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Mitteilungsblatt der Schützen der Alpenregion
Bozen, Innsbruck, Weyarn, Kronmetz im September 2004
Die Schützen in der sich dauerndwandelnden Gesellschaft
 von Dr. Luis ZingerleLiebe Schützenkameraden, liebe Marketenderinnen, wir Schüt-zen gehören einer traditionsreichen Organisation an, die sich zuihren Aufgaben und Zielen öffentlich durch das Tragen der Trachtbekennt. Wir Schützen gehören nicht zu jenen Zeitgenossen, dieweder Fisch noch Fleisch sind; wir bekennen uns offen, aber ohne Aufdringlichkeit zum Tirolertum, und treten für jene zeitlosen Werteein, welche die Tiroler Wesensart ausmachen. Die Männer der ers-ten Stunde, die unter erschwerten Bedingungen und in einem Klimaharter politischer Auseinandersetzungen um die Zukunft unseresTiroler Landes die Schützenkompanien wiedergegründet haben,waren beseelt vom Schützengeist, von Mut und Opferbereitschaftund waren getragen von einer Begeisterung für das Schützenwesenund für dessen Zielsetzungen. Treue zum Väterglauben, Liebe undTreue zur Heimat und Treue zum Tiroler Schützenbrauch warenfür sie selbstverständliche Pflichten. Lassen wir uns als Schützennicht von der vielfach allgemein feststellbaren Bequemlichkeit undGleichgültigkeit anstecken; Bequemlichkeit und Gleichgültigkeithaben noch nie zu einer Vertiefung und Stärkung der Heimatliebeund des Heimatbewusstseins geführt. Geldzählen ist kein Einsatz für  Weltanschauung, für Bildungswesen, für Geschichts- und Kulturbe-wusstsein. Geldzählen und volkstumspolitisch bequem, gleichgültigund nur auf den eigenen Vorteil aussein, hat noch nie zu einem verstärkten Selbstverständnis und Selbstbewusstsein als Tiroler ge-führt. Wir Schützen wollen uns verstärkt unseren statutarischen Aufgaben und Zielsetzungen zuwenden; wir wollen in verstärktemMaße uns unserer religiösen, unserer volkstumspolitischen, kultur-und bildungsmäßigen Aufgaben bewusst werden und entsprechendhandeln. Wir werden diesbezüglich noch mehr Mahner und Sauer-teig in unserer Gesellschaft werden müssen.Der Südtiroler Schützenbund hat im Arbeitsjahr 2004, dem„Jahr der Kompanien“, seine Initiativen im Kultur- und Bildungs-bereich fortgesetzt, und zwar mit folgender Zielsetzung:Hauptleute und Mitglieder der Kommandantschaften, sowie in-teressierte Schützen und Marketenderinnen sollen in die Lage ver-setzt werden, ihren statutarischen Auftrag mit Selbstvertrauen undFreude erfüllen zu können.Die Schützen und Marketenderinnen sollen mit dem nötigenGrundwissen der Geschichte, der Kultur und der Gesellschaft un-seres Landes vertraut gemacht werden, das für das eigene Selbst- verständnis wichtig ist. Dabei soll ihnen das Bewusstsein vermitteltwerden, „dass alle Tiroler in einer in sich geschlossenen Landesge-meinschaft zusammengehören. Eine der wichtigsten Aufgaben der Schützen ist deshalb die Pflege eines starken Tirolbewusstseins undeines verantwortungsvollen geschichtlichen Denkens. Unser Hei-matland heißt Tirol, mag es auch seit 1919 zwei Staatsoberhoheitenunterstehen. Die geistig- kulturelle Landeseinheit kann durch keineStaatsgrenze zerrissen werden, wenn wir nicht wollen. Und dieser  Wille ist heute in der Bevölkerung zu beiden Seiten der Staatsgren-ze eher schwach. Tirol ist für viele kein Begriff mehr, und das geo-grafische Raumdenken unserer Leute operiert heute fast ausschließ-lich mit Staatsräumen: hie Österreich, hie Italien, und dazwischen
Sondernummer28. Jahrgang
 Versand im Postabonnement Art. 2, Abs. 20c Ges. 662/96 Fil. Bozen
 
Sondernummer 20042
bestenfalls Südtirol als eine italienische Provinz mit mehrheitlicher deutscher Bevölkerung. In zunehmendem Maße wird die Alpensüd-seite Tirols nicht mehr als ein Teil Tirols, sondern als eignes Landgesehen. Sogar in der allernächsten Zone des Staatsgrenzengebietesfahren die Leute >nach Österreich<, wenn sie sich nach Sillian be-geben, obwohl man sowohl in Innichen als auch in Sillian nicht nur im gleichen Land Tirol, sondern sogar im gleichen Tal, im Pustertal,ist. Das geografische Raumdenken scheint nur mehr Staatsräumezu kennen. Unter Tirol verstehen viele nur mehr das angrenzendeösterreichische Bundesland. Das schwindende Tirolbewusstsein wi-derspricht jedem europäischen Denken, das (...) mit geschichtlichgewachsenen Regionen operiert. Wir selber zerreisen unser Landin die Fetzen Nord-, Süd- und Osttirol und beklagen gleichzeitigdie ungerechte Zerreißung Tirols. Den Schützen muss klar bewusstwerden, dass unser Heimatland nicht Südtirol, sondern Tirol ist!“(Egon Kühebacher)Die Schützen und Marketenderinnen sollen deshalb in die Lage versetzt werden, im Rahmen des Statutes und der Satzungen desSüdtiroler Schützenbundes bewusst und fundiert Aktionen zusetzen, die ihnen in der Gesellschaft unseres Landes einen unent-behrlichen Stellenwert sichern und welche die Tiroler Identität undKulturlandschaft wahren und erhalten können. Daher wurde unter anderem die Großtagung „Aufgaben des Südtiroler Schützenbundesin der sich dauernd wandelnden Gesellschaft“ mit sechs hochkarä-tigen Referenten am Samstag, dem 3. April 2004, durchgeführt, anderen Vorträgen sich eine Diskussion in Arbeitskreisen angeschlos-sen hat.Sinn und Zweck dieser Tagung war es, die kulturpolitischen Ak-tionen des Südtiroler Schützenbundes auf eine möglichst breiteGrundlage innerhalb des Bundes zu stellen und die Kompanien,Bezirke und einzelnen Schützenkameraden und Marketenderin-nen stärker als bisher in diese wichtige kulturpolitische Tätigkeiteinzubauen, damit sie mitreden, mitwirken, mitgestalten und so-mit bewusst und überzeugt mitentscheiden können, wenn es umgrundlegende Anliegen unserer Heimat, unseres Dorfes, unserer Tiroler Kulturlandschaft und unserer Tiroler Identität geht. Jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin an dieser Tagung sollte in sichden Aufruf verspüren: „Wir alle brauchen nicht den Mut, auf demSchlachtfelde zu kämpfen und müssen nicht immer Helden sein. Wir bräuchten nur manchmal etwas Zivilcourage, wenn es dieUmstände erfordern, um für unser Recht und unsere Freiheit zukämpfen. Für unsere Heimat das Wort zu erheben und eine Handzu rühren. Freiheit und Gerechtigkeit verlangen einen permanentenKampf gegen jene, die sie beschneiden wollen. Nur wo Freiheit undGerechtigkeit gelebt wird, ist auch Frieden. Wir sind deshalb aufge-rufen, täglich den Mut zu haben, als ganze Tiroler zu leben und diesauch öffentlich zu bekennen. Auf seine Freiheit verzichten, so JeanJacques Rousseau, heißt, auf seine Menschenwürde verzichten. Auf seine Identität verzichten oder sie leugnen, heißt, sich lebendig be-graben. Lasst uns deshalb als Tiroler leben in Freiheit, Gerechtigkeitund Frieden, eingedenk der Verantwortung, die wir dafür tragen.“(Richard Piock)Die Vorträge der Referenten werden in dieser Sonderausgabe der Tiroler Schützenzeitung abgedruckt und sollen als Stütze für die Arbeit der Schützen und Marketenderinnen in den Kompanien die-nen. Ebenso finden sich am Ende des jeweiligen Berichtes die Er-gebnisse der Arbeitsgruppen. Diese wurden so niedergeschrieben,wie sie den Teilnehmern spontan eingefallen sind.In diesem Sinne wünsche ich allen Schützen und Marketende-rinnen weiterhin viel Freude am Tiroler Schützenwesen und fordereEuch alle auf: „Haltet fest an den Grundsätzen des Tiroler Schüt-zenwesens, die da heißen: Glaube und Heimat“. 
 
Sondernummer 20043
Schutz der Umwelt, der Natur-undKulturlandschaft als historische Verpflichtung
 von Dr. Peter Ortner Die Globalisierung fördert als Gegenreaktion zur Entpersönli-chung, Vermassung, allseitiger Abhängigkeit und Zukunftsangstdas Bedürfnis nach Heimat. Es steigt das Verlangen nach Klein-räumigkeit, Überschaubarkeit, Geborgenheit und Identität. DieMenschen interessieren sich wieder verstärkt für die Kultur der kleinen Räume, unter anderem für Geschichte, Brauchtum, Trach-ten, Mundart, Musik und Tanz. Zum Thema Heimat gehören nichtzuletzt die historische Bausubstanz und die Kulturlandschaft. Hei-mat ist eine menschliche Ursehnsucht. Das Heimweh gehört zu denbedrückendsten Leiden von Kindern. Wenn man mit Südtiroler Hei-matfernen zusammenkommt, sprechen viele von Heimweh, obwohlsie bereits seit langem in der Ferne weilen. Die Heimatbindung istein prägender Zustand. Die regionale Verankerung gibt uns Haltund Orientierung in einer pluralistischen, multikulturellen Gesell-schaft. Wir brauchen die Bindung an die Heimat für unser körper-liches, seelisches und soziales Wohlbefinden.
Ist Südtirol noch eine lebenswerte Heimat?
Eine Region im Sinne von lebenswerter Heimat wird von ihrer Unverwechselbarkeit geprägt. Das ist das Besondere ihrer Natur -und Kulturgüter, die Schönheit ihrer Landschaftsbilder, die Cha-rakteristik ihrer Geschichte und Tradition. Es gibt keinen lebens–und liebenswerten Ort ohne organisch Gewachsenes an Natur undKultur. Die identitätsstiftende Eigenart der Heimat betrifft gleicher-maßen Natur, Kultur und Geschichte. Ist Südtirol noch eine lebens– und liebenswerte Heimat?Südtirol ist eine uralte Kulturlandschaft, in der jede Epochemenschlichen Handelns ihre Spuren hinterlassen hat. Das Land vermittelt sowohl was die Natur, als auch die Kultur anbelangt zwi-schen Nord und Süd. Viele mediterrane Arten von Pflanzen undTieren erreichen im Etsch- und Eisacktal sozusagen die Polargrenzeihrer Verbreitung. Von den Mittelmeerpflanzen sind es beispiels-weise Mäusedorn und Diptam, von den Tieren Smaragdeidechse, Äskulapnatter, Gottesanbeterin und Siebenschläfer. Südtirol reicht von der Rebe bis zum „Ewigen Schnee“.In Südtirol liegen ganz unterschiedliche Welten nahe beisam-men: die Korallenriffe der Dolomiten und die Schieferberge des Al-penhauptkammes. Durch unser Land zieht die größte Störungslinieder Alpen, die Pusteral –Judikarien – Linie, auch PeriadriatischeNaht genannt. Sie trennt das Südalpin vom Ostalpin. Die dadurchbedingte außergewöhnliche Vielfalt des Reliefs hat eine besondereMannigfaltigkeit und Gegensätzlichkeit der Landschaft zur Folge.Man begebe sich etwa von Bruneck ins Ahrntal oder von St. Loren-zen ins Gadertal: Welch ein Kontrast der Landschaft! Südtirol kannauch mit vielen Superlativen aufwarten.Der Ortler ist mit 3905 m Höhe der höchste Berg der Ostalpen.Die Dolomiten werden nach wie vor als Weltkulturerbe gewertet.Die Drei Zinnen, der Rosengarten oder der Schlern mit Seiser Almsind unverwechselbare Landschaftsbilder der Alpen. Die Rittner Erdpyramiden sind Gotik in Perfektion! Die Malser Haide mit ihren Waalen ist der größte Schuttkegel der Alpen. Das alles und andersmehr macht Südtirol zu einer lebenswerten Heimat. Hier begegnensich auf beeindruckende Weise kulturelle Vielfalt und landschaftli-cher Reichtum.Wir Vereine bzw. Verbände, die die Erhaltung der Heimat auf ihre Fahne geschrieben haben, müssen immer wieder offen sagen,was an unserer Heimat wertvoll und einzigartig ist, aber auch wo-ran sie krankt und worin die Therapie bestehen könnte. Ich habebisher von unserem, an Kulturgütern und landschaftlichen Schön-heiten reich gesegneten Land gesprochen. Im Folgenden möchte ichauch aufzeigen, woran unser Land krankt und was wir Verbände/ Vereine dagegen tun können.
Radikaler Wandel der Südtiroler Kulturlandschaft
Unserer bäuerlichen Kulturlandschaft kommt eine lebenswich-tige Bedeutung als Arbeitsraum für die Land –und Forstwirtschaft, Voraussetzung für den Fremdenverkehr und nicht zuletzt für dieeinheimische Bevölkerung zu. Doch sie ist zur Zeit im hohen Maßegefährdet. Südtirol ist vom Wirtschaftsraum einer noch vorwiegendbäuerlichen Bevölkerung zum Erholungsraum und sportlichen Be-stätigungsfeld einer zunehmend städtischen Freizeitgesellschaft ge-worden. Vielerlei Nutzungsformen, vom Verkehr über die zahlreichenSportanlagen (bes. Wintersport) bis zur Verbauung zu Wohnzwe-cken, haben unsere Landschaft besonders in den vergangenen 10Jahren radikal und tiefgreifend verändert. Ich zeige in den „Dolo-miten“ fast wöchentlich Fallbeispiele aktueller Eingriffe und Bedro-hungen auf.Die zunehmende Liberalisierung der Raumordnung ab 1993 hatzu einer gewaltigen Zunahme des Bauvolumens geführt. Wir sindein Baggerland geworden. Im landwirtschaftlichen Grün stehen
Unser Land – unverwechselbar in seiner Schönheit, seiner Geschichte und ural-ten Kulturlandschaft, in der viele Epochen der Menschheit Spuren hinterlassenhaben; letzthin sind wir aber zum Baggerland geworden. Der frühere Landesrat Achmüller brachte es auf den Punkt: „... bald ist alles aufmarendt“.
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