3
November 1974
(Aus:
Die Weltwoche,
13. November 1974)Umstrittener Milchersatz«Nestle tötet Babies» - Tatsache oder Verleumdung?
Der Nestle-Konzern strengt gegen die «Arbeitsgruppe Dritte Welt» gleich zwei Strafprozesse wegen «Verleumdung» und «übler Nachrede» an.Nestles Gegenparteien wollen die Gelegenheit beim Schopfpacken und diese Prozesse zu einer öffentlichen Anklage gegen die Schweizer Weltfirma benutzen.
Um den «Versuch eines multinationalen Konzerns, eine entwicklungspo-litische Arbeitsgruppe mundtot zu machen», handelt es sich nachAnsicht der «Schweizerischen Arbeitsgruppen für Entwicklungspolitik»(Safep). Das Streitobjekt ist eine im März 1974 von der englischenHungerhilfsorganisation «War and want» veröffentlichte Untersuchungmit dem Titel
<The Babykiller),
von der «Arbeitsgruppe Dritte Welt Bern»mit dem Titel
<Nestle tötet Babies>
in deutscher Übersetzung verbreitet.Wegen des «sich durch die gesamte Schrift durchziehenden Vorwurfs,die Firma Nestle Alimentana AG arbeite in Ländern der Dritten Welt mitunkorrekten Werbemethoden für die Produkte und versuche, dieeinheimische Bevölkerung von der Ernährung der Säuglinge mitMuttermilch abzubringen und den eigenen Produkten zuzuwenden»,fühlt sich der Nestle-Konzern in seiner Ehre verletzt (üble Nachrede oder Verleumdung) . . .In der Broschüre
(Nestle tötet Babies>
wird behauptet, daß immer mehr Mütter in den Entwicklungsländern dazu gebracht werden, vomtraditionellen Stillen auf die hochgezüchteten Produkte der westlichenErnährungsindustrie überzugehen. Die Folgen für die Säuglinge seienfatal: während Muttermilch einwandfrei, gefahrlos und erst noch gratissei, brauchten die Ersatzprodukte einen hygienischen Standard (saubereKüchen, sterilisierte Saugflaschen), wie er in der Dritten Welt nur seltenanzutreffen ist. Weil die Milch zudem (im Vergleich zu den Einkommen)sehr teuer ist, «strecken» viele Mütter die Milch: Infektionen, Magen/Darm-Erkrankungen, Unterernährung und als Resultat geistige undkörperliche Schädigung und Tod seien die Folgen für die kleinen Kinder.Für den verhängnisvollen Trend zur Flasche sei - so die englischeUntersuchung - zu einem Teil die gewaltige Werbemaschinerie der Milchkonzerne verantwortlich. Nestle propagiere ihre Produkte durcheinprägsame Radioslogans, verteile riesige Mengen von Gratismustern
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