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Kapitel 3 aus "Terrorismus Akteure, Strukturen, Entwicklungslinien" von Thomas Riegler

Kapitel 3 aus "Terrorismus Akteure, Strukturen, Entwicklungslinien" von Thomas Riegler

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Auszug aus:

Riegler, Thomas: Terrorismus. Akteure, Strukturen, Entwicklungslinien (Studien Verlag, 2009)

Kapitel 3:
Staatliche Reaktionsmuster: Antiterrormaßnahmen,
innere Sicherheit und extralegale
Terrorismusbekämpfung

Auszug aus:

Riegler, Thomas: Terrorismus. Akteure, Strukturen, Entwicklungslinien (Studien Verlag, 2009)

Kapitel 3:
Staatliche Reaktionsmuster: Antiterrormaßnahmen,
innere Sicherheit und extralegale
Terrorismusbekämpfung

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04/28/2014

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362
1449 Walter, Terror and Resistance, 7–13.1450 Hoffman, Terrorismus, 29 f.1451 Laqueur, Die globale Bedrohung, 202.1452 Laqueur, Krieg dem Westen, 333.1453 Townshend, Terrorism, 45.
3. Staatliche Reaktionsmuster: Antiterror-maßnahmen, innere Sicherheit und extra-legale Terrorismusbekämpfung
3.1. „Staatsterrorismus“ und „extralegale“ Terrorismus-bekämpfung
Der Begriff „Terrorismus“ wird in der Regel eng gefasst – und zwar in Bezug auf die Aktio-nen nichtstaatlicher Zusammenhänge. Die Frage, ob nun auch ein bestimmter Gewaltlevel seitens staatlicher Organe ebenso in diese Kategorie fallen könnte, wird in der Terrorismus-forschung sehr kontroversiell gesehen. Was nun die verschiedenen Auffassungen zu diesem ema angeht, so lehnt eine Seite des Spektrums die Vergabe des Labels „Staatsterrorismus“ ab und beharrt auf einer Differenzierung: „Terrorismus“ würde die Handlungen seitens subnationaler Gruppen und Bewegungen bezeichnen, während massenhae Gewalt durch staatliche Machthaber als „Terror“ zu bezeichnen sei. Eugene Walter hat dazu in „Terror and Resistance“ (1969) die Unterscheidung getroffen, zwischen der „siege of terror“, die dazu diene, eine Ordnung zu beseitigen und „systems of terror“, die dadurch gekennzeichnet seien, durch Verbreitung von Terror“ Kontrolle auszuüben.
1449
 Auch Bruce Hoffman legt viel Wert auf die Unterscheidung zwischen dem „Terror“ staatlicher Kräe, „das heißt Herrscha durch Gewalt und Einschüchterung der eigenen Bürger durch jene, die bereits an der Macht sind“ und Terrorismus“ als „Gewalttätigkeiten von Seiten nichtstaatlicher Gebilde“.
1450
 Ein bedeutender Strang in der Terrorismusforschung betrachtet Staatsterrorismus ledig-lich unter dem Gesichtspunkt der insgeheimen Unterstützung von Terroristen durch staatli-che „Sponsoren“, die damit eigene politische Ziele durchsetzen wollen. Ein Kapitel in Walter Laqueurs „Die globale Bedrohung“ (2001) nennt sich „Staatlicher Terrorismus“ und ver-steht darunter die „Unterstützung durch Abweichler, Separatisten, ehrgeizige Politiker oder einfach unzufriedene Elemente in einem gegnerischen Staat“. Als Beispiele hierfür zählt Laqueur Oberst Gaddafi, den Iran und die Sowjetunion auf, alles Staaten, die während des Kalten Krieges den Terrorismus gegen den Westen gefördert hätten, um so auf „indirekte“ Weise machtpolitische Ziele durchzusetzen.
1451
 In seinem Nachfolgewerk „Krieg dem Wes-ten“ (2003) scheint überhaupt nur mehr der Iran als „aktivster Protagonist“ des „staatlich geförderten Terrorismus“ auf.
1452
 Ansonsten wird „Staatsterrorismus“ in Terrorismusmono-graphien wenn überhaupt, dann absolut beschränkt abgehandelt, wie beispielsweise auf 13 der 768 Seiten in der „Encyclopedia of World Terrorism“ (1997).
1453
 Genauso gibt es einen Zweig in der Terrorismusforschung, der für die Einbeziehung staatlicher Verhaltensweisen unter dem „Terrorismus“-Label eintritt. Bezugnehmend auf das
 
363
1454 Martha
Crenshaw
, Conclusions, in: Terrorism, Legitimacy, and Power, 144.1455 Hans
Köchler 
, Terrorism and National Liberation, 309.1456 Wolfgang
Kraushaar 
, Zur Topologie des RAF-Terrorismus, in: Die RAF und der linke Terrorismus, Bd. 1, 46. 1457 Hannah
 Arendt 
, Elemente und Ursprünge totalitärer Herrscha. Antisemitismus, Imperialismus, Totalita-rismus, München 1998, 944.
Vorgehen der argentinischen Junta gegen die linke Opposition bezeichnete Martha Cren-shaw den Terrorismus seitens des Staates sogar als gefährlicher als den seiner nichtstaat-lichen Herausforderer: „Der Terrorismus der Regierung übertraf die Gewalt ihrer Heraus-forderer sowohl im Ausmaß als auch in der Auswirkung auf die Gesellscha“ (Übersetzung des Autors).
1454
 Eine 1987 zum ema Terrorismus veranstaltete Tagung der International Progress Organisation schuf sogar eine eigene Terrorismus-Definition, die ganz bewusst staatliche Gewalt mit einschloss: „Terrorismus geht von einem statischen System struktureller Gewalt und Dominanz aus, das das Recht auf die Selbstbestimmung der Völker verweigert (z.B. in Nami-bia, Palästina, Südafrika), das ein grausames Muster von fundamentalen Menschen-rechtsverletzungen an den eigenen Bevölkerungen verübt (z.B. in Chile, El Salvador, Guatemala, Südafrika) oder militärische Aggression oder offene oder geheime Inter- vention gegen die territoriale oder politische Unabhängigkeit von anderen Staaten durchführt (z.B. in Afghanistan, Angola, Grenada, Libanon, Libyen, Mozambique, Nicaragua)“ (Übersetzung des Autors).
1455
 Dass „Staatsterrorismus“ ähnlich wie die Frage der Terrorismusdefinition umstritten ist, erklärt Wolfgang Kraushaar damit, dass hier an einem „Tabu“ gerührt wird, „das bis tief in die wissenschalichen Debatten hineinreicht. Wenn schon Uneinig-keit herrscht, sich über einen Terrorismusbegriff im Allgemeinen zu verständigen, dann umso mehr im Falle des Staatsterrorismus. Hier scheint der jeweilige Stand-ort des- oder derjenigen, die einen solchen Begriff überhaupt akzeptieren und nicht  von vornherein als ideologisches Konstrukt zur Delegitimation staatlichen Handelns abzuqualifizieren versucht, mit besonderer Schärfe zuzuschlagen. Allerdings ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, dass mit dem Verweis auf Staatsterrorismus auch die Möglichkeit einer impliziten Rechtfertigung substaatlichen Terrorismus einhergehen kann.“
1456
 Ein Risiko besteht darin, dass unter „Staatsterrorismus“ auch staatliche Großverbrechen subsumiert werden, wo doch eine weitergehende Differenzierung zwischen „Terrorismus“ und „Terror“, den etwa Hannah Arendt als „das Wesen totalitärer Herrscha“ bezeichnet hat, Sinn machen würde.
1457
 An dieser Stelle wird der Standpunkt vertreten, dass sich der „terreur“ der französischen Revolution, der „rote Terror“ in der Sowjetunion oder das Vor-gehen des Nationalsozialismus gegen „Rassenfeinde“ alleine aufgrund der quantitativen und qualitativen Dimensionen nicht unter den Begriff „terroristisch“ eingliedern lassen. Somit empfiehlt sich bei der Charakterisierung von „Staatsterrorismus“ eine zugeschnittene Betrachtungsweise, die sich auf ganz bestimmte Konfliktformen und staatliche Handlungs-
 
364weise beschränkt: Unter „Staatsterrorismus“ fällt in diesem Kapitel zunächst der sogenannte „unkonventionelle“ Krieg zwischen „regulären“ Kräen und „Irregulären“, den Aufständi-schen, Rebellen und „Subversiven“. Ein weiteres Feld stellen Operationen von Geheimdiensten und Sicherheitskräen dar, wo diese selbst zu „irregulärer“ Vorgangsweise mit Mordanschlägen, Sabotage und auch Terrorakten greifen. Das kennzeichnende Merkmal beider Felder ist die Auffassung seitens der staatlichen Kräe, dass in einem „irregulären“ oder „unkonventionellen“ Konflikt keine Regeln mehr gelten. Der Feind wird absolut dämonisiert, außerhalb jedes Rechts gestellt, einen Ausgleich mit ihm kann es nicht geben, nur dessen völlige „Vernichtung“ und „Aus-löschung“. Der Rückgriff auf „schmutzige“ Mittel wird explizit mit dem Verweis auf die Not-wendigkeit solcher Vorgangsweisen gerechtfertigt. Daraus spricht eine manichäische Ideo-logie „absoluter“ Gegnerscha, ganz nach dem Muster, dass man „Feuer nur mit Feuer“ bekämpfen könne. Dieses Verständnis findet dann seinen Ausdruck in der „Mimikry“, dem Ähnlichwerden zwischen den staatlichen Protagonisten und ihrem Feind, sowohl im Erscheinungsbild als auch was die Taktik betri. Man operiert etwa in zivil, verdeckt“ und begeht „Gegenterror“. Die Bevölkerung kann zur Zielscheibe umfassender Sicherheits- und Kontrollmaßnahmen sowie „psychologischer Operationen“ werden. Notwendige „Informa-tion“ und „Intelligence“ über den Feind wird durch Folter erpresst oder durch den Einsatz  von Spitzeln „gewonnen. Aus diesen „unkonventionellenKonfliktmustern spricht somit ein zutiefst technokratisches Verständnis, die Überzeugung, entschlossen-methodisches Vorgehen wäre imstande letztlich alle Widerstände zu brechen, „Resultate“ zu zeitigen und den Sieg herbeizuführen. Um die inhaltliche Gliederung noch einmal zu verdeutlichen, steht zunächst „Counter-insurgency“ oder „Low Intensity Conflict“ im Vordergrund (Trinquier, 1961, Galua, 1964, Kitson, 1971). Unter diesen Bezeichnungen versteht man ein ganzes Bündel von Maßnah-men und „Expertise“, die seitens europäischer und US-amerikanischer Militärs für den Kampf gegen antikoloniale Bewegungen während des Kalten Krieges entwickelt worden waren (McClintock, 1992). In Lateinamerika wiederum führten Militärdiktaturen nach die-sem strategischen Muster und angeleitet durch westliche „Experten“ einen „schmutzigen Krieg“ gegen „Subversive“, eine völlig willkürliche Feinddefinition, unter welche letztlich alle Befürworter von sozialem und politischem Wandel fielen (Cox, 1983, Gillespie, 1995, Korn-bluh, 2003, Dinges, 2004, McSherry, 2005). Die Geheimdienstapparate der Juntas etablierten auch ein „internationales“ Netzwerk (Operation Condor), das Anschläge auf Regimegegner in Europa und den USA verübte. Auffällig ist zudem, wie die „Expertise“ aus der Counterinsurgency, vor allem was die Fixierung auf das Sammeln von Information und „actionable“ Intelligence über die Auf-ständischen angeht, spätere Formen der Terrorismusbekämpfung beeinflusst hat. Die Kon-tinuitäten betreffen „Verhörmethoden“ genauso wie die dahinter stehende Ideologie totaler Gegnerscha und Mimikry (Gareau 2005, McCoy 2004, Hersh 2005). Die „Strategie der Spannung“ in Italien ist ein relativ einzigartiges Beispiel für von „oben“ gesteuerten Terro-rismus, der dazu diente, den politischen Status quo durch die Verbreitung von Angst und Panik abzusichern. Zu diesem Zweck verwischten Teile der Geheimdienste und des Staats-apparats die Spuren der für die Anschläge verantwortlichen Rechtsterroristen und lenkten den Verdacht auf linke und anarchistische Gruppen, um so das oppositionelle Parteienspek-trum insgesamt zu desavouieren (Willan, 1992, Igel, 1992/2006, Ganser, 2004).

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