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Rupert Lay
Die Macht der Unmoral
Oder: Die Implosion des WestensECON VerlagDüsseldorf - Wien - New York - Moskau
VorwortÜber die Macht der Unmoral
Daß die Unmoral nicht ohnmächtig ist, sondern viele Bereiche des personalen und sozialenLebens beherrscht, ist unstreitig zutreffend. Uns interessiert hier nicht die personale Unmoral.Was Menschen Menschen Böses tun, ist oft nicht im Horizont personaler Schuld zuinterpretieren. Schuldig zu sprechen sind oft die konkreten sozialen, ökonomischen, politischen,kulturellen Strukturen der sozialen Systeme, in denen wir leben. Persönliche Schuld stellt sichallenfalls dann ein, wenn Menschen in der Lage sind, solche Strukturen zu ändern - und zwar hinauf mehr Menschlichkeit -, und es nicht tun. Diese Chance haben nur wenige.Dieses Buch handelt vor allem über die Gestalten, unter denen sich Unmoral im Horizont politischer Strukturen vorstellt. Besonders offensichtlich wird die strukturelle Unmoral politischer Systeme immer dann, wenn diese Systeme ihre Identität zu verlieren drohen oder siegar schon verloren haben.
1. Die verlorene nationale Identität 
Identität setzt immer ein Ab- und Ausgrenzen voraus. Das gilt für die Identität einer Personebenso wie für die eines Sozialgebildes (etwa eines Staates, einer Partei, einer Kirche, einesUnternehmens). Zerbrechende Grenzen führen zum Identitätsverlust. Wenn eine Welt vonzweien, einander eng in Feindschaft verbunden, zerbricht, fehlt der anderen die Möglichkeit, sichabzugrenzen - Identität zu finden, zu wissen, wer man sei. Feindschaft erlaubt die Bestimmungdes Andersseins. Selbstdefinition ist ein Abgrenzen des Selbst gegen ein anderes. Wenn dasAndere verlorengeht, geht damit auch das Eigene verloren. In meiner psychotherapeutischenPraxis erfahre ich immer wieder, daß ein Kollaps einer Feindschaft (sei es des Partners, sei eseines Nachbarn oder Vorgesetzten) sehr viel mehr als das Zerbrechen einer Freundschaft zuerheblichen Identitätskrisen führen kann. Ähnliches gilt auch für Völker. Verdeutlichen wir unsdiese Erscheinung an drei Beispielen:
1789 zerbricht in Frankreich eine politische Welt, in der Adel und Geistlichkeit - inAbgrenzung gegen das »Volk« - das politische, ökonomische, soziale und kulturelleGeschehen bestimmen. Am 5. 5. 1789 treten in Paris die Generalstände (Adel, Geistlichkeit,Bürger) zusammen, um über die Finanzen des Landes zu beraten. Da sie sich nicht über Abstimmungsfragen einigen können, erklärt sich der »Dritte Stand« am 17.6. 1789 zur  Nationalversammlung. Am 4. und 5.8.1789 verzichten die Abgeordneten der beiden erstenStände auf ihre Privilegien. Ab jetzt übt die Nationalversammlung »im Namen des Volkes«die Macht im Staate aus. Sie wird 1792 abgelöst vom Nationalkonvent. 1793 beginnt eine Zeitdes Terrors, der sich vor allem gegen den Adel und die Geistlichkeit richtet. Das »Volk« sucht
 
 beide zu vernichten. Da es seinen Gegenpart zerstört, fehlt ihm plötzlich die sozialeAbgrenzung. Es beginnt eine Zeit kultureller, politischer, ökonomischer und sozialer Desorientierung. Erst Napoleon setzt neue Grenzen - diesmal vor allem politische undmilitärische. Und diese Art der Grenzziehung blieb für in Europa fast zwei Jahrhundertemaßgeblich.
1945 zerbricht eine Welt, die geprägt ist von militärischer und politischer Ausgrenzung gegenden deutschen und japanischen Faschismus. Neue Grenzen müssen gezogen werden. Diewestliche Welt definiert sich im politischen Entgegen zum Kommunismus und immilitärischen zum langsam entstehenden Ostblock.
1990/91 verschwinden beide Feinde. Und wieder stellt sich das Phänomen verlorener Identitätein. Wieder beginnt eine Epoche politischer und militärischer Unmoral. Im Kollaps einer Weltgehen auch die kollektiven Werte, Interessen, Erwartungen, Bedürfnisse der anderenzugrunde, ohne daß neue in Sicht sind. Besonders trifft der Identitätsverlust die beiden»Frontstaaten« USA und Bundesrepublik Deutschland. Die Politiker beider Staaten scheinenwie gelähmt, unfähig, wichtige Beschlüsse zu fassen. Die USA suchen der Paralyse durch einmilitärisches Weltpolizeiagieren (Bolivien, Panama, Irak) zu entkommen, um die verlorenenationale Identität wiederherzustellen. Das Ergebnis ist eher erbärmlich. Die Politiker der Bundesrepublik Deutschland versuchen es erst gar nicht, der psychotischen Situation desIdentitätsverlustes zu entkommen. Sie geben sich der Lähmung hin.Welche Versuche unternahmen sie, eine neue nationale Identität zu finden?
Da ist zunächst der problematische Versuch zu nennen, über die Identifikation desStaatsvolkes mit dem ethnischen Volk eigene nationale Identität zu sichern. An die Stelle desStaatsvolkes tritt das ethnische Volk. Insofern sie dieses Identifikat exportieren, begünstigensie den Zerfall der ethnischen Vielvölkerstaaten. Zugleich wachsen Fremdenangst(Xenophobie) und Fremdenhaß.
Wenig hilfreich ist auch der problematische Versuch, über den Glauben an die Überlegenheitder eigenen ökonomischen, politischen, sozialen und kulturellen Ordnung Identität zu sichern.Dieser Versuch führt zu Fundamentalismen verschiedenster Art.Sie können folgenden Bereichen zugeordnet werden:- Der ideologische Fundamentalismus »weiß, was nützlich und unnütz« ist. Klassischeideologische Fundamentalismen sind Marxismus, Liberalismus, Kapitalismus,Konservativismus. In beiden Ländern, in der Bundesrepublik Deutschland wie in den USA,kommt es zur Ausbildung konservativistischer fundamentalistischer Ideologien.- Der religiöse Fundamentalismus bestimmt vor allem in einigen islamischen Ländern denVersuch, Identität zu begründen. Religiöse Fundamentalisten wissen, was wahr und falsch ist.Sie wähnen sich im alleinigen Besitz einer irrtums- und täuschungsfreies Wahrheit. Sieversuchen, Politik, Wirtschaft und Kultur zu dominieren.- Der moralische Fundamentalismus »weiß, was moralisch gut und böse ist«. Er bestimmt, auf der Suche nach nationaler Identität, vor allem die Politik der USA.Solche Fundamentalismen bekämpfen ihnen entgegenstehende Überzeugungen als feindlich.Fundamentalisten leben in einer Welt voller Feinde. Allen Fundamentalismen sindEngführungen gemeinsam. Fundamentalisten sind nicht bereit, die eigene Position kritisch zu
 
 bedenken. Sie suchen nicht die Bewährung, sondern die Bestätigung ihres ideologischenKonstrukts. Fremde Positionen werden entweder nicht diskutiert oder durch Denunziationen(wie etwa des Islam) abgewiesen. Fundamentalismen modifizieren sich nicht, sondernimmunisieren sich gegen widersprechende Erfahrungen.
Eine andere vermeintliche Möglichkeit, verlorene Identität wiederzufinden, bietet der Rückzug aus demokratischen Institutionen. Wenn die Exekutive nicht daran gehindert wird,kann sie identitätsstiftende Maßnahmen ergreifen (etwa Kriege führen).Diese Methode hat den Nachteil, daß sich - mit einiger Verzögerung - die meisten Menschennicht mit solchen Maßnahmen identifizieren, da sie sich der dramaturgischen Forderung nachweiterer Steigerung entziehen. Staats- und Politikverdrossenheit sind die Folge.
Doch auch die Flucht in die Irrationalität stiftet nicht selten Pseudoidentität. Nach demZusammenbruch des Vernunftglaubens begann der Glaube an die Widervernunft. Statt sichvon der Herrschaft der Vernunft zu befreien und sie als Dienerin zu verstehen, die in vielenSituationen nützliche Dienste leistet, gewann und gewinnt auch bei Politikern immer noch dieEsoterik neue Kunden. Bei nicht wenigen ersetzt der Bauch den Kopf. »Visionen« (etwa desTyps »blühender Landschaften«) treten an die Stelle realistischer politischer Konzepte.
2. Das Jahr 1992 
Es gibt Jahre, in denen sich Welten verändern. Nichts mehr ist so wie zuvor. Der Feind und seineWertordnungen verschwinden. Die eigenen Wertordnungen, die sich aus dem Entgegendefinierten, zerbrechen. Hiervon zeugen die Ereignisse des Jahres 1992. Sie sind Vorboten einer Revolution, welche die von 1789 in den Schatten stellen wird. 1991 verschwand eine Idee, diedes politischen und ökonomischen Kommunismus, und es verschwand ein Riesenreich: dieUdSSR. Beide waren zu stabilisierenden Faktoren geworden. Sie stabilisierten die Ordnung desOstens - aber auch die sich davon abgrenzende Ordnung des Westens. Und der Westen besaßkein »inneres Stützskelett«, das es ihm ermöglichte, Werte, die keine Gegenwerte waren,handlungsleitend zu entwickeln. Der Osten kollabierte in wenigen Monaten. Der Westen benötigt, da und solange die systemische Trägheit ihn an die Vergangenheit bindet, einige Jahre.Das Jahr 1992 wird im Westen zu einem Schwellenjahr, in dem zwar die Ordnungen der altenWelt zerbrachen, neue aber noch nicht erkennbar sind. Dieses Jahr wird in die Geschichteeingehen als ein Jahr politischer, ökonomischer, sozialer und kultureller Desorientierung. Zeitender Desorientierung sind auch immer Zeiten struktureller Unmoral. Es weist kein Kompaß mehr den Weg. Neue Ziele und Werte sind noch nicht entworfen, zeichnen sich nicht einmal amHorizont des Hoffens und des Wahrnehmens ab.Mit dem Zusammenbruch des Ostens zerbrach zunächst auch eine politische, ökonomische,soziale, kulturelle und moralische Wertewelt: die des »realen Sozialismus«, aber auch die der Gegenwelt. Da die »westliche Wertewelt« sehr viel erheblicher als allgemein bewußt sich alsKontrastprogramm zu der des als feindlich und gefährlich wahrgenommenen des Ostensdefinierte, bleibt sie von den Erschütterungen des Ostens nicht verschont. Die fehlendeDefinition erreicht alle Werte, die politischen wie die ökonomischen, die sozialen wie der kulturellen - vor allem aber auch die moralischen. Dieses Buch versucht die moralischeDesorientierung des Westens nach dem Zusammenbruch der orientierenden Werte des Ostensaufzuweisen.Am 19.8.1991 putschten in der UdSSR orthodoxe Kommunisten unter Führung desVizepräsidenten der Union, Grennadij Janajewin, gegen die von Michail Gorbatschow begründete Ordnung. Der Putsch endete am 25.12.1991 mit dem vom Reformer Boris Jelzinerzwungenen Rücktritt Michail Gorbatschows. Er erreichte seinen Höhepunkt vier Tage vor Gorbatschows Rücktritt: In der Hauptstadt Kasachstans, Alma-Ata, gründen die Regierungschefs
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