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Grundbegriffe der Hypnose zurPersönlichkeitsspaltung
Hans Ulrich Gresch
Vorbemerkung
Die folgenden Ausführungen sind nicht als Einführung in die Grundbegriffe der Hypnoseoder der Hypnotherapie zu verstehen. Die entsprechenden Lehrbücher finden sich in jederwissenschaftlichen Bibliothek oder Buchhandlung.[i]Vielmehr geht es mir darum, jenegrundlegenden Aspekte der Hypnose herauszuarbeiten, die zum Verständnis derabsichtlichen Persönlichkeitsspaltung unbedingt erforderlich sind.Weder Hypnose-Shows, noch die populärwissenschaftliche Literatur zu diesem Themavermitteln ein Verständnis der weitreichenden Möglichkeiten hypnotischer Methoden,wenn diese in eine umfassenden Strategie zur Kontrolle des Bewusstseins eingebundenwerden. Geschickte und skrupellose Hypnotiseure können dabei auch die Grenzen, die derHypnose im Rahmen einer Krankenbehandlung aus ethischen, juristischen undpragmatischen Gründen gesetzt sind, weit hinter sich lassen. Dabei kann die Wirkung derHypnose durch angst- und stressauslösende Verfahren, psychische Traumatisierung sowiedurch Drogen, Elektroschock und elektromagnetische Beeinflussung des Nervensystemsdramatisch gesteigert werden. Doch analysieren wir zunächst die Grundelemente deshypnotischen Prozesses, die bei oberflächlicher Betrachtung recht harmlos (und ich möchtehinzufügen), gefährlich harmlos erscheinen.
Definition und Wesen der Hypnose
Der amerikanische Hypnose-Experte Kihlstrohm[ii]definiert Hypnose als eine sozialeInteraktion, in der eine Person, der Hypnotisierte, den Suggestionen einer anderen Person,
 
dem Hypnotiseur mit dem Ziel von Phantasieerfahrungen folgt, die Veränderungen derGedanken und Handlungen einschließen. Unter den höchstgradig hypnotisierbarenMenschen seien diese Reaktionen mit einer subjektiven Gewissheit, die an Wahnsinn, undmit einer Erfahrung der Unfreiwilligkeit, die an Zwang grenzt, verbunden.Hypnose ist ein direkter Weg ins Unbewusste. Natürlich gibt es auch andere Methoden, dasUnbewusste ans Licht zu bringen: die Analyse von Träumen, Drogen, die freie Assoziationin der Psychoanalyse. Doch die Hypnose unterscheidet sich von allen anderen Verfahrendurch einen entscheidenden Faktor. George H. Estabrooks, der wohl wichtigste Experte fürden militärischen Einsatz der Hypnose, bringt diesen entscheidenden Faktor auf den Punkt:„In der Hypnose ist die Instanz, die das Unbewusste an die Oberfläche holt und dieKontrolle über das Unbewusste ausübt, ein anderes menschliches Wesen, der Hypnotiseur.“ [iii]In einem tiefen Trance-Zustand, schreibt Estabrooks, erlebe der Hypnotisierte den Willendes Hypnotiseurs als seinen eigenen – und dieser neue, im Trance-Zustand erworbene Willesei u. U. stärker als jede Willensregung, die er jemals zuvor erfahren habe. Der Wille desHypnotiseur sei im Hypnotisierten sogar stärker als in ihm selbst. Die Fähigkeit desHypnotiseurs, sein eigenes Verhalten zu beeinflussen, sei also geringer als seineMöglichkeit, das Handeln des Hypnotisierten zu steuern. Dabei hängt die Macht desHypnotiseurs jedoch in entscheidendem Maß von der Trance-Tiefe ab. Nur eine Minderheitder Menschen erreicht jene Trance-Tiefe, in der ein fremder Wille als der eigene erlebtwerden kann. Doch ist es erst einmal gelungen, einen Menschen in diese veränderteBewusstseinslage zu führen, dann kann man ihn in diesem Zustand der Fremdsteuerungfixieren. Unter bestimmten Bedingungen ist er dann auf Dauer nicht mehr in der Lage, sichdem fremden Willen aus eigener Kraft zu entziehen. Dies war zum Beispiel beiFrau E.derFall, und darum wurde der Hypnose-Verbrecher Walter zu recht zu einer hohen Haftstrafeverurteilt. Wir werden uns im weiteren Verlauf dieser Erörterungen noch detailliert damitauseinandersetzen, mit welchen Methoden diese Fixierung vorgenommen wird. DieSpaltung in zwei oder mehrere Persönlichkeiten ist dabei das wesentliche Hilfsmittel, umMenschen auf Dauer geistig zu versklaven.
Mesmer
Auf dem Höhepunkt seiner Karriere erfand der Arzt Franz Anton Mesmer (1734-1815) zurVerstärkung seiner magnetischen Kunst den „Baquet“. Mesmer war überzeugt, dass seinenHänden eine heilende Kraft entströme, das „Fluidum“. Der „Baquet“ sollte dieses Fluidumspeichern und verstärken. Dieses wunderliche Gerät war ein großer, hölzerner Zuber, derinnen mit magnetisierbaren Eisenstücken und gläsernen Flaschen bestückt und mit Wassergefüllt wurde. Der Zuber wurde mit einem Deckel verschlossen, der mit Löchern versehenwar, durch die gebogene Eisenstangen gesteckt waren. An den Enden dieser nach außenzugespitzten Eisenstangen waren seidene Schnüre befestigt. Mesmer „magnetisierte“ denInhalt des „Baquets“ durch streichende Handbewegungen.Die Patientinnen und Patienten saßen um dieses Gerät herum. Die spitzen Enden derEisenstangen waren auf ihre erkrankten Körperteile gerichtet. Mitunter waren auch dieSeidenschnüre um erkrankte Körperteile geschlungen. Sobald das entsprechende Zeichengegeben wurde, bildeten sie den magnetischen Kreis, indem sie sich gegenseitig an denSpitzen von Daumen und Zeigefinger berührten. Der Raum war verdunkelt und schwere
 
Dämpfe und Wandvorhänge verschluckten entstehende Geräusche. Raffiniert aufgehängteSpiegel verwirrten die Sinne. Schwer atmend, schweigend und voller Spannung erwartetendie Kranken das Erscheinen des Meisters. Aus dem Nebenzimmer war betörende Musik zuhören, mitunter spielte Mesmer selbst auf einer Glasharmonika. Er verstand es meisterlich,auf diesem damals sehr populären Instrument Sphärenmusik erklingen zu lassen. Wenn dieStimmung durch die Atmosphäre und die beruhigende, mitunter auch aufpeitschende Musikbis zum Überlaufen geladen war, kam Mesmer herein. Oft trug er ein langes Seidenkleid,das ihm die Erscheinung eines Priesters oder Magiers verlieh. Mesmer blickte den Patiententief in die Augen, bestrich den einen mit seinem Magnetstab, fragte den anderen nachseinem Befinden, dritte versuchte er aus einer gewissen Distanz zu heilen, indem er Kreiseund Striche in die Luft zog. Die Heilung wurde durch die sogenannte magnetische Krisesignalisiert. Plötzlich begannen die Kranken zu schwitzen, zu schreien und zu stöhnen,zeigten jene Symptome, die von der Psychiatrie einige Jahrzehnte später unter der Diagnose„Hysterie“ zusammengefasst wurden.[iv]Wir erkennen heute unschwer, dass für diese dramatischen Vorgänge nicht ein magnetischesFluidum, eine geheimnisvolle, physikalische Naturkraft verantwortlich war, wie Mesmerglaubte, sondern die außergewöhnliche Suggestivkraft dieses begnadeten Arztes, der ohnesein Wissen die moderne Hypnotherapie begründete. Mesmers Patientinnen und Patientenwurden offenbar durch seine Behandlung, deren Rahmenbedingungen und durch seinecharismatische Persönlichkeit in einen tiefen Trance-Zustand versetzt. Bemerkenswert ist,dass weder der Arzt, noch die Kranken wussten, dass sie an einem hypnotischen Prozessteilnahmen, den sie erst recht auch nicht beabsichtigten. Sie waren vielmehr davonüberzeugt, das wesentliche Heilmittel sei eine Naturkraft, das Fluidum, die den Händen desArztes entströmte und durch den „Baquet“ gespeichert wurde.
Hypnose-Einleitung
Zum Verständnis der weiteren Erörterungen gilt es zwei Aspekte festzuhalten:1Es ist möglich; Menschen zu hypnotisieren, ohne dass ihnen dies bewusst ist und ohnedass die Bezeichnung „Hypnose“ auch nur einmal verwendet wird.2Die Einleitung und Vertiefung der Hypnose ist nicht an eine bestimmte Technik oderMethode gebunden. Vielmehr ist es nur erforderlich, die zu Hypnotisierenden in einenpassiven, entspannten Zustand zu versetzen und ihre ungeteilte Aufmerksamkeit auf denHypnotiseur (bzw. die von ihm produzierten hypnotischen Reize) zu lenken. Vonphantasiebegabten Hypnotiseuren wurden zahllose Verfahren erfunden, um dienhypnotischen Zustand einzuleiten.
Das Standard-Verfahren
Eine Standardprozedur zur Einleitung der Hypnose lässt sich im Kern wie folgt beschreiben.Der Hypnotisand liegt bequem und entspannt auf einer Couch. Hinter ihm sitzt derHypnotiseur. Er hält einen Finger in etwa 20 bis dreißig Zentimeter vor und etwa zehnZentimeter oberhalb der Nasenwurzel des Liegenden und spricht: „Bitte sehen Sie ganz festund ohne zu blinzeln auf meine Fingerspitze und horchen Sie ganz genau auf das, was ichzu Ihnen spreche. Ganz fest und ohne zu blinzeln auf meine Fingerspitze sehen und auf meine Stimme konzentrieren.“[v]
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