Hans Christoph Binswanger
Die Rolle vonGeld und Kapitalin unsererGesellschaft
Essay
D
ie Entwicklung der modernen Gesell-schaft wird geprägt durch die ständigeTendenz zum Wirt-schaftswachstum. Sieist zur Generallinieder Entwicklung ge-worden. Das Wachs-tum beruht in einemwesentlichen Ausmaßauf der sich ins Un-endliche fortsetzen-den Geldschöpfungund des Einsatzes desGeldes zur Kapitalbil-dung. Um die sichdaraus ergebende Dy-namik zu verstehen,ist es notwendig, die Funktionsweise des Gel-des genauer unter die Lupe zu nehmen.Zuerst muss man wissen, was Geld ist, was
heute
Geld ist. Geld ist alles, womit man zah-len kann: Banknoten, also Papiergeld, sowieSichtguthaben bei den Banken, das heißt Gut-haben, die auf den Girokonten bei den Ban-ken verbucht werden; man spricht daher auchvon Buchgeld. Es kann in Banknoten einge-löst, aber die Banknoten können nicht mehrwie früher in Goldmünzen umgetauscht wer-den. Die letzten Reste einer solchen Einlö-sungspflicht sind anfangs der 1970er Jahredahin gefallen. Seither kann die Zentralbankohne Rücksicht auf irgendwelche Goldreser-ven den Banken Papiergeld in beliebigerMenge zur Verfügung stellen. Auf dieseWeise kann die Menge des Geldes – desBuchgeldes und des Zentralbankgeldes – von Jahr zu Jahr erhöht werden. Man spricht vonGeldschöpfung. Diese kann unendlich wei-tergehen, ohne an Grenzen zu stoßen, diefrüher durch die begrenzten Goldvorräte ge-geben waren. – Heute sind ca. 95 Prozent derGeldmenge Buchgeld und 5 Prozent Bankno-ten inkl. Münzen.Die Geldschöpfung erfolgt durch die Kre-ditgewährung der Banken an Unternehmen,an den Staat und an die Haushalte – zurHauptsache an Unternehmen. Die Bankensind Produzenten von Geld. Sie schaffenGeld – Buchgeld – durch die Gewährung vonKrediten. Dies geschieht, indem die Bankenden Kreditnehmern einen dem Kredit ent-sprechenden Betrag auf einem Girokonto beisich gutschreiben. Diese Gutschrift ist Buch-geld. Es ist zu 100 Prozent
neues
Geld, dennes wird kein Betrag auf einem anderen Kontodadurch reduziert. Nur ein kleiner Teil davon– eben ca. 5 Prozent – wird in Banknoten ein-gelöst. Diesen Teil müssen die Banken daherin genügender Menge bereithalten. Die Zen-tralbanken können sie den Banken stets nach-liefern, indem sie von den Banken Kredite,die diese gegeben haben, und unter Umstän-den auch andere Aktiva der Banken, überneh-men, und dafür den Banken die Banknoten,das Papiergeld, in gewünschter Menge zurVerfügung stellen.Weil die Vermehrung der Geldmengedurch Vermehrung der Kredite erfolgt, unddie Unternehmen das Geld, das sie als Kreditvon den Banken erhalten, also das Buchgeld,investieren: es ausgeben, um damit Produkti-onsleistungen zu kaufen – Arbeitsleistungen,Energie, Rohstoffe – und mit diesen die Pro-duktion zu erhöhen, steigt damit auch dieProduktion von Gütern. Auf diese Weisewird das neu geschöpfte Geld doch einlösbar,allerdings nicht mehr in Gold, sondern– auch wenn erst nachträglich – in zusätzlichproduzierte Güter. Die Geldschöpfung, diedurch Kreditschöpfung erfolgt, führt daherzu einer realen Wertschöpfung. Dies ist derWeg, auf dem das Bruttoinlandprodukts, dasBIP, wächst.Das Wachstum hat sich zu einem Perpe-tuum mobile entwickelt, zu einem Prozess,der sich selbst in Gang hält, indem er selbstdie Voraussetzung schafft, die seine ständige
Hans Christoph Binswanger
Dr. oec., geb. 1929; emerit. Pro-fessor für Volkswirtschaftslehrean der Universität St. Gallen;1967 bis 1992 Direktor der For-schungsgemeinschaft für Natio-nalökonomie (FGN-HSG); 1992bis 1995 Direktor des Institutsfür Wirtschaft und Ökologie(IWÖ-HSG), Tigerbergstrasse 2,9000 St. Gallen/Schweiz.hans-christoph.binswanger@unisg.ch
Der Essay basiert auf dem Buch des Autors Hans-Christoph Binswanger, Die Wachstumsspirale, Mar-burg 2006.
3APuZ 26/2009
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