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Paragrana 17 (2008) 1 Akademie Verlag
Digitale Medien
 
Paragrana 17 (2008) 1 Akademie Verlag
 Benjamin Jörissen
The Body is the Message
Avatare als visuelle Artikulationen, soziale Aktanten und hybrideAkteure
Das Wort „Avatar“ stammt ursprünglich aus dem Sanskrit und bezeichnet dieverschiedenen Formen der Herabkunft eines Gottes in menschliche oder tierischeKörper. Avatare sind in dieser Hinsicht
Verkörperungen
einer personalen Instanzin einer anderen Welt oder Sphäre: ein geistiges Wesen erhält einen Körper in einer materiellen Welt. Wie diese Verkörperungen zu begreifen sind, hängt dabei nichtzuletzt von einer Bewertung, letztlich einer Theorie der Sphäre ab, in welcher siestattfinden. – Hätte beispielsweise, um einen uns historisch geläufigeren Kontext(als den der brahmanischen Lehren) zu zitieren,
 Platon
Kenntnis von dieser Ver-körperungsidee erhalten, so wäre sie ihm sicherlich recht bekannt vorgekommen:als
 Herabstieg 
der überzeitlichen Seele in eine Welt der Zeitlichkeit und End-lichkeit, für Platon also der täuschenden Sinne und Leidenschaften, der minderen,weil
abbildhaften
Realität. Denn ebenso ergeht es in den platonischen Mythen der Seele, wenn sie in einen Leib hineingeboren wird: von göttlicher Substanz undfähig, das Absolute zu schauen, nun aber eingebettet in einen Körper, der geradedies verhindert: ein Körper, der damit
nota bene
nicht eine Art fleischlicher Marionette darstellt, sondern dessen
Struktur 
, also der dreigliedrige Aufbau Kopf (Vernunft) – Brust (Mut, Wille) – Unterleib (Willkür, Leidenschaften) das, was dieSeele in diesem Zustand schauen und denken kann,
 strukturell verändert 
. Der Körper mag also ein ontologisch minderwertiges „Abbild“ sein, aber in der abend-ländischen Dichotomie von Körper und Seele ist er durchaus (eigen-) mächtig undeigendynamisch. Ist der Geist oder die Seele ganz Form, so erscheint der Körper als Medium, in welchem diese Form erscheint. Als Medium in diesem abstraktenSinn
1
aber ist er nicht passiv:
the medium is the message
(McLuhan) heißt in Bezugauf das, als was sich das Individuum begreifen kann:
the body is the message.
 Vielleicht also hat das Abendland – verstanden als diejenige historische Kultur desDenkens, die darauf basierte, Seele von Körper, Innenwelt von Außenwelt, rescogitans von res extensa, Irdisches von Göttlichem, Wirkliches von Simulakrenusw. zu trennen – den Menschen immer schon als eine Art Avatar verstanden: als beseelten Leib, von dem angenommen wird, dass dessen materielle Gestalt prinzipiell von der Seele trennbar ist. Jedenfalls erscheint der 
Mensch
im Rahmen
1 Herzlichen Dank an Norbert Meder für diese Theoretisierungsidee, die (ohne dass dies an dieser Stelle weiter ausgeführt werden kann), auf Luhmanns Medium-Begriff, die Differenz Medium/Form, Bezug nimmt.
 
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dieses Denkens als ein temporäres
 Hybrid 
verschiedener Substanzen, die eine ganzForm, die andere Materie und Erscheinung.Bleiben wir noch einen kurzen Augenblick bei der historisierenden Betrachtung:Die platonische Theorie des ontologischen Abstiegs von der Ideenwelt zur ma-teriellen Welt wurde im Neuplatonismus, zuerst bei Proklus (410-485), dann beiComenius bildungstheoretisch gewendet als Hervorgehen (
 próodos
) der sinnlich-materiellen Sphäre (
mundus realis
) aus dem
mundus possibilis
, also der Welt desDenk- und Vorstellbaren (
rationabile
,
appetibile
,
operabile
), verstanden.
2
Der 
mundus possibilis
ist aber dem Wortlaut nach nichts anderes als eine
virtuelle Welt 
,nämlich eine der Kraft oder Möglichkeit nach bestehende.
3
Der 
mundus realis
istdie materiell-sinnliche Sphäre der Dinge, und das Bildungsziel bestand bei Co-menius in der Mimesis an die göttliche Kunst der Hervorbringung (
imitatio aut transformatio
), die eine in der Rückwendung (
epistrophé)
zur ideellen und „po-tentiellen“ Sphäre versprechen sollte: die Frage der Virtualität steht gewissermaßenschon sehr früh in einem bildungstheoretischen Bezugsfeld, dessen Richtung vonder körperlich-materiellen Welt hin zur ideell-virtuellen Welt gehen sollte.Im nachmetaphysischen, postcartesianischen Zeitalter präsentieren sich die Ver-hältnisse interessanterweise umgekehrt: Der medientechnologische
 Avatar 
ist nichtdie
 Herab
kunft einer ideellen Substanz in einen materiellen Körper – in den posthumanistischen Cyberphantasien der 1980/1990er Jahre, von
Max Headroom
 bis zu
Stelarc
, ist er vielmehr das Ergebnis eines
 Auf 
stiegs (
upload 
) des immer schon verkörperlichten, an den Körper gefesselten Subjekts in einen
mundus possibilis
, also einen virtuellen, unkörperlichen Raum – ein Traum von der technologischen Überwindung des Körpers, den Elisabeth List treffenderweise als„kybernetischen Platonismus“ gekennzeichnet hat,
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als Vision „vom körperlosenSelbst in der telematischen Kultur“. Die Liebhaber und Verächter des Avatars undder angeblich körperlosen Welten der Neuen Medien saßen dabei gleichermaßeneinem (eigentlich bereits unzeitgemäßen, weil durch den Konstruktivismus erheb-lich angeschlagenen) ontologischen Schema auf, indem sie unter dem Eindruck der medialen „Bilderfluten“ einerseits und der avantgardistisch-kritischen Schwund-theorien (Baudrillard, Virilio) andererseits die Medien- und Entkörperungs- problematik auf der 
 Basis
der Differenz „Realität vs. Virtualität“ beobachteten. DieSorge der Entkörperung breitete sich mithin – paradoxerweise – zugleich mit der Erkenntnis aus, dass der Körper selbst bis in seine Materialität hinein konstrukt-haft, diskursiv, imaginär, dem begrifflichen Zugriff entzogen ist, – jedenfalls allesandere als einen sicheren theoretischen Bezugspunkt für Virtualisierungsdebattendarstellt.
2 Vgl. Buck, Günther: Rückwege aus der Entfremdung: Studien zur Entwicklung der deutschenhumanistischen Bildungsphilosophie. Paderborn, München 1984, S. 49 ff.3 Welsch, Wolfgang: »Wirklich«. Bedeutungsvarianten Modelle Wirklichkeit und Virtualität.In: Krämer, Sybille (Hg.): Medien – Computer – Realität. Wirklichkeitsvorstellungen und NeueMedien.
 
Frankfurt am Main 1998, S. 169-212.4 List, Elisabeth: Grenzen der Verfügbarkeit.Wien 2001, S. 143.
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