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PREDIGT 12 - Meister Eckhart

PREDIGT 12 - Meister Eckhart

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06/12/2014

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PREDIGT 12Impletum est tempus Elizabeth (Luc. 1, 57)»Für Elisabeth erfüllte sich die Zeit, und sie gebar einen Sohn. Johannes ist seinName. Da sprachen die Leute: ,Was wunders soll werden aus diesem Kinde? DennGottes Hand ist mit ihm'« (Luk.1,57/63/66). In einer Schrift heißt es: Das ist diegrößte Gabe, daß wir Gottes Kinder seien und daß er seinen Sohn in uns gebäre(1Joh.3,1). Die Seele, die Gottes Kind sein will, soll nichts in sich gebären, unddie, in der Gottes Sohn geboren werden soll, in die soll sich nichts anderesgebären. Gottes höchstes Streben ist: gebären. Ihm genügt es nimmer, er gebäredenn seinen Sohn in uns. Auch die Seele begnügt sich in keiner Weise, wenn derSohn Gottes in ihr nicht geboren wird. Und da entspringt die Gnade. Die Gnade wirdda eingegossen. Die Gnade wirkt nicht; ihr Werden ist ihr Werk. Sie fließt aus demSein Gottes und fließt in das Sein der Seele, nicht aber in die Kräfte.Als die Zeit erfüllt war, da ward geboren »Gnade«. Warm ist »Fülle der Zeit«? -Wenn es keine Zeit mehr gibt. Wenn man in der Zeit sein Herz in die Ewigkeitgesetzt hat und alle zeitlichen Dinge in einem tot sind, so ist das »Fülle derZeit«. Ich sagte einst: Der freut sich nicht alle Zeit, der sich freut in derZeit. Sankt Paulus spricht: »Freut euch in Gott alle Zeit!« (Phil.4,4). Der freutsich alle Zeit, der sich über der Zeit und außerhalb der Zeit freut. Eine Schriftsagt: Drei Dinge hindern den Menschen, so daß er Gott auf keinerlei Weise erkennenkann. Das erste ist Zeit, das zweite Körperlichkeit, das dritte Vielheit. Solangediese drei in mir sind, ist Gott nicht in mir noch wirkt er in rnir ineigentlicher Weise. Sankt Augustinus sagt: Es kommt von der Begehrlichkeit derSeele her, daß sie vieles ergreifen und besitzen will, und so greift sie nach derZeit und nach der Körperlichkeit und nach der Vielheit und verliert dabei ebendas, was sie besitzt. Denn solange als mehr und mehr in dir ist, kann Gott nimmerin dir wohnen noch wirken. Diese Dinge müssen stets heraus, soll Gott hinein, essei denn, du hättest sie in einer höheren und besseren Weise so, daß die Vielheitzur Eins in dir geworden wäre. Je mehr dann der Vielheit in dir ist, um so mehrEinheit ist vorhanden, denn das eine ist gewandelt in das andere.Ich sagte einst: Einheit eint alle Vielheit, aber Vielheit eint nicht Einheit.Wenn wir emporgehoben werden über alle Dinge und alles, was in uns ist,hinaufgehoben ist, so drückt uns nichts. Was unter mir ist, das drückt mich nicht.Wenn ich rein nur nach Gott strebte, so daß nichts über mir wäre als Gott, so wäremir nichts schwer und würde ich nicht so schnell betrübt. Sankt Augustinusspricht: Herr, wenn ich mich dir zuneige, so wird mir benommen alle Beschwer, Leidund Mühsal. Wenn wir über die Zeit und zeitliche Dinge hinausgeschritten sind, sosind wir frei und allezeit froh, und dann ist Fülle der Zeit; dann wird der SohnGottes in dir geboren.Ich sprach einst: Als die Zeit erfüllt war, da sandte Gott seinen Sohn (Gal.4,4).Wird irgend etwas anderes in dir geboren als der Sohn, so hast du den HeiligenGeist nicht, und Gnade wirkt nicht in dir. Ursprung des Heiligen Geistes ist der
 
Sohn. Wäre der Sohn nicht, so wäre auch der Heilige Geist nicht. Der Heilige Geistkann nirgends sein Ausfließen noch sein Ausblühen nehmen als einzig vom Sohne. Woder Vater seinen Sohn gebiert, da gibt er ihm alles, was er in seinem Sein und inseiner Natur hat. In diesem Geben quillt der Heilige Geist aus. So auch ist esGottes Streben, dass er sich uns völlig gebe. In gleicher Weise, wie wenn dasFeuer das Holz in sich ziehen will und sich hinwieder in das Holz, so befindet esvorerst das Holz als ihm (= dem Feuer) ungleich. Darum bedarf es der Zeit. Zuerstmacht es (das Holz) warm und heiß, und dann raucht es und kracht, weil es ihm(=das Holz dem Feuer) ungleich ist; und je heißer das Holz dann wird, um sostiller und ruhiger wird es, und je gleicher es dem Feuer ist, um so friedlicherist es, bis es ganz und gar Feuer wird. Soll das Feuer das Holz in sich aufsonehmen, so muß alle Ungleichheit ausgetrieben sein.Bei der Wahrheit, die Gott ist: Hast du es auf irgend etwas denn allein auf Gottabgesehen oder suchst du irgend etwas anderes als Gott, so ist das Werk, das duwirkst, nicht dein noch ist es fürwahr Gottes. Worauf deine Endabsicht in deinemWerke abzielt, das ist das Werk. Was in mir wirkt, das ist mein Vater, und ich binihm untertänig. Es ist unmöglich, daß es in der Natur zwei Väter gebe; es mußstets ein Vater sein in der Natur. Wenn die anderen Dinge heraus und "erfüllt«sind, dann geschieht diese Geburt. Was füllt, das rührt an alle Enden, undnirgends gebricht es an ihm; es hat Breite und Länge, Höhe und Tiefe. Hätte esHöhe, aber nicht Breite noch Länge noch Tiefe, so würde es nicht füllen. Sankt 5Paulus spricht: "Bittet, daß ihr zu begreifen vermöget mit allen Heiligen, welchessei die Breite, die Höhe, die Länge und die Tiefe« (Eph.3,18).Diese drei Stücke bedeuten dreierlei Erkenntnis. Die eine ist sinnlich: Das Augesieht gar weithin die Dinge, die außerhalb seiner sind. Die zweite ist vernünftigund ist viel höher. Mit der dritten ist eine edle Kraft der Seele gemeint, die sohoch und so edel ist, dass sie Gott in seinem bloßen, eigenen Sein erfaßt. DieseKraft hat mit nichts etwas gemein; sie macht aus nichts etwas und alles. Sie weißnichts vom Gestern noch vom Vorgestern, vom Morgen noch vom Übermorgen, denn inder Ewigkeit gibt es kein Gestern noch Morgen, da gibt es (vielmehr nur) eingegenwärtiges Nun; was vor tausend Jahren war und was nach tausend Jahren kommenwird, das ist da gegenwärtig und (ebenso) das, was jenseits des Meeres ist.Diese Kraft erfaßt Gott in seinem Kleidhause. Eine Schrift sagt: »In ihm, mittelsseiner und durch ihn« (Röm.II,36). »In ihm«, das ist in dem Vater, "mittelsseiner«, das ist in dem Sohne, "durch ihn«, das ist in dem Heiligen Geiste. SanktAugustinus spricht ein Wort, das diesem gar ungleich klingt, und es ist ihm dochganz gleich: Nichts ist Wahrheit, was nicht alle Wahrheit in sich beschlossenhält. Jene Kraft erfaßt alle Dinge in der Wahrheit. Dieser Kraft ist kein Dingverdeckt. Eine Schrift sagt: Den Männern soll das Haupt entblößt sein und denFrauen bedeckt (I Kor.II,7+6). Die"Frauen“«, das sind die niedersten Kräfte, diesollen bedeckt sein. Der »Mann« aber, das ist jene Kraft, die soll entblößt undunbedeckt sein.:»Was wunders soll werden aus diesem Kinde?«Ich sprach neulich zueinigen Leuten, die vielleicht auch hier anwesend sind, ein Wörtlein und sagte so:Es ist nichts so verdeckt, das nicht aufgedeckt werden solle (Matth.10, 26;Luk.12,2; Mark.4,22). Alles, was nichts ist, soll abgelegt werden und so verdeckt,daß es selbst nicht einmal mehr gedacht werden soll. Vom Nichts sollen wir nichts
 
wissen, und mit dem Nichts sollen wir nichts gemein haben.Alle Kreaturen sind ein reines Nichts. Was weder hier noch dort ist und wo einVergessensein aller Kreaturen ist, da ist Fülle alles Seins. Ich sagte damals:Nichts soll in uns bedeckt sein, das wir nicht Gott völlig aufdecken und ihmvollständig geben. Worin immer wir uns finden mögen, sei's in Vermögen oder inUnvermögen, in Lieb oder in Leid, wozu wir uns immer geneigt finden, dessen sollenwir uns entäußern. In der Wahrheit: Wenn wir ihm (Gott) alles aufdecken, so deckter uns wiederum alles auf, was er hat, und er verdeckt uns in der Wahrheit ganzund gar nichts von alledem, was er zu bieten vermag, weder Weisheit noch Wahrheitnoch Heimlichkeit noch Gottheit noch irgend etwas. Dies ist wahrlich so wahr, wiedaß Gott lebt, dafern wir's ihm aufdecken. Decken wir's ihm nicht auf; so ist eskein Wunder, wenn er's uns dann auch nicht auf- deckt; denn es muß ganz gleichsein: wir ihm, wie er uns. Man muß klagen über gewisse Leute, die sich gar hochund gar eins mit Gott dünken und sind dabei doch noch ganz und gar ungelassen undhalten sich noch an geringfügige Dinge in Lieb und in Leid. Diese sind weitentfernt von dem, was sie sich dünken. Sie streben nach viel und wollen ebensoviel.Ich sprach irgendwann: Wer das Nichts sucht, daß der das Nichts findet, wem kanner das klagen? Er fand, was er suchte. Wer irgend etwas sucht oder erstrebt, dersucht und erstrebt das Nichts, und wer um irgend etwas bittet, dem wird das Nichtszuteil. Aber wer nichts sucht und nichts erstrebt als rein nur Gott, dem entdecktund gibt Gott alles, was er verborgen hat in seinem göttlichen Herzen, aufdaß esihm ebenso zu eigen wird, wie es Gottes Eigen ist, nicht weniger und nicht mehr,dafern er nur unmittelbar nach Gott allein strebt. Daß der Kranke die Speise undden Wein nicht schmeckt, was wunders ist das? Nimmt er ja doch den Wein und dieSpeise nicht in ihrem eigenen Geschmack wahr. Die Zunge hat eine Decke und einKleid, womit sie wahrnimmt, und dieses ist bitter gemäß der Krankheitsnatur derKrankheit. Es gelangte noch nicht bis dahin, wo es schmecken sollte; es dünkt denKranken bitter, und er hat recht, denn es muß bitter sein bei dem Belag und demÜberzug. Wenn diese Zwischenschicht nicht weg ist, schmeckt nichts nach seinemEigenen. Solange der »Belag« nicht von uns beseitigt ist, solange schmeckt unsGott nimmermehr in seinem Eigenen, und unser Leben ist uns (dann) oft bekümmertund bitter.Ich sagte einst: Die Mägde folgen dem Lamme nach, wohin es auch geht, unmittelbar(Geh. Offenb. 14, 4). Hier sind einige (wirklich) Mägde, andere aber sind hiernicht Mägde, die aber doch Mägde zu sein wähnen. Die die wahren Mägde sind, diefolgen dem Lamm nach, wohin immer es geht, in Leid wie in Lieb. Manche folgen demLamm, wenn es in Süßigkeit und in Gemach geht; wenn es aber ins Leiden und inUngemach und in Mühsal geht, so kehren sie um und folgen ihm nicht. Traun, diesind nicht Mägde, was immer sie auch scheinen mögen. Etliche sagen: Je nun, Herr,ich kann wohl dahin gelangen in Ehre und in Reichtum und in Gemach. Traun! hat dasLamm so gelebt und ist es so vorangegangen, so vergönne ich's euch wohl, daß ihrebenso nachfolgt; die rechten Mägde jedoch streifen dem Lamm nach durch Enge undWeite und wohin immer es streift.

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