• Embed Doc
  • Readcast
  • Collections
  • CommentGo Back
Download
 
Octave Mirbeau : Bauernmoral (1902)
Der Friedensrichter hatte im Stadthause zu ebener Erde ein Zimmerinne, das direkt auf den Platz hinausging. Der kahle, viereckige Raum mit denweißgetünchten Wänden war in der Mitte durch eine Art Ballustrade geteilt,welche, je nachdem, den Klägern, bei großen Prozessen den Advocaten oderauch den Neugierigen als Sitzbank diente. Im Grunde des Zimmers, auf einemniedrigen, schlecht gefügten Bretterpodium, standen drei Tische vor dreikleinen Sesseln; der mittlere davon war r den Herrn Richter, der zurRechten für den Herrn Schreiber, der zur Linken für den Herrn Amtsdienerbestimmt.An der Wand dahinter machte ein Christusbild in lange verblaßtemGoldrahmen, von Fliegen ganz besudelt, ein recht klägliches Gesicht. Das wardie ganze Szenerie.Als ich eintrat, hielt man schon mitten in den »Amtshandlungen«. DerSaal war voll von Bauern, die sich auf ihre eschenen Stecken mit schwarzenLederriemen stützten, und von Bäuerinnen mit schweren Marktkörben, ausdenen unter dem Deckel rothe Hahnenkämme, gelbe Schnäbel von Enten unddie Ohren von Kaninchen hervorguckten. Das stmte einen starkenStallgeruch aus. Der Friedensrichter, ein kleiner, kahlköpfiger Mensch mitglattem, röthlichem Gesicht, in einem Rock von schmierigem Zeug, lauschtemit grer Andacht dem Vortrag einer alten Frau, die innerhalb desSchrankens stand. Sie begleitete jedes ihrer Worte mit ausdrucksvollen undwüthenden Gesten. Der Schreiber, ein haariger, aufgedunsener Mensch, ließden Kopf über den gekreuzten Armen auf den Tisch sinken; er schien zuschlafen. Ihm gegenüber kritzelte der sehr magere, sehr rtige und sehrbeschmierte Diener irgend etwas auf einem Stoß fettiger Aktenpapiere.Das alte Weib schwieg nun.»Ist das Alles?« fragte der Friedensrichter.
 
»Wie meinen, Herr Richter?« gab die Gefragte zurück und streckte ihrenHals vor, der so runzelig war wie eine Hühnerkralle.»Ich frage, ob Sie fertig sind mit dem Geschwätz von Ihrer Mauer?«antwortete der Mann des Gesetzes mit erhobener Stimme.»Mein Gott ja, Herr Richter – das heißt, entschuldigen, die Geschichteist so: Die fragliche Mauer, an welcher Jean-Baptiste Macé immer seine ....«Sie wollte ihre Litanei von vorne hersagen, doch der Richter unterbrachsie.»Genug, genug, es ist gut, Martine. Schreiber! Man soll den Mannvorladen!«Der Schreiber hob langsam den Kopf und zog eine rchterlicheGrimasse.»Schreiber,« wiederholte der Richter, »vorladen! Notieren Sie .....«Und er zählte an den Fingern: »Dienstag. Wir werden ihn für Dienstagvorladen .... Ha, am Dienstag. Der Nächste!«Der Schreiber blinzelte mit den Augen, besah ein Blatt Papier, dann ließer seinen Finger auf dem Papier von unten nach oben laufen, machte plötzlichhalt und schrie:»Gatelier
contra 
Rousseau! Ist Gatelier hier und Rousseau auch?«»Hier!« rief eine Stimme.»Da bin ich!« rief eine andere Stimme.Zwei Bauern erhoben sich, traten vor die Schranken und stellten sichlinkisch dem Friedensrichter gegeber, der die Arme über den Tischstreckte und die schwieligen Hände ineinanderlegte.»Also los, Gatelier! Was giebts denn schon wieder, mein Sohn?«Gatelier wiegte sich hin und her, wischte sich den Mund mit demHandrücken, sah nach rechts, nach links, kratzte sich am Kopf, spie aus, dannverschränkte er die Arme und sagte endlich:»Also die Sache ist die, Herr Richter: Ich gehe vom Markt in Saint-Michel nachhause mit der Gatelier, was meine Frau ist, und mit Rousseau; wir
 
drei zusammen. Ich hatte zwei Kälber verkauft und ein Schwein, mit Respektzu melden, und da hatten wir, weiß Gott, hübsch was getrunken. Wir gehenalso bei sinkender Nacht heimwärts. Ich sang, Rousseau machte Dummheitenmit meiner Frau, und meine Frau sagte allemal zu ihm: r' doch auf,Rousseau! Herrgott, bist du dumm, bist du kindisch!«Er wandte sich zu Rousseau um und fragte: »Ist das wahr, oder nicht?«»Ja, das ist wahr« antwortete Rousseau.»Auf dem halben Weg«, fuhr Gatelier nach kurzem Schweigen fort, »dageht meine Frau auf einmal den Rasenabhang hinauf und steigt über die kleineHecke, wo der breite Graben dahinter ist. Wo gehst du hin? sag ich. Ich geh'auf die Seite, sagt sie mir. Gut, sag' ich, und wir machen unsern Weg weiter,Rousseau und ich. Nach ein paar Schritten, da geht Rousseau auf einmal denRasen hinauf und steigt über die kleine Hecke, wo der breite Graben dahinterist. Wo gehst du hin? sag' ich. Ich geh' auf die Seite, sagt er mir. Gut, sag' ich,und mach' meinen Weg weiter.«Er drehte sich wieder zu Rousseau um und fragte: »Ist das wahr odernicht?«»Ja, das ist wahr,« antwortete Rousseau.»Also ich mach' meinen Weg weiter,« fuhr Gatelier fort. »Ich geh' undgeh' und geh'. Dann später dreh' ich mich um. Niemand ist auf der Straße zusehen. Denk ich mir: das ist komisch! wo bleiben denn die? und gehe ein Stückzurück. Das dauert lang, sag' ich zu mir. Wir haben hübsch was getrunken, dasist schon wahr, aber es dauert doch zu lang. So komme ich dorthin, woRousseau den Rasen hinaufgegangen war und steige auch über die Hecke.Himmelherrgott! sag' ich, da ist ja Rousseau mit meiner Frau! Pardon,entschuldigen, Herr Richter, aber so wie ich spreche, so ist es.«Im Publicum wurde da und dort Gelächter laut, aber Gatelier gab daraufgar nicht acht, sondern setzte fort: »Rousseau war also dort mit meiner Frau,mit Respekt zu sagen, und er zappelte im Graben herum, nein, das war schonzu komisch anzuseh'n, wie er zappelte, der verfluchte Rousseau! Ah, der
of 00

Leave a Comment

You must be to leave a comment.
Submit
Characters: ...
You must be to leave a comment.
Submit
Characters: ...