Sondernummer 20043
Schutz der Umwelt, der Natur-undKulturlandschaft als historische Verpflichtung
von Dr. Peter Ortner Die Globalisierung fördert als Gegenreaktion zur Entpersönli-chung, Vermassung, allseitiger Abhängigkeit und Zukunftsangstdas Bedürfnis nach Heimat. Es steigt das Verlangen nach Klein-räumigkeit, Überschaubarkeit, Geborgenheit und Identität. DieMenschen interessieren sich wieder verstärkt für die Kultur der kleinen Räume, unter anderem für Geschichte, Brauchtum, Trach-ten, Mundart, Musik und Tanz. Zum Thema Heimat gehören nichtzuletzt die historische Bausubstanz und die Kulturlandschaft. Hei-mat ist eine menschliche Ursehnsucht. Das Heimweh gehört zu denbedrückendsten Leiden von Kindern. Wenn man mit Südtiroler Hei-matfernen zusammenkommt, sprechen viele von Heimweh, obwohlsie bereits seit langem in der Ferne weilen. Die Heimatbindung istein prägender Zustand. Die regionale Verankerung gibt uns Haltund Orientierung in einer pluralistischen, multikulturellen Gesell-schaft. Wir brauchen die Bindung an die Heimat für unser körper-liches, seelisches und soziales Wohlbefinden.
Ist Südtirol noch eine lebenswerte Heimat?
Eine Region im Sinne von lebenswerter Heimat wird von ihrer Unverwechselbarkeit geprägt. Das ist das Besondere ihrer Natur -und Kulturgüter, die Schönheit ihrer Landschaftsbilder, die Cha-rakteristik ihrer Geschichte und Tradition. Es gibt keinen lebens–und liebenswerten Ort ohne organisch Gewachsenes an Natur undKultur. Die identitätsstiftende Eigenart der Heimat betrifft gleicher-maßen Natur, Kultur und Geschichte. Ist Südtirol noch eine lebens– und liebenswerte Heimat?Südtirol ist eine uralte Kulturlandschaft, in der jede Epochemenschlichen Handelns ihre Spuren hinterlassen hat. Das Land vermittelt sowohl was die Natur, als auch die Kultur anbelangt zwi-schen Nord und Süd. Viele mediterrane Arten von Pflanzen undTieren erreichen im Etsch- und Eisacktal sozusagen die Polargrenzeihrer Verbreitung. Von den Mittelmeerpflanzen sind es beispiels-weise Mäusedorn und Diptam, von den Tieren Smaragdeidechse, Äskulapnatter, Gottesanbeterin und Siebenschläfer. Südtirol reicht von der Rebe bis zum „Ewigen Schnee“.In Südtirol liegen ganz unterschiedliche Welten nahe beisam-men: die Korallenriffe der Dolomiten und die Schieferberge des Al-penhauptkammes. Durch unser Land zieht die größte Störungslinieder Alpen, die Pusteral –Judikarien – Linie, auch PeriadriatischeNaht genannt. Sie trennt das Südalpin vom Ostalpin. Die dadurchbedingte außergewöhnliche Vielfalt des Reliefs hat eine besondereMannigfaltigkeit und Gegensätzlichkeit der Landschaft zur Folge.Man begebe sich etwa von Bruneck ins Ahrntal oder von St. Loren-zen ins Gadertal: Welch ein Kontrast der Landschaft! Südtirol kannauch mit vielen Superlativen aufwarten.Der Ortler ist mit 3905 m Höhe der höchste Berg der Ostalpen.Die Dolomiten werden nach wie vor als Weltkulturerbe gewertet.Die Drei Zinnen, der Rosengarten oder der Schlern mit Seiser Almsind unverwechselbare Landschaftsbilder der Alpen. Die Rittner Erdpyramiden sind Gotik in Perfektion! Die Malser Haide mit ihren Waalen ist der größte Schuttkegel der Alpen. Das alles und andersmehr macht Südtirol zu einer lebenswerten Heimat. Hier begegnensich auf beeindruckende Weise kulturelle Vielfalt und landschaftli-cher Reichtum.Wir Vereine bzw. Verbände, die die Erhaltung der Heimat auf ihre Fahne geschrieben haben, müssen immer wieder offen sagen,was an unserer Heimat wertvoll und einzigartig ist, aber auch wo-ran sie krankt und worin die Therapie bestehen könnte. Ich habebisher von unserem, an Kulturgütern und landschaftlichen Schön-heiten reich gesegneten Land gesprochen. Im Folgenden möchte ichauch aufzeigen, woran unser Land krankt und was wir Verbände/ Vereine dagegen tun können.
Radikaler Wandel der Südtiroler Kulturlandschaft
Unserer bäuerlichen Kulturlandschaft kommt eine lebenswich-tige Bedeutung als Arbeitsraum für die Land –und Forstwirtschaft, Voraussetzung für den Fremdenverkehr und nicht zuletzt für dieeinheimische Bevölkerung zu. Doch sie ist zur Zeit im hohen Maßegefährdet. Südtirol ist vom Wirtschaftsraum einer noch vorwiegendbäuerlichen Bevölkerung zum Erholungsraum und sportlichen Be-stätigungsfeld einer zunehmend städtischen Freizeitgesellschaft ge-worden. Vielerlei Nutzungsformen, vom Verkehr über die zahlreichenSportanlagen (bes. Wintersport) bis zur Verbauung zu Wohnzwe-cken, haben unsere Landschaft besonders in den vergangenen 10Jahren radikal und tiefgreifend verändert. Ich zeige in den „Dolo-miten“ fast wöchentlich Fallbeispiele aktueller Eingriffe und Bedro-hungen auf.Die zunehmende Liberalisierung der Raumordnung ab 1993 hatzu einer gewaltigen Zunahme des Bauvolumens geführt. Wir sindein Baggerland geworden. Im landwirtschaftlichen Grün stehen
Unser Land – unverwechselbar in seiner Schönheit, seiner Geschichte und ural-ten Kulturlandschaft, in der viele Epochen der Menschheit Spuren hinterlassenhaben; letzthin sind wir aber zum Baggerland geworden. Der frühere Landesrat Achmüller brachte es auf den Punkt: „... bald ist alles aufmarendt“.
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