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Informelle Lernkulturen in Online-Communities.Mediale Rahmungen und rituelle Gestaltungsweisen
 Benjamin Jörissen
Es ist bekannt, dass das Internet zu einem nicht geringen Teil als ein großer  jugendkultureller Erlebnisraum betrachtet werden kann (Vogelgesang 2000). Wiedie jährlich aktualisierten „Jugend-Information-Multimedia“-Studien (Medienpäd.Forschungsverbund 2005) immer wieder zeigen, stellt das Spielen im Internetfür viele Jugendliche – neben anderen Tätigkeiten wie etwa Chatten, Musik-download oder Informationsbeschaffung im Bereich jugendnaher Themen – einen wichtigen Aspekt dar. Wir kennen auf der anderen, weniger ludischenSeite die Neuen Medien als Plattform für 
e-Learning 
-Umgebungen, die mal mehr,mal weniger erfolgreich vor allem der Ergänzung und Optimierung der vorhan-denen institutionellen, etwa schulischen Lernkulturen dienen sollen. Weniger  bekannt ist das Internet bisher als ein Ort, an dem sich informelle jugendlicheLernkulturen formieren. Mehr und mehr wird speziell das Internet zu einemkommunikativen Ort, an dem Welt- und Selbstbezüge ausgeprägt und Wissens- bestände modifiziert und erweitert werden (Marotzki 2004; Hagedorn 2003).Damit ist weniger die individuelle Wissenserweiterung gemeint, also etwa dieVerwendung des Internet als Lernmedium zu Recherchezwecken etc., sondernvielmehr die Tatsache, dass das Internet immer mehr zu einem Ort kollektiver Bemühungen um Lernen und Wissenserweiterung wird. „Netsurfers don’t ridealone“ (Wellmann 1999) – was bereits für die frühe Phase des World Wide Webgalt, hat sich in den letzten Jahren zu einem Boom von Online-Communitiesund sozialen Netzwerken entwickelt, der mediengeschichtlich, was den Zuwachsan Kommunikations- und Kollaborationsmöglichkeiten angeht, seinesgleichensucht (vgl. Jörissen/Marotzki 2007) und der eine Vielzahl neuer medialer Lern-kulturen hervorbringt.In diesem Kapitel soll an einem konkreten Fall rekonstruiert werden, wie in-formelles Lernen in Online-Communities ermöglicht und gestaltet wird. Für dieUntersuchung wurden nicht-reaktive Erhebungen (Datensammlungen) in einer der größten Foto-Online-Communities im deutschsprachigen Raum
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durchge-führt. Zu Vergleichszwecken im Sinne der minimalen bzw. maximalen Kontras-tierung (Kelle 1994) wurden zusätzliche Erhebungen in einer deutschen und einer 
1 http://www.fotocommunity.de [20.08.2006].
 
Informelle Lernkulturen in Online-Communities
185internationalen Foto-Community durchgeführt.
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Die Wahl unter den unzähligenOptionen jugendkultureller Online-Communities fiel aus mehreren Gründen auf das Genre der Foto-Communities:Erstens ist damit ein Bereich angesprochen, der durch die Neuen Medien inden letzten Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen hat – sehr stark auch inder Jugendkultur. Der Digitalkamera- und Fotohandy-Boom hat in Verbindungmit der Verbreitung von schnellen Internetzugängen dafür gesorgt, dass dasInternet in vielfältiger Weise zu einem Ort der Präsentation und des Austauschsvon Fotos wird. Es kommt zu einer massiven Präsenz privat aufgenommener Laien- und Amateurfotografien in sog. „Fotoblogs“ (Foto-Weblogs, in etwa alsFoto-Online-Tagebücher umschreibbar), in vielen größeren und kleineren Foto-Communities und Foto-Sharing-Seiten.
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Zweitens stellt die Fotografie einen Bereich dar, in dem eine große Band- breite an Kompetenzen und Lernbezügen vorhanden ist – schon seit dem ausge-henden 19. Jahrhundert reicht die Palette vom „Knipser“ über den mehr oder weniger ambitionierten Amateur bis hin zu semiprofessionellen Hobbyfotogra-fen: Im Jahr 1888 brachte die Eastman-Company die erste Kodak-Instantkameramit dem Slogan „You press the button, we do the rest“ auf den Markt. Entwick-lung und Ausbelichtung erfolgten vollständig in den Eastman-Labors. Die Ein-führung dieser Kamera wurde von geschickten Werbekampagnen begleitet,sodass eine große Anzahl von Amateuren in Europa und den Vereinigten Staaten begannen, ihre Lebenswelten in Schnappschüssen zu dokumentieren (Rosenblum1997, 259). Die Ausdifferenzierung in professionelle und Amateurfotografiedatiert weitaus früher; die
Société Française de Photographie
und die
 Photo- graphic Society of London
wurden 1853/1854 gegründet, kaum 15 Jahre nachder Einführung der Daguerreotypie bzw. Fox Talbots Calotypie. In den 150Jahren der Entwicklung und Verbreitung der Fotografie haben sich somit unter-schiedliche fotografische Praxen entwickelt. Mögen die Übergänge zwischenSchnappschuss-Fotografen, ambitionierten Amateuren und Professionellen nichtin jedem Einzelfall scharf definierbar sein, so lassen sich diese Kategorien dochanhand der verschiedenen diskursiven Felder, Handlungspraxen, Technikbezügeund Institutionen identifizieren, mit denen sie einhergehen. Für unseren Kontext(für eine ausführlichere Diskussion vgl. Pilarczyk/Mietzner 2005, 82 ff.)
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ist dabeiv. a. interessant, dass diese drei fotografischen Praxen (a) weitestgehend
 getrennt 
voneinander existierten, sowohl was den Kompetenzerwerb, die Erstellung und
2 http://www.deviantphoto.de; http://www.flickr.com [20.08.2006].3 Vgl. die Online-Quellensammlungen: http://del.icio.us/joerissen/PhotoCommunities; http://del.icio.us/joerissen/PhotoSharing; http://del.icio.us/joerissen/PhotoBlogs; http://del.icio.us/joerissen/MoblogCommunities [20.08.2006].4 Vgl. auch den Beitrag zu Familienurlaubs-Fotos von Iris Nentwig-Gesemann in diesem Band.
 
Benjamin Jörissen
186die Präsentation von Fotografien betrifft (typische Orte wären etwa das Atelier,der lokale Foto-Club sowie der engere Privatraum) und dass sie (b) in der Regelmit unterschiedlichen Lernkulturen einhergehen (formales Lernen als Regelfalldes professionellen Fotografen, nonformales Lernen des Amateurs in Kursenetc., beiläufiges Lernen des Knipsers). Durch die Neuen Medien gerät diesesFeld in rege Bewegung: Während die Werke dieser Gruppen voneinander ge-trennt in Familienalben, an den Wänden des eigenen Wohnraums oder auf Aus-stellungen präsentiert wurden, befinden sich in den Bildforen der Foto-Commu-nities Fotografien verschiedenster Niveaus nebeneinander – je nach Communitysehr häufig mit Diskussionen und Kommentaren der anderen Mitglieder versehen.Die Grenze zwischen professionellen und semiprofessionellen Fotografien weichtzunehmend auf: Zahlreiche Fotoagenturen betreten den Markt, die anspruchsvolleAmateurfotografie zu extrem geringen Preisen für Werbeagenturen, Webdesigner,Layouter etc. zur Verfügung stellen.
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Foto-Communities sind – je nach Ausrich-tung – Lernräume, in denen erfahrene und hochkompetente Hobbyfotografenmit lernwilligen Einsteigern zusammentreffen. Sie bieten insofern ein neues,strukturell außergewöhnlich interessantes Feld zur Beobachtung selbstorgani-sierter, informeller Lernumgebungen.Drittens schließlich können Fotografien als Inszenierungen von Verhältnis-sen zur Welt, zu anderen und zu sich selbst gelesen werden. Mit der Fotografieverbindet sich also potentiell nicht nur ein medienspezifisches Lernen, sondernsie impliziert zugleich ein weltbezogenes Lernen, ein Dazu- und Umlernen der Art und Weise, wie Dinge, Kulturen, Orte, Menschen, Körper, etc. gesehenwerden können (Flusser 2000; Niesyto 1991, 2001). Das Bild fungiert dabei alsdecodierbare Verdichtung von Weltsichten; als eine solche steht es im Zentrumritueller Aushandlungsprozesse – im Fall der beforschten Foto-Online-Commu-nities trifft dies z. T. wortwörtlich zu, wenn die Fotografien sowohl funktionalals auch im Layout der Webseiten das Zentrum bilden.
Die Performativität des Interface: Methodische und methodologischeVorüberlegungen zur Ritualität in der Online-Sphäre
Im Kontext der qualitativen Bildungs- und Sozialforschung stellt die Online-Sphäre einen immer noch wenig bekannten und nur partiell erschlossenen Bereichdar. Wiewohl qualitative Medienforschung als mittlerweile etablierter Methoden- bereich gelten kann (vlg. Ayaß/Bergmann 2006; Mikos/Wegener 2005), so bezieht
5 Vgl. http://www.istockphoto.com/; http://www.dreamstime.com/; http://www.fotolia.com/; http://www.shutterstock.com; http://www.stockxpert.com [20.08.2006].
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