952Kapitel 29 ·
Blut
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Einleitung
Blut ist das Trägermedium für die humorale Kommunikation zwischen den einzelnen Geweben, die durch das Gefäßsystemermöglicht wird. Aufgrund seiner ständigen Bewegung eignet sich Blut mit seinen korpuskulären Elementen, Transportprotei-nen und seiner wässrigen Phase zum Transport der verschiedensten Stoffe. Mit Hilfe der Erythrozyten werden Sauerstoff vonden Lungen zu den Geweben und Kohlendioxid in umgekehrter Richtung transportiert. Blut befördert weiterhin im Magen-Darm-Trakt resorbierte Nahrungsstoffe in gelöster Form oder in Bindung an Transportproteine über die Pfortader in die Leberund von dort aus in die peripheren Organe. Von den Organen gelangen Endprodukte des Stoffwechsels zu den Ausscheidungs-organen (Nieren, Lungen, Haut und Darm). Hormone werden von den endokrinen Drüsen zu den Erfolgsorganen und Metabo-liten zwischen den verschiedenen Organen (z.B. Lactat und Alanin von der Muskulatur in die Leber, Ketonkörper von der Leberin die peripheren Organe) befördert. Im intrazellulären Stoffwechsel entstehende und an den Extrazellulärraum abgegebeneProtonen und Kohlendioxid werden vom Blut wirksam abgepuffert und den Ausscheidungsorganen (Lungen und Nieren) zuge-leitet. Aufgrund dieser Eigenschaften eignet sich das Blut in hervorragender Weise zur Analyse des Funktionszustands verschie-dener Organe: die Untersuchung von durch Venenpunktion gewonnenem Blut erlaubt schnelle Rückschlüsse auf die Funktionvon Nieren, Herz, Leber, Knochenmark und anderen Geweben. Gegen Viren und Bakterien kann Blut den Organismus durchden Besitz unspezifischer (Serumproteine wie C-reaktives Protein, Properdin, Faktoren des Komplements, Lysozym) und spezi-fischer (Antikörperproteine) Abwehrmechanismen schützen. Neutrophile Granulozyten sind durch ihre Fähigkeit, hochaktiveSauerstoffverbindungen zu erzeugen und Bakterien zu phagozytieren, entscheidender Bestandteil des zellulären Immunsy-stems. Aufgrund der hohen spezifischen Wärme von Wasser verteilt Blut die in einzelnen Organen gebildete Wärme (z.B. in derstoffwechselaktiven Leber) auf den Gesamtorganismus. Durch die Wasser anziehende Wirkung seiner Proteine nimmt BlutEinfluss auf den Austausch von Wasser und Stoffen zwischen der zirkulierenden und der Gewebeflüssigkeit. Zum Schutz vordem Verlust dieses wichtigen Gewebes existiert ein komplexes Gerinnungssystem, das bei Gefäßverletzungen sofort aktiv wird.Eine Aktivierung dieses Systems ohne Verletzungen des Gefäßes kann zu Thrombosen führen.
29.1
Korpuskuläre Elemente des Bluts
Blut enthält eine Reihe korpuskulärer Elemente, die vorwie-gend im Knochenmark gebildet werden und an der Erfül-lung mehrerer Aufgaben des Bluts (Sauerstofftransport,Blutstillung, Abwehr) beteiligt sind. Dies sind die
Erythro-zyten, Thrombozyten
und
Leukozyten
. Zu Letzteren ge-hören neutrophile, eosinophile und basophile Granulo-zyten sowie Monozyten.
!
Die Hämatopoese wird durch Cytokine reguliert.
Ausgangspunkt der Bildung der korpuskulären Elemente imKnochenmark sind die
Stammzellen
(wegen des Besitzesdes Oberflächenmarkers CD34 als CD34-positive Zellenbezeichnet), die die Fähigkeit zur Selbstreplikation mit Bil-dung von Tochterstammzellen besitzen. CD34+ Zellen sindin sehr geringen Mengen auch im Blut nachweisbar; dassel-be gilt für die sog. CD34+/-R2-Stammzellen, aus denen sichEndothelzellen entwickeln. Stammzellen sind
pluripotent
,d.h. sie können zu funktionell verschiedenen Zelltypen dif-ferenzieren. Dieser Vorgang läuft über mehrere Stufen ab,die mit einem schrittweisen Verlust der Pluripotenz einher-gehen (
.
Abb. 29.1
). Die frühesten differenzierten Zellenwerden als determinierte Vorläuferzellen bezeichnet, die inihrer weiteren Entwicklung bereits auf ein oder zwei Zell-typen festgelegt sind. Die Vorläuferzellen besitzen jedochein ausgeprägtes proliferatives Potential und produzieren soTochterzellen des entsprechenden reifen Zelltyps. In vitroüberleben oder proliferieren Knochenmarkzellen nur in Ge-genwart regulatorischer Polypeptide. Da diese Experimentein Agarkultursystemen durchgeführt werden, in denen dieZellen unter Bildung von Kolonien wachsen, werden dieentstehenden Kolonien als
CFU
(colony forming units) unddie Polypeptide mit Hormoncharakter als
CSF
(colony sti-mulating factors) bezeichnet (
.
Abb. 29.1
). Den CSF wirdein Präfix vorangestellt (z.B. GM), das die Zellpopulationangibt (
G
ranulozyten und
M
akrophagen), die unter demstimulierenden Einfluss des betreffenden Proteins gebildetwird. T-Lymphozyten, Monozyten (und Makrophagen) undStromazellen sind die Hauptquellen von Wachstumsfak-toren. Ausnahmen sind nur Erythropoietin (Nieren) undThrombopoietin (Leber). Viele dieser auch als Cytokine be-zeichneten Polypeptide stehen heute in rekombinanter Formfür die Therapie beim Menschen zur Verfügung (
.
Tabel-le 29.1
). Sie finden vor allem bei der Stimulierung der häma-topoetischen Regeneration (nach Bestrahlung oder zytoto-xischen Medikamenten), der Rekrutierung von CD34-Zel-len in das Blut für die Stammzelltransplantation oder zurVerstärkung der Abwehr bei akuten Infektionen klinischeAnwendung.
Nach Differenzierung im Knochenmark müssen die rei-fen Blutzellen auf einen adäquaten Reiz hin die
Knochen-mark-Blut-Schranke
überwinden, um Anschluss an dieBlutbahn zu gewinnen. Diese Schranke stellt eine dreischich-tige Struktur dar, die aus Adventitiazellen (einer spezialisier-ten Fibroblastenart), einer Basalmembran und der Endothel-schicht besteht (
.
Abb. 29.2
). Die Überwindung der Schrankewird den reifen Blutzellen wahrscheinlich durch die Freiset-zung von Proteasen wie Elastase oder MMPs (
7
Kap. 9.3.3
)ermöglicht, die dieses Gitter reversibel öffnen können.
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