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Eberhard W. Schmidt
Westerplatte
Den Entschluss, seinen siebzigsten Geburtstag, der auf den 1. September 2009 fiel, inDanzig zu verbringen, hatte Kern schon länger gefasst. Das Wort
feiern 
schien ihmangesichts des verhängnisvollen Datums nicht angemessen. Es war ihm allerdingsschwer gefallen, gegenüber seinen Kindern und seinen Freunden zu begründen, wasihn zu dieser Reise bewegt hatte. Dass es eine Reise in die Vergangenheit sein sollte,wäre vielleicht noch zu vermitteln gewesen. Aber warum er an diesem Tag unbedingtan dem Ort sein wollte, wo alles angefangen hatte, wusste er selber nicht so genau.Das Wort Anfang war vielleicht falsch, wenn man es in einem umfassenden Sinneverstand. Die Wurzeln der Katastrophe reichten, das wusste Kern, der Historiker undArchivar, nur zu gut, weit tiefer in die Vergangenheit. Sie ließen sich nicht an einem Ortfestmachen oder an einem einzelnen Ereignis. Und doch zog es ihn unwiderstehlichdort hin, wo vor siebzig Jahren am Tag seiner Geburt die ersten Kampfhandlungen deszweiten Weltkrieges stattgefunden hatten. So, als ob er auf der Westerplatte an derMündung der Weichsel den magischen Ort fände, der ihm Zugang zu den Erfahrungenseiner frühen Kindheit verschaffen könnte. Hierhin, wo im Morgengrauen des 1.September 1939 die
„Schleswig-Holstein“,
ein Linienschiff und Zerstörer der deutschenKriegsmarine, das Feuer auf die kleine polnische Garnison eröffnet hatte, die denMilitärs als Hindernis für den Vormarsch der deutschen Truppen in Polen galt, trieb ihndie unbestimmte Erwartung, er werde dort etwas Besonderes erleben.Gelegentlich hatte der Tag seiner Geburt, wenn er ihn angeben musste, bei dem jeweiligen Gegenüber für ein halb erstauntes, halb beeindrucktes Emporziehen derAugenbrauen gesorgt. Der 1. September 1939 war vor allem für die Älteren unterseinen Mitbürgern ein Datum, das Erinnerungen wachrief oder zu mindestens vageAssoziationen an ein irgendwie bedeutsames Ereignis auslöste. Die jährlichenGedenkfeiern, die nicht nur von pazifistischen Gruppierungen regelmäßig an diesemTag veranstaltet wurden, hatten die Erinnerung daran in der Öffentlichkeit wachzuhalten versucht. Aber es war nicht sicher, ob die Nachricht nicht wie so vieles in demumfassenden medialen Rauschen unterging, an das die Menschen sich inzwischengewöhnt hatte. Nach dem Ende des Kalten Krieges war es auch hohen politischenRepräsentanten aus Deutschland bei runden Jubiläen dieses Gedenktages zurGewohnheit geworden mit ihren polnischen Kollegen an diesem Tag an dem Denkmal
 
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vor Ort Kränze niederzulegen und Freundschaftsgesten zwischen den einstverfeindeten Nationen auszutauschen.Seine Mutter hatte sich immer mit gemischten Gefühlen an dieses Datum erinnert, wiesie ihm eingestand, als er schon erwachsen war und nicht mehr den Anspruch aufeinen unbeschwerten Kindergeburtstag erhob. Die Geburt des Sohnes war für sieuntrennbar mit der Verabschiedung vom Vater verbunden gewesen, der wenige Tagezuvor den Einberufungsbefehl erhalten hatte und im Januar 1943 bei der Belagerungvon Leningrad
für Führer und Vaterland 
 
gefallen 
war, wie es im Jargon der Zeit hieß. Anden Vater erinnerte er sich nicht. Er war in den Kriegsjahren einmal kurz auf Urlaub zuHause gewesen, der Dreijährige hatte ihn rasch aus dem Gedächtnis verloren. Nur dasFoto auf der Anrichte im Wohnzimmer zeugte noch lange von seiner Existenz.Kerns Freunde, denen er seinen Entschluss mitteilte, auf die übliche Feier aus Anlassdieser bedeutenden Wegmarke in seinem Leben zu verzichten, hielten die Reisepläneentweder für eine Ausrede, um sich vor den Umständen und Kosten der Feier zudrücken, oder für eine liebenswerte Marotte, die man ihm zugestehen musste. DieKinder, die längst erwachsen waren, waren etwas besorgter. Sie hatten beobachtet, wiesich der Vater seit einiger Zeit immer mehr in sich verschloss. Er ließ sich aber inseinem Vorhaben nicht beirren.Das mit Touristen und polnischen Reisenden voll besetzte Flugzeug startete planmäßigund durchbrach nach anderthalb Stunden im Landeanflug auf den Lech Walesa Airportdie Wolkendecke. Kern, der sich einen Fensterplatz gesichert hatte, sah unter sich diedichten grünen Wälder und Hügel Kaschubiens. Nach einer weiteren Kurve, mit der dasFlugzeug zur Landung ansetzte, kam die Ostseeküste in Sicht. Kern konnte dieDanziger Bucht unter sich ausmachen, die Halbinsel Hel, weiße Strände im Sonnenlichtund die Weichselmündung. Sein Herz klopfte vor Erwartung.Er verließ den Flughafenbus am Danziger Hauptbahnhof und ging zu Fuß durch dieAltstadt, vorbei an den hohen Backsteinkirchen und den wiedererstandenenKaufmannshäusern, zu seinem Hotel. Die Orientierung anhand des mitgebrachtenStadtplans fiel ihm leicht. Er musste nur die berühmte Lange Gasse und den Markterreichen, dann war es nicht mehr weit. Vor dem Rathaus setzte er sich in eines derzahlreichen Straßencafés und ließ die großartige Szenerie, die ihn umgab, auf sich
 
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wirken. Im milden Licht des Spätsommertages war von den schweren Zerstörungen, dieder Krieg angerichtet hatte, nichts mehr zu sehen. Alles war in prächtigem Glanz wiedererstanden, als hätte es den Krieg nie gegeben. Die Restauratoren hatten phantastischeArbeit geleistet. Dem Ensemble aus alten Handelshäusern und öffentlichen Gebäuden,den Brunnen und Stadttoren war nichts museales anzumerken. Die Stadt lebte, dieMenschen flanierten, gingen ihren Geschäften nach oder ließen sich auf Terrassen vonder Sonne bescheinen. Ein Hauch italienischer Renaissance lag über vielen Gebäudenund verlieh allem eine beschwingte Heiterkeit.Keine deutsche Stadt, ging es ihm durch den Kopf, hatte diesen geschlossenenWiederaufbau geschafft. Die Zerstörungswut der Nachkriegszeit mit ihren blinden undbilligen Wiederaufbauprogrammen, die im Leitbild der autogerechten Stadt gipfelten,hatte die Innenstädte mit mittelmäßiger Kaufhaus- und Bankenarchitektur zugepflastert,zwischen denen sich die wenigen restaurierten alten Häuser wie solitäre Fremdkörperausnahmen.Kern durchschritt das Grüne Tor und fand sich auf der Brücke über der Mottlau wieder,die jetzt Motlawa hieß. Links von sich ah er das berühmten Krantor am Ufer desFlusses. Sein Hotel lag gegenüber auf der Speicherinsel. Hier gab es noch ein paarRuinen und unbebautes Gelände. Aber es war abzusehen, dass in einigen Jahren dieWiederbebauung auch hier abgeschlossen sein würde. Die Bauzäune standen schon.Die alten Speicherruinen würden vermutlich bald modernen Hotel- und Bürogebäudenweichen. Aber das schmälerte die Leistung deren nicht, die die alte Stadt gerettethatten. Er hatte irgendwo gelesen, dass im ersten Furor der Nachkriegszeit derverständliche Hass auf die Invasoren nicht wenige Stimmen hervorgebracht hatte, dieseStadt mit ihrer jahrhundertealten deutschen Prägung endgültig in Schutt und Asche zulegen. Das war erfreulicherweise verhindert worden.Inzwischen war es Abend geworden. Kern hatte sich noch etwas ausgeruht. Die Reiseund die sommerliche Wärme in der Stadt hatten ihn ermüdet. Er verließ das Hotel, umsich ein Lokal zu suchen, in dem er zu Abend essen wollte. Am Flussufer fand er einFischrestaurant und trank zu dem Stör auf Steinpilz, den er bestellt hatte, zwei GläserRotwein. Sein Plan war, sich früh schlafen zu legen und in der Morgendämmerung einTaxi zur Westerplatte zu nehmen, um kurz vor fünf Uhr an Ort und Stelle zu sein. Erwollte auf jeden Fall vermeiden, in den Trubel der offiziellen Feierlichkeiten hinein zu
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