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15
15 Redoxreaktionen, Sauerstoff und oxidative Phosphorylierung
Ulrich Brandt 
15.1 Energieumwandlung in den Mitochondrien 490
15.1.1 Voraussetzungen der oxidativen Phosphorylierung 49015.1.2 Elektronen- und Protonentransport in der Atmungskette 49415.1.3 ATP-Synthese – 50015.1.4 Energiebilanz der oxidativen Phosphorylierung 50215.1.5 Kontrolle und Regulation der oxidativen Phosphorylierung 503
15.2 Oxidoreduktasen 506
15.2.1 Klassifizierung der Oxidoreduktasen 50615.2.2 Monooxygenasen – 507
15.3 Oxidativer Stress 50915.4 Pathobiochemie 512
15.4.1 Pathogenese von Störungen im OXPHOS-System 51215.4.2 Angeborene Störungen 51315.4.3 Degenerative Erkrankungen und Altern 513
Literatur 514
 
490Kapitel 15 ·
Redoxreaktionen, Sauerstoff und oxidative Phosphorylierung
15
 >>
Einleitung
Alle bekannten Lebensformen müssen aus ihrer Umgebung ständig Energie wie Nährsubstrate oder Licht aufnehmen, um ihrehoch geordneten, komplexen Strukturen aufrecht zu erhalten und die unterschiedlichen biologischen Aktivitäten zu entfalten.Wachstum und Vermehrung und somit die Fähigkeit einer Lebensform, sich durchzusetzen, hängen deshalb von der Effizienzund Anpassungsfähigkeit der Versorgung ihrer Zellen mit Energie ab. Außer bei photosynthetischen Organismen sind es letzt-lich immer exergone Redoxreaktionen, die für die Bereitstellung der beiden »Energiewährungen« der Zelle, der reduziertenwasserstoffübertragenden Coenzyme und ATP, verantwortlich sind.Durch Oxidation der Nahrung werden Elektronen freigesetzt, die direkt als Reduktionsäquivalente für Biosynthesen oderals Energiequelle genutzt werden können. Zur oxidativen Bildung von ATP werden die Elektronen auf ein niedermolekularesOxidationsmittel übertragen. Dieser terminale Elektronenakzeptor ist bei
aeroben Zellen
molekularer Sauerstoff.Einige
 
Mikroorganismen
verwenden alternativ z.B. Schwefel oder einfache organische Säuren wie Fumarsäure.Neben der an die Reduktion von Sauerstoff gekoppelten besonders hohen Energieausbeute bildet die auf der wasserspal-tenden Photosynthese der Pflanzen beruhende universelle Verfügbarkeit und quasi unerschöpfliche Regenerierbarkeit desSauerstoffs die Grundlage des großen evolutionären Erfolges
aerober Zellen
.In Eukaryonten sind es die Mitochondrien, die sich auf die Oxidation von Nahrungsstoffen und die sauerstoffabhängigeEnergiekonservierung spezialisiert haben. Sie stammen mit großer Wahrscheinlichkeit von aeroben, heterotrophen Prokaryon-ten ab.Der stark exergone Charakter von Umsetzungen des Sauerstoffs mit organischen Verbindungen birgt jedoch auch erheb-liche Gefahren für die Zellen. Die hohe Reaktivität radikalischer Zwischenstufen der Sauerstoffreduktion kann zur unkontrollier-ten Oxidation zellulärer Verbindungen und Strukturen mit weit reichenden Folgen führen. Aerobe Zellen haben deshalb einganzes Arsenal von Schutzmechanismen zur Bewältigung dieses »oxidativen Stresses« entwickelt.
15.1
Energieumwandlung in denMitochondrien
Der mitochondriale Energiestoffwechsel ist der Hauptliefe-rant der Zelle für das als universelle Energiequelle einge-setzte ATP. Die grundlegende Erkenntnis, dass diese Ener-gieversorgung auf einer Art »kalter Verbrennung« der Nah-rung beruht, lässt sich bis in das 18. Jahrhundert auf Antoine Laurent de Lavoisier zurückverfolgen. Lavoisierwies nach, dass tierische Organismen Luftsauerstoff auf-nehmen und Kohlendioxid und Wasser abgeben. OttoWarburg leitete aus der Hemmbarkeit der Zellatmungdurch Cyanid die Existenz eines eisenhaltigen Atmungs-ferments zur Aktivierung des Sauerstoffs ab und erkanntedamit als Erster, dass es sich bei der »Verbrennung« derNahrung um einen enzymatischen Prozess handelt. DavidKeilin entdeckte die
Cytochrome
als Träger dieses kata-lytisch aktiven Eisens, denen erst viel später von HelmutBeinert und Kollegen die
Eisen-Schwefel-Proteine
an dieSeite gestellt wurden. Heinrich Wieland zeigte, dass denNährsubstraten durch spezifische Enzyme, den
Dehydro-genasen
, zunächst Wasserstoff entzogen wird. Es war wie-derum Warburg, der nachwies, dass das von Karl Lohmannentdeckte ATP durch die Oxidation von Glycolyseproduk-ten gebildet werden konnte. Damit war das grundlegendePrinzip der
oxidativen Phosphorylierung (»OXPHOS«)
 formuliert, welche besonders durch grundlegende Arbeiten von Albert L. Lehninger und David Green bald den Mito-chondrien zugeordnet wurde. Lange Zeit blieb jedoch un-klar, wie zwei so unterschiedliche Prozesse wie die Oxida-tion des Substratwasserstoffs und die Kondensation vonADP und anorganischem Phosphat energetisch aneinandergekoppelt sind. Erst in den sechziger Jahren des 20. Jahr-hunderts setzte sich die von Peter Mitchell formulierte
chemiosmotische Hypothese
durch, welche die
Kopplung 
 der ATP-Synthese an den Elektronentransport mittels eineselektrochemischen
Protonengradienten
über die innereMitochondrienmembran beschreibt.
15.1.1
Voraussetzungen der oxidativenPhosphorylierung
 !
Die Endstrecken des katabolen Stoffwechsels von Nah-rungsstoffen liefern an Coenzyme gebundenen Wasser-stoff.
Wie in den vorherigen Kapiteln besprochen, werden dieNahrungsbestandteile im katabolen Stoffwechsel letzt-lich zu Kohlendioxid oxidiert. Dies geschieht jedochnicht durch direkte Reaktion mit molekularem Sauer-stoff. Vielmehr wird ihnen während ihres Abbaus schritt-weise Wasserstoff entzogen, bis schließlich über dieZwischenstufe einer Carboxylgruppe die Kohlenstoff-atome einzeln als CO
2
abgespalten werden. Der Sauerstoff der Carboxylgruppe stammt dabei entweder aus der ur-sprünglichen Verbindung, z.B. dem Kohlenhydrat, oderaus der Wasseranlagerung an eine vorher durch Dehydrie-rung gebildete Doppelbindung. Nach diesem grundlegen-den Schema verlaufen insbesondere die Reaktionen derPyruvatdehydrogenase, des Citratzyklus und der
-Oxi-dation (
7
Kap. 14, 12
).
 
15.1 ·
Energieumwandlung in den Mitochondrien
15
491
Da Wasserstoff sehr klein und flüchtig ist, muss er zu-nächst als sog.
Reduktionsäquivalent
in Form von
NADH
 und
FADH
2
zwischengespeichert werden. Dies ist ein sehreffizientes Verfahren, denn das für den Energiegehalt ent-scheidende Redoxpotential dieser beiden Coenzyme ist nurwenig positiver als das des Wasserstoffs. Die Umsetzung desso gebundenen Wasserstoffs mit molekularem Sauerstoff in der
Atmungskette
entspricht damit formal annäherndder Knallgasreaktion:Während NADH ein reversibel an das jeweilige Enzym bin-dendes Cosubstrat ist, liegt FADH
2
immer als fest gebunde-ne prosthetische Gruppe vor. Die Folge sind grundsätzlicheUnterschiede im Transport und in der Verwertung der Re-duktionsäquivalente bei der oxidativen Phosphorylierung.
 !
Die in den Reduktionsäquivalenten gespeicherte Ener-gie wird zur Erzeugung einer Phosphorsäureanhydrid-Bindung im ATP benutzt.
ATP entsteht in einer stark endergonen Reaktion durchKondensation von ADP und anorganischem Phosphat. Diegebildete »energiereiche« Phosphorsäureanhydrid-Bin-dung besitzt ein sehr hohes
Gruppenübertragungspoten-tial
. Die in den Reduktionsäquivalenten gespeicherte Ener-gie muss also im Verlauf der oxidativen Phosphorylierungin eine chemisch völlig verschiedene Energieform umge-wandelt werden. Die Mitochondrien lösen dieses Problemdadurch, dass sie die Redoxenergie in Form eines elektro-chemischen
Protonengradienten
über ihre innere Mem-bran zwischenspeichern (
.
Abb. 15.1
). Dieser Gradientwird durch die
Atmungskettenkomplexe
gebildet, welchedie Elektronen der Reduktionsäquivalente schrittweise bisauf den Sauerstoff übertragen, und dann zur ATP-Synthesegenutzt. Daraus folgt, dass eine sehr dichte Membran,über die sich ein ausreichend stabiler Protonengradient aus-bilden kann, unbedingte Voraussetzung für die oxidativePhosphorylierung ist.
 !
Die mitochondrialen Membranen bilden funktionelleKompartimente.
Aufbau und Organisation der Mitochondrien (
7
Kap. 6.2.9
)sind in hervorragender Weise an die bisher skizziertenAufgaben angepasst: Wahrscheinlich als Relikt ihres evolu-tionären Ursprungs als eigenständige Organismen sind dieMitochondrien von zwei Membranen umgeben, die meh-rere Kompartimente definieren:
4
Im Inneren der Mitochondrien, der mitochondrialen
Matrix 
, findet v.a. die Endoxidation der Nahrungs-metabolite statt
4
Für den Elektronentransport auf den Sauerstoff und diedaran gekoppelte ATP-Synthese sind Enzyme zustän-dig, die in die vielfach gefaltete
innere Mitochondrien-membran
integriert sind (
.
Abb. 15.1
)
4
Die
äußere Mitochondrienmembran
markiert dieGrenze zum Cytoplasma
4
Der zwischen den beiden Membranen angesiedelte
Intermembranraum
beherbergt zwei Proteine, diewichtig für die oxidative Phosphorylierung sind: Cyto-chrom
c
, ein wasserlöslicher Elektronenüberträger derAtmungskette, und die Adenylat-Kinase (»Myokina-se«), die über die Reaktion
 
im anabolen Stoffwechsel entstandenes AMP der oxi-dativen Phosphorylierung zuführt
 !
Spezifische Transportsysteme sind für den Stoffaus-tausch zwischen dem Intermembranraum und dermitochondrialen Matrix verantwortlich.
Aus dem bisher Gesagten ergibt sich, dass zur EndoxidationSubstrate wie Pyruvat und Fettsäuren aus dem Cytoplasmaüber zwei Membranen in die mitochondriale Matrix trans-portiert werden müssen. Da die ATP-Synthese an der In-nenseite der inneren Mitochondrienmembran stattfindet,gilt dies auch für ADP und anorganisches Phosphat. Dasgebildete ATP muss anschließend zurück in das Cytoplas-ma gelangen.
.
 
Abb. 15.1. Übersicht über die oxidative Phosphorylierung.
VomNADH stammende Elektronen werden vom Atmungskettenkomplex Iauf Ubichinon (Q) übertragen. Der Komplex III transportiert sie zumCytochrom c (C), von wo sie über den Komplex IV zum Sauerstoff gelangen und diesen unter Wasserbildung reduzieren. Der Elektro-nentransport über die Komplexe I, III und IV geht mit einer Transloka-tion von Protonen aus dem Matrixraum in den Intermembranraumeinher. Die F
1
 /F
O
-ATP-Synthase nutzt den Protonengradienten zurSynthese von ATP aus ADP und anorganischem Phosphat. Der Kom-plex II ist nicht dargestellt, da er keine Protonentranslokation kataly-siert. IMM = Innere Mitochondrienmembran
of 00

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