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Luhmann, Niklas - Anfang Und Ende

Luhmann, Niklas - Anfang Und Ende

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Niklas Luhmann
Anfang und Ende: Probleme einer Unterscheidung
 
In: Luhmann, Niklas / Schorr, Karl Eberhard (Hrsg.): Zwischen Anfang und Ende. Fragen an die Pädagogik. Frankfurt a.M. 1990(Suhrkamp)
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IUnterscheidungen verstehen sich nicht von selbst. Sie müssen gemacht werden. Das heißt auch:sie können gewählt werden. Man macht die eine oder die andere Unterscheidung, um etwas be-zeichnen zu können. Jede Bezeichnung setzt eine Unterscheidung voraus – auch dann, wenn das,wovon sie etwas unterscheidet, gänzlich unbestimmt bleibt. Sagt man Sokrates, so meint man So-krates und niemanden sonst. In diesem Falle fällt das, wovon das Bezeichnete unterschiedenwird, mit dem zusammen, wovon die Unterscheidung selbst unterschieden wird. In anderen Fäl-len kommt diese Unterscheidung der Unterscheidung hinzu. Zum Beispiel wird etwas als groß bezeichnet, um es von Kleinem zu unterscheiden, nicht dagegen von etwas Leisem (laut/leise)und oder etwas Langsamem (schnell/langsam).Ungeachtet dieses Unterschiedes von unterscheidenden Unterscheidungen und nichtunterschei-denden Unterscheidungen, den wir hier nicht weiter verfolgen wollen
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, kommt eine Unterschei-dung nur vor, wenn sie gemacht wird. Wenn sie nicht gemacht wird, wird sie nicht gemacht. Sieist nur eine Operation, hat also einen über Zeit vermittelten Bezug zur Faktizität. Sie realisiertsich selber, allerdings nur für einen Moment, und sie muß sich dann am Bezeichneten ihrer Kon-tinuierbarkeit und ihrer Wiederholbarkeit versichern, um sich zu de-arbitrarisieren.Wir wollen eine Operation, die etwas unterscheidet, um es zu bezeichnen, Beobachtung nennen.Ohne Unterscheidungen sind Beobachtungen nicht möglich. Mit Unterscheidungen geraten sie-----------------------------
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Und zwar: um den Paradoxieverdacht zu vermeiden, der aufkommen könnte, wenn man fragt, ob dieser Unterschiedselbst eine unterscheidende oder eine nichtunterscheidende Unterscheidung ist. »Unterschied« (in Unterscheidungvon »Unterscheidung«) dient uns mithin als Paradoxieabwehrbegriff. Natürlich nur: im Moment.
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unter die Bedingungen der Zeit, das heißt: in den Bann der Frage, ob eine De-arbitrarisierung ge-lingt oder nicht. Wenn sie gelingt, nimmt man an, daß die Operation der Beobachtung weltad-äquat läuft. Wenn sie gelingt, nimmt man außerdem an, daß das Problem der Paradoxie geschicktvermieden ist. Sehr zu Unrecht, wie eine genauere Analyse immer wieder zeigen kann.Somit gilt qua Definition: ohne Beobachtung keine Unterscheidung. Das heißt dann zugleich: der Beobachter selbst ist die erste Unterscheidung
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. Aber: wie ist er das? Will man ihn unterscheiden,erfordert das eine weitere Beobachtung – sei es die eines anderen Beobachters, sei es die dessel- ben Beobachters zu einem späteren Zeitpunkt. Daraus folgt, daß Beobachtungen nur in einem Netzwerk von sozialer und zeitlicher Ausdehnung möglich sind, in dem es zu rekursiven Beob-achtungsverhältnissen kommen kann. In einem solchen Netzwerk ist dann jede Beobachtung dieerste Beobachtung, sofern sie als solche beobachtet wird. Und es gibt keinen Anfang und keinEnde des Beobachtens, sofern nicht das Beobachten schon angefangen und noch nicht aufgehörthat. Der Begriff des Beobachtens zwingt mithin dazu, Beobachtungsverhältnisse zweiter Ord-nung, also ein Beobachten von Beobachtungen – zu beobachten.Damit ist noch nicht geklärt, was beobachtet wird, wenn Beobachtungen beobachtet werden. DaBeobachten Unterscheiden ist, kann es nur darum gehen zu beobachten, mit Hilfe welcher Unter-scheidungen ein Beobachter beobachtet. Jede Unterscheidung ist mithin Unterscheidung einesBeobachters, der hinreichend ausgerüstet ist, um sie zu machen
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. Jede Unterscheidung ist also
konditionierte Willkür 
.
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Auch wenn jemand Sein/Nicht---------------------------
2 So, in Anwendung der »Laws of Form« von George Spencer Brown (2. Aufl. London 1971), Fritz B. Simon, Un-terschiede, die Unterschiede machen: Klinische Epistemologie: Grundlage einer systemischen Psychiatrie und Psy-chosomatik, Berlin 1988, S. 44.3 Wir lassen in dieser Abstraktionslage ganz offen, ob es sich um einen Menschen oder um eine Maschine, ein Ge-hirn, ein Bewußtsein oder ein Kommunikationssystem handelt. Das sind bereits Unterschiede der Ausrüstung desBeobachters. 4 Ein offener (und erläuterungsbedürftiger) Widerspruch zur kantischen Begriffsbildung. Für Kant war Willkür gera-de bestimmt durch das Fehlen empirischer Bedingtheiten, und der Sinn dieses Begriffs lag in seiner Unterscheidungvom positiven (aber ebenfalls: empirisch unbe-
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sein oder Gegenstand und Erkenntnis oder wahr/nichtwahr unterscheidet, kann man noch fragen:warum gerade so und nicht anders.Fragt man nach den Konditionierungen des Beobachters, dann beobachtet man den Beobachter,dann beobachtet man beobachtende Systeme
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. Als immer schon konditionierte Operation kannsich keine Beobachtung der Beobachtung entziehen. Es gibt kein Entrinnen. Es gibt keinen unbe-obachtbaren, keinen extramundanen Standort für Beobachter. Oder anders gesagt: die Theorie der Beobachtung beobachtender Systeme ist eine auf sich selbst an- wendbare Universaltheorie.II Ohne die erkenntnistheoretischen Implikationen dieser Darstellung hier weiter zu verfolgen, neh-men wir uns nunmehr eine bestimmte Unterscheidung vor, nämlich die von Anfang und Ende.Das Wichtigste ist bereits gesagt. Auch diese Unterscheidung kommt nur vor, wenn sie vor-kommt. Es gibt also keinen Anfang und kein Ende als Tatsachen, die man unabhängig von einemBeobachter feststellen könnte (schon deshalb nicht, weil es ja auch gar keinen unabhängigen Be-obachter gibt
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). Wenn man einen Anfang oder ein Ende feststellen will, muß man also das Sys-tem, das anfängt, beobachten. Und wenn man feststellen will, wie es möglich ist, Anfang undEnde zu beobachten, muß man-----------------------------------------------------
dingten) freien Willen. Diese Begrifflichkeit war aber nur mit Hilfe der Unterscheidung empirisch/transzendentalformulierbar, während Systemtheorie und Kybernetik der Beobachtungsverhältnisse (second order cybernetics) gera-de leugnen, daß es empirisch Unkonditioniertes überhaupt geben kann. Ein Begriff wie Willkür wird dann zum Hin-weis, daß daraufhin der Beobachter beobachtet werden muß.5 Siehe die Forschungen, die sich heute als Neokybernetik oder als Kybernetik zweiter Ordnung bezeichnen; vor al-lem Heinz von Foerster, Observing Systems, Seaside Cal. 1981. Dt. Übersetzung (Auswahl), Sicht und Einsicht:Versuche einer operativen Erkenntnistheorie, Braunschweig 1985.6 Ohnehin weiß man ja spätestens seit den Antinomien der reinen Vernunft (erste Antinomie), daß dies, auf die Weltangewandt, zu einem empirisch unauflösbaren Widerspruch und dadurch zum transzendentalen Idealismus führenwürde.
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