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Unter mir liegt eine gefühlte Eiger-Nord-wand. Vor mir eine 16 Meter lange Hänge- brücke. Über mir sitzt Bergführer Helmutlässig in der Sonne, zieht an seiner Selbstge-drehten und grinst: "Einfach rüber, wie einSeiltänzer." Ich hake die Karabiner ein, dieam Seilende des Klettergurtes meine Lebens-versicherung darstellen. Dann wage ich denersten Schritt Richtung Hölle. Der Steg, dersich über dem steilen Abgrund auftut, istkaum breiter als mein Wanderstiefel.Vor dem Einschlafen war er mein letzterGedanke. Nach dem Aufwachen schoss mirerneut die Frage durch den Kopf: Werde ichdiese Schlüsselstelle mutig meistern? Odermuss ich mitten auf dem Madonnen-Kletter-steig um göttlichen Beistand flehen? Immer-hin ist es meine Premiere am Drahtseil.
REISE
BERGWELT 
56SEPTEMBER 2009
Hoch hinaus
 Abenteuer Klettersteig: auf den Spuren von Madonna in den Lienzer Dolomiten
Die Berge gelten bei schwulen Reisenden als unsexy - obwohl gerade dieseForm des Urlaubs oft den ganzen Kerl erfordert. Besonders am Klettersteig...
   F  o   t  o  :    O  s   t   t   i  r  o   l    W  e  r   b  u  n  g
 
57SEPTEMBER 2009
"Gut machst du das", ruft Helmut herunter."Immer schön einen Schritt nach dem ande-ren." Ich schaue möglichst geradeaus, um dieTiefe der Schlucht zu verdrängen. Die Angstist der Konzentration gewichen. Als ich auf der anderen Seite ankomme, war plötzlichalles halb so wild. "Geht doch" sage ich, auchum mich selbst zu beruhigen. Dann klettereich weiter, als sei dies mein tägliches Brot.Wie männlich!Klettersteige sind so etwas wie das Salz inder Suppe des Bergwanderns. In den LienzerDolomiten in Osttirol sind in den vergange-
nen Jahren mehrere interessante Routen
entstanden. Ich wandere auf den Spuren vonMadonna: die Namensgeberin des Steigessteht als Felsenskulptur in luftiger Höhe.Zur Freude des schwulen Wanderers hatman ihr eine Art Heiligenschein aus kleinenDiscokugeln aufgesetzt, die bei bestimmtem
 
Sonnenstand weithin sichtbar funkeln.
Doch für derartige Scherze habe ich vorerst
 keinen Blick. Trittsicherheit und Schwindel-freiheit erfordert der Weg, der auf fast 2500Meter Höhe führt. Ein Klettersteig setzt nichtnur permanente Aufmerksamkeit voraus,sondern auch mehr Kondition als eine nor-male Bergwanderung. Drei Stunden dauerteallein der steile Marsch bis zum Einstieg in
die Felswand der Gamswiesenspitze. Weitere
 drei bis vier Stunden sind für die Klettereiangesetzt. Die Gruppe, mit der ich unterwegs bin, verleiht mir neben einiger Sicherheitauch deutlichen Ansporn. Als Schwuler will
ich hier schließlich nicht das Mädchen
geben.So hangele ich mich am nackten Kalkstein
Gay Mountains
Der Berg ruft - immer mehr Schwule folgen
"Meine Eltern waren ziemlich bergbesessen,und so ‚musste' ich bereits als Kind jedenSommer in den Bergen verbringen" erzählt Jan (39). "Damals hatte mir das überhauptkeinen Spaß gemacht, und daher gab ich dasBergsteigen mit etwa 17 Jahren erst einmal
auf." Eine Erfahrung, die viele kennen.
Berge gelten bei schwulen Reisenden als
unsexy - obwohl gerade diese Form des
Urlaubs oft den ganzen Kerl erfordert.Bei Jan weckte ein Skiurlaub die Begeiste-rung wieder. Mittlerweile betreibt er mit
seinem Freund Benny das Internetportal
andersalpin.de: Hier organisieren die
 beiden Outdoorprogramme für schwule
Männer, von der gemütlichen Bergwan-
derung bis zum anspruchsvollen Kletter-steig.Auch der Deutsche Alpenverein ist imHier und Jetzt angekommen. Seit gut fünf  Jahren verfügt dieser ADAC des Bergsportsüber eine schwule Sektion. Der Gay Out-door Club sorgt von München aus dafür,dass die Homos unter den mehr als 800000DAV-Mitgliedern ihren Platz finden. Dasganze Jahr hindurch führt der Club Berg-und Skitouren für Schwule und Lesben
durch, an denen auch Nicht-Mitglieder
teilnehmen können. Und das ist längst kei-ne Sache älterer Herrschaften mehr. Auf 
Gayromeo wendet sich der Young Gay
Outdoor Club an bergbegeisterte jungeSchwule - und bringt es bisher auf mehr als100 Termine und Reisen. Hier verabredensich die Mitglieder nicht nur zur Besteigungder Zugspitze, sondern auch zum entspann-ten Grillabend. Gemeinschaft in den Bergenzu erleben ist auch das Ziel eines Gayromeo-Clubs, der sich "Gay Hüttenweekend" nennt.Da ist der Name Programm - und das schließt
neben Freizeitaktivitäten auch weiter-
gehendes Näherkommen ein. (sm)
entlang. Ganz bei mir, immer auf der Suchenach dem nächsten Tritt oder der nächstenkleinen Mulde, in die ich hineingreifen kann,um mich wieder ein Stück hochzuziehen.
135 Anker hat man 2006 beim Bau des
Steiges in den Fels getrieben; sie halten 650Meter Stahlseil. Die Route gilt als mittel-schwer. Mich führt sie an die Grenzen meinerLeistungsfähigkeit.Trotz des Bergführers bin ich ganz auf mich selbst gestellt. Ich allein muss michüberwinden, den nächsten Schritt zu gehen,einen luftigen Grat zu überqueren oder aneinem leicht überhängenden Felsvorsprungdem Material zu vertrauen, während untermir mehrere hundert Meter Abgrund liegen.So kommt zu einem grandiosen Naturerleb-
nis auch ein Stück Selbsterkenntnis: das
alles kannst du also schaffen! Nachdem dererste Adrenalinkick verflogen ist, macht sichneben purer Erschöpfung auch ein wenigStolz breit. Zurück im Tal weiß ich: das hierwar erst der Anfang. (sm)
Informationen zu Osttirol: osttirol.comGeführte Touren: bergstatt.at
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58SEPTEMBER 2009
Hier wohnt der ZDF-Bergdoktor. Auch Volks-musiker schätzen die Kulisse des WildenKaisers in Tirol. Die Bilderbuchlandschaft istZiel für Familien wie Senioren, die im Urlaubalpenländische Gutbürgerlichkeit suchen.Und doch gibt es da eine kleine Irritation:das einzige Gay-Only-Hotel der Alpen.Die Betreiber Tom und Manfred bauten vor
vier Jahren ein modernes Haus mit 15
Zimmern und strahlend blauen Balkonen.Mehr noch als der ungewohnte Fassaden-Farbklecks wurde die Regenbogenfahne zumHingucker. Sie weht gleichberechtigt nebender österreichischen Flagge vor dem Haus.Das brachte den Tourismusverein auf den
REISE
 TIPPS 
Bergpioniere
Haus Romeo ist Vorreiter für schwulen Alpentourismus
Plan, der wiederum Scheffaus Bürgermeistervorschickte. "Er ist zu uns gekommen und
hat uns nahe gelegt zu überlegen, ob die
Regenbogenfahne vor dem Haus sein muss",erinnert sich Tom. "Wir haben überlegt undsind sehr schnell zu dem Schluss gekom-men: sie muss!" Damit war Ruhe.Das Haus Romeo ist ein Pionier in denBergen. Natürlich gibt es mittlerweile auch
hier Betriebe, die mit dem Zusatz "gayfriendly"
 werben. Das Wanderhotel Kollerhof beiSchladming bietet beispielsweise Wander-wochen für schwule Singles an. Doch aus-schließlich auf die Homokundschaft zu set-zen, traute sich bisher noch niemand. "Wirmüssen von dem Hotel nicht leben", sagenTom und Manfred, die als Paar noch zweiweitere Firmen betreiben. "Aber wenn esnoch zehn solcher Häuser in den Alpen gäbe,würde uns das wahrscheinlich eher nützen."Ihr Haus verfügt über eine Bar und eineSauna, die am Wochenende auch externenGästen offen stehen. Und so ist in Scheffau
nicht nur ein ungewöhnlicher Ort für
schwulen Tourismus entstanden, sondernauch ein Stück schwuler Infrastuktur auf 
dem Land. "Die Bevölkerung geht locker
mit uns um", erzählt Manfred und ahnt
augenzwinkernd den Grund: "Ehe ein Öster-reicher dich ablehnt überlegt er, ob er nichtein Geschäft mit dir machen kann."
Das erlebt Reiseveranstalter Rudolf Hermes-
dorff von "Männer natürlich" auf andere Art:"Ich habe gerade ein Hotel aus Kärnten ins
Programm aufgenommen, wo das junge
Besitzerehepaar auf mich zukam", erzählt
er. "Es ist doch ein gutes Zeichen, wenn sichToleranz auch im Geschäftlichen zeigt". DieAtmosphäre in den Bergen werde langsamlockerer.Auch in Scheffau hat man sich schnell andie schwule Kundschaft gewöhnt. Die Res-taurants etwa profitieren davon, dass dasHaus Romeo nur ein Frühstück anbietet. Und beim Wandern, Klettern oder Skifahren ist esohnehin gleichgültig, was oder wie man ist -am Berg sind Können und Kondition ent-scheidend. Vorbehalte spürt man im HausRomeo eher von schwuler Seite: "Wenn wirauf dem CSD Werbung machen, hören wirhäufig Sätze wie: ‚Ich geh' doch nicht insMännerpuff'", erzählt Manfred. "Natürlichvon Leuten, die noch nie bei uns waren."(sm)
hausromeo.at
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