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www.humane-wirtschaft.de – 02/2009
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 Von Simon Bichlmaier
Die Provokation
Wird Sloterdijk seinem eigenen Anspruch zur Gänzegerecht? In vielen Bereichen eindeutig: ja. Medien, Poli-tik, Zeitgeist, etc., seine Bücher sind in vielerlei Sicht inte-ressant, entlarvend, tiefere Beweggründe, Motivationenund plausible Erklärungen aufzeigend. Aus diesen Grün-den habe ich sie gelesen, mich durch all die anspruchs-voll-sprachkünstlerischen Formulierungen gearbeitet, die jaauch einen gewissen Reiz ausmachen.Doch gerade im Bereich Geld und Ökonomie fällt diesloterdijksche Entgegnung zur plakativen Schulmeinung,der entlarvend-logische Fingerzeig, teilweise etwas zag-haft aus oder fehlt auch in m.E. nach eminent-wichtigenBereichen gänzlich. Der, stets als ausweglos suggerierte,Kapitalismus wird zwar bis in so mache – anderorts kon-sequent tabuisierte – Bereiche offengelegt, doch bzgl. der Globalisierung bleibt seine Betrachtung konsequent im„System-ungefährlich“-Unkonkreten.
Doch zunächst: Sloterdijk und der Kapitalismus
Nehmen wir Peter Sloterdijk beim Wort und lassen uns inBezug auf die Ökonomie von diesem herausragenden Philo-sophen provozieren und konfrontieren ihn selbst mit Faktenund Inhalten, denen er sich bisher noch nicht gewidmet hat.Folgendes ist anerkennend vorauszuschicken: Nur weilSloterdijk wesentliche Kapitalismus-Wahrheiten überhauptausspricht, kann er hierin auch sinnvoll weitergedachtwerden.
Sloterdijk: „Die Philosophen habenden Gesellschaften nur verschiedengeschmeichelt; es kommt darauf an, sie zuprovozieren.“
1)
Peter Sloterdijkund dieÖkonomie
 A
ngesichts der Ratlosigkeitselbst der Experten in der erstam Beginn stehenden Finanz-markt- und Wirtschaftskrisesticht ein Mann mit seiner Dar-stellung des Erkennbaren undden dahinter stehenden Wir-kungskräften besonders hervor.Der Philosoph Peter Sloterdijkbricht Tabus und zeigt Zusam-menhänge auf, die in den all-täglichen Medienberichten sonicht zu vernehmen sind. ZurBewältigung der Krise lohntes sich seine Gedanken auf-zugreifen und weiter zu füh-ren, was jedoch nicht kritik-los geschehen darf, denn auchdie Philosophie beweist in derStunde, in der es wie seltenauf das „Denken“ ankommt, somanche Schwäche.
PETER SLOTERDIJK
 
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Er benennt immer wieder auch die tieferliegendenMechanismen und systemischen Zwänge unseres heutigenkapitalistischen Wirtschaftens: Zinsproblematiken, wiedurch diesen bedingter Mindest-Wachstumszwang, Schul-denkollaps-Gewissheiten, Krisenausweglosigkeit – undrichtet, wie zu zeigen sein wird, den Blick sogar auch auf ziemlich flächendeckend unausgesprochene Wahrheiten,beschreibt mit all dem immerhin auch Zusammenhänge undFakten, die bis heute nicht aus der Lehr- und Fachliteratur der Ökonomie herauszulesen sind und teilt uns Geld-Wahr-heiten mit, die wir z.B. von unseren Verantwortlichen bei der Deutschen Bundesbank oder der EZB so nicht erfahren.Kurz: Den schönstmöglichen Schein erhalten wir zuver-lässig vom Verantwortlichen- und Institutionen-Mainstream,viele bemerkenswerte kritische Wahrheiten auch von Slo-terdijk – nur scheint auch er keine ursächlichen Lösungenfür all die so deutlich anwachsenden Probleme zu kennen.Für einen aufwendig-reflektierenden Ökonomiebetrachter,der auch die Erkenntnisse der Freiwirtschaftslehre kennt,ist dies so natürlich nicht widerspruchslos zu akzeptieren.Wobei ich diese Kritik präzisieren möchte: Ich bean-stande natürlich nicht, dass Sloterdijk kein Befürworter der Freiwirtschaftslehre Silvio Gesells ist, sondern – zunächst –lediglich, dass er diese nicht einmal thematisiert. An man-chen Stellen seines Werkes kann man als Informierter zwar überraschend naheliegend vermuten, dass er mit somanchen Formulierungen die Freiwirtschaftslehre meinenkönnte, mit Gewissheit sagen lässt sich dies aber nie. DieExistenz einer Lösung, die den Kapitalismus in Richtungeiner wahren, da dauerhaft leistungsgerechten Marktwirt-schaft hinter sich lässt – ist seinem Gesamtwerk bislangnicht zu entnehmen.Dies ist eine fatale Lücke im Werk Sloterdijks (wie auch
aller 
anderen Philosophen?), da die Lösungsansätze der Freiwirtschaftslehre nichts weniger, als die plausibel-pas-senden Werkzeuge zur Behandlung der kapitalistischenProbleme darstellen würden. Was natürlich – trotz aller ermutigenden geschichtlichen Erfahrungen und aller Logik– noch letztendlich im Großen und Ganzen zu beweisenwäre. Mit dem realen Funktionieren der freiwirtschaftlichenIdeen steht und fällt natürlich auch diese Argumentation.Doch damit dieser Beweis überhaupt eines Tages möglichwerden kann, ist auch von der Philosophie eine angemes-sene Behandlung des Themas zu fordern – Undenkbaresin der Philosophie? Undenkbar! In der argumentativen Aus-einandersetzung reifen die Gedanken zur wahrschein-lichsten Wirklichkeit – und vor Allem: der Verifizierung desAnsatzes (dessen Chancen für die Menschheit durchaus alsspektakulär anzusehen wären) muss eine vorherige Thema-tisierung wohl zwingend vorausgegangen sein.Ich will im Folgenden die Aussagen Sloterdijks zu denin unserem Zusammenhang relevanten Themen aufzeigenund kritisch-konstruktiv weiterdenken.
 Allgemeines zur Ökonomie-Betrachtung Sloterdijks:
Sloterdijk blickt prinzipiell mit denselben kategorischenGrundannahmen auf das kapitalistische Geschehen, wienahezu alle seine Fachkollegen. Diese Sicht der Dingebeschreibt auch die
 per se
-Darstellung der Mainstream-Ökonomie, wie auch jene der Mainstream-Medien. Der kate-gorische Kernsatz der Intellektuellen-Ökonomie-Betrach-tung lautet: Es gibt entweder Kapitalismus oder Kommunis-mus – Punkt.Diese Aussage soll heute – nach dem offenkundigenScheitern des Kommunismus – einen gewissermaßen natur-gegebenen Kapitalismus suggerieren. Es gibt kein „Drittes“,den kapitalistischen Problemen sei möglichst optimal zubegegnen, besser ginge es nicht.
Die „Problemzonen“ deskapitalistischen Wirtschaftens:
Sloterdijk zeigt an vielen Stellen seines Werkes auf, dass dieMehrheit der Menschen mit dem Kapitalismus tendenziellauf härtere Zeiten zusteuert, dass er ein System mit zwangs-läufig wachsenden Verteilungs-Asymmetrien darstellt.Die Kunst der verantwortlichen Akteure zeige sich imgekonnten Jonglieren mit dem Unvermeidlichen, der maxi-malen Verschiebung des Absturzes. Sloterdijk spricht von
 „Kollapsverzögerung in gierdynamischen Systemen“ 
,
2)
ver-weist auf die Parallele des kapitalistischen Wirtschaftens zuPyramidenspielen, thematisiert einen „Anspruch“ der „
alt- gedienten Mitspieler 
“ auf immer weitere leistungslose Ein-kommen – spricht gar aus, was gewöhnlich in der logischenKonsequenz ungesagt bleibt:Das
kreditbasierte Wachstumssystem ist „auf Gedeihund Verderb von erweiterter Reproduktion abhängig“ 
, der eine „
Zusammenbruchstendenz inhärent 
“ ist.
)
 Der deutliche Hinweis auf diese prinzipiell sichereCrash-Zukunft wird gewöhnlich von allen Medien-protegier-ten Intellektuellen konsequent vermieden. Sloterdijk isthier eine positive Ausnahmeerscheinung, was die Medienwiederum höflich-ignorant zu tolerieren scheinen. In Buch-rezensionen und Interviews werden gerade jene Aussa-gen, in denen der Philosoph vielleicht allzu deutlich wurde,
PETER SLOTERDIJK
 
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gewöhnlich ignoriert oder schnell übergangen. Und Sloter-dijk wird oftmals ziemlich deutlich:Der Kausal-Zusammenhang Zins/Wirtschaftswachstum(der ja bis heute keinem Lehrbuch der Ökonomie zitierfä-hig entnehmbar ist) ist für ihn ein Offensichtlicher: Im kapi-talistischen Wirtschaften, wird versucht, dem „
Zinsdruck mit wirtschaftlichem Wachstum zu antworten.
)
Sloterdijksieht dies als bisher relativ gut gelungen an, die letzten 500 Jahre wären insgesamt zufriedenstellend verlaufen (wasnatürlich auch konträr diskutiert werden könnte). Die wei-tere Zukunft dessen betrachtet er aber durchaus skeptisch.Eine Möglichkeit den Kapitalismus zu verlassen, sieht er nicht. Bestenfalls könne er eines Tages
 sich selbst überwin-den
,
 seine eigene Steigerung in einen Postkapitalismus
vollziehen, diese Verwandlung könne dann allerdings nur eine Form von Systemvermischung zwischen Kapitalismusund Sozialismus hervorbringen. Hierdurch wird ein wirk-licher „Dritter Weg“ wieder als bisher „unbekannt“ sugge-riert: „
 Also nichts Neues unter der Sonne? 
5)
Der Zins wird also auch bei Sloterdijk wie ein Naturge-setz der Geldwirtschaften behandelt, die „
 ständige Flucht nach vorn
“ als ehernes Paradigma zur Krisenverzögerung.
6)
 Er sagte zwar schon einmal, dass jene, die das immer-forte
Wirtschaftswachstum in Frage stellten, nichts weniger ins Spiel brächten, als das Problem, ob und wie man die- sen, seit Jahrhunderten ins Ungewisse rasenden, „Nacht- zug zum Stehen bringen kann – oder ob es wenigstens eineUmleitung für ihn gibt 
7)
, doch konkrete „Bremsvorschläge“könnten in den Universitäten selbst nicht mehr erdacht wer-den, da diese sich der immer schnelleren Weiterfahrt schonlängst voll verschrieben hätten.
8)
Zur Frage, ob es über-haupt Alternativen hierzu geben könne, stellt er allerdingsselbst nur suchende Fragen – denen er leider auch keiner-lei potentielle Antworten zuzuordnen weiß.
9)
Im großen Fun-dus der ihm bekannten „Alternativbewegungen“ fand sichdie Freiwirtschaftslehre Gesells bislang leider noch nie.Also soll der rasende Zug weiter bestmöglich auf denGleisen gehalten werden – wissend, dass irgendwann dieletzten Streckenmeter erreicht sein werden:Das kapitalistische System soll durch die Künste der Zentralbanken möglichst lange am Funktionieren gehal-ten werden. Über Zentralbanken sagt Sloterdijk, dass sieein Verfahren seien, um Unseriöses seriös zu machen, eine
Technik der Zusammenbruchsverlangsamung.
0)
Slot-erdijk benennt deutlich den „
vom Zins erzeugten Stress
und sieht in der Zentralbankkunst das gelungene Austarie-ren der Konjunkturbedürfnisse mit den Schuldenlastproble-men. Immer mehr neue Schuldner müssten gefunden wer-den, dass „
Spiel
“ ginge erst seinem Ende zu, wenn ihmschon alle beigetreten seien.
)
 Die Zukunft muss uns also bekanntermaßen zwangs-läufig „amerikanische Verhältnisse“ bringen. Dort (wieauch in England, Spanien, …) sind in letzter Zeit offenkun-dig schon viel zu viele Spieler integriert worden, das kapi-talistische Spielende-Szenario wird uns derzeit denkwürdigvorgeführt. Sloterdijk nennt dies einen „
Methusalem-Kapi-talismus kalifornischen Typs
“. Dieser erzwinge erhöhte Risi-kobereitschaften immer größerer Bevölkerungsteile, eineimmer generalisiertere schuldenbasierte Konsumgesell-schaft, die immer größere Teile ihrer „
Lebenszeit mit Til- gungsgeschäften zuzubringen
“ hätten.
2)
Hier wird von den sicheren Krisen von Morgen gespro-chen. Diese für prinzipiell – „naturgegeben“ – unvermeid-bar zu halten, scheint allerdings weiterhin oberste Intel-lektuellen-Pflicht zu sein. Nicht ursächlich hinterfragenoder gar zur Inspiration „Überwindung des Zinssystems“in Internet-Suchmaschinen eintippen, nur beobachten undbeschreiben.So spricht Sloterdijk von der Gruppe der ca. 10 Millionenglobalen Millionäre als eine neue Art Adel. Sie redeten vor-wiegend Genealogisches, verstünden sich als eine neue „ver-wandschaftsähnliche“ Gruppierung, die sich mit sich selbstam besten vertrage. Der neue Geld-Feudalismus wäre amliebsten unter sich, in der Welt der unbegrenzten Möglich-keiten das Leben mit anderen Privilegierten genießend.
)
Eine Gesellschaftsgruppe, die nur auf eines achtenmüsse, um dauerhaft im Spiel zu bleiben: Dass sie ihr Geldnicht schneller ausgibt, als es sich vermehrt. Doch aus wel-chen Gründen herrschen die heutigen Rahmenbedingendes unauffällig-automatischen Nehmens und Gebens?
Die kategorisch-behauptete Ungestaltbarkeit des kapitali-stischen Ökonomie-Geschehens – national wie global – wieauch das beharrliche Ignorieren der grundlegenden Unter-schiede zwischen Marktwirtschaft und Kapitalismus, wiesie v.a. von Silvio Gesell erörtert wurden, sind meine Kritik-punkte an den Ökonomie-Betrachtungen Peter Sloterdijks.
Weitblick ...
PETER SLOTERDIJK
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