editorial
Liebe Leser,
ein Samstagabend im 6er-Bus: Auf der Rückbank sitzen fünf junge Tür-kinnen, alle knapp unter 20. Sie kichern, albern rum, haben Spaß. Einschwules Paar steigt zu, das Tuscheln und Kichern wird lauter. Als derBus schließlich über die Lange Reihe fährt, platzt es aus einer der jun-gen Frauen heraus: „Guckt mal da, Schwule!“ Und die anderen antwor-ten im Chor: „Iiieeehhh!“ Ist das jetzt schon homophob oder einfach nurpubertär? Wäre es mit fünf jungen Männern bereits eine bedrohlicheSituation? Hätten die beiden Schwulen auf die Frauen reagieren sollen? Oder die anderen Fahrgäs-te? Würde man überhaupt darüber reden, wenn sich fünf deutsche Jugendliche so verhalten hät-ten? Oder ist das alles eine Alltäglichkeit, die wahrscheinlich jeder schon einmal so oder ähnlich erlebthat – und die schnell wieder vergessen ist? Wie viel Homophobie kann und muss man ertragen? Wieviel Angst ist angebracht?Deutschland hat ein massives Integrationsproblem. Es betrifft übrigens nicht nur Ausländer, son-dern auch den Teil der deutschen Bevölkerung, der sozial abdriftet und so gerne als Unterschichtbezeichnet wird. Die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig sagt: „Teile der Kriminalitätsproblematik,speziell auch bei Jugendlichen, und die Integrationsproblematik sind auf jeden Fall miteinander ver-zahnt.“ Eine Gettoisierung findet nicht nur bei jungen Arabern oder Türken statt, sondern auch beideutschen Jugendlichen mit Perspektivmangel. Wenn sich hier der geballte Frust mit übersteiger-tem Männlichkeitsgebaren mischt, kann daraus schnell eine gefährliche, weil gewalttätige Gefahr wer-den.Dafür gibt es in Hamburg, aber auch bundesweit zahlreiche Beispiele, sogar mit tödlichem Ausgang.Der brutale Überfall auf einen US-amerikanischen Gaststudenten Ende September am Hansaplatzgehört in diese Reihe. Inwieweit er tatsächlich schwulenfeindlich motiviert war, ist nicht abschließendgeklärt. Das ist auch nicht die alles entscheidende Frage. Schwule müssen sich nicht als besondereOpfergruppe stilisieren, denn Gewalt kann jeden treffen. Daran muss gearbeitet werden, doch bis-lang sind die politischen Reaktionen eher hilflos: Mit Waffenverbotszonen oder endlosen Diskussio-nen, wieviel Videoüberwachung zumutbar sei, wird lediglich Aktionismus demonstriert – die Ursa-chen bleiben.Viel Spaß beim Lesen!Stefan MielchenChefredakteur
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hinnerk
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