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31 Nervensystem
Astrid Scheschonka, Heinrich Betz, Cord-Michael Becker 
31.1 Stoffwechsel des Gehirns 1024
31.1.1 Energiestoffwechsel des Gehirns 102431.1.2 Blut-Hirn-Schranke und Liquor cerebrospinalis 1025
31.2 Neuronale Zellen 1029
31.2.1 Struktur von Nervenzellen 102931.2.2 Membranpotential und Erregungsleitung 103032.2.3 Synapsen: Aufbau und Funktion 1034
31.3 Chemische Signalübertragung zwischen Neuronen 1036
31.3.1 Allgemeine Prinzipien 103631.3.2 Glutamat – 103831.3.3 Acetylcholin – 103931.3.4 Glycin und γ-Aminobutyrat (GABA) 104031.3.5 Dopamin, Noradrenalin und Adrenalin 104131.3.6 Serotonin – 104231.3.7 ATP/Adenosin – 104431.3.8 Peptiderge Neurotransmitter 1044
31.4 Nicht-neuronale Zellen 1045
31.4.1 Gliazellen und Myelin 104531.4.2 Demyelinisierungen und erbliche periphere Neuropathien 104731.4.3 Besonderheiten des peripheren Nervensystems 1047
31.5 Neurodegenerative Krankheiten 1048
31.5.1 Morbus Alzheimer 104831.5.2 Polyglutamin-Krankheiten – 104931.5.3 Morbus Parkinson 104931.5.4 Prionkrankheiten – 1050
31.6 Neuronale Stammzellen und neurotrophe Faktoren 1051Literatur 1051
 
1024Kapitel 31 ·
Nervensystem
31
 >>
Einleitung
Das Nervensystem verarbeitet die von den Sinnesorganen aufgenommenen äußeren Reize, steuert die Motorik und koordiniertviele Vitalfunktionen des Organismus. Die komplexen Leistungen des Gehirns führen zu einem hohen Energiebedarf, der haupt-sächlich durch Glucose gedeckt wird. Das zentrale Nervensystem (ZNS) ist vom Liquor cerebrospinalis umgeben, der durchAbfiltration von Blutplasma gebildet wird. Vor Schwankungen des Stoffwechsels und Schadstoffen wird das Gehirn durch dieBlut-Hirn-Schranke geschützt. Vom Gehirn benötigte Substrate passieren die Endothelzellen des Schrankensystems durchTranszytose. Die Erregungsleitung im Nervensystem beruht auf den Funktionen der membranständigen Na
+
 /K 
+
-ATPase undspannungsregulierter Kanäle für Natrium-, Kalium-, Calcium- und Chloridionen. Die neuronale Erregungsleitung wird durchlipidhaltige Myelinscheiden beschleunigt. Neurone kommunizieren vorwiegend über chemische Synapsen, an denen ein Neu-rotransmitter aus der präsynaptischen Nervenendigung freigesetzt wird. Die Bindung des Transmitters an postsynaptischeRezeptoren führt zur Erregung oder Hemmung der nachgeschalteten Nervenzelle oder Muskelfaser. Nach seiner Freisetzungwird der Transmitter wieder in die präsynaptische Nervenendigung und umliegende Gliazellen aufgenommen oder durchenzymatischen Abbau inaktiviert. Die große molekulare Vielfalt der Ionenkanäle und Rezeptoren des Nervensystems trägt zurhohen Spezifität der neuronalen Informationsverarbeitung bei. Störungen von Reizleitung und synaptischer Erregungsüber-tragung können zu Lähmungen, Epilepsie, Depression und Demenz führen. Von besonderer Bedeutung für die Ontogenesedes Nervensystems sind Wachstumsfaktoren und Adhäsionsmoleküle auf der Oberfläche von Neuronen und Gliazellen, welchedie Verschaltung und das Wachstum von Nervenzellen regulieren.
31.1
Stoffwechsel des Gehirns
31.1.1
Energiestoffwechsel des Gehirns
 !
Das Gehirn benötigt eine ständige Glucosezufuhr, ver-wertet aber nach längerem Fasten und bei Säuglingenauch Ketonkörper.
Das Gehirn beansprucht einen hohen Anteil am Energie-stoffwechsel des Körpers. Obwohl das Gehirn beim Er-wachsenen mit 1,4 kg nur einen Anteil von 2% am Körper-gewicht besitzt, entspricht seine Durchblutung von 750 ml/min mit 15% einem wesentlich größeren Anteil am 5 l um-fassenden Minutenvolumens des Herzens. Rückschlüsseauf den Stoffwechsel des Gehirns gewinnt man durch Be-stimmung des arteriovenösen Konzentrationsunterschiedsder Metaboliten im Blut der Hirngefäße. Um die Substrat-extraktion bei einer Hirnpassage zu ermitteln, wird arteriel-les Blut aus einer Arterie des Arms und venöses Blut derV. jugularis interna entnommen. Wie aus
.
Tabelle 31.1
 hervorgeht, liegt der respiratorische Quotient, das Verhält-nis von abgegebenem Kohlendioxid zu aufgenommenemSauerstoff, unter Normalbedingungen bei 1.0. Dieser Wertbesagt, dass das Gehirn hauptsächlich Kohlenhydrate ver-stoffwechselt (
7
Kap. 21.1.4
). Weil das zentrale Nerven-system (ZNS) jedoch kaum Glycogen speichert, hängt es von einer kontinuierlichen Glucosezufuhr ab.Infolge der Abhängigkeit des Gehirns von ständigerGlucosezufuhr führt ein Abfall des Blutglucosespiegels(Hypoglykämie) rasch zu Bewusstlosigkeit, irreversiblenFunktionsausfällen und schließlich zum Tod. Etwa 20% derATP-Bildung werden für den Erhalt der Ionengradientenan den Membranen benötigt. Daher beeinflussen Änderun-gen der neuronalen Aktivität wiederum den ATP-Gehaltund somit Glucose- und Sauerstoffverbrauch des Gehirns.Die Stoffwechselaktivität des gesamten Gehirns schwanktbei gesunden Menschen trotz regionaler Unterschiede nurwenig und bleibt auch im Schlaf hoch. Im Koma nimmt derStoffwechsel demgegenüber deutlich ab, während die Glu-coseaufnahme bei einem epileptischen Anfall infolge dererhöhten neuronalen Aktivität massiv gesteigert ist. DieGlucoseaufnahme einzelner Hirnregionen lässt sich in derPositronen-Emissions-Tomographie (PET) mit dem nu-klearmedizinischen Marker
18
F-Desoxyglucose (FDG) inSchnittbildern (Tomographien) erfassen.Bei längerem Fasten stellt sich der Energiestoffwechseldes Gehirns um: Im Hungerzustand können die Ketonkör-per
Acetacetat
und
β-Hydroxybutyrat
vom ZNS oxidiertwerden und Glucose als Energielieferant weitgehend, abernicht vollständig ersetzen. Nach 120-stündigem Fastensteigt die Ketonkörperverwertung auf das 20-fache (
.
Abb.31.1
). Gleichzeitig sinkt die Glucoseaufnahme um die Hälf-te, wobei die aufgenommene Glucose überwiegend alsLactat abgegeben und wieder für die Gluconeogenese ver-
.
 
Tabelle 31.1.
Arteriovenöse Differenzen verschiedener Subs-trate nach Hirnpassage (Durchschnittswerte bei 50 ruhendenProbranden im Alter von 18–29 Jahren)
SubstratBlutkonzentration[mmol/l]ArterivenöseDifferenzArteriellVenös[mmol/l]
Sauerstoff 8,75 5,753Kohlendioxyd21,524,4+2,9Glucose 5,1 4,60,5Lactat 1,1 1,27+0,17Pyruvat 0,1 0,12+0,02
 
31.1 ·
Stoffwechsel des Gehirns
31
1025
fügbar wird. Damit verhält sich das Gehirn im Hungerzu-stand ähnlich wie die Muskulatur (
7
Kap. 16.2.3
). Währendder Stillzeit verwendet das Säuglingsgehirn Ketonkörper viel effizienter als das Hirn eines Erwachsenen. Nach derGeburt steigen die Aktivitäten der Ketonkörper verwerten-den Enzyme
β-Hydroxybutyrat-Dehydrogenase
und
Suc-cinyl-CoA-Acetacetyl-CoA-Transferase
deutlich an undermöglichen damit eine optimale Ausnutzung des hohenFettanteils der Muttermilch. Infolgedessen tolerieren Säug-linge wesentlich geringere Blutglucosekonzentrationen(20–30 mg/dl, entspricht 1,2–1,8 mmol/l) ohne neurologi-sche Ausfälle als Erwachsene. Glucose kann jedoch auchbeim Säugling nicht vollständig durch Ketonkörper ersetztwerden. Nach dem Abstillen und der Umstellung desKleinkindes auf kohlenhydratreiche Nahrung fallen dieKetonkörper metabolisierenden Enzymaktivitäten ab. Da-nach ist das Gehirn wieder überwiegend von Glucose ab-hängig.
 !
Aminosäuren sind wichtige Substrate des Gehirnstoff-wechsels. Sie spielen im Nervensystem eine bedeuten-de Rolle als Neurotransmitter oder deren Vorläufer.
Glutamat
ist nicht nur der wichtigste erregende Neuro-transmitter im ZNS, sondern dient auch als Vorläufer deshemmenden Neurotransmitters
γ-Aminobutyrat
(GABA).Beide Transmitter werden in den präsynaptischen Vesikelnder Neurone in hohen Konzentrationen (bis zu 100 mmol/l)gespeichert. An Synapsen freigesetztes Glutamat wird gro-ßenteils von Gliazellen aufgenommen und durch Übertra-gung von Ammoniak in
Glutamin
überführt. Glutamatund Glutamin machen zusammen bis zu 60% der freien
-Aminosäuren des ZNS aus. Im
Glutamat-Glutamin-Zyklus
wird von Gliazellen freigesetztes Glutamin erneut von Neuronen aufgenommen und durch mitochondrialeGlutaminase (
7
Kap. 13.5.2
) der aktive NeurotransmitterGlutamat regeneriert. Alternativ kann das Kohlenstoffske-lett von Glutamat aus Glucose synthetisiert werden: Pyru- vat liefert durch Carboxylierung zu Oxalacetat oder dehy-drierende Decarboxylierung zu Acetyl-CoA die Produkte,aus denen im Citratzyklus
-Ketoglutarat gebildet wird.Transaminierung von
-Ketoglutarat führt schließlich zuGlutamat. Auch das an der Synapse freigesetzte GABA un-terliegt einem Stoffwechselzyklus, indem es in den GABA
-Shunt 
(engl. GABA-Nebenweg) eingeht (
7
Kap. 31.3.4
).
Tyrosin
ist der Vorläufer für die Biosynthese der Neu-rotransmitter Dopamin und Noradrenalin sowie des Hor-mons Adrenalin (
7
Kap. 26.3.2, 31.3.5
), während die Bio-synthese von Serotonin und Melatonin von
Tryptophan
 (
7
Kap. 13.6.6, 31.2.6
) ausgeht.
31.1.2
Blut-Hirn-Schranke und Liquorcerebrospinalis
 !
Die Blut-Hirn-Schranke beruht auf der besonderenArchitektur der Kapillaren des Gehirns und des Plexuschoroideus, in dem der Liquor cerebrospinalis als pro-teinarmes Filtrat des Blutplasmas gebildet wird.
Die
Blut-Hirn-Schranke
isoliert das ZNS und den umge-benden
Liquor cerebrospinalis
(engl.:
cerebrospinal fluid 
,CSF) von den übrigen Organen des Körpers. Dadurch trägtsie dazu bei, dass das extrazelluläre Milieu des Gehirns kon-stant gehalten wird. Der proteinarme Liquor füllt Gehirn- ventrikel und Subarachnoidalraum aus. Seine Zusammen-setzung ähnelt derjenigen der interstitiellen Flüssigkeites Gehirns (
.
Abb. 31.2
). Das Liquorvolumen entsprichtmit ca. 150 ml etwa einem Zehntel des Hirnvolumens. DieBlut-Hirn-Schranke stellt keine einheitliche Grenzflächezwischen Blutplasma und ZNS dar, sondern umfasst zweiunterschiedliche Schrankenfunktionen, die den Stoffaus-tausch zwischen Körper, Gehirn und Liquor regulieren(
.
Abb. 31.2
):
4
Der Liquor wird im
Plexus choroideus
der Hirnventri-kel aus Blutplasma abfiltriert. Diese Grenzfläche beruhtauf der besonderen Architektur des Plexus choroideusund wird als
Blut-Liquor-Schranke
bezeichnet. DieLiquorsekretion erreicht mit ca. 0,4 ml/min ein Drittel
 
der Urinbildung und erlaubt einen dreifachen Umsatzdes Liquorvolumens pro Tag. Mit der interstitiellenFlüssigkeit des Gehirns tauscht sich der Liquor durchDiffusion aus
4
Der direkte Stoffaustausch zwischen Blutplasma undHirnparenchym erfolgt über die
Hirnkapillaren
, dieebenfalls eine charakteristische Architektur aufweisenund die
Blut-Hirn-Schranke
im engeren Sinne bilden
.
 
Abb. 31.1. Substratverwertung des menschlichen Gehirnsbei längerem Hungern.
Aus arteriovenösen Differenzen sowie derDurchblutung wurden Glucose- und Ketonkörperaufnahme sowieLactatabgabe ermittelt

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