Heutzutage bestreitet kaum jemand mehr, dass der Sprach-unterricht über Hintergrundinformationen hinaus sozio-kul-turelles Wissen zu vermitteln hat und die Voraussetzungenschaffen soll, dass Sprachlernen zum Kultur“lernen“, mit-hin zum Kulturverstehen wird. Landeskunde gehört deshalbals wesentlicher Lernbereich selbstverständlich zum Unter-richtsalltag. Suchen jedoch eine Deutschlehrerin oder einDeutschlehrer nach didaktischen Begründungen oder nachneuen methodischen Anregungen für die Praxis, so findensie wenig Hilfe. Andreas Pauldrach hat in FREMDSPRACHEDEUTSCH Heft 6 zum Thema „Landeskunde“ von einer „Unendlichen Geschichte“ gesprochen. Andere reden vom„Unfach“, von „sogenannter“ oder „ominöser“ Landeskun-de, von „Faktenhuberei“ und „Totalitätsanspruch“, vom„unmöglichen Fach aus Deutschland“, das noch 1990 für überflüssig erklärt worden war. Darüber hinaus wird dem„erweiterten Kulturbegriff“, auf den sich die meisten Lan-deskundekonzepte seit der „kommunikativen Wende“ Endeder 70er-Jahre beziehen, der Verzicht auf das Spezifische der Kultur und die Reduktion auf das Alltägliche vorgeworfen.Dem bescheidenen Fortschritt in der theoretischen Diskussi-on entspricht die Ratlosigkeit.
1. Verschiedene Lernorte
Für den Sprachunterricht werden pädagogische Ziele wie„Interkulturelle Verständigung“ und sprachdidaktische wie„eine umfassende Kommunikative Kompetenz“ gefordert.Diese lassen sich aber nur umsetzen, wenn sie auf den Ortdes Lernens und die Rolle der Lernenden und Lehrendenbezogen und von dort aus didaktisch begründet werden:
• Lernen im Zielsprachenland
Beim Erlernen der Sprache in einem Zielsprachenland wer-den von den Lernenden Strategien des Wissenserwerbs unddes Verstehens mit Muttersprachlern erfahren und ange- wandt. Im alltäglichen Leben gehen sie mit eigen- und fremdkulturellen Prägungen um. Sie nehmen fremde Kodes,ungewohnte Perspektiven, unbekannte „Bilder“ wahr undmachen sie sich als
erlebte Landeskunde
bewusst. An Stel-le einer Stadtführung, in der den Teilnehmern z.B. die Stadt-geschichte oder die Jugendszene erklärt wird, suchen sie imRahmen einer Stadterkundung das direkte Gespräch mit Jugendlichen oder die Spuren einer historischen Person.
• Lernen in Nachbarländern
Für das Lernen im Nachbarland ist besonders ein verfügba-res Orientierungswissen in Bezug auf die deutschsprachi-ge(n) Kultur(en) von Bedeutung. In Europa haben politi-scher Wille und ökonomischer Druck zu ständigen Kontak-ten zwischen den Bürgern verschiedener Kulturen geführt.Der Lernort in den dem deutschen Sprachraum benachbar-ten Ländern kann ein unmittelbar interkultureller genannt werden, der sich im Sinne einer
konfrontativen Landes- kunde
nützen lässt. So kann schon der Vergleich des Brauch-tums oder des Konsumverhaltens neben vielen Ähnlichkei-ten auch entscheidende Unterschiede bewusst machen.
• Lernen in weit(er) entfernten Ländern
Je weiter der Lernort vom Zielsprachenland entfernt ist, destoseltener finden unmittelbare Begegnungen, „erlebte Landes-kunde“ statt. Lernende wie Lehrende sind darauf angewie-sen, erst
das fremdsprachige Lernumfeld
zu
konstruieren.
In Rollenspielen und Simulationen können sie Kommuni-kationsformen erproben; die Neugier auf das „Andere“ fin-det ihren Raum in Recherchen zu „Land und Leuten“. Wodas Material für diese Erkundungen im eigenen Alltag fehlt,übernehmen Lehrwerke oder (literarische) Texte diese(Raum-)Funktion. Diese
erlebbare Landeskunde
zeigthistorische oder sozio-kulturelle Berührungs- und Bezugs- punkte mit den Zielsprachenländern und
inszeniert
somitdie
Begegnungen.
2. Lernzielbereiche
An keinem Lernort lässt sich Lernen auf eine Methode der Vermittlung beschränken. Je intensiver die Lernenden selbstihr Interesse an bestimmten Gegen-ständen oder Situationen vonihrer Wahrnehmung her äußern können, destoaktiver werden sie ihren„eigenen“ Lernkontextmitgestalten. Moderneslandeskundliches Lernenzielt auf die Kombination von (kognitivem) Wissenserwerb,dem Erfassen von (affektiven) Steue-rungsmechanismen und der Regeln (operativen) Handelns.
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LANDESKUNDLICHES LERNEN
VON WOLFGANG HACKL, MICHAEL LANGNERUND HANS SIMON-PELANDA
In diesem Beitrag wird die Diskussion über Landeskun-de, die in Heft 3 von FREMDSPRACHE DEUTSCH mit derVeröffentlichung der „ABCD-Thesen zur Rolle der Lan-deskunde im Deutschunterricht“ angestoßen und mitHeft 6 weitergeführt wurde, fortgesetzt. Die Autorenplädieren für ein landeskundliches Lernen, das die Viel-falt des deutschsprachigen Kulturraums in den Deutsch-unterricht integriert.
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