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Erick Wolf.rechtswirklichkeit Montaigne

Erick Wolf.rechtswirklichkeit Montaigne

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11/07/2014

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RECHTSWIRKLICHKEIT UND JUSTIZKRITIK BEI MONTAIGNE
ERIK WOLF
Der Name
1
 des langjährigen Parlamentsrats und für zwei Amtsperioden gewählten Maire von Bordeaux, dessen persönlich-politisches
 Problem
 der friedliche Ausgleich war: einerseits zwischen Stadtfreiheit und Königsge-walt, andererseits zwischen loyal-konservativer Treue eines „chevalier du Roy" und seigneuraler Ungebundenheit des Grundherrn im Périgord — ein Problem, das in seinem Amtsnachfolger Montesquieu zur Zeit des zen-tralistischcn Absolutismus sich wiederholte —, hat immer noch keine Be-achtung bei Historikern des politischen und sozialen Denkens gefunden. Vergeblich forscht man nach einer Erwähnung, geschweige denn einer Interpretation seiner „Essais"
2
 in Lehrbüchern oder Monographien der Geschichte der Rechts- und Staatsphilosophie, worin doch —
 nach
 Eras-mus, Morus, Machiavelli: den Frühhumanisten — diesem klar und weit blickenden französischen Autor neben den Mitträgern des „Essor de la Philosophie Politique du seizième siècle"
3
: La Boétie und Bodin, sein Platz zukäme. Zwar ästhetisch geschätzt als eines der frühesten Zeugnisse großen europäischen Literatentums
4
, gilt Montaignes „Spielen des Geistes" (das
1
 Zum Biographischen:
 Paul Bonnefon,
 Montaigne et ses amis, 2 vol., Paris 1928
2
.
 Maurice Rat,
 „Introduction" zur Montaigneausgabe, t. I, S. I—XLII; nebst „Notice bibliographique", S. XLIII—XLIX, Paris 1962.
2
 Zitiert werden im folgenden die „Essais" nach der Ausgabe von
 Maurice Rat 
 (Edi-tion Garnier Frères, 2 torn., Paris 1962), deren Text mit dem maßgebenden „Exemplaire de Bordeaux" übereinstimmt.
3
 Sogar
 Pierre Mesnard,
 L'Essor de la Philosophie Politique au seizième siècle, Paris 1927 (2. ed., Paris 1936), erwähnt ihn nur im Zusammenhang mit La Boétie, S. 388 bis 392.
4
 Zum gcistesgeschichtlichen Hintergrund:
 Hugo Friedrich,
 Montaigne, Bern 1949, und die älteren Studien von
 Fortunat Strowski,
 Montaigne, Paris 1906;
 Jean Plattard,
 
! Erik Wolf
on der ernste Malebranche getadelt hat) vielen seither für sachlich  /erbindlich:
 intellektuell
 verpflichte es nicht, weil ihm die Zuversicht losophischer Systematik fehle;
 ethisch
 nicht, weil es ihm an der Autori-pädagogischer Homiletik mangele. Wer wird deshalb in dem bewußt >chalant und behutsam unpedantisch plaudernden, begüterten Schloß-rn, der mit Dienerschaft zu Hofe ritt oder mit einer Suite junger Stan-genossen ausländische Badeorte besuchte, dabei allabendlich dem Pri-sekretär sein Reisetagebuch in die Feder diktierend, einen
 Gesellschafls-
 f 
iker 
 suchen? Wer wird in dem — achtunddreißigjährig — seine Bü-rstube im Burgturm von Montaigne zur selten mehr verlassenen re-ite Wählenden, mit sokratischer Ironie sich und die Umwelt auf ihr rklichsein hin Befragenden, persönliche Freiheit über alles Liebenden,
ι auch im Amt und vor dem
 König seine Unabhängigkeit Wahrenden, nie vergessen ließ, daß „le Maire et Montaigne ont toujours esté
χ"
5
, einen
 Sozialtheoretiker 
 finden? Jnd doch zeigen seine „Essais" wie sein „Journal de voyage"
0
 an vielen len, deutlich und bis ins einzelne, nicht nur den auf Beachtung und Er󰀭ung
 öffentlicher und privater Rechtspflichten jederzeit sorglich be-iten Mann der Ordnung und Rechtlichkeit — „j'ayme l'ordre et la été"
7
 sagte er von sich selbst —; sie enthalten auch eigenständige Ge-ken zur Sozialverfassung und treffende Urteile über die Verhältnisse Recht, Staat, Gesellschaft. Oft erscheinen sie überraschend unzeitge-Ï, ja modern. I.
ι konventioneller, geisiesgeschichtlicher Beurteilung gilt Montaigne .Wegbereiter der 
 französischen Aufklärung"; es heißt: sein „Skeptizis-" sei die Vorstufe für den „Logizismus" von Descartes und den „Ra-alismus" Voltaires gewesen. Siz/geschichtlich erscheint das Werk des mo unius libri" — die 1580 zuerst gedruckten, 1582/88 (mit Zu-en) neu aufgelegten „Essais" — am Anfang jener einzigartigen Reihe zösischer Schriftsteller, die traditionell
 „Les Moralistes" 
 genannt wer-„Moralisten" waren sie freilich weder im humanistisch-sozialethi-n noch im politisch-pädagogischen Sinn. Sie sind es vielmehr in einem
aigne, l'homme et l'oeuvre, Paris 1938;
 Pierre Villey,
 Les sources et l'évolution des s de Montaigne, 2 vol., Paris 1933
2
.
 5
 1. III, ch. X, p. 457. Journal de Voyage en Italie par la Suisse et l'Allemagne", 1580/81. Zitiert wird .usgabe von
 Maurice Rat 
 (Edition Garnier Frères, Paris 1955). . III, ch. IX, p. 392.
 Rechtswirklichkeit und Kritik hei Montage
633
anthropologisch-soziologischen Verständnis: Kenner und Kritiker der „mores", der Sitten und Bräuche. Das spezifisch Humane, das Montaigne in „l'usage", dem Herkommen, und in „la coustume", der Gewohnheit, entdeckt hat, ist das gleiche „Menschentum", wie es später in Bacons Essays, Gracians Handorakel und noch in Samuel Johnsons Gesprächen sowie in Lichtenbergs Aphorismen begegnet. Der populären Lehrschrift-stellerei und der pedantischen Weise geistiger Volkserziehung fremd, be-hauptet sich die Zeitkritik dieser Denker — es waren eminent „freie Geister", doch ohne jene aufdringlich sich inszenierende „Freigeisterei" der Aufklärung im engeren Sinn — gegenüber der schulmeisterlichen rf-tigkeit vieler Schriften europäischer Autoren des 17. und 18. Jahrhunderts in einem höheren Rang rationaler Intelligenz, nationaler Originalität und spiritueller Substanz. Vom lateinischen „mores" her klingt in „moeurs" der strenge Ernst nicht nur äußerlich unverbrüchlicher, sondern auch inner-lich verpflichtender Lebensordnung
8
 in einem heute verblaßten, ursprüng-lichen Sinn des Sittlichen nach; aber es tönt auch hindurch die heitere Fülle gewachsener, zweckfreier Daseinsordnung „guter Sitten", die sich in ihrer Grenze halten, sie aber auch gefällig umgehen. „Brauchtum" im folklo-ristischen Sinn ist zu historisch, „Herkommen" im soziologischen Ver-ständnis zu begrifflich gedacht, um das Ganze ahnen zu lassen, was in diesem „Schildern" („réciter", sagt Montaigne
9
) von moeurs vorgestellt war. Noch Flaubert war sich dieser Tradition bewußt, als er seinem Ro-man „Madame Bovary", der ersten „realistischen Erzählung" der Neu-zeit, den Untertitel „Moeurs de Province" gab. In dieser Eigenart sind die „Moralistes" von Montaigne bis Montes-quieu für die Geschichte der Sozialtheorie und wissenschaftlichen Politik von Bedeutung: unbefangene Initiatoren einer soziologisch-empirischen Rechtsauffassung, sind sie ebenso unerschrockene, sachkundige Berichter-statter über die Rechtswirklichkeit ihrer Zeit wie urteilsfähige Kritiker der Justiz. Montaigne erscheint unter diesem Aspekt als Begründer einer
 sozialen  Anthropologie:
 der aus Beobachtung und Erfahrung erwachsenen „Men-schenkunde" ; er will damit nicht Menschen bessern oder erziehen, sondern entdecken und verstehen, was und wie der Mensch wirklich ist. „Les
8
 Bei
 Montaigne
 selbst im Sinn von „caractère", „conduite", „manière de vivre" gebraucht (
 Pierre Villey,
 Lexique de la Langue des Essais, Vol. V der „Edition Munici-pale", Bordeaux 1933, p. 422/23). • Sowohl im Sinn von „décrire" als audi von „raconter" und „rapporter"
 (
Villey,
 1.
c. p. 568/69).
 
',48
Erik Wolf
autres forment l'homme; je le récite"
10
 — dieses vielzitierte Wort kenn-zeichnet Montaignes Verständnis vom Menschen auch in seinem sozialen Dasein. „Der Mensch im Recht" wird bei ihm vom traditionellen Lehr-gegenstand der Wissenschaft zum Objekt ganz neuer, persönlicher Er-kenntnis. II. So ursprünglich begabt und von Autoritäten unabhängig Montaigne war, so stark individuell geprägt und auf sich zurückgezogen
11
 er sein Le-ben führte, überzeugt, „es sei nötig, andern beizustehen, aber Hingebung schulde jeder nur seinem Selbst"
12
 — auch er ist von seiner
 Umwelt 
 be-dingt und von ihrer „usage" mitbestimmt worden. 1.
 Welthistorisch
 war es die Situation des französischen ancien regime in seiner Auseinandersetzung mit der Hugenottenbewegung. Nirgends „stei-gerte sich der große Entscheidungskampf der Konfessionen zu solcher dra-matischen Wucht wie in Frankreich"
13
 seit Heinrich II. (1547/59) und der Regentschaft Katharinas v. Medici (1560/63). Ihre äußeren Zeichen: die Adelsrevolte von 1560, die Hugenottenmassacres von 1562 und 1572, die Ermordung Heinrichs III. (1589) fielen in Montaignes Lebenszeit. Er, der Sohn des Michel Eyquem, écuyer, war gleichsam prädestiniert zum loy-alen, königstreuen Chevalier du Roy, hielt aber fest an seiner persönlichen Unabhängigkeit
14
 und gab viel auf sein halb stadtpatrizisches, halb land-adliges Prestige. Politisch wie kirchlich streng loyal, verurteilte er doch freimütig die an den Peruanern
15
 verübten Greuel ebenso wie die Grau-
ln
 1. III, ch. II, p. 222.
11
 Man fand im Schloß eine Kupferplatte, auf deren Vorderseite Montaigne seinen Namen und sein Wappen hat eingraben lassen, auf der Rückseite eine Waage und das griechische Wort
 „έπέχω" (ich halte mich
 zurück).
12
 „ ... il se faut prester à autruy et ne se donner qu'à soy-mesme" (1. III, ch. X, p. 447). Vgl. „J'ay peu me mesler des charges publiques sans me despartir de moy de la largeur d'une ongle, et me donner à autruy sans m'oster à moy" (1. III, ch. X, p. 452 und 1. III, ch. XII, p. 486).
13
 Gerhard Ritter,
 Die Neugestaltung Europas im 16. Jahrhundert, Berlin 1950, S. 236.
14
 „ . . . . me desplaist d'estre hors la protection des loix et soubs autre sauvegarde que la leur ... Or je tiens qu'il faut vivre par droict et par auctorité, non par recom-pence ny par grace." (1. III, ch. IX, p. 405)
15
 Gestützt auf 
 De Gomara,
 Histoire générale des Indes, V 7, berichtet er von der Mißhandlung des Königs der Peruaner, Attabalipa: „ ... on le condemna à estre pendu et estranglé publiquement, luy ayant faict racheter le tourment d'estre bruslé tout vif par le baptesme qu'on luy donna au supplice mesme." (1. III, ch. VI, p. 345)
 Rechtswirklichkeit und Justizkritik bei Montaigne
635
samkeit der zeitgenössischen guerres civiles
16
. Er teilte diesen Absdieu mit seinem Landsmann und Zeitgenossen Bodin
17
, wie auch die Sehnsucht nach konfessionellem und ständischem Frieden. Fremd aber wie die
 totale
religiöse Toleranz Bodins blieb ihm das
 radikale
 politische Pathos seines Jugendfreundes Etienne de La Boétie (1530—1563), in dessen hinterlas-sener, von Montaigne edierter Schrift „Discours de la servitude volon-taire". 2.
 Geistesgeschichtlich
 beeinflußt hat ihn, stärker als die formalkritische literarische Zielsetzung der „Pléiade", die Lektüre von Rabalais, dessen gesellschafts- und kirchenkritische Tendenz bei Montaigne freilich dialek-tisch gemildert erscheint. Sein ganz von tätigem Erfahren, dem „Proze-dieren", nicht vom beschaulichen Erkennen, dem „Philosophieren"
18
, ge-formtes
 politisches
 Denken läßt keine tiefere Einwirkung von Bodins „Six Livres de la République" spüren; weit mehr den Eindruck, den die „Politica" des Justus Lipsius
19
 auf ihn gemacht hat. Er teilte aber Bodins Abneigung gegen Machiavelli
20
 und kritisierte, wie dieser, die humani-stische Jurisprudenz. Sein vornehmlich von
 lateinischer 
 Literatur geprägter Humanismus hatte keine gelehrten Ambitionen; ihn zog an Büchern und Personen nur das „humanuni" an. Fremd jeder schulmeisterlich-pedanti-schen Imitation von Autoren der römischen Spätstoa — er liebte besonders Seneca und Plutarch — übernahm er in freier Umformung ihre Lebens-maximen. 3. Montaignes
 Religiosität 
 verblieb im Rahmen der katholisch-kirch-lichen Tradition, theologisch abhängig von der spätscholastischen Literatur; die Reformatoren, obwohl er sich um rechte Erfassung ihrer Lehrunter-schiede bemüht hat, lehnte er ab
21
. Wie er die Römische Kirche als be-stehende Institution bejahte, so verneinte er die Reformation als umstür-zende Revolution; die Entscheidung zwischen den Konfessionen war für
16
 „ . . . une si horrible corruption de meurs que les guerres civiles apportent..." (1. I, ch. XXIII, p. 127); „...exemples incroyables (de la cruauté) par la licence de nos guerres civiles ..." (1. II, ch. XI, p. 475; 1. II, ch. XXXII, p. 130).
17
 „Jean Bodin est un bon autheur de nostre temps, et accompagné de beaucoup plus de jugement que la tourbe des escrivailleurs de son siecle" (1. II, ch. XXXII, p. 128).
18
 Die Formulierung dieser in
 Montaigne
 verkörperten, existentiellen Dialektik ver-danke ich
 Karl Alfred Hall,
 Die Lehre vom Corpus delicti, Stuttgart 1933, S. 164: „Es gilt nicht zu philosophieren. Es gilt zu prozedieren."
19
 „Lipsius en ce docte et laborieux tissu de ses
 Politiques" 
 (1. I, ch. XXVI, p. 158); „Justus Lipsius, le plus sçavant homme qui nous reste, d'un esprit très-poly et judi-cieux ..." (1. II, ch. XII, p. 650).
20
 Zu den „Discorsi": 1. II, ch. XVII, p. 58; zur „Arte délia guerra": 1. II, ch. XXXIV, p. 142.
 21
 1. III, ch. XII, p. 492.

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