Welcome to Scribd, the world's digital library. Read, publish, and share books and documents. See more
Download
Standard view
Full view
of .
Look up keyword
Like this
1Activity
0 of .
Results for:
No results containing your search query
P. 1
Hans-Jürgen Krahl - Angaben zur Person

Hans-Jürgen Krahl - Angaben zur Person

Ratings:

5.0

(2)
|Views: 72|Likes:
Published by nichtmitmir
Am 16. Oktober 1969 beginnt in Frankfurt am Main der Prozeß gegen die SDS-Mitglieder Günter Amendt, Karl Dietrich Wolff und Hans-Jürgen Krahl wegen "Rädelsführerschaft" bei der am 22. September 1968 stattgefundenen Demonstration gegen die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Leopold Senghor, dem autoritären, aber vom Westen hofierten "Dichterpräsidenten Senegals. Im Rahmen dieses Prozesses hält Krahl, der führende Kopf des Frankfurter SDS, eine freie Rede, in der er in Form einer politischen Autobiographie seine Hinwendung zur revolutionären Studentenbewegung schildert und mit Rekurs auf Marx, Horkheimer, Sartre, Marcuse und Bloch die Notwendigkeit begründet, den Kapitalismus abzuschaffen. Am 24. Dezember 1969 werden die drei Angeklagten wegen Aufruhr, Landfriedensbruch und Rädelsführerschaft zu jeweils einem Jahr und neun Monaten Gefängnis verurteilt. Krahl geht in Revision. Noch vor Aufnahme des neuen Verfahrens kommt er am 14. Februar 1970 bei einem Verkehrsunfall ums Leben.
Am 16. Oktober 1969 beginnt in Frankfurt am Main der Prozeß gegen die SDS-Mitglieder Günter Amendt, Karl Dietrich Wolff und Hans-Jürgen Krahl wegen "Rädelsführerschaft" bei der am 22. September 1968 stattgefundenen Demonstration gegen die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Leopold Senghor, dem autoritären, aber vom Westen hofierten "Dichterpräsidenten Senegals. Im Rahmen dieses Prozesses hält Krahl, der führende Kopf des Frankfurter SDS, eine freie Rede, in der er in Form einer politischen Autobiographie seine Hinwendung zur revolutionären Studentenbewegung schildert und mit Rekurs auf Marx, Horkheimer, Sartre, Marcuse und Bloch die Notwendigkeit begründet, den Kapitalismus abzuschaffen. Am 24. Dezember 1969 werden die drei Angeklagten wegen Aufruhr, Landfriedensbruch und Rädelsführerschaft zu jeweils einem Jahr und neun Monaten Gefängnis verurteilt. Krahl geht in Revision. Noch vor Aufnahme des neuen Verfahrens kommt er am 14. Februar 1970 bei einem Verkehrsunfall ums Leben.

More info:

Published by: nichtmitmir on Nov 15, 2009
Copyright:Attribution Non-commercial

Availability:

Read on Scribd mobile: iPhone, iPad and Android.
download as RTF, PDF, TXT or read online from Scribd
See more
See less

11/29/2009

pdf

text

original

 
Hans-Jürgen Krahl
Angaben zur Person
Aussage im Senghor-Prozeß am 16. Okt. 1969
 
Angaben zur Person zu machen, kann nicht heißen,auch nicht im Hinblick auf ein Gericht wie dieses, zudefinieren, was man heute noch hämisch genug"Persönlichkeit", nennt. Es kommt darauf an, dass wirden Erfahrungshintergrund darstellen, der denPolitisierungsprozess und damit auch dieStudentenbewegung, so wie sie in ihrer antiautoritärenPhase sich gebildet hat, erklärt. Und es sind, wasmeine Person anbelangt, sehr andereErfahrungszusammenhänge als die des GenossenAmendt. Ich musste aufgrund meiner Herkunft sehrviel längere Umwege machen, um die bürgerlicheKlasse, der ich entstamme, zu verraten. Da ich auseinem unterentwickelten Land komme, nämlich ausNiedersachsen, und zwar aus den finstersten Teilendieses Landes, war es mir noch nicht einmal vergönnt,selbst im Rahmen der bürgerlichen Klasse nicht, dieaufgeklärte Ideologie dieser Klasse zu rezipieren; undich meine, dass eine kurze Darstellung dieser Ideologienotwendig ist, weil diese Ideologien, die ich selbstkennengelernt habe, mit denen ich mich identifizierenmusste, denjenigen ähnlich sind, die auch Themendieses Prozesses bilden werden, nämlich denenSenghors. In Niedersachsen, jedenfalls in den Teilen,aus denen ich komme, herrscht noch zum starken Teildas, was man als Ideologie der Erde bezeichnen kann,und so habe auch ich mich, als ich meinen politischenBildungsprozess durchmachte, zunächst nicht andersals im Bezugsrahmen der Deutschen Partei bis zurWelfenpartei bewegen können. Ich konnte mir nicht
 
einmal die Ideologien erarbeiten, die Liberalität undParlamentarismus bedeuten, - wenn man bedenkt,dass die Dörfer, in denen ich aufgewachsen bin, jeneNicht-Öffentlichkeit noch pflegen in ihrenZusammenkünften, die an die Rituale mittelalterlicherHexenprozesse erinnern. Wenn man davon ausgeht,dass heute noch in vielen Teilen der Bundesrepublik,vom bayerischen Wald bis zur niedersächsischen Heide,finsterste Ideologien der Mystik stattfinden, so war essehr verständlich, dass mich mein Bildungsprozesszunächst einmal in den Ludendorffbund trieb, sodassich begriffliches Denken nicht anders als aus der MystikMeister Eckharts und Roswithas von Gandersheimerfahren habe, d.h. Ideologien, die, wenn man siemarxistisch interpretieren will, sicherlich ausgelegtwerden können im Sinne eines utopischen Denkens,wie es Ernst Bloch getan hat, die aber, wenn man sieaus dem Erfahrungszusammenhang der herrschendenKlasse rezipiert, finsterste Unmündigkeit reproduzieren.Und so war es schon ein enormer Schritt anAufklärung, als ich in meiner Heimatstadt Alfeld imJahre 1961 die Junge Union gründete und der CDUbeitrat. Das war der erste Schritt, um mich aus diesennoch an Blut und Boden orientierten Ideologien zubefreien, aus dem feudalen Naturzustand einerAgrarwirtschaft überzutreten in die modernekapitalistische Industriegesellschaft. Und hier muss ichsagen, dass da gewissermaßen eine Odyssee durch dieOrganisationsformen der herrschenden Klasse hindurchbegann, und es gehört, das möchte ich mir ganzpersönlich zugute halten, ein enormes Ausmaß auch anpsychischer Konsistenz dazu, in dieser finsteren Provinzzwei Jahre kontinuierlich an CDU-Versammlungen vonKleinstadt-Honoratioren teilzunehmen, denn nachkurzer Zeit stellten sich - und das ist nicht bloße
 
Metapher - Daumiersche Halluzinationen ein, so dasssich die Zusammenkünfte in Versammlungen vonHammel-Lamm- und Rindsköpfen verwandelten. Dernächste Schritt, nämlich der zur Aufklärung über dieCDU, war die christliche Kirche. Denn hier zumindest,in der christlichen Kirche, wieviel Pfadfinderideologiesie auch immer mit sich fortschleppt erfuhr ich zumersten Mal etwas über den Widerstand gegen denFaschismus - durchaus noch auf dem Boden derinneren Emigration und der Innerlichkeitsideologien imSinne Bonhoeffers. Aber selbst das war in denKleinstadtgymnasien, die meinen Bildungsprozessgezeichnet haben, noch viel zu viel. Denn ich erfuhrvon dem Direktor unserer Schule, dass DietrichBonhoeffer ein perverser Homosexueller gewesen seiund schon deshalb nicht im Sinne eines anständigenDeutschen interpretiert werden könnte, und ich musstevon demselben Direktor erfahren, dass alles Übel derWelt von den Engländern und den Juden gekommen seiund dass das größte Verbrechen in der Geschichte derMenschheit wohl doch der Nürnberger Prozess war. Daswaren also Leute, die sich dann öffentlich damitbrüsteten, wie oft und mit welchem Grad sieentnazifiziert worden seien. Doch selbst dieseanachronistischen Ideologien ermöglichten es einem indieser finsteren Provinz noch nicht, irgendeineBewusstseinsalternative zu sehen, und auf diese Weisemachte ich auch meine erste Erfahrung mit der Justiz.
 
Als ich von einem Burschenschaftskonvent nach demAbitur eingeladen wurde, machte ich die Bekanntschafteines sogenannten Alten Herrn, eines Amtsgerichtsrats,der lammkotelettverzehrend mir erklärte, dass dieArbeiterklasse doch ewig unmündig und dumm bleibenmüsse und wir dazu berufen seien, die Elite zu bilden.Das überzeugte mich zwar nicht, gleichwohl wurde ich,

You're Reading a Free Preview

Download
scribd
/*********** DO NOT ALTER ANYTHING BELOW THIS LINE ! ************/ var s_code=s.t();if(s_code)document.write(s_code)//-->