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Zum 100. Geburtstag von Benjamin Britten - Gesänge der Einsamkeit - Süddeutsche

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Zum 100. Geburtstag von Benjamin Britten - Gesänge der Einsamkeit - Süddeutsche
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 Kultur 
22. November 2013 11:18 Zum 100. Geburtstag von Benjamin Britten
Gesänge der Einsamkeit
Von Reinhard J.Brembeck 
Benjamin Britten, vor 100 Jahren geboren, war ein vollkommener Musiker, der sich nie den ungeschützten Ausbruch der Gefühle erlaubte und immer die Formwahrte. Über einen Grübler, in den man sich immer wieder neu verlieben kann.
Was ist wunderbarer, als einen singenden Menschen auf der Bühne zu haben, und ihnmit musikalischen Tönen begleiten zu können? Aber Musik in dieser einfachen,stilisierten Form ist letztlich eine erfundene Sprache; sie hat zwar keine Bedeutung,aber sie vermag uns das ganze Drama des menschlichen Lebens in wenigen Noten zuvermitteln - wenn man klug genug ist, die richtigen Noten zu finden."Nur selten ist Benjamin Britten ganz bei sich, der vor einhundert Jahren an der englischen Ostküste geborene vollkommene Musiker, dessen Verzweiflungsstück "Peter Grimes" (1945) zu den wenigen großen Opernerfolgen des 20. Jahrhunderts gehört undnach wie vor gern gespielt wird. Wer erwartet, dass Musik unmittelbare Äußerung einesKomponisten ist, wird von Britten enttäuscht. Denn Britten durchlebt als Mensch zwar grausame Konflikte, ist aber von Haus aus zurückhaltend.Puritanismus, Höflichkeit, Arbeitswut und Understatement mögen diese Scheu verstärkthaben. Also kennt Brittens Musik nie den ungeschützten Ausbruch der Gefühle. Britten,der sich sein Leben lang phantasievoll mit der Tonalität auseinandersetzte, steht wie alleEngländer der französischen Musikästhetik nahe, deren Formalismus undZurückhaltung. Er ist ein Klassizist. Einer, der selbst beim Sturz in den Abgrund nochdie Form wahrt.Ganz ungeschützt spricht sich Britten nur dann aus, wenn er sich alleine glaubt. Wennkeine Bühne in der Nähe ist, auch nicht der lebenslang von ihm beschäftigte Tenor Peter Pears. Solche intimen Momente finden sich vor allem in der Kammermusik, in dendrei für seinen Freund Mstislaw Rostropowitsch geschriebenen Cello-Suiten, in dendrei Streichquartetten.
 
Das letzte vollendete er, schon todkrank, in seinem geliebten Venedig, wo auch seineletzte Oper "Death in Venice" spielt. Britten selbst starb 1976 in dem englischenKüstenort Aldeburgh, wo er Jahrzehnte lang lebte und 1948 sein Musikfestival gründete.
Verzweifelt und grübelnd
Seine Suiten und Quartette zeigen fern vom Glamour der Opern einen introvertierten,verzweifelten und grübelnden Britten. Hier gibt er sein Wesen zu erkennen, hier traut er sich, im Lamento der ersten, der Barcarola der dritten Suite oder der "Serenissima" desdritten Quartetts, der zu sein, der er immer ist, was er aber gern vor der Welt verbirgt:der Sänger letzter Einsamkeiten.Immer wieder scheint Britten die folgenden Zeilen aus seiner frühen Oper "The Rape of Lucretia" zu kommentieren: "Is all this suffering and pain, Is this in vain? Can we attainnothing But wider oceans of our own tears?"In diese Stimme muss sich jeder verlieben. Ganz Jugend, ganz Ungestüm undIntensität, schwingt sie sich elegant und von keinem Zweifel angekränkelt in die Höhe.Hell ist der Klang - doch da ist auch etwas Verschattetes, Hintergründiges, ein Hauchbrutaler Leidenschaft.
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Benjamin Britten lernte den Tenor Peter Pears 1937 kennen, sie zogen bald zusammen,gingen gemeinsam 1939 in die USA, wo sie drei Jahre lang blieben. Britten war enttäuscht vom Verlauf seiner Karriere, beide waren sie Pazifisten und beobachtetendas Erstarken des Nazis mit Sorge.In den USA erklärte Britten dann Pears seine Liebe auch musikalisch. Aber er tat es,wie für ihn typisch, über die Umwege der Sublimation, indem er sieben SonetteMichelangelos vertonte, fast alle sind an Tommaso de' Cavalieri gerichtet, den der Maler anhimmelte. Diese Stücke, die im italienischen Original vertont sind - was ihrer Dunkelheit nicht gerade aufhilft -, verhandeln Liebe eher als geistige Stimulanz denn alskörperliches Begehren.1942, gerade wieder nach England zurückgekehrt, haben die beiden den Zyklusaufgenommen, es ist eine der Sternstunden der Schallplattengeschichte. Peter Pears(1910-1986) ist wie immer der Extrovertierte und somit Gegenpart zum grüblerischintrovertierten Britten am Klavier. Doch nur zusammen, davon sprechen auchMichelangelos Texte, waren sie das Ganze.Hätte es Pears nicht gegeben, so hätte es den erfolgreichen Opernkomponisten Brittennicht gegeben, und niemand würde sich heute mehr an diese beiden Musiker erinnern.Sein Leben lang wurde Britten durch Pears' Stimme inspiriert, die ihm all jenes verhieß,worüber er als Komponist, die Kammermusik zeigt es, nicht wie selbstverständlichverfügte: Ungestüm, Lebensfreude, Selbstbewusstsein, Sex-Appeal, Freiheit.Pears war also nicht
His Master's Voice
 und schon gar nicht der Diener seines Herrn.Er war für Britten unverzichtbare Muse. Und Britten verhinderte, dass Pears jemalsüberzog oder sich am Repertoire verhob. So konnte dieser Tenor, der fürs gängigeOpernrepertoire eher ungeeignet erschien, als einziger unter den Sängern des20.Jahrhunderts allein durch die Musik eines modernen Komponisten berühmt werden.
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