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4 Bioenergetik und Enzymologie
Thomas Kriegel, Wolfgang Schellenberger 
4.1 Thermodynamik und allgemeine Bioenergetik 100
4.1.1 Einführung in die Thermodynamik 1004.1.2 Energietransformation und Energiegewinnung in der Zelle 104
4.2 Katalyse in biologischen Systemen 107
4.2.1 Struktur und Funktion der Biokatalysatoren 1074.2.2 Nomenklatur und Klassifizierung der Enzyme 1124.2.3 Multiple Formen von Enzymen 1134.2.4 Ribozyme als Biokatalysatoren 1144.2.5 Bestimmung der katalytischen Aktivität der Enzyme 115
4.3 Mechanismen der Enzymkatalyse 1174.4 Enzymkinetik 121
4.4.1 Michaelis-Menten-Gleichung 1214.4.2 Enzymhemmung und Enzyminhibitoren 1244.4.3 Einfluss von Temperatur, pH-Wert und Oxidationsmitteln 127
4.5 Regulation der Enzymaktivität 129
4.5.1 Veränderung der Enzymmenge und der Substratkonzentration 1294.5.2 Einfluss von Enzymeffektoren 1294.5.3 Covalente Modifikation des Enzymproteins 131
4.6 Enzyme in der Medizin 134
4.6.1 Einsatzgebiete für Enzyme 1344.6.2 Klinische Anwendung von Enzyminhibitoren 1344.6.3 Bestimmung von Enzymaktivitäten und Metabolitkonzentrationen 1354.6.4 Diagnostische Bedeutung von Isoenzymen 1374.6.5 Enzyme als Signalverstärker bei diagnostischen Verfahren 137
Literatur 139
 
100
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Kapitel 4 ·
Bioenergetik und Enzymologie
 >>
Einleitung
Für das Leben gelten dieselben physikalisch-chemischen Gesetzmäßigkeiten wie für die unbelebte Natur. Diese Erkenntnis hatdie Betrachtungsweise biologischer Systeme revolutioniert. Aus der bioenergetischen Analyse der Lebensprozesse geht hervor,dass die Hauptsätze der Thermodynamik auch für lebende Systeme zutreffen und dass mit ihnen der Energieaustausch einesbiologischen Systems mit seiner Umgebung beschrieben werden kann. Auf diese Weise kann die Richtung der in einem Orga-nismus ablaufenden chemischen Reaktionen vorausgesagt, nicht aber deren unerwartet hohe Geschwindigkeit erklärt werden.Mit der Entdeckung und Charakterisierung der Enzyme als der nur in lebenden Systemen vorkommenden Katalysatoren wurdedieses Problem gelöst. Die ungeheure Vielfalt der in den Zellen existierenden Proteinstrukturen bildet dabei die molekulareGrundlage für die bislang unübertroffenen Fähigkeiten der Enzyme als Biokatalysatoren. Enzyme bilden spezifische Bindungs-stellen aus, die nicht nur eine selektive Anlagerung und Umsetzung von Substraten ermöglichen, sondern darüber hinaus aucheine präzise Anpassung ihrer katalytischen Aktivität an die aktuelle Stoffwechselsituation in einer Zelle gestatten.
stoffabhängigen
Oxidation
komplexer organischer Mole-küle (Kohlenhydrate, Proteine, Fette) zu Kohlendioxid,Wasser und Ammoniak bzw. Harnstoff.
 !
Die Hauptsätze der Thermodynamik beschreiben dieErhaltung und Transformation von Energie.
Aus der in
.
Abbildung 4.1
dargestellten Betrachtung derEnergieflüsse geht hervor, dass die Vorgänge der
Energie-transformation
für alle Lebensprozesse eine fundamentaleBedeutung besitzen. Die Gesetzmäßigkeiten der Energieer-haltung und der Energietransformation in der unbelebtenNatur sind in den
Hauptsätzen der
 
Thermodynamik 
for-muliert. Die gleichen physikalisch-chemischen Gesetz-mäßigkeiten gelten auch für lebende Systeme.Bei einer thermodynamischen Analyse ist es notwen-dig, zwischen einem
System
und seiner
Umgebung 
zu un-terscheiden. Unter einem System ist das im Zentrum derBetrachtung stehende Objekt – z.B. eine Zelle – zu verste-hen. Seine Umgebung besteht aus der Materie des gesamtenübrigen Universums. Ein System kann
offen, geschlossenoder abgeschlossen (isoliert)
sein. Offene Systeme könnenMaterie und Energie mit der Umgebung austauschen, ge-schlossene Systeme sind nur zum Energieaustausch befä-higt. Isolierte Systeme tauschen weder Energie noch Mate-rie mit der Umgebung aus.
4.1
Thermodynamik und allgemeineBioenergetik 
4.1.1
Einführung in die Thermodynamik 
 !
Die Energie zur Aufrechterhaltung der Lebensvorgängeauf unserem Planeten entstammt dem Sonnenlicht.
In
.
Abb. 4.1
ist der das Leben auf der Erde bestimmendeEnergiefluss in schematischer Form dargestellt. DurchKernfusion entsteht in der Sonne Energie, die zum großenTeil in Form von Licht abgestrahlt wird. Auf der Erde kannLichtenergie zur Biosynthese der verschiedenen Bausteinelebender Organismen verwendet werden. Zu diesem als
Photosynthese
bezeichneten Prozess sind chlorophyll-haltige Pflanzen und einige Mikroorganismen befähigt. DieLeistung dieser
photosynthetisch-autotrophen Organis-men
besteht darin, mit Hilfe von Sonnenlicht biologischeMakromoleküle aus einfachen Substanzen wie Kohlen-dioxid und Wasser herzustellen und molekularen Sauerstoff zu erzeugen. Ein anderes Stoffwechselprinzip ist bei den
heterotrophen Organismen
 verwirklicht, zu denen nebenBakterien, Pilzen und tierischen Organismen auch derMensch gehört. Diese beziehen die zur Aufrechterhaltungihrer Lebensfunktionen benötigte Energie aus der sauer-
.
Abb. 4.1. Quelle der biochemischenEnergie und Energiefluss zwischenautotrophen und heterotrophenOrganismen
 
4.1 ·
Thermodynamik und allgemeine Bioenergetik 
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101
 !
Erster Hauptsatz der Thermodynamik:
 
Die Energie desUniversums ist konstant.
Innere Energie.
Energie kann weder erzeugt noch vernich-tet werden. Während eines physikalischen oder chemischenVorganges kann ein System Energie an die Umgebung ab-geben oder von ihr aufnehmen. Dabei muss jede Änderungder Energie des Systems von einer entsprechend entgegen-gesetzten Änderung des Energiegehaltes des Universumsausgeglichen werden. Die
innere Energie
eines Systems verändert sich (
U), wenn es aus seiner Umgebung Energieaufnimmt oder an die Umgebung abgibt. Dies kann entwe-der durch Wärmeaustausch (
Q) erfolgen oder dadurch,dass das System Arbeit leistet bzw. Arbeit am System geleis-tet wird (
A). Es ist üblich, den Energiefluss vom Systemaus zu betrachten. Die Leistung von Arbeit bzw. die Abgabe von Wärme wird dabei mit negativem, die Aufnahme vonArbeit bzw. von Wärme mit positivem Vorzeichen verse-hen. Entsprechend gilt(1)
Reaktionsenthalpie.
Nach dem 1. Hauptsatz der Thermo-dynamik muss eine Verringerung des Energiegehaltes kom-plizierter organischer Moleküle bei deren Oxidation zueinfachen Verbindungen mit der Freisetzung von Energieeinhergehen. Dabei muss die in Form von Wärme bzw. Ar-beit abgegebene Energiemenge der Abnahme der innerenEnergie der oxidierten Substanzen entsprechen. Die
Reak-tionsenthalpie(ΔH)
gibt an, wie viel Reaktionswärme un-ter isobaren Bedingungen bei einer Reaktion frei wird oderzugeführt werden muss. Ist die Reaktionsenthalpie negativ(
H < 0), so bedeutet dies, dass bei der Reaktion Wärme-energie freigesetzt wird. Die Reaktion ist
exotherm
.
Ist
H > 0, kommt es nur dann zum Reaktionsablauf, wenndem System Wärmeenergie zugeführt wird. Es handelt sichum eine
endotherme
Reaktion
 !
Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik: Die Entropiedes Universums nimmt zu.
Entropie.
Der erste Hauptsatz der Thermodynamik liefertmit der Energiebilanz eine Rahmenbedingung für physika-lische und chemische Prozesse. Er trifft keine Aussage da-rüber, ob eine Reaktion stattfindet oder nicht und welcher von vielen möglichen Zuständen gleicher Energie der wahr-scheinlichste ist. Der im 2. Hauptsatz der Thermodynamik eingeführte Begriff der
Entropie
hat sich als ein wertvollesInstrument zur Beantwortung dieser Fragen erwiesen. Inder statistischen Thermodynamik ist die Entropie ein Maßfür die Wahrscheinlichkeit des Auftretens eines Zustandes.Isolierte Systeme streben eine möglichst gleichmäßige Ver-teilung ihrer Energie auf alle möglichen mikroskopischenBewegungsformen an. Die Energie verteilt sich dabei auf dem Weg zum thermodynamischen Gleichgewicht mög-lichst »unordentlich« auf die Freiheitsgrade des Systems.
Die
Entropie eines isolierten Systems
bleibt bei völligreversiblen Prozessen konstant. Bei irreversiblen Prozes-sen kommt es zu einer Entropiezunahme. ProminenteBeispiele für irreversible Prozesse, die von einer Zunahmean Entropie angetrieben werden, sind der Wärmeaus-tausch zwischen zwei Körpern verschiedener Temperaturoder der Konzentrationsausgleich zweier Lösungen durchDiffusion. Der letztgenannte Prozess ist in
 
.
Abb. 4.2
illus-triert. In dem durch eine permeable Membran unterteil-ten Gefäß kommt es zu einem Fluss der gelösten Mole-küle vom Ort hoher Konzentration in Richtung niedri-ger Konzentration. Obwohl es keinen Verstoß gegen den1. Hauptsatz der Thermodynamik darstellen würde, fin-det niemals eine spontane (freiwillige) Anreicherungder Moleküle in einer Hälfte des Gefäßes statt. Der spon-tane und irreversible Konzentrationsausgleich geht miteiner Zunahme der Entropie des Systems einher, die dannihren Maximalwert erreicht, wenn die gelösten Molekülegleichmäßig im Lösungsraum beider Kammern verteiltsind.
Das Universum stellt ein isoliertes System dar. Betrach-tet man ein in das Universum eingebettetes offenes System,so kann man die durch einen Prozess im offenen System verursachte Entropieänderung in einen Anteil, der die Ver-änderung der Entropie im offenen System und einen weite-ren Anteil, der die Veränderungen in der Umgebung be-schreibt, zerlegen:(2)Genau dann, wenn
S
gesamt
>0 ist, kann der Prozess spontanablaufen. Die Entropie der Umgebung steigt dabei vor allemdurch die von dem System abgegebene Wärme.
 !
Lebewesen sind notwendigerweise offene Systeme.
.
Abb. 4.2. Zunahme der Entropie in einem thermodynamischgeschlossenen System
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