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DER WEG NACH MEKKA
schwachen und unbedeutenden Schah Ahmad, ein neues Ministerium zuernennen: Zia ad-Din wurde Ministerpräsident, Riza Chan Kriegsminister. Er konnte weder lesen noch schreiben. Er war ein Dämon desWillens, Abgott der Soldaten und des Volkes, das endlich, zum ersten Malseit unvordenklichen Zeiten, einen Mann vor sich sah: einen Führer.In der politischen Geschichte Irans wechseln die Bilder rasch. Ziaad-Din verschwand in der Versenkung, um als ein Verbannter in Europawieder aufzutauchen. Riza Chan blieb
als Ministerpräsident. Man erzählte sich damals in Teheran, Riza Chan, Zia ad-Din und des Schahsjüngerer Bruder hätten sich verschworen, den Schah vom Thron zu stürzen; und man munkelte
niemand weiß bis heute, ob es wahr ist
,
daßRiza Chan im letzten Augenblick seine Freunde an den Schah verratenhätte, um nicht die eigene Zukunft aufs Spiel zu setzen. Ob es wahr istoder nicht, es steht jedenfalls fest, daß Riza Chan dem jungen SchahAhmad bald darauf nahelegte, eine Vergnügungsreise nach Europa zuunternehmen. Er begleitete ihn mit großem Pomp auf der Autoreise zurirakischen Grenze und soll ihm beim Abschied gesagt haben: »Wenn EureMajestät jemals nach Persien zurückkehren, so werden Sie sagen können,Riza Chan hätte nichts vom Leben verstanden.«Nunmehr brauchte er seine Macht mit niemand mehr zu teilen; er war,wenn auch nicht dem Titel nach, alleiniger Herr des Landes. Wie einhungriger Wolf stürzte er sich auf die Arbeit. Ganz Persien sollte vonGrund aus reformiert werden. Die bis dahin sehr lockere Landesverwaltung wurde zentralisiert; das alte System, Provinzen an die Meistbietenden zu verpachten, wurde abgeschafft; von nun an waren die Gouverneurenur Staatsbeamte, keine Satrapen mehr. Die Armee
Lieblingskind desDiktators
wurde nach abendländischen Mustern umgebildet. Riza Chanunternahm Feldzüge gegen die unbotmäßigen Stammeshäuptlinge, dieallerorts gewohnt waren, sich als kleine Könige zu fühlen und der Teheraner Regierung oftmals den Gehorsam verweigerten; er unterwarf einennach dem andern und zwang ihn zur Anerkennung der Staatsgewalt. Erverfuhr hart mit den Räubern, die
seit
Jahrhunderten das Land beunruhigten. Unter Mitwirkung eines amerikanischen Sachverständigenwurde eine gewisse Ordnung in das Finanzwesen
gebrächt;
Steuern und;Zölle begannen regelmäßig einzulaufen.Als Echo der kemalistischen Bewegung in der Türkei tauchte auch in
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PERSISCHERBRIEF
Iran allmählich der Gedanke einer Republik auf,
zuerst als
Gerücht,
dann
als eine Forderung einreiner fortschrittlicher Bevölkerungsgruppen - undschließlich als die unverhohlene Absicht des Diktators selbst. Hier aberscheint Riza Chan sich denn doch verrechnet zu haben: ein gewaltigerProtestschrei erscholl aus dem persischen Volk.Diese Ablehnung der republikanischen Staatsform
war nicht etwa durch
Treue zum Herrscherhaus bedingt, denn niemand in Persien empfandbesondere Liebe für die Dynastie der Kadscharen, die
man ihrer
turkmenischen Abstammung wegen immer als volksfremd betrachtet hatte; nochauch durch eine persönliche Zuneigung für
Schah
Ahmad mit
seinem
runden bartlosen Knabengesicht. Sie hatte einen ganz anderen Grund: dieFurcht des Volkes, auf staatlichem Wege< seinen religiösen Glauben zuverlieren, so wie es den Türken im Verlauf von Atatürks Reformen ergangen war. In ihrer Unwissenheit begriffen die Perser nicht sogleich,daß die Errichtung einer Republik in Iran nicht unbedingt dieselben Folgen haben müßte wie in der Türkei, um so mehr als
eine
republikanischeStaatsform dem Geiste des Islam an
sich weitaus
besser entspricht
als eine
monarchische. Den breiten Volksmassen war all dies unbekannt Unterdem konservativen Einfluß ihrer religiösen Führer
— und
vielleicht
auch
durch die Bewunderung, die Riza Chan öffentlich Kemal Atatürk zollte,in berechtigten Schrecken versetzt
sahen die Perser in seinen Pläneneine Bedrohung des Islam.Eine gewaltige Erregung bemächtigte sich der städtischen Bevölkerung,besonders in Teheran. Vor Riza Chans Amtsgebäude versammelte sicheine wütende Menschenmenge, mit Stöcken und Steinen bewaffnet, undstieß Flüche und Drohungen gegen den Diktator
aus,
der gestern noch
einHalbgott gewesen war. Riza Chan wollte ausgehen; man riet ihm dringend, einen Augenblick der Beruhigung abzuwarten und bis dahin imHause zu bleiben. Er wies die Ratgeber zurück und stieg, vollkommenunbewaffnet und mir von einen einzigen Ordonnanzsoldaten begleitet, indie Kutsche, die im inneren Hof
des Gebäudes für ihn
bereitstand.
Als der
Wagen das Tor verließ, fiel die Menge den Pferden in die Zügel.
Man
rißden Wagenschlag auf
»Zerrt ihn heraus, den Ketzer, zerrt ihn auf dieStraße!« Aber schon stieg er von selbst aus, zorngerötet
im
Gesicht, undbegann mit seinem Reitstöckeben auf die Köpfe und Schultern
der Leute
um ihn einzuschlagen: »Ihr Hundesöhne, fort von mir, fort!
Was
unter-
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steht ihr euch! Ich hin Riza Chan! Fort, zu euren Weibern in die Betten!«Und die tobende Menschenmenge, die eben noch Tod und Verderben gedroht hatte, verstummte vor der Macht seines Mutes, wich scheu zurückund gab ihm die Bahn frei. Einer nach dem andern verschwand lautlos,die Menge lichtete sich und verzog sich in die Seitengassen. Wieder einmalhatte ein Großer zu seinem Volk gesprochen; er hatte im Zorn gesprochen,und das Volk beugte sich. Vielleicht mischte sich in jenem Augenblick einGefühl der Verachtung in Riza Chans Liebe für sein Volk und trübte sieauf immer.Jedenfalls aber ließ sich die Republik nicht verwirklichen, obwohl RizaChan alle äußeren Machtmittel zur Verfügung hatte. Im Scheitern diesesVersuchs erwies es sich, daß militärische Macht allein nicht genügte, umdem unwilligen Volk eine >Reformbewegung< aufzuzwingen. Nicht etwa,daß die Perser jede Reform als solche ablehnten: sie befürchteten jedoch,daß eine vom Westen geborgte politische Doktrin alle Hoffnung, jemalswieder im Rahmen der eigenen Kultur und Religion zu einer gesundenEntwicklung zu gelangen, zuschanden machen würde.Riza Chan begriff dies nicht
weder damals noch später
und entfremdete sich dadurch seinem Volk. Die Zeit der Liebe für ihn war vorbei;die Zeit eines furchtsamen Hasses brach an. Man begann sich zu fragen:Was hat der Held für sein Land wirklich getan? Man zählte sich RizaChans Errungenschaften auf: die Umorganisation des Heeres
aber untergewaltigen Kosten, die dem ohnedies schon verarmten Volk erdrückendeSteuerlasten aufbürdeten; die niedergeworfenen Stammesauf stände—aberauch niedergeworfene Patrioten; eine glänzende Bautätigkeit in Teheran
aber ständig wachsende Not unter den Bauern im Lande. Man begannsich zu entsinnen, daß Riza Chan bis vor wenigen Jahren noch ein armerSoldat gewesen war
und jetzt zu den Reichsten in Persien gehörte undungezählte Hektar Land sein eigen nannte. Waren dies die >Reformen<,über die man so viel geredet hatte? Hatten die großartigen neuen Amtsgebäude in Teheran und die Luxushotels, die hie und da unterm Einflußdes Diktators entstanden waren, auch wirklich etwas dazu beigetragen,das Schicksal des Volkes zu verbessern und sein tägliches Brot zu vermehren?
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