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www.humane-wirtschaft.de – 03/2009
281. Zum Gegenstand der Geldumlaufsicherun
Die Leser dieser Zeitschrift sind mit dem Gedanken ver-traut, dass mit dem Geldwesen etwas nicht stimmt. Einer-seits befinden wir uns auf einem Stand der Technik, der uns Expeditionen zum Mars durchführen lässt, andererseitsschleppen wir im gesellschaftlichen Bereich jahrtausendealte, ja barbarische Institutionen wie einen Mühlstein umden Hals mit uns herum. Dazu zählt auch das Geld. Unser Geld – da nehme ich ausdrücklich auch unser Papiergeldmit ein – ist mit seinen Eigenschaften dem Gold „nach-geäfft“ (wie sich Silvio Gesell in seiner unnachahmlichenSprache ausdrückte) und vereint dieselben Widersprüchewie das Gold in sich. Wenn Geld nicht mehr die gefordertenMindesterträge bringt, wenn die Investition des Geldes mitzu hohen Unsicherheiten verbunden ist, wird es nicht mehr in den Verkehr gebracht, sondern gehortet. Ob und wanndas Geld in den Wirtschaftskreislauf zurückfließt, ist demBelieben der Geldbesitzer überlassen. Was dem gesundentechnischen Sachverstand absurd erscheint, ist im Geld-wesen Alltag: Wer würde einem Auto über den Weg trauen,das Gas (Tauschmittelfunktion) und Bremse (Wertaufbe-wahrungsfunktion) in einem Pedal vereint? Der TÜV würdeein solches Gefährt augenblicklich und vollkommen zuRecht aus dem Verkehr ziehen. Nur beim wichtigsten Ver-kehrsmittel der Volkswirtschaft, dem Geld, halten wir diesfür selbstverständlich.Die Auswirkungen des Fehlers in dieser zentralen Insti-tution zeigen sich in der gegenwärtigen Finanzkrise: DieGeschäftsbanken misstrauen sich gegenseitig, da keineBank weiß, wie viele „toxische Wertpapiere“ sich in der Bilanz der anderen Banken befinden und ob eventuelle Ab-bzw. Versicherungen von Risikogeschäften ihrer potenziellenPartner noch das Papier wert sind, auf dem sie geschriebensind (s. die Rekordverluste der AIG). Die Konsequenz: Der Interbankenmarkt trocknete in den letzten Monaten weitge-hend aus, die Versorgung mit kurzfristigem Geld wurde (wasansonsten nur bei Finanzierungsspitzen üblich ist) zwischen-zeitig nahezu vollständig mit der Zentralbank abgewickelt.Auch die Verbriefung (Securitisation) und der anschlie-ßende Verkauf von Krediten ist den Banken nur noch sehr eingeschränkt möglich – stattdessen müssen sie die Kre-dite in den eigenen Büchern behalten und mit Eigenkapi-tal unterlegen.i Die Konsequenz: Zurückhaltung bei der Kre-ditvergabe und Kreditvergabe nur noch zu entsprechendharschen Konditionen. Kurz: Der Geldfluss stockt. Die Wir-kung ist wie bei einem Dominoeffekt, da auch die Zuliefer-industrien beeinträchtigt werden. Die Auswirkungen sindbekannt: Die Arbeitslosigkeit schnellt hoch, eine nach der anderen Firma geht „über die Wupper“. Auch altbekannteNamen wie Märklin, Pfaff oder Rosenthal sind darunter.Der Staat sieht sich in der Pflicht zu reagieren, insbe-sondere was „systemwichtige“ Industrien angeht. Dabei
„Heiße Kohle“Zur Umlaufsicherung des Geldes
Teil 1
Von Dirk Löhr 
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greift man auf „altbewährte Lösungen“ zurück: Der Staatsoll Garantien übernehmen oder die geparkten Gelder über eine immense Neuverschuldung zu sich nehmen und wie-der in den volkswirtschaftlichen Kreislauf drücken. Das„Deficit Spending“ von John Maynard Keynes ist wieder inaller Munde. Ob der Konjunkturmotor durch solche Anstren-gungen allerdings wieder anspringt, ist allerhöchst unsi-cher. Großbritannien hat auf diese Weise viele MilliardenPfund schon „verpulvert“ – mit dem einzigen Effekt, dieHandlungsfähigkeit seines öffentlichen Haushalts immensgeschwächt zu haben. Doch gibt es keinen Grund, scha-denfroh mit dem Finger auf die Insel zu deuten: Die zentral-europäischen „Konjunkturpakete“ können ebenso als Tiger losspringen und dann als – teurer – Bettvorleger landen.Anders als das Anspringen des Konjunkturmotors ist näm-lich eines sicher: Die Verschuldung bleibt – für viele Länder ist fraglich, ob sie jemals (außer durch die Ingangsetzungder Notenpresse und eine anschließende Währungsreform)wieder auf ein erträgliches Niveau abgebaut werden kann.Die Abstrusität der Keynes´schen Rezeptur des „Defi-cit Spending“ kann schön am Beispiel eines Autofahrersillustriert werden, der in einer engen Einbahnstraße dieGeschwindigkeit reduziert und schließlich stehenbleibt,weil er sich unsicher ist. Auch alle nachfolgenden Verkehrs-teilnehmer werden dabei blockiert (dies entspricht demStau im volkswirtschaftlichen Verkehr bzw. Stilllegung deswichtigsten Verkehrsmittels – des Geldes). Wie löst man einsolches Problem im Lande Absurdistan im 21. Jahrhundert?Der neoklassische Ökonom würde vorschlagen, die Straßenoch ein wenig mit Verkehrsleitsystemen auszubauen,schön zu schmücken sowie die Kfz-Steuer zu senken; durchdiese Angebote soll der Verursacher des Staus Lust bekom-men, vielleicht wieder weiterzufahren. Denn normaler-weise fährt man ja in einem Auto – eigentlich existiert dasbeschriebene Problem in der neoklassischen Angebotsöko-nomie deswegen ja gar nicht.Der keynesianische Ökonom hingegen würde nacheinem Polizisten (Vater Staat) rufen. Dessen Vorname istPeer. Er fordert die Verkehrsteilnehmer in der Autoschlangeauf, ihm jeweils 10 Euro (pro Auto) zu geben. Anschließendposiert er mit der Kollekte freudestrahlend vor der nächstenKamera. Nachdem er hinreichend finanzpolitische Kompe-tenz ausgestrahlt hat, macht sich Peer schleunigst zum Ver-ursacher des Stillstandes an der Spitze des Staus auf. Peer ist ein Künstler des Verhandelns: Er bietet dem Störenfrieddie gesamte Kollekte (fiskalischer Zins) an, wenn er sichfreundlicherweise bereit erklärt, die Blockade aufzugebenund weiter zu fahren. Unser Störenfried sackt das Geld dan-kend ein, fährt ein paar Meter weiter und bleibt dann wie-der stehen. Unser Problem-Peer runzelt die Stirn, da er wohldie Autofahrer noch einmal zur Kasse bitten muss. Mögli-cherweise können sich die Autofahrer in der Schlange nachmehreren Kollekten dieser Art jedoch noch nicht einmalmehr den Sprit leisten, um sich ebenfalls fortzubewegen– selbst wenn vorne die Bahn wieder freigegeben wird. Siehalten diese Geschichte für absurd? Ich stimme Ihnen zu:Sie ist genauso absurd wie unser Geldwesen im Jahr 2009.Vielleicht ist Ihnen ja auch noch eine andere Möglichkeitin den Sinn gekommen, wie man das Problem lösen könnte– dann zählen Sie jedoch zu einer kleinen Gruppe von „bun-ten Hunden“ und Sozialromantikern, die meint, der Poli-zist könne dem Blockierer ja möglicherweise auch mit einer Verwarnung drohen, wenn er sich nicht sofort in Bewegungsetzt. Die meisten eingesessenen Ökonomen würden Ihnenangesichts eines solchen Vorschlages weitreichenden Rea-litätsverlust bescheinigen, denn diese – mit dem marktwirt-schaftlichen Verursacherprinzip kompatible – Vorgehens-weise liegt den Vorschlägen Silvio Gesells zugrunde.Die Essenz ist eine Umlaufsicherungsgebühr, um dasStocken des wichtigsten Verkehrsmittels der Wirtschaft,des Geldes, zu verhindern („Idle Money“).Keynes, Gesell, Johannson, Proudhon u.a. sahen, dasses nicht dasselbe ist, wenn man Ihnen für getane Arbeiteinen 100-Euro-Schein oder einen Leib Käse im Wert von100 Euro anbietet. Wenn Sie Durst haben, können Sie denLeib Käse nicht in einen Automaten stecken, um sich eineCola zu ziehen. Wenn Sie gesättigt sind, können Sie denLeib Käse auch nicht unbegrenzt aufbewahren, ohne dasser sich irgendwann in seiner Konsistenz verändert und amEnde gar vor Ihnen wegläuft. Von der Maus nicht zu reden,die sich inzwischen am Käse gesättigt und in diesem ihreHinterlassenschaften zurückgelassen hat. Habe ich Aus-zahlungsverpflichtungen, nimmt jedermann den 100-Euro-Schein an, aber keineswegs den Leib Käse. Kann ich meinekünftigen Ein- und Auszahlungen daher nicht genau voraus-sehen, ist es sinnvoll, Geld vorzuhalten, alles andere wäreaus individueller Sicht Käse.Wenngleich es weder Marxisten noch ihre heimlichenGlaubensbrüder, die Neoklassiker, glauben wollen: Geldhat gegenüber der Ware einen Vorteil, sie ist der „Joker“im Wirtschaftsleben. Und den gibt man nicht ohne Not und„for free“ aus der Hand. D.h., man fordert einen Vorteil für den Verzicht auf die genannten Vorteile der Geldhaltung,wenn man das Geld herausgibt: Dies ist in der verquastenTerminologie von Keynes die sog. „Liquiditätsprämie“ desGeldes, bei Gesell der „Urzins“. Keynes führte eine messer-scharfe Analyse des Liquiditätsphänomens durch – m.E.besser als diejenige von Gesell – um dann am Ende die sichaufdrängenden Schlussfolgerungen nicht zu ziehen. Gesellhingegen ging an die Wurzeln, er wollte die Liquiditäts-
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prämie, den Urzins durch „künstliche Durchhaltekosten“(Keynes) neutralisieren. Mit der „Umlaufsicherungsgebühr“soll die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes verstetigt wer-den. Es ist – auf unsere obige Metapher übertragen – das„Knöllchen“, das den Verkehrssünder zum Weiterfahrenbewegt. Das Geld wird also über die „Umlaufsicherungsge-bühr“ in den Wirtschaftskreislauf „gedrückt“. Wer Liquidi-tät hält, entzieht sie dem Wirtschaftskreislauf – er darf diestun, wird jedoch als Verursacher der Belastungen, die er der Gemeinschaft hiermit zufügt, zur Kasse gebeten. Dies gibtjedem Wirtschaftsteilnehmer einen Anreiz, die individu-elle Liquidität so gering wie möglich zu halten. Selbst einePerson mit der psychischen Verfassung von Dagobert Duckwürde bei einer solchen Gebühr das Geld nur noch zumZwecke von Transaktionen und in so geringen Mengen wiemöglich halten. Über die Umlaufsicherungsgebühr würdenGeldzirkulation wie Nachfrage auch und gerade dann gesi-chert, wenn Investitionen nach heutigen Maßstäben nichtmehr „rentabel“ durchzuführen sind.Das alles hört sich zunächst für ungewaschene Gehirnegut an, wenngleich der Glaubensgemeinschaft der Öko-nomen diese Logik normalerweise nicht zugänglich zumachen ist. Dennoch sitzt der Teufel im Detail. So muss,wenn von „Geldreform“ geredet wird, zunächst überhauptdefiniert werden, was in die Regulierung einbezogen wer-den bzw. was als „Geld“ definiert werden soll. Es geht umdie uralte Frage: „Was eigentlich ist Geld“? Und die Ant-wort ist wesentlich komplizierter als die übliche studen-tische: „das, was ich nicht habe“. Allerdings kann es nichtum die Frage gehen, welches die „richtige“ Gelddefinitionist. Definitionen können per se nicht „richtig“ oder „falsch“sein – es geht bei Definitionen vielmehr um die Zweck-mäßigkeit sprachlicher Konventionen. Um Anhaltspunktedafür zu bekommen, welche Konvention zweckmäßig ist,werfen wir noch einmal einen kurzen Blick auf typischeKrisenerscheinungen: Jeder kennt es aus eigener Erfahrung: Am Supermarktan der Kasse zahlen 80% der Leute bar. Ich mache nach-folgend aus Vereinfachungsgründen keinen Unterschiedzwischen Bargeld und Zentralbankgeld, wenngleich sol-che Differenzierungen möglicherweise zu den wenigen Bei-trägen gehören, welche die akademische Wissenschaftvom Geld zum Thema liefern könnte. Mit beiden Bezeich-nungen meine ich „physisches Geld“. Bei Konsumgüterndes gehobenen Bedarfs und v.a. bei Investitionsgüternkommt jedoch zunehmend Giralgeld ins Spiel. Im Normal-fall wird die Couchgarnitur oder das neue Auto nicht Cash,sondern über EC-Karte bezahlt. Es gibt nun gute Gründe für die Annahme, dass der Umsatz mit alltäglichen Konsumgü-tern – und damit auch die Umlaufgeschwindigkeit des Bar-geldes – verhältnismäßig stabil ist – im Gegensatz zumAbsatz von Konsumgütern des gehobenen Bedarfs oder von Investitionsgütern: Wenn der Familienvater nicht mehr weiß, ob er morgen noch seinen Job bei Opel (Konsum-güter des gehobenen Bedarfs) hat, spart er eben nicht anKonsumgütern des alltäglichen Bedarfs; vielmehr wird dieUrlaubsreise nach Mallorca aufgeschoben (Konsum desgehobenen Bedarfs, der wieder normalerweise per Kredit-karte oder Banküberweisung beglichen wird).Wenn bei einem Automobilzulieferer die Absatzzahleneinbrechen, wird z.B. die eigentlich vorgesehene Investitionin eine neue Stanzmaschine in eine bessere Zukunft ver-legt. Auch die Maschine wäre nicht mit Bargeld, sondern per Banküberweisung bezahlt worden. So aber parkt der Auto-mobilzulieferer das Geld einstweilen auf Terminguthaben –hier ist es schnell verfügbar (falls die Bank den Dispo-Kreditnicht mehr länger gewährt) und wird noch halbwegs zufrie-denstellend verzinst.Diese Beispiele sollen darstellen, dass die konjunktu-relle Problematik weniger in Störungen des Bargeldumlaufsliegt – die unter der Matratze gehorteten Euro-Scheine der sprichwörtlichen Oma sind nicht der Auslöser der Krise –möge die alte Frau in Ruhe und von Gesell-Anhängern unbe-helligt ihren Lebensabend verbringen. Entscheidend hinge-gen ist das Verhalten insbesondere der Unternehmen, dieihre Investitionsnachfrage einschränken oder der Banken,die keine Kredite mehr zu tragbaren Konditionen vergeben– dies alles sind wesentlich Stockungen der „Buchgeldzir-kulation“. Dabei handelt es sich um erkleckliche Summen.Die Herrscher über das „parkende Buchgeld“ sind nichtarm – zumeist handelt es sich um institutionelle Anleger wie Banken, Versicherungen, Kapitalanlagegesellschaftenetc. Die Konsequenzen ihres Verhaltens hinterlassen dannauch deutliche Spuren in der Realwirtschaft.
2. Buchgeld: Fünf Probleme
Nachfolgend wollen wir fünf Probleme darstellen, die mit demBuchgeld verbunden sind. Es wird nicht der Anspruch erho-ben, dass es sich um eine vollständige Aufzählung der Pro-bleme handelt. Der Leser möge sich erst einen Kaffee auf denTisch stellen, denn nun wird´s leider ein wenig theoretisch.
Problem 1: Der Umlauf des Buchgeldes
Seit Keynes wird zwischen der Transaktions-, der Vorsichts-und der Spekulationskasse unterschieden. Die Transakti-onskasse wird für geplante Anschaffungen gehalten, dieVorsichtskasse hingegen, weil ungeplante Auszahlungenzu Liquiditätsengpässen führen können – zumal wenn(anders als in der neoklassischen Theorie) eben Bankkre-dite eben nicht allzeit bereit stehen. Otto-Normalökonomgeht für Otto-Normalphasen davon aus, dass das Trans-
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