Vorwort
Die folgenden biografischen Notizen sind in einzelnen Etappen zwischen 2003 und 2008 ent-standen. Im ersten Teil beschreibe ich meine Kindheit und Jugend während der Kriegs- und Nachkriegszeit. Die Überschrift "Bleem oder nieber machn" nimmt eine Frage auf, die dasLeben der Menschen in meiner Heimatstadt Leipzig und überall im Osten seit dem Ende deszweiten Weltkrieges bestimmte: Sollen wir hier bleiben oder "nieber machn", also: in denWesten gehen. Hunderttausende haben, bevor der Bau der Berliner Mauer dem Weggehen einEnde setzte, ihre Heimat verlassen und im Westen neu angefangen. Ich habe diesen Schritt1958 getan. Da war ich zwanzig Jahre alt.Der zweite Teil beschreibt meine “Lehr– und Wanderjahre” (1958 bis 1969), also das Studi-um in Bonn und Mainz, die nachfolgende kirchliche Ausbildung am Predigerseminar in Her- born, die Promotion an der Ruhr-Universität in Bochum und das Vikariat in Essen-Heisingen.Die Nachkriegszeit, die Zeit des Wiederaufbaus ging zu Ende. Die auffallendsten Kriegsschä-den – zerbombte Städte, zerstörte Brücken, kaputte Straßen – waren beseitigt. Es ging auf-wärts. Von Jahr zu Jahr gab es immer mehr „Wohlstand für alle“. Erst besaß man ein Moped,dann einen Motorroller, schließlich sogar einen Kleinwagen. Anders als heute wurden Ar- beitskräfte dringend gebraucht, bald musste man sie sogar im Ausland anwerben. Das Lebenverlief berechenbar. Wer einen Beruf erlernte oder studierte, bekam mit Sicherheit einen Ar- beitsplatz und konnte darauf vertrauen, bis zur Rente ein festes Einkommen zu haben - vonJahr zu Jahr immer etwas mehr.Das gesellschaftliche Klima war in jener Zeit eher konservativ und bewahrend als neugierigund kreativ. Man hielt die mühsam wiederaufgebaute Ordnung für die beste aller Welten. Wer das bezweifelte, vielleicht sogar alternative Vorstellungen entwickelte, der bekam schnell denRat „Wenn es dir hier nicht passt, kannst du ja gleich nach drüben gehen!“In dieser Gesellschaft hatte die Kirche ihren festen Platz als Hüterin konservativer Werte.Man muss sich nur einmal anschauen, wieviel Raum sie im neu aufkommenden Fernseheneinnahm. Von den Kirchentagen wurde damals stundenlang berichtet, heute reicht eine zu-sammenfassende Viertelstunde kurz vor Mitternacht im dritten Programm. Es herrschte einegroße Angst vor allem, das mühsam Erworbene zu bedrohen schien, insbesondere Sozialis-mus und Kommunismus waren gefürchtet wie die Pest. Mit antikommunistischen Parolenließ sich jede Bundestagswahl gewinnen. So baute sich ein gewaltiger Reformstau auf, der dann in den 68ern gewaltsam zum Durchbruch kam.Im dritten Teil geht es um meine erste Pfarrstelle in Essen-Steele (1969 bis 1976). Es handeltsich um jene Phase des Berufslebens, die gern mit dem Begriff „Praxisschock“ bezeichnetwird. Die eigenen beruflichen Wünsche und Hoffnungen treffen auf die harten Realitäten. Daist manches anders als erwartet. Das, worauf man sich gefreut hat, nimmt nur einen Teil des beruflichen Alltags ein. Routinearbeit, Sitzungen und Besprechungen kosten eine MengeZeit. Das Zusammenraufen mit Menschen, die teilweise völlig andere Vorstellungen von ei-ner Kirchengemeinde haben, verbraucht Energie. Andererseits ist man als Berufsanfänger noch weit vom „burn out“ entfernt, steckt voller Tatendrang und empfindet die neue Situationals Herausforderung.
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