Ja meine lieben Mitspaziererinnen und Mitspazierer, jetzt haben wir’s also endlich hinter uns gebracht:der Wahlkampf ist vorbei, gwählt is’ und gar nicht schadis’, dass gar is’. Denn nach Monaten der Lähmung wirdes auch wirklich höchste Zeit, dass endlich mal wie-der wer Politik macht. Und die ist dann doch erstaun-lich rosa. Ob das nun an Guidos warmen Worten oderdoch eher am starkgeschrumpftenCSU-Kontingent inBerlin liegt, magdahingestellt blei-ben. Doch eins istsicher: vor zehnJahren hätten wirdieses Programm– und noch dazudas einer schwarz-gelben Regierung– zumindest mit„sensationell“überschrieben.Seit dem ist of-fenbar das halbeMittelmeer die Isarruntergeossen.CDU/CSU habenmit diesem Koaliti-onsvertrag faktischmit der christlichenund sonstigenRechten gebrochen. Denn mit dem Verzicht auf einvollständiges Adoptionsrecht für Lesben und Schwulealleine wird diese Klientel kaum zufriedengestellt sein.Noch dazu nicht in einer Zeit, in der Fundis alles Bösedieser Welt in der „Kindstötung“ – auch als Abtreibungbekannt – und in der schrecklichen Sünde der Homo-perversion sehen. Wie aus solch einer Geisteshaltungheraus eine Welt aussehen mag, in der schwule Außen-minister und ebensolche Stadtstaatenhäuptlinge nor-mal geworden sind, mag ich mir gar nicht vorstellen.Apropos schwule Außenminister: in diesem durchwegsfaden Wahlkampf gab es an der Homofront etwas wirk-lich Erstaunliches. Westerwelles Homosexualität hat bisauf einen rausgewählten NRW-SPD-Hinterbänkler nie-manden interessiert. Keine verdeckten Schmähungen,keine Andeutungen, kein Nichts. Und das ist mal wirk-lich bemerkenswert, wenn man sich da an frühere An-griffe gerade auf Volker Beck erinnert.Ja, der Guido. Jetzt hat er den Sprung in die Regie-rung also endlich geschafft, der Anlauf war ja auchlang genug. Ich bin ja nur gespannt, ob seine Ankün-digungen ähnlich schnell versterben wie seine Steue-rerleichterungen. Aber woher sollte der arme Menschauch die Haushaltslage schon vor der Wahl kennen?Wahrscheinlich hat ihm Angie nie einen Kontoauszuggezeigt. Da aber der Großteil der versprochenen Homo-Guadln entweder nichts kosten oder vom Verfassungs-gericht beschlossen sind, dürfte hier die große Strei-chungswelle vorüber ziehen. Auf kommunaler Ebeneallerdings schaut das ganz anders aus. Wenn Städteund Gemeinden den Rotstift ansetzen – und das müs-sen und werden sie –, dann tun sie das gerne mal beidenen, die die schwächste Lobby haben. So scheint dasUlmer Frauen- und Lesbenzentrum demnächst ohneZuschüsse dazustehen. Und das dürfte erst der Anfangsein. Gerade in der Provinz stehen Schwule und Lesbenleider nach wie vor ziemlich unter Druck – und das nichtnur im Privaten. Ob in Augsburg, Rosenheim, Ulm undwahrscheinlich über kurz oder lang auch in Münchenund Nürnberg – der Druck bzw. Sog der leeren Kassenwird für uns spürbarer werden.Höchste Zeit also,mal wieder denBlick auf die ei-gene Szene zurichten. Nochnden wir sie ja zwischen allden trendigenHeterolocations.Wenn Sie jetztdie übliche Jam-merorgie ob dessich rapide verän-dernden Viertelserwarten – nein.Denn das, was dagerade passiert,holt uns lediglichauf den Bodender Realität zu-rück. Die ganzenpöbelnden Jung-horden, die durchdie Innenstadtziehen, sind nicht neu, die gibt’s schon immer. Nur dasssie früher mit dem Kunstpark Ost einen ähnlichen Ar-tenschutzraum hatten wie wir am Glockenbach. Unddass sich „ihre“ Kneipen breitmachen, ist nichts weiterals simple Marktwirtschaft, die Nachfrage bestimmt dasAngebot. Wenn wir aufhören, in unserer Szene auszu-gehen, ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass sichandere Lokale durchsetzen. Der Guido könnte das be-stimmt wirtschaftsliberal wunderbar rechtfertigen, ichnde es einfach nur Scheiße.Aber wie sollen wir nun damit umgehen, dass Kotzbro-cken aller Provenienzen zwischen Gärtnerplatz undSendlinger Tor ihre homophoben Tendenzen austoben?Sollen wir einfach die Zelte abbrechen und unseren ei-genen Kunstpark Rosa aufmachen? Das kann es dochnicht sein, oder? Nein, wir sollten uns auf unsere Stär-ke besinnen. Und die war schon immer offen, laut undunübersehbar. Also raus ins Viertel, rein in die Kneipen,Discos und Cafés. Unangenehme Begegnungen gibtes immer und überall, ob in Hamburg, Köln, Berlin und jetzt eben auch in München. Diese Entwicklung zeigtnur eines: wir mögen zwar politisch und kulturell inder Mitte der Gesellschaft angekommen sein, an ihrenRändern sind wir das noch lange nicht. Doch um eineelegante Kurve zurück zum Ausgangspunkt meinesSpazierganges zu schlagen: wenn sogar CDU und CSUlernfähig sind, dann sind es alle anderen auch. Oder zu-mindest fast – denn wer will bitteschön Norbert Geis aufeinem CSD-Wagen mitnehmen?
Ich bin Sarah Jäckel, werde die nächsten vier Jahreauch an dieser Regierung nicht verzweifeln und wün-sche Ihnen einen geilen Herbst mit Tee, Rum und allemanderen, was Sie so zu Ihrem Wohlbenden brauchen.
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