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PuZ
Aus Politik und Zeitgeschichte
26/2009 · 22. Juni 2009
Geld
 Hans Christoph Binswanger 
Die Rolle von Geld und Kapital in unserer Gesellschaft
Stephan Schulmeister 
Der Boom der Finanzderivate und seine Folgen
 Harald Klimenta
Probleme und Chancen der deutschen Bankenlandschaft
 Frank Bertsch · Werner Just
Suche der Verbraucher nach verantwortlichen Kreditinstituten
Dieter Korczak
Der öffentliche Umgang mit privaten Schulden
Stefan Hradil 
Wie gehen die Deutschen mit Geld um?
Michael-Burkhard Piorkowsky
Lernen, mit Geld umzugehen
Beilage zur Wochenzeitung
Das
Parlament
 
Editorial
Seit Beginn der 1990er Jahre haben sich Real- und Finanzwirt-schaft auseinander entwickelt, seit 2000 in zunehmendemTempo. Wissenschaftler sprechen von einer Entwicklung des„Realkapitalismuszum „Finanzkapitalismus“. Ursächlichdafür ist eine Verlagerung des Gewinnstrebens auf den Finanz-sektor. Diese führt dazu, dass das Wachstum der Real- zuneh-mend hinter dem der Finanzwirtschaft zurückbleibt: mit allennegativen Folgen für die Gesamtwirtschaft.Banken – die Akteure von Finanztransaktionen – sind für dasFunktionieren des Wirtschaftssystems unerlässlich. Deshalbgreifen ihnen die Regierungen im Schadensfall unter die Arme.Die Bundesregierung hat am 13. Mai 2009 einen Gesetzentwurf zur Gründung staatlich gestützter Zweckgesellschaften (
bad banks
) zur freiwilligen Auslagerung „toxischerBankpapiereverabschiedet. Ziel ist es, das Kreditgeschäft wieder zu beleben.Die Banken sollen für die staatlichen Garantien Gebühren zah-len. Dass sie unter diesen Bedingungen die faulen Papiere tat-sächlich auslagern werden, wird von Kritikern bezweifelt.Banker tragen für ihr risikobehaftetes Tun außerordentlichhohe gesellschaftliche Verantwortung, wofür sie entsprechendentlohnt werden. Dass sie im Schadensfall von dieser befreit wer-den sollen, zumal dann, wenn der Schaden durch fahrlässige Spe-kulationsgeschäfte entstanden ist, und dass sie obendrein auchnoch Boni erhalten, stößt in der Gesellschaft zunehmend auf Unverständnis.Der nicht immer rationale, mitunter allzu sorglo-se Umgang der Bevölkerung mit Geld spiegelt sich hier wider.Kompetentes und verantwortungsvolles Umgehen mit Geldsollte ein breites Lernziel sein – auch für jene, die professionelldamit zu tun haben: die Banken und ihre Banker.
 Katharina Belwe
 
 Hans Christoph Binswanger 
Die Rolle vonGeld und Kapitalin unsererGesellschaft
Essay
D
ie Entwicklung der modernen Gesell-schaft wird geprägt durch die ständigeTendenz zum Wirt-schaftswachstum. Sieist zur Generallinieder Entwicklung ge-worden. Das Wachs-tum beruht in einemwesentlichen Ausmaßauf der sich ins Un-endliche fortsetzen-den Geldscpfungund des Einsatzes desGeldes zur Kapitalbil-dung. Um die sichdaraus ergebende Dy-namik zu verstehen,ist es notwendig, die Funktionsweise des Gel-des genauer unter die Lupe zu nehmen.Zuerst muss man wissen, was Geld ist, was
heute
Geld ist. Geld ist alles, womit man zah-len kann: Banknoten, also Papiergeld, sowieSichtguthaben bei den Banken, das heißt Gut-haben, die auf den Girokonten bei den Ban-ken verbucht werden; man spricht daher auchvon Buchgeld. Es kann in Banknoten einge-löst, aber die Banknoten können nicht mehrwie früher in Goldmünzen umgetauscht wer-den. Die letzten Reste einer solchen Einlö-sungspflicht sind anfangs der 1970er Jahredahin gefallen. Seither kann die Zentralbankohne Rücksicht auf irgendwelche Goldreser-ven den Banken Papiergeld in beliebigerMenge zur Vergung stellen. Auf dieseWeise kann die Menge des Geldes desBuchgeldes und des Zentralbankgeldes – von Jahr zu Jahr erhöht werden. Man spricht vonGeldschöpfung. Diese kann unendlich wei-tergehen, ohne an Grenzen zu stoßen, diefrüher durch die begrenzten Goldvorräte ge-geben waren. – Heute sind ca. 95 Prozent derGeldmenge Buchgeld und 5 Prozent Bankno-ten inkl. Münzen.Die Geldschöpfung erfolgt durch die Kre-ditgewährung der Banken an Unternehmen,an den Staat und an die Haushalte zurHauptsache an Unternehmen. Die Bankensind Produzenten von Geld. Sie schaffenGeld – Buchgeld – durch die Gewährung vonKrediten. Dies geschieht, indem die Bankenden Kreditnehmern einen dem Kredit ent-sprechenden Betrag auf einem Girokonto beisich gutschreiben. Diese Gutschrift ist Buch-geld. Es ist zu 100 Prozent
neues
Geld, dennes wird kein Betrag auf einem anderen Kontodadurch reduziert. Nur ein kleiner Teil davon– eben ca. 5 Prozent – wird in Banknoten ein-gelöst. Diesen Teil müssen die Banken daherin genügender Menge bereithalten. Die Zen-tralbanken können sie den Banken stets nach-liefern, indem sie von den Banken Kredite,die diese gegeben haben, und unter Umstän-den auch andere Aktiva der Banken, überneh-men, und dafür den Banken die Banknoten,das Papiergeld, in gewünschter Menge zurVerfügung stellen.Weil die Vermehrung der Geldmengedurch Vermehrung der Kredite erfolgt, unddie Unternehmen das Geld, das sie als Kreditvon den Banken erhalten, also das Buchgeld,investieren: es ausgeben, um damit Produkti-onsleistungen zu kaufen – Arbeitsleistungen,Energie, Rohstoffe – und mit diesen die Pro-duktion zu erhöhen, steigt damit auch dieProduktion von Gütern. Auf diese Weisewird das neu geschöpfte Geld doch einlösbar,allerdings nicht mehr in Gold, sondern– auch wenn erst nachträglich – in zusätzlichproduzierte Güter. Die Geldschöpfung, diedurch Kreditschöpfung erfolgt, führt daherzu einer realen Wertschöpfung. Dies ist derWeg, auf dem das Bruttoinlandprodukts, dasBIP, wächst.Das Wachstum hat sich zu einem Perpe-tuum mobile entwickelt, zu einem Prozess,der sich selbst in Gang hält, indem er selbstdie Voraussetzung schafft, die seine ständige
Hans Christoph Binswanger 
Dr. oec., geb. 1929; emerit. Pro-fessor für Volkswirtschaftslehrean der Universität St. Gallen;1967 bis 1992 Direktor der For-schungsgemeinschaft für Natio-nalökonomie (FGN-HSG); 1992bis 1995 Direktor des Institutsfür Wirtschaft und Ökologie(IWÖ-HSG), Tigerbergstrasse 2,9000 St. Gallen/Schweiz.hans-christoph.binswanger@unisg.ch
Der Essay basiert auf dem Buch des Autors Hans-Christoph Binswanger, Die Wachstumsspirale, Mar-burg 2006.
3APuZ 26/2009
of 00

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