren ging.In den Mainstreammedien wurde über die Piratenpartei (17) bereits vor der Europawahl erstmals breitflächiger berichtet, wenn sie auch (wasviele ebenfalls als Parallele zu den Grünen sahen), häufig alsSkurrilität dargestellt wurde. Allerdings erhöht auch diese Form vonAufmerksamkeit die Bekanntheit der Partei und ihrer Anliegen, wobei der Weg für den "Gaga-Verein" (18) in den Bundestag trotzdem etwasschwieriger sein dürfte als der für die ebenfalls mit ausgiebigBild-Berichterstattung gesegnete "Lady Gaga" (19) an die Spitze der Musikcharts.Anders als bei der Europawahl müssen für die Bundestagswahl in fast jedem Bundesland (20) zweitausend Unterschriften (21) vorgelegt werden,welche die Partei im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten auch online(22) sammelt. In Bayern (23), Baden-Württemberg (24), Nordrhein-Westfalen (25), Hamburg (26) und Schleswig-Holstein (27) gibtes dafür theoretisch sogar schon einen kleinen Puffer - jedoch werdenerfahrungsgemäß etwa 10 Prozent der Unterschriften aufgrund vonMinderjährigkeit der Unterzeichnenden oder aus anderen Gründen nichtakzeptiert, weshalb man hofft, dass auch in diesen Bundesländern nochUnterschriften dazukommen. Den Brandenburger Piraten (28) fehlen dagegennoch drei Viertel der notwendigen Unterstützersignaturen, für derenSammlung bis zum 23. Juli Zeit bleibt.In einigen Bundesländern entstehen gerade erst die für eineWahlteilnahme notwendigen Strukturen: Gestern gründete sich in Rostock unter Federführung von Jan Klemkow (29) ein LandesverbandMecklenburg-Vorpommern (30). Am Mittwoch wird voraussichtlich einSaarländischer Landesverband (31) ins Leben gerufen, am Freitag einBremer (32), und am Samstag wollen Piratenpartei-Mitglieder in Halleeinen Landesverband Sachsen-Anhalt (33) aus der Taufe heben. Auch inThüringen steckt man gerade in entsprechenden Vorbereitungen.Ditfurth-Fischer-Zeitfenster Zustrom erhält die Piratenpartei derzeit nicht nur von bisherigen Nichtwählern, sondern auch aus der SPD. Nachdem deren"Antragskommission" auf dem Sonderparteitag vom 14. Juni einenInitiativantrag der Parteibasis zur Ablehnung des"Zugangserschwerungsgesetzes" mit der Begründung für erledigt erklärte,eine Diskussion über das Thema Zensur sei "medial unerwünscht" (34),antwortete (35) der Chaos Computer Club kurz danach auf eine Einladung
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