Landeszeitung Lüneburg
Landeszeitung Lüneburg: ,,Goldstone-Bericht wird verpuffen" -- Interview mit demNahost-Experten Dr. Martin Beck
05.11.2009 - 17:11 Uhr, Landeszeitung Lüneburg
Lüneburg (ots) - "Dieser Bericht wurde in Sünde geboren", wetterteein Sprecher der israelischen Regierung gegen den Goldstone-Bericht.Die Kommission wirft der Hamas und Israel vor, im Gaza-KriegVerbrechen gegenüber Zivilisten verübt zu haben. Über Tage rang dieUN-Vollversammlung um eine ausgewogene Resolution. UngeschicktesTaktieren mit dem Bericht kostete Palästinenser-Präsident Abbas soviel Reputation, dass er nun mit seinem Rücktritt kokettiert.Nahost-Experte PD Dr. Martin Beck ist nicht überrascht: ,,Das einzigedauerhafte Ergebnis des Goldstone-Berichts ist die Schwächung vonAbbas." Beck (47), beurlaubter wissenschaftlicher Mitarbeiter amGIGA-Institut für Nahost-Studien in Hamburg (German Institute ofGlobal and Area Studies), wird ab Januar 2009 das Auslandsbüro derKonrad-Adenauer-Stiftung in Amman, Jordanien, leiten.Über Jahrzehnte handelte die israelische Armee nach demEhrenkodex, den Feind möglichst human zu behandeln. Was bedeutet derGoldstone-Bericht mit seinem Vorwurf der Kriegsverbrechen für Israel?PD Dr. Martin Beck: Das sind natürlich sehr harte Anklagen, diesich aber noch nicht endgültig beurteilen lassen. DieGoldstone-Kommission versuchte in erster Linie, Fakten zu sammeln. Umeinschätzen zu können, ob die Vorwürfe zutreffen, bedürfte esweiterer, unabhängiger Untersuchungen, zu denen es bisher nichtgekommen ist.Aber die anonymisierten Berichte israelischerGaza-Kriegs-Teilnehmer untermauern die Vorwürfe...Dr. Beck: Auch bei vergangenen Militäreinsätzen Israels wurde dieFrage der Angemessenheit debattiert. Eine gewisse Wahrscheinlichkeitkann man dem Bericht nicht absprechen, der beide Seiten anklagt,Kriegsverbrechen begangen zu haben -- möglicherweise sogar Verbrechengegen die Menschlichkeit. Aber es ist zu betonen, dass keine Beweiseim juristischen Sinne vorliegen.Gesetzt den Fall, es hat Exzesse im Gaza-Krieg gegeben, zeigtdies, dass die Radikalisierung der israelischen Gesellschaft in denStreitkräften angekommen ist?Dr. Beck: Das scheint mir eine sehr weitreichende Schlussfolgerungzu sein, solange uns noch verlässliche Ergebnisse fehlen. Zu bedenkenist dabei auch, dass die moralischen Maßstäbe, die an Kriegsführungangelegt werden, in den vergangenen Jahrzehnten deutlich schärfergefasst werden. Was an Härten gegenüber der Zivilbevölkerung noch vor30 bis 40 Jahren als legitim betrachtet wurde, gilt heute -- dankeiner stärkeren Fokussierung auf Menschenrechte -- nicht mehr alshinnehmbar.Ist Härte nicht auch eine Folge des Bedeutungsverlustes regulärerTruppen in asymmetrischen Konflikten, in denen sie die eigeneZivilbevölkerung nicht vor Terrorakten schützen können?Dr. Beck: Ja. Konflikte, in denen eine reguläre Armee einer Milizoder Terroristen gegenübersteht, sind sehr viel schwieriger zuführen. Schon allein, weil die Unterscheidung zwischen Zivilisten undKombattanten etwa im Falle einer nicht-staatlichen Gruppierung wieder Hamas sehr schwer fällt.Wäre es nicht geschickter von der israelischen Regierung gewesen, mitder Goldstone-Kommission zusammenzuarbeiten? Dr. Beck: Jein. Zwarhätte Israel in diesem Fall mehr Einfluss auf die Inhalte desBerichtes gehabt. Aber die Hürde war zu hoch. Die Beziehungenzwischen den Vereinten Nationen und Israel sind allzu belastet -- mitAusnahme des Sicherheitsrates, in dem die USA ein verlässlicherPartner Israels sind. Es mangelte für eine fruchtbare Zusammenarbeitan ausreichendem Vertrauen zwischen beiden Parteien.
Add a Comment