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er schottische Ökonom und Philosoph Adam Smithschrieb in seinem 1776 erschienenen Werk „Der Wohlstand der Nationen“ das Zusammenwirkender Menschen auf den Märkten werde von einer unsicht-baren Hand geleitet, so dass jeder von ihnen einen Zweckfördere, den zu erfüllen er in keiner Weise beabsichtigthabe. Dieser Zweck sei das Gemeinwohl im Sinne von wirt-schaftlicher Effizienz und optimaler Allokation der Güter.Die Vorstellung, dass das individuelle Streben zwar vonEigennutz geprägt sei, dieses jedoch durch die Kräfte desfreien Marktes zum Wohle der Allgemeinheit führe, hat sichbis heute in den Köpfen der meisten Ökonomen gehalten.Diese gehen davon aus, dass das Marktgeschehen ein sichselbst regulierendes System sei, in dem Angebot und Nach-frage den Preis bestimmen. Es lohnt sich daher, die Wech-selwirkungen zwischen Angebot, Nachfrage und Preis mitmodernen Werkzeugen zu untersuchen, nämlich mit der Kybernetik.Die Kybernetik wurde durch den amerikanischenMathematiker Norbert Wiener (1894-1964) begründet undbezeichnet die Lehre von der Kommunikation und Kontrollelebender Organismen, Maschinen und Organisationen.Sie erforscht die grundlegenden Prinzipien zur Steuerungund Regulierung von Systemen unabhängig von ihrer Her-kunft. Insofern handelt es sich um den Teil einer allgemei-nen Systemtheorie. Zugrunde liegt die Beobachtung, dassOrganismen ihre Körperfunktionen innerhalb bestimmter Grenzen aufrechterhalten, obwohl diese durch externe Ein-flüsse permanent gestört werden. So erhält beispielsweiseder Körper aller Warmblüter seine Körpertemperatur auf einem bestimmten Niveau, obwohl die Außentemperatur ständigen Veränderungen unterworfen ist. Das allgemeinePrinzip besteht in einer negativen Rückkopplung innerhalbeines sogenannten Regelkreises. Das bedeutet, dass dasErgebnis einer Maßnahme auf die Maßnahme selbst zurück-wirkt, und zwar im umgekehrten Sinne. Ein gutes Beispielfür die Anwendung dieses Prinzips in der Technik ist dieZentralheizung. Dabei misst ein Temperaturfühler fortlau-fend die momentane Raumtemperatur. Überschreitet dieseden eingestellten Sollwert (Istwert > Sollwert), dann sorgtder sogenannte Regler dafür, dass die Leistung des Bren-
Die unsichtbare Hand
Von Dr. Horst Käsmacher 
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DIE UNSICHTBARE HAND
 
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ners verringert wird. Dies führt zur Absenkung der Tempe-ratur. Unterschreitet die Temperatur (Istwert < Sollwert) dengewünschten Wert, so wird die Leistung des Brenners wie-der erhöht. Auf diese Weise werden unterschiedliche Tem-peraturverluste, z.B. durch Änderung der Außentemperatur oder Öffnen eines Fensters automatisch ausgeglichen unddie Raumtemperatur nahezu konstant gehalten. Das Ergeb-nis der Brennerleistung, nämlich die Raumtemperatur wirdnegativ auf die Brennerleistung rückgekoppelt. Je höher die Brennerleistung, desto höher die Temperatur (positiveKopplung) und je höher die Temperatur, desto geringer dieBrennerleistung (negative Rückkopplung). Es dürfte ein-leuchten, dass innerhalb dieser Kopplung gewisse Verzö-gerungen eingebaut sein müssen, damit der Brenner beikurzen schnellen Temperaturänderungen nicht ständig ein-und ausschaltet und das System in Schwingung gerät. Auf die verschiedenen Arten von Reglern, die zwischen die bei-den Größen geschaltet ist, soll hier nicht weiter eingegan-gen werden. Es sei lediglich erwähnt, dass das unvermeid-bare Schwingungsverhalten des Regelkreises von der Cha-rakteristik des Reglers abhängt. Es ist also eine gewisseDämpfung erforderlich, damit der Regelkreis nicht in unkon-trollierte Schwingungen gerät. Eine gewisse Schwingung istjedoch in jedem Regelkreis vorhanden. Zur Verdeutlichungsei hier noch ein Beispiel aus der Medizin erwähnt. In der sogenannten Hirnanhangdrüse, der Hypophyse wird einHormon produziert, welches die Keimdrüsen, also Eierstö-cke und Hoden, ihrerseits zur Produktion von Hormonenveranlasst. Es handelt sich somit um eine positive Kopp-lung. Die von Eierstock und Hoden produzierten Hormonebewirken ihrerseits, dass die Produktion des Hormons inder Hypophyse gehemmt wird. Dies ist die negative Rück-kopplung. Wird durch irgendeine Störung, z.B. durch denAnblick eines attraktiven Menschen in der Hypophyse mehr Hormon produziert als üblich, so bewirkt der aus der ver-stärkten Stimulation der Keimdrüsen resultierende über-mäßige Anstieg der dort produzierten Hormone, dass dieweitere Produktion des Hormons in der Hypophyse stärker gehemmt wird. Der ganze Vorgang findet mit zeitlicher Ver-zögerung statt. Die Hormonspiegel kehren daher nach einer gewissen Zeit wieder auf die ursprünglichen Werte zurück.Von diesen Regelsystemen gibt es im Körper eine ganzeMenge. Je nach Trägheit des Reglers kommen dabei auchregelmäßige Schwingungen zustande, wie zum Beispielbeim weiblichen Zyklus, der etwa 28 Tage dauert.Das Prinzip der negativen Rückkopplung zeigt sich beinäherer Analyse auch im System von Angebot, Nachfrageund Preis. Ist der auf dem Markt zu erzielende Preis einer Ware hoch, so veranlasst dies viele Produzenten diese Warezu produzieren. Das Angebot, also die Menge der angebote-nen Ware ist daher positiv mit dem Preis gekoppelt. Da dieUnternehmen nur unzureichend darüber informiert sind,inwieweit ihre Konkurrenten das selbe Produkt ebenfallserzeugen, kann es passieren, dass das Angebot zu groß für die bestehende Nachfrage wird. Damit die Unternehmendennoch die Ware absetzen können, müssen sie die Preisesenken. Ein hohes Angebot wirkt also negativ auf den Preis(negative Rückkopplung). Betrachten wir nun die Nachfrage-seite. Ist die Nachfrage nach einem Gut hoch, so können dieUnternehmen die Preise erhöhen (positive Kopplung). Istder Preis jedoch hoch, dann können sich nur wenige Men-schen die angebotene Ware leisten und die Nachfrage sinkt(negative Rückkopplung). Wir sehen also, dass die unsicht-bare Hand des Adam Smith in einem verzahnten Regelkreiszwischen Angebot, Nachfrage und Preis besteht, bei demes zwei positive Kopplungen und zwei negative Rückkopp-lungen gibt. Aus diesem Grund kann sich auf einem Güter-markt quasi automatisch ein Preis herausbilden. Dabei kön-nen auch Schwingungen auftreten. Das bekannteste Bei-spiel dafür ist der sogenannte Schweinezyklus. Wenn sichherausstellt, dass der Schweinepreis hoch ist, veranlasstdies viele Bauern zur Schweinemast. Da die Aufzucht der Ferkel jedoch einige Zeit beansprucht, die für alle Bauerngleich lang ist, kommen die Schweine nahezu gleichzeitigauf den Markt. Da die Nachfrage niedriger ist, als das Ange-bot, müssen die Bauern die Preise senken, um ihre Wareloszuwerden. Die erhofften Gewinne schmelzen zusammenund viele Bauern beschließen daraufhin, zukünftig keineSchweine mehr zu mästen. Daher kommt es nach einiger Zeit zur Knappheit von Schweinefleisch, was die Preise wie-der nach oben treibt. Der Zyklus ist damit geschlossen undkann von neuem stattfinden.
DIE UNSICHTBARE HAND
 
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Die zeitliche Verzögerung zwischen Produktion und Ver-kauf der Ware ist unter anderem ein Grund für den Wech-sel von Boom und Rezession. Selbst dann, wenn die einzel-nen Unternehmen eine genaue Information über die zukünf-tige Nachfrage hätten, so würde die Unkenntnis über dieAbsichten der Konkurrenzunternehmen eine Überproduk-tion nicht verhindern können. Die Überproduktion führtjedoch immer wieder dazu, dass die Unternehmen ihre Warenicht loswerden, die Preise und damit der erhoffte Gewinnzusammenschmelzen und in der nächsten Wirtschaftspe-riode zuerst die Lager geleert werden müssen, bevor eineerneute Produktion begonnen wird. Die Dauer dieser Zyklenhängen unter anderem auch von der Lebensdauer der Pro-dukte ab. Nach der Wiedervereinigung herrschte in Ost-deutschland ein Mangel an Immobilien. Die staatliche För-derung veranlasste viele Unternehmen zum Bau von Immo-bilien. Der einsetzende Boom führte dazu, dass auch dannnoch Anteile an geschlossenen Immobilienfonds verkauftwurden, als die Marktsättigung längst abzusehen war. Dieüberschüssigen Immobilien ließen sich nicht mehr ver-mieten und die Anleger verloren dabei viel Geld, währendsich windige Makler an den Provisionen bereicherten. DaImmobilien langlebige Güter sind, ist abzusehen, dasses eine Zeit dauern wird, bis der Bau neuer Häuser wieder einen Gewinn ermöglicht. Man könnte nun glauben, dassdie „unsichtbare Hand“ des Adam Smith eine fantastischeSache sei. Schließlich funktioniert die Selbstorganisationdes Marktes über die beschriebenen Regelkreise tatsäch-lich ohne Steuerung durch staatliche Institutionen weitest-gehend automatisch. Das ist genau das, was die neolibe-ralen Wirtschaftstheoretiker propagieren. Der Staat soll sichaus dem Marktgeschehen zurückziehen (Privatisierung) unddurch Abbau einschränkender Vorschriften (Deregulierung)das Geschehen den freien Kräften des Marktes (Liberalisie-rung) überlassen. Aber es gibt noch eine zweite unsichtbareHand, die Adam Smith nicht gesehen hat und die von denmeisten Ökonomen nicht gesehen wird. Diese „unsichtbareHand“ ist der Zinseszinseffekt. Wendet man die Kybernetikauf dieses Phänomen an, dann zeigen sich bemerkenswerteUnterschiede (Abb. 2). Es handelt sich nämlich nicht umeinen Regelkreis, denn dieser erfordert per Definition min-destens eine negative Rückkopplung. Ein positiv rückge-koppeltes System ist daher auf seine eigene Zerstörung pro-grammiert und kann nicht innerhalb gegebener Grenzen freischwingen. Geldkapital und Zinserträge können nur wach-sen, weil der Zins bestenfalls einmal null, aber nicht negativwerden kann. Störungen bewirken daher allenfalls Schwin-gungen der Wachstumsgeschwindigkeit, aber das expo-nentielle Wachstum verhindern sie nicht. Nun ist die Wirt-schaft ein äußerst komplexes System in dem die beschrie-benen Rückkopplungen lediglich Teilsysteme darstellen.Die Reduktion des Marktgeschehens auf die „unsichtbareHand“ ist daher eher eine vereinfachende Wunschvorstel-lung, die lediglich auf die Preisbildung angewendet werdenkann. Die Tatsache, dass immer wieder Krisen auftreten, diedurch hohe Arbeitslosigkeit, Vermögensverluste, Rückgang
 Abbildung 1:
Die Abbildung verdeutlicht die beiden über den Preis miteinander vernetzten Regelkreise im System von Ange-bot und Nachfrage. Wenn das Angebot höher ist, als die Nachfrage, wirkt sich die negative Rückkopplung des Preises mit dem Angebot stärker aus, als die positive Kopplung mit der Nachfrage. Da der Preis dadurch fällt, verringert sich das Ange-bot durch die positive Kopplung mit dem Preis, während die Nachfrage durch die negative Rückkopplung zunimmt. Dadadurch einer gestiegenen Nachfrage ein verringertes Angebot gegenübersteht, steigt der Preis wieder an. Es herrscht alsoim Gegensatz zu den üblichen statischen Modellen der Ökonomen kein Gleichgewicht, sondern eine dynamische Wechsel-wirkung, die das System schwingen lässt. Je besser die Anbieter die Nachfrage zum kalkulierten Preis vorhersehen, umsoweniger wird das System schwingen. Je synchronisierter die Produktionszyklen sind, umso eher wird es zu einem Überange-bot kommen. Ein Aufschaukeln dieser Schwingungen ist bei ungenügender Dämpfung allerdings nicht ausgeschlossen.
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DIE UNSICHTBARE HAND
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