Ach, meine lieben Mitspaziererinnen und Mitspazierer, jetzt ist es also mal wieder so weit: Die CSDs brechenüber uns herein. Und damit natürlich auch wieder somanch skurille Debatten, die uns jedes Jahr aus Neueerreuen. Mein persönlicher Favorit (neben dem Klas-siker „Muss so viel nacktes Fleisch zu sehen sein?“) istheuer die „40 Jahre sind genug, den CSD braucht dochniemand mehr“-Argumentation. Woür sollten wir dennauch noch einen CSDbrauchen? Schließlichhaben wir alles erreicht,was wir uns jemals ge-wünscht hatten. Sindwir nicht so etwas vonin der Mitte der Gesell-schat angekommen,dass es kracht? Ok, einbisserl Benachteiligunghier und da, im Erbrechtund bei den Pensionen,x-mal so hohe Selbst-mordraten bei Jugend-lichen, Coming-out-Dramen in nicht ganz soliberalen Familien, Eh-renmorde, Mobbing undKündigungen nicht nurin kirchlichen Betrieben,Übergrie au das Ber-liner Homo-Denkmal,„schwule Sau“ als Stan-dardschimpwort in denSchulen … mal im Ernst:das sind doch keine ech-ten Probleme. Das wirdsich sicher irgendwieganz von selber lösen,daür braucht man dochnicht demonstrieren ge-hen. Zumindest nicht,wenn man sich auchansonsten niemals umdie eigenen Belangekümmert und darauvertraut, dass es schonirgendwer ür einenrichten wird. Daür kan-didieren doch an allenEcken Schwule und Les-ben, die Parteien sinddoch alle ganz urcht-bar homoreundlich und unglaublich liberal.Und der Weihnachtsmann bringt zusammen mit seinemFreund, dem Osterhasen, in Zukunt Dildos und lustigeGay-Büchlein vorbei.40 Jahre Stonewall, 40 Jahre Kamp um die Rechte vonLesben, Schwulen und Transgender. Und ich schreibehier ganz bewusst „Kamp“ – denn ein anderer Ausdruckwürde es nicht treen. Nichts, aber auch rein gar nichtsvon all dem, was wir heute an immer noch mangelhaterGleichstellung haben, wäre von selbst vom Himmel ge-allen. Oder von Politikern, ob homo oder hetereo. Ange-angen bei Helmut Schmidt, der mal erklärte, er sei „keinKanzler der Schwulen“ über einen Guido Westerwelle,der in Kohl-Zeiten viel erreichen hätte können, aber lie-ber mit FDP-Mehrheiten homoreundliche Gesetze imBundesrat blockierte hin zu Beust und Wowereit, die täg-lich beweisen, dass schwule Politiker längst nicht auto-matisch Homo-Politik machen.Unbestritten hat sich vieles zum Guten geändert in den40 Jahren. Wenn ich heute durchs Viertel spaziere, seheich eine Oenheit und Vielalt von Lebensstilen, die tat-sächlich vor 20, 25 Jahren so nicht möglich war. Und na-türlich wäre es naiv an-zunehmen, dass Lesbenund Schwule, die in dieserFreiheit auwachsen, denselben Elan entwickelnwie ihre Vorgängergene-rationen. Denn wo keinspürbarer Druck herrschtund die Diskriminierungsubtiler geworden ist, daist auch die Notwendig-keit der Verteidigung dereigenen Rechte nicht sovordergründig.Aber deswegen den altenZeiten hinterherweinen?Nein, denn Verolgung,Geängnis und Unter-drückung will niemandzurückhaben, der nochbei Verstand ist, genau sowenig wie die traurigenZeiten des Aids-Massen-sterbens in den 80ern.Die Gesellschat hat sichverändert, und mit ihrselbstverständlich auchder CSD. Ein Zurück zurreinen Demo ohne Büh-ne und ohne Party wür-de die Sprache der Zeitgenau so verehlen wieein riesiges Straßenestohne jeglichen Inhalt.Die Mischung ist hierdas Beste, und die Besu-cherzahlen zeigen: daspersönliche Treen, dasgezielte Outing vor Zu-schauern, Kameras undPresse ist nach wie vorder Kitt der Szene. Zwarndet seit Jahren eine Erweiterung des privaten Raumesin das Internet statt. Welch mächtige politische Werk-zeuge Twitter, Facebook und Co. sind, zeigen aktuell dieEntwicklungen in Staaten wie China und Iran. Auch derVernetzungsgrad und der Kommunikationsfuss inner-halb der Gay Communities ist antastisch und ermöglichtz.B. in den USA höchst eektive Kampagnen gegen Ho-mophobie und ür die Homo-Ehe. Aber nur der CSD alsMassenveranstaltung bietet dieses durch nichts zu erset-zende „Wir sind viele“-Geühl, das direkt und unmittelbarentsteht.
Ich bin Sarah Jäckel, Sie nden mich wie jedes Jahr amLEO-Inostand au dem Münchner CSD – und der wirdIhnen hoentlich einen geilen Einstieg in einen heißenSommer bescheren!
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