Änderung der Verordnung über den Schutz vor nichtionisierender Strahlung (NIS)
FMHundÄrztinnenundÄrztefürUmweltschutzfordernschärfereVorschriften
AefU
ORGANISATIONEN DER ÄRZTESCHAFT
Editores Medicorum Helveticorum
Bernhard Aufdereggen,Yvonne Gilli,Cornelia Semadeni, Edith Steiner
Arbeitsgruppe Elektro-magnetische Felder der AefU
Einleitung
DieaktuellgeltendeNIS-Verordnungwurdeam23.De-zember 1999 erlassen. Seither hat die NIS-BelastungderSchweizerBevölkerungmassivzugenommen.Wis-senschaftlichverdichtensichdieHinweisefürGesund-heitsschädigungunterhalbdergeltendenGrenzwerte.Magnetfelder sind möglicherweise krebserregend. Esbesteht ein erhöhtes Alzheimerrisiko bei Anwohnernin der Nähe von Hochspannungsleitungen. Es gibtHinweise für ein erhöhtes Hirntumorrisiko bei Lang-zeitnutzung von Mobiltelefonen. Im Reagenzglas fin-den sich unter NIS-Exposition bei bestimmten Zell-typenErbgutveränderungen.5%derBevölkerungsindelektrosensibel.AusärztlicherSichtistimUmgangmitnichtionisierenden Strahlen dringlich Vorsorge ange-zeigt.DervorliegendeRevisionsentwurfgenügtdiesemAnspruch nicht.
Gesetzliche Grundlagen
Die NIS-Verordnung regelt den Schutz der Bevölke-rung vor nichtionisierender Strahlung von ortsfestenAnlagen unter Berücksichtigung der BestimmungenimUmweltschutzgesetz.SiewurdevomBundesratam1. Februar 2000 in Kraft gesetzt. Die damals festgeleg-tenImmissionsgrenzwerterichtensichnachdenEmp-fehlungender internationalen Stahlenschutzkommis-sion(ICNIRP).Sieschützenvorwissenschaftlichaner-kanntenschädlichenAuswirkungen,wiezumBeispielGewebserwärmung durch starke MobilfunkstrahlungoderMuskel-undNervenreizungendurchstarkemag-netische Felder. Schon damals bekannte biologischeWirkungen im Niedrigdosisbereich und vermutetenegativeLangzeiteffektewurdennichtberücksichtigt.Um dem Vorsorgeprinzip des Umweltschutzgesetzesdennoch Rechnung zu tragen, wurde die NIS-Belas-tung an Orten, wo sich Personen länger aufhalten,durchEmissionsbegrenzungderEinzelanlage(Anlage-grenzwert)zusätzlichbegrenzt.DieFestlegungderAn-lagegrenzwerteerfolgtenichtnachbiologischenKrite-rien, sondern nach betrieblich-technischer Machbar-keit und wirtschaftlicher Tragbarkeit und behält sichbezüglich Magnetfeldbelastungen grosszügige Aus-nahmeregelungen vor. Die Immissionsgrenzwerte fürMa
gnetfelder von Hochspannungsleitungen betragen100
m
T,
für Mobilfunkstrahlung 40–60 V/m; die Anla-gegrenzwerte1
m
T
bzw.0,4–0,6V/m.FürmobileGerätewie zum Beispiel Handys gibt es keine gesetzliche Re-gelung. Es gelten internationale Richtwerte, die dasVorsorgeprimat des Schweizerischen Umweltschutz-gesetzes nicht berücksichtigen.
NIS unterhalb der Grenzwerte eventuellgesundheitsschädigend
DiewissenschaftlicheDatenlagezubiologischenWir-kungenvonNISunterhalbderImmissionsgrenzwerteist10JahrenachderVernehmlassungzurNIS-Verord-nung noch immer unzureichend, vor allem im Bezug
aufLangzeitauswirkungenundaufempfindlicheBevöl-
kerungsgruppen wie Kinder, Schwangere und krankeMenschen.DieFragenachLangzeitauswirkungenver-langt nach mehrjährigen Studienkonzepten. Die Epi-demiologen kämpfen mit Schwierigkeiten bei der Ex-positionsabschätzung und mit methodischen Proble-men.DieStudienergebnissesindwidersprüchlich.DieWissenslücken sind noch immer gross. Es gibt kaumStudienüberMobilfunkbasisstationen.Auswirkungenauf Kinder sind praktisch unerforscht. Erwägungenzu Wirkpfaden von nichtionisierenden Strahlen sindnoch immer hypothetisch. Forschung und Gesund-heitsschutzhinkendemtechnischenFortschrittnach.Beispielsweise liegen noch keine Studien zu gesund-heitlichenAuswirkungenvonComputerfunk(WLAN)vor, obwohl die flächendeckende Einführung voll imGang ist. Die Verflechtung zwischen Industrie undForschung nimmt zu. Industrieabhängigkeit der wis-senschaftlichenStudienergebnisseistwissenschaftlichbelegt.ImVergleichzumWissensstandvon1999verdich-ten sich die Hinweise, dass NIS unterhalb der gelten-denGrenzwertegesundheitsschädigendsind.ImRea-genzglaszeigenbestimmteZellartenunterbestimmtenBedingungen unter Exposition mit NIS unterhalb derGrenzwerte Erbgutveränderungen [1,2] und Verände-rungen im Zellstoffwechsel[3]. Bevölkerungsuntersu-chungen um Hochspannungsleitungen ergaben kon-sistent, dass das Leukämierisiko bei Kindern bei einer
DauerbelastungmiteinermagnetischenFeldstärkevon
0,3–0,4
m
T
doppelt so hoch ist. Aus diesem Grund hatdie internationale Agentur für Krebsforschung IARC
niederfrequentemagnetischeFelderalsmöglicherweise
kanzerogen klassiert (2002)[4]. Die epidemiologischeEvidenz für einen Zusammenhang zwischen beruf-licher Magnetfeldbelastung und dem Risiko für De-
menzerkrankungenhatindenletztenJahrenzugenom-men
[5]. Eine ganz aktuelle Studie aus Bern zeigt eindoppeltsohohesAlzheimerrisikobeiLangzeitanwoh-nern in der Nähe von Hochspannungsleitungen [6].Die Untersuchung des Hirntumorrisikos bei Langzeit-nutzung von Mobiltelefonen deutet darauf hin, dassdas Tumorrisiko bei einer Nutzungsdauer von mehrals 10 Jahren bei starken Nutzern leicht erhöht sein
Schweizerische Ärztezeitung | Bulletin des médecins suisses | Bollettino dei medici svizzeri | 2009;90: 28/29
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