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6 Zelluläre Organellen, Strukturenund Transportvorgänge
Andrej Hasilik
6.1 Zelluläre Kompartimente, Membranen und Transport 174
6.1.1 Kompartimente 1766.1.2 Membranen 1766.1.3 Prinzipien des Membrantransports 1786.1.4 Transport durch
gap junctions
, Porine und Kanalproteine 1806.1.5 Carrier-vermittelter Transport – 1836.1.6 Pathobiochemie 185
6.2 Organellen und Partikel 187
6.2.1 Zellkern 1876.2.2 Endoplasmatisches Retikulum und ERGIC 1906.2.3 Golgi-Apparat und trans-Golgi Netzwerk 1906.2.4 Vesikulärer und tubulärer Transport 1916.2.5 Plasmamembran 1956.2.6 Adhäsionsmoleküle 1976.2.7 Lysosomen, Endosomen und verwandte Organellen 2006.2.8 Exosomen 2036.2.9 Mitochondrien 2036.2.10 Peroxisomen – 2046.2.11 Intrazelluläre Partikel 2056.2.12 Pathobiochemie – 205
6.3 Cytoskelett 207
6.3.1 Mikrotubuli 2076.3.2 Aktinfilamente 2116.3.3 Intermediäre Filamente – 2146.3.4 Pathobiochemie 214
Literatur 215
 
174
6
Kapitel 6 ·
Zelluläre Organellen, Strukturen und Transportvorgänge
 >>
Einleitung
Weniger als zwei Jahrhunderte trennen den Beginn der Ära der Systembiologie von den Anfängen der funktionellen Histologieund Physiologie bzw. Zellbiologie. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts etablierte sich die zelluläre Theorie. Nicht ohneIrrwege setzte sich die Anschauung durch, dass tierische Zellen von Cytoplasma ausgefüllt sind und einen Zellkern enthalten,dessen Teilung jeder Zellbildung vorausgeht. Außerordentliche methodische Fortschritte der letzten Jahrzehnte gewähren unsdetaillierte Einblicke in die Struktur, Arbeitsweise und Bewegung von Molekülen. Der Einsatz der Fluoreszenzmikroskopie, Kryo-Elektronenmikroskopie, Bioinformatik und anderes mehr revolutioniert unsere Sichtweise des Zellinneren. Für diese Entwick-lung ist Rudolf Virchow’s 1858 erschienene »Zellularpathologie« von maßgeblicher Bedeutung. Der Vorstellung von der extra-oder intrazellulären Zellbildung läutete diese Monographie nicht zuletzt mit dem viel zitierten Ausspruch »omnis cellulaecellula« (jede Zelle kann nur aus einer bereits bestehenden hervorgehen) das Ende ein. Bis heute hat die Erforschung vonKrankheiten die von Virchow geforderte sorgfältige Beschreibung anatomischer Veränderungen konsequent eingehalten undund setzt neue Kenntnisse molekularer Strukturen und Funktionen zur Entwicklung besserer diagnostischer und therapeu-tischer Verfahren ein.
6.1
Zelluläre Kompartimente,Membranen und Transport
 !
Die Geschichte der Entdeckung subzellulärer Komparti-mente ist eine Geschichte der Entwicklung zellbiolo-gischer Methoden.
Die räumliche Aufteilung der Zellen, die
Kompartimentie-rung 
, sowie das Zusammenspiel der Kompartimente ist fürdie Durchführung und Koordinierung der für eukaryoteOrganismen charakteristischen Stoffwechsel-, Wachstums-,Differenzierungs- und Steuerungsvorgänge notwendig.Dank moderner Methoden der Zellbiologie kam es in denletzten Jahrzehnten zu einer beeindruckenden Erweiterungder Einblicke in das Zellinnere. Die in der Einleitung ange-sprochene Entwicklung der Methoden zur Aufklärung dereinzelnen Bestandteile der Strukturen und ihrer Funk-tionen, ist in
.
Abb. 6.1
illustriert. Viele Pionierarbeitenkonnten an den besonders großen Neuronen des Klein-hirns geleistet werden. Vor etwa 170 Jahren erlaubte derdamalige Stand der
Lichtmikroskopie
Jan EvangelistaPurkinje in Breslau ein ziemlich realistisches Bild der wich-tigsten Merkmale dieser Zellen mit einem zentralen Kernund mehreren Fortsätzen zu zeichnen (
.
Abb. 6.1a
).Camillo Golgi imprägnierte als Erster Zellen mit Silberni-trat (reazione nera) und veröffentlichte 1898 seine Zeich-nungen von Nervenzellen mit Nucleoli im Kern sowieDetails ihrer Fortsätze. Der von ihm erstmalig gezeichnete»retikuläre Apparat« trägt heute seinen Namen (
.
Abb.6.1b,c
). Substrukturen des Zellkerns und seiner Hülle, ver-schiedene Formen des Chromatins bzw. Kernporen könnenseit etwa 60 Jahren mittels der
Transmissionselektronen-mikroskopie
(
.
Abb. 6.1d
) betrachtet werden. Dank dieserTechnik ist unter Verwendung von Oberflächenrepliken –nach einer Fragmentierung eingefrorener Präparate (
 freeze- fracturing 
und
replica shadowing 
) – die Untersuchung derGrenzflächen voneinander getrennter Kompartimente inhoher Auflösung möglich. Seit wenigen Jahren erlauben
Kryoelektronenmikroskopie
und Tomographie die Auf-lösung noch kleinerer Strukturen bis circa 3 nm Größe.Diese Methode ermöglicht die Struktur von Partikeln undmolekularen Komplexen in ihrer natürlichen Umgebungsichtbar zu machen, z.B. die der Kernporen in der Kern-hülle (
.
Abb. 6.1e
). Mittels
Fluoreszenzmikroskopie
kön-nen unterschiedliche Moleküle durch indirekte Markierungmit fluoreszenten Antikörper- oder Oligonucleotid-Konju-gaten einzeln oder in Gruppen dargestellt werden. Ein Bei-spiel zeigt die Lokalisierung von Chromosomen im Kerneiner menschlichen Zelle (
.
Abb. 6.1f 
). Der Einsatz des
 green fluorescent proteins
(GFP) der pazifischen Qualle(Aequorea victoria) mittels molekularbiologischer Tech-niken, die sog. »grüne Revolution« der Zellbiologie, er-möglicht seit etwa einem Jahrzehnt die Untersuchung vonMolekülen in lebenden Zellen. Somit ist die Visualisierungder subzellulären Verteilung, Bewegung oder Colokalisie-rung von Proteinen möglich (
.
Abb. 6.1g–k 
). Spezielle Ver-fahren eröffnen den Blick auf kleinere Moleküle und Ver-änderungen ihrer Konzentration, z.B. die Speicherung vonCholesterin in Dendriten von Purkinje Zellen im Kleinhirneines Mausmodells der Niemann-Pick’schen Erkrankung(
.
Abb. 6.1g, h
). Der Speicherort des Cholesterins sindLysosomen.Die Überlagerung colokalisierter Fluoreszenzsignaleunterschiedlicher Wellenlänge führt zu einer Farbände-rung. In Präparaten mit Grün- und Rotfluoreszenz weistein gelbes Lichtsignal auf eine Colokalisierung markierterMoleküle hin (
.
Abb. 6.1i–k 
). Mittels
Rasterkraftmikros-kopie
mit einer Auflösung im Subnanometer-Bereich kön-nen Oberflächenstrukturen, etwa von Membranen mit ein-gebauten Proteinen, dargestellt werden. Bespiele solcherDarstellungen finden sich im
7
Kap. 6.1.4
.
 
6.1 ·
Zelluläre Kompartimente, Membranen und Transport
6
175
.
Abb. 6.1a–f. Entwicklung zellbiologischer Methoden.a
Jan E.Purkinjes Zeichnung nach mikroskopischer Beobachtung großerZellen im Cerebellum (1837).
b
Camillo Golgis Zeichnung des Zellkör-pers eines großen Kleinhirnneurons mit einer kernnahen Organelle,die durch Kontrastierung mit reduziertem Silber sichtbar gemachtwurde (1898).
c
Ausschnitt aus einer zeitgenössischen Aufnahmeeines von Camillo Golgi angefertigten mit Silbernitrat gefärbtencerebellären Schnitts. Zusätzlich zum dunkel erscheinenden Golgi-Apparat lässt sich der im Kernzentrum liegende Nucleolus (weiße
Pfeilspitze
) erkennen.
d
TransmissionselektronenmikroskopischeAufnahme eines Ultradünnschnitts durch den Kern eines Hepato-zyten, EDTA-Färbung. N = Nucleolus; C = hell erscheinendes Hetero-chromatin (kondensiertes Chromatin); kleine und große
Pfeile
, Peri-chromatinfibrillen bzw. -granula;
Sternchen
markieren die Innenseiteder Kernporen.
e
Dreidimensionale Rekonstruktion der Kernporen(
violett 
) an der Oberfläche eines Teils der Kernhülle (
gelb
) sowie derKernporenkomplexe mittels kryoelektronenmikroskopischer Tomo-graphie. Bei der Betrachtung der cytoplasmatischen (
links
im Paneel)und nucleoplasmatischen (
rechts
) Seiten der Poren ist die 8-facheSymmetrie speichenartiger Verbindungen des peripheren Ringszu erkennen. In seinem Zentrum befindet sich eine Spindel- und anseiner nucleoplasmatischen Seite eine Körbchenstruktur (
beige
).
Dreidimensionale Rekonstruktion von Chromosomen 18 (
rot 
) und19 (
grün
) im Kern eines humanen Lymphozyten (Fluoreszenzmarkie-rung und konfokale Fluoreszenzmikroskopie).
g,h
Lokalisierung einesProteins und eines kleinen Moleküls durch konfokale Fluoreszenz-mikroskopie. Vergleich cerebellärer Schnitte einer normalen und einerNiemann-Pick Typ C1 Maus (Tag 9 postnatal). Das Cytoplasma wurdedurch eine Markierung (
blau
) eines cytosolischen Proteins (Calbindin),das sich in dem cytosolischen Kompartiment der Dendriten (
g
und
h
)sowie des Perikaryons (
h
) befindet, sichtbar gemacht. Cholesterinund seine Speicherung in den Zellkörpern (
Sternchen
) sowie Dendri-ten des Niemann-Pick-Modells (NPC) wurden mit einem fluoreszie-renden, Cholesterin-bindenden Toxin (BC-
) sichtbar gemacht (
rot 
).Das nicht aggregierte Cholesterin in Membranen der Kontroll-Maus(
WT 
) wird mit BC-
nicht markiert.
i–k 
Konfokale fluoreszenzmikros-kopische
 
Colokalisierung von Proteinen in Dendriten und Zellkörpernim Cerebellum einer Maus. Mittels eines viralen Expressionsvektorswurden cDNAs von zwei Proteinen, des löslichen GFP und der R2-Untereinheit des membranständigen NMDA-Glutamatrezeptors inPurkinje Zellen transduziert. Das GFP (
grün
) verteilt sich gleichmäßigüber das Soma und die Dendriten (
i
). Die R2-Untereinheit (
rot 
) befin-det sich ebenfalls in den Zellkörpern und den aufsteigenden Fasern, jedoch nicht in den Zellkernen (
 j
). Die Überlagerung der Signale weistdurch gelbe Farbe auf eine Colokalisierung im Soma und teilweisein den Dendriten hin (
). (Aufnahmen: Marina Bentivoglio von eineman der Universität Pavia aufbewahrten, von Golgi gefertigten Präparat(
c
), Stan Fakan (
d
), Martin Beck und Wolfgang Baumeister (
e
), MarionCremer und Irina Solovei (
), Wataru Kakegawa und Seiji Ozawa (
g–h
),Ta-Yuan Chang und William F. Hickey (
i–k 
).)
9
of 00

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