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23 Vitamine
Georg Löffler, Regina Brigelius-Flohé
23.1 Allgemeine Grundlagen und Pathobiochemie 680
23.1.1 Definition und Einteilung 68023.1.2 Täglicher Bedarf an Vitaminen 68023.1.3 Pathobiochemie – 680
23.2 Fettlösliche Vitamine 683
23.2.1 Vitamin A 68323.2.2 Vitamin D 68823.2.3 Vitamin E 69123.2.4 Vitamin K 695
23.3 Wasserlösliche Vitamine 697
23.3.1 Vitamin C 69723.3.2 Vitamin B1 69923.3.3 Vitamin B2 70023.3.4 Niacin und Niacinamid 70023.3.5 Vitamin B6 70323.3.6 Pantothensäure – 70423.3.7 Biotin – 70523.3.8 Folsäure – 70723.3.9 Vitamin B12 709
23.4 Vitaminähnliche Substanzen 711Literatur 712
 
680Kapitel 23 ·
Vitamine
23
 >>
Einleitung
Bei den großen Seefahrten zu Beginn der Neuzeit wurde beobachtet, dass Menschen unter lang dauernder, einseitiger Ernäh-rung spezifische Krankheitsbilder entwickeln. Aber erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Entstehung dieser Krankheitentierexperimentell durch das Verfüttern so genannter Mangeldiäten untersucht, was letztendlich zur Disziplin der modernenErnährungswissenschaft führte. Versuchstiere starben trotz ausreichender Energiezufuhr, wenn sie mit einer nur aus hoch ge-reinigten Kohlenhydraten, Fetten, Proteinen und Elektrolyten bestehenden Diät ernährt wurden. Die Erkenntnis, dass das Feh-len einer bestimmten Komponente in der Nahrung krank machen kann, war insofern eine Revolution, als man hierfür bis zudiesem Zeitpunkt nur giftige oder verdorbene Nahrungsbestandteile verantwortlich machte. Die für das Überleben fehlendenBestandteile wurden Vitamine genannt, weil man annahm, dass es sich ausschließlich um stickstoffhaltige Verbindungen hand-le. Später zeigte sich allerdings, dass viele Vitamine keinen Stickstoff enthalten, dass Vitamine untereinander keinerlei chemi-sche Verwandtschaft aufweisen und ihr Wirkungsspektrum alle Aspekte der Biochemie höherer Zellen umfasst.
male Versorgung ist jedoch in den meisten Fällen nicht ge-nau bekannt. Man begnügt sich daher mit Empfehlungenfür die wünschenswerte Höhe der Zufuhr, bei denen
4
die individuellen Schwankungen
4
der veränderte Bedarf bei erhöhtem/erniedrigtem Ka-lorienverbrauch
4
Wachstum
4
Schwangerschaft und Stillzeitsowie ein angemessener Sicherheitszuschlag berücksichtigtsind (
.
Tabelle 23.2
).Wegen der üblich gewordenen Einnahme großer Men-gen an Vitaminen mit Nahrungsergänzungsmitteln, wur-den im Jahr 2000 für einige Vitamine eine obere tolerierba-re Zufuhr (
tolerable upper intake level 
,) eingeführt, welchedie Menge eines Vitamins angibt, die täglich aufgenommenwerden kann, ohne dass es zu unerwünschten Nebenwir-kungen kommt (
.
Tabelle 23.2
).
23.1.3
Pathobiochemie
 !
Hypo- und Hypervitaminosen führen zu unterschiedli-chen Krankheitsbildern.
Die mangelhafte Versorgung mit einem Vitamin führt inder leichten Form zur
Hypovitaminose
, in der schweren, voll ausgebildeten zur
Avitaminose
. Ein Vitaminmangelkann bedingt sein durch
4
eine unzureichende Zufuhr
4
gestörte intestinale Resorption oder
4
genetische DefekteDa viele Vitamine, besonders diejenigen aus der Gruppeder wasserlöslichen, Coenzyme der Enzyme von Haupt-stoffwechselwegen sind, ist die Symptomatik von Hypovi-taminosen häufig unspezifisch, da meist der gesamte Inter-mediärstoffwechsel gestört ist. Betroffen sind vor allemGewebe mit hoher Stoffwechselleistung (z. B. Myocard,Gastrointestinaltrakt) oder hoher Zellteilungsrate (Blut bil-dende Gewebe des Knochenmarks, epitheliale Gewebe).
23.1
Allgemeine Grundlagenund Pathobiochemie
23.1.1
Definition und Einteilung
 !
Vitamine sind organische, in Mikromengen benötigteessentielle Nahrungsbestandteile.
Vitamine sind Verbindungen, die in geringen Konzentra-tionen für die Aufrechterhaltung fast aller physiologischenFunktionen benötigt werden. Pflanzen und Mikroorganis-men können diese Verbindungen selbst produzieren, höherorganisierte Lebensformen haben im Zuge der Evolutiondiese Fähigkeit eingebüßt. Ihnen fehlen die für die Biosyn-these von Vitaminen benötigten Enzyme, sodass für sieVitamine zu
essentiellen Nahrungsbestandteilen
gewor-den sind [vgl. essentielle Aminosäuren (
7
Kap. 13.4
), essen-tielle Fettsäuren (
7
Kap. 12.4.1
)].Dem mengenmäßig geringen täglichen Bedarf an Vit-aminen entspricht ihre
katalytische
bzw.
regulatorische
 Funktion. Vitamine
4
wirken als
Coenzyme
oder
4
Hormone
4
sind Wasserstoff- Donoren bzw. Akzeptoren
4
sind an Redoxprozessen beteiligt
4
sind an der Modifizierung und damit der Regulationder Aktivität von Proteinen beteiligt
4
sind Liganden für
Transkriptionsfaktoren
Nach ihren chemischen Eigenschaften werden die Vitaminein wasser- bzw. fettlösliche Vitamine eingeteilt (
.
Tabel-le 23.1
). Diese Einteilung hat aber keinerlei Bezug zur bio-chemischen Funktion.
23.1.2
Täglicher Bedarf an Vitaminen
 !
Der tatsächliche Vitaminbedarf hängt von individuellenGegebenheiten ab.
Exakte Zahlen für den täglichen Minimalbedarf wurden anVersuchspersonen für einige Vitamine ermittelt. Die opti-
 
23.1 ·
Allgemeine Grundlagen und Pathobiochemie
23
681
Ein Vitaminmangel kann – besonders auch im präkli-nischen Stadium – durch die Bestimmung einer vitaminab-hängigen biochemischen Funktion erfasst werden: So z. B.die Ausscheidung eines Metaboliten im Urin, wenn das Vi-tamin für dessen enzymatische Umsetzung fehlt. Durchorale Gabe der umzusetzenden Substanz in
Belastungstests
 kann die Ausscheidung des Metaboliten noch provoziertwerden. Weiterhin ist die Aktivitätsminderung bestimmterEnzyme in Erythrozyten nachweisbar, wenn die aus Vita-minen gebildeten Coenzyme nicht in ausreichender Kon-zentration vorliegen (
.
Tabelle 23.3
). Zu den durch Vita-minmangel bedingten Störungen mit unspezifischer Sym-ptomatik kommen mit fortschreitender Dauer des Mangelsmorphologische Veränderungen an den verschiedenstenOrganen. Nach dem Aufbrauchen der Speicher treten Stö-rungen des Zellstoffwechsels auf, die graduell abgestuft seinkönnen. Danach folgen klinische Symptome und anato-mische Veränderungen (
.
Abb. 23.1
). Die Erkennung undBehandlung eines Vitaminmangels ist von außerordent-licher praktischer Bedeutung. Zurzeit sind zwar die Bewoh-ner der sog. westlichen Länder durch ein ausreichendes und vielseitiges Nahrungsangebot sowie von Vitaminpräpara-ten vor Hypovitaminosen weitgehend geschützt. Wegen deroft einseitigen Ernährung sind ältere Menschen eher vonVitaminmangelsituationen bedroht. Auch während derGravidität und Stillperiode, bei einseitigen Ernährungs-formen oder Abmagerungskuren kann es zu Vitaminman-
.
Tabelle 23.1.
Einteilung der Vitamine nach ihrer Löslichkeit
Fettlösliche VitamineBuchstabeNameBiologisch aktive FormBiochemische Funktion
ARetinolRetinoat bzw. RetinalPhotorezeption, Stabilisierung von Membranen,Glycoproteinbiosynthese, Genexpression, Kontrolle vonWachstum und DifferenzierungDCholecalciferol1,25-DihydroxycholecalciferolRegulation der extrazellulären CalciumkonzentrationEα-TocopherolTocopherolSchutz von Membranlipiden vor (Per-)Oxidation, Rolle inder Reproduktion und bei der neuromuskulären Signalüber-tragungKPhyllochinonDifarnesylnaphthochinonCarboxylierung von Glutamylresten in Proteinen (Coenzym)
Wasserlösliche VitamineBuchstabeNameBiologisch aktive FormBiochemische Funktion
CAscorbinsäureAscorbinsäureRedoxsystem, HydroxylierungenB1ThiaminThiaminpyrophosphatDehydrierende Decarboxylierungen (Coenzym)B2RiboflavinFMN, FADWasserstoffübertragungen (Coenzym)Niacin(amid)NAD
+
, NADP
+
Wasserstoffübertragungen (Coenzym)B6PyridoxinPyridoxalphosphatTransaminierungen, Decarboxylierungen,Transsulfurierung (Coenzym), AldolspaltungenPantothensäureCoA-SH, PhosphopantetheinAcylübertragungen (Coenzym)BiotinBiocytin (Biotin an Carboxylasegebunden)Carboxylierungen (Coenzym)FolsäureTetrahydrofolsäure1-Kohlenstoffatomübertragungen (Coenzym)B12Cobalamin5
-DesoxyadenosylcobalaminMethylcobalaminC-C-Umlagerungen (Coenzym)1-Kohlenstoffatomübertragungen (Coenzym)
.
Tabelle 23.2.
Referenzwerte für die tägliche Vitaminzufuhr fürgesunde Erwachsene (linke Spalte) und obere tolerierbare Zufuhr(rechte Spalte) jeweils in mg.
Fettlösliche Vitamine
Vitamin A0,81,1
a, D
 /0,7–0,9
F
3
F
Vitamin D0,005
b
0,05
F
Vitamin E12151000
f, F
Vitamin K0,060,08
D
 /0,09–0,12
F
Wasserlösliche Vitamine
B1, Thiamin1,01,3B2, Riboflavin1,21,50/1,01,1
F
Niacin1317B6, Pyridoxin1,21,6100
F
Pantothensäure6
D
 /5
F
Biotin0,030,06
D
 /0,03
F
Folsäure0,4
d
1
F
B12, Cobalamin0,003
D
 /0,0024
F
Vitamin C, Ascorbinure100
e
2000
Fa
mg Retinol-Äquivalente
b
ab 65 Jahre bis zu 0,015 mg/Tag
d
Frauen mit Kinderwunsch: zusätzlich 0,4 mg
e
Raucher: 150 mg
von der europäischen Kommission wurde hier ein Wert von 300eingesetzt
D
Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung
F
Empfehlungen des »Food and Nutrition Board« der USA
of 00

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