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1 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanisch
Prolog
Andrej Frank‘s rascher Schritt, an dem ihn jeder im Haus von weitem erkannte, verhallte imhohen Krankenhausflur wie auf einer einsamen Straße. Er blieb kurz stehen und sah auf die Uhr  – es war genau 2Uhr14 an diesem 10. Oktober.Kurz zuvor hatte der Chef der Frauenklinik bei ihm angerufen„Tut mir leid, so mitten in der Nacht zu stören, aber ich habe hier eine Patientin bekommen, der es sehr schlecht geht. Ist die Frau des Fußballmanagers, wenn sie wissen, was ich meine.“„Nein, weiß ich nicht, ist mir auch egal, ich komme gleich.“Was zum Teufel interessierte ihn Fußball? Oder ein Fußballmanager?Das Läuten des Telefons und der kurze Wortwechsel genügten, ihn hellwach zu machen. Der Rest war Ergebnis jahrelangen Trainings, auch zu den unmöglichsten Zeiten zu funktionieren.Schnell stand er auf, trat ans Waschbecken. Kaltes Wasser lief in seine zur Schale geformtenHände.In seinem Gesicht ließ es ihn für einen Moment tief durchatmen, dann zog er sich an.Sein Appartement lag im Ärztehaus, gleich neben der Klinik. In die Außenwände hatte sich dieSchwärze des Revierstaubs Jahr um Jahr eingefressen. Wie in so viele Lungen der Bergleute, alswollte sich die Erde dafür rächen, dass sie seit Jahrzehnten vergewaltigt wurde.Andrej Frank hatte dieWohnung gemietet, solange er mit seiner Familie noch nicht umgezogenwar. Mittlerweile wohnte er schon über zwei Jahre in diesem Haus, da sich sein Umzug immer wieder hinauszögerte. Trotzdem schätzte er es, zu jeder Zeit in wenigen Minuten in der Klinik zusein. Er liebte diese spartanische Unterkunft, die eher für einen Mönch eingerichtet war. Als er sich mit Andrea hier zum ersten Mal traf, stellte sie spontan fest „Wie kann ein Mann nur hier leben?“.Andrej blickte sie damals nur verständnislos an und schwieg.Das Haus „Ärztehaus“ zu nennen, war eine Übertreibung - hier lebten die unterschiedlichstenBerufsgruppen: Pfleger, Schwestern, Verwaltungsangestellte. Direkt neben seiner Wohnung war die Notarztwagenbesatzung untergebracht. Das garantierte zuverlässig, dass Andrej bei jedemAlarm in der Nacht mit aufwachte. Einzig ein großes mit Tesafilm an der Wand befestigtesPoster von Van Gogh versuchte, mit dem Sämann dem Raum die Farbe der Sonne bekanntzumachen. Die Gemeinschaftstoiletten und die Gemeinschaftsküche waren vor seinem Einzug kurzfristig renoviert worden – allein die Erzählung über ihren ehemaligenZustand musste jeden Zuhörer krank werden lassen.Andrej verließ das Ärztehaus, die gläserne Haustüre fiel scheppernd ins Schloss. Ein böiger Wind stürmte. Er begleitete ihn auf seinem Weg ins Krankenhaus, das sich mit seinen hohenGebäudetrakten hell erleuchtet vor dem Nachthimmel abhob. Für einige Sekunden wandertenseine Augen die Fenster entlang, die ihn zu beobachten schienen. Nur wer hier arbeitete, wussteum das Leben und Sterben, das tagtäglich hinter diesen Fassaden geschah.Er schloss die Eingangstüre zum Haupthaus auf und ging das Treppenhaus hinauf in diegynäkologische Ambulanz.
 
2 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst HanischAls Andrej die Tür zum Untersuchungszimmer öffnete, schauten ihn fünf Personen an. Quer imRaum, auf einer Untersuchungstrage liegend, eine Frau. An ihrem Kopfende ein Mann, in einer Ecke im Halbdunkel ein weiterer Mann mit verschränkten Armen. Rechts neben der Tür der gynäkologische Chefarzt, der ihn gerufen hatte. Bei der Patientin stand Frau Dr. Steffens, diesofort anfing, ihm alles zu erklären. Offensichtlich war sie vor ihm gerufen worden, da sie Nachtdienst hatte.„Die Patientin hat einen eingeklemmten Leistenbruch. Ich habe versucht, ihn wieder zurückzudrücken, aber die Patientin hat zu starke Schmerzen und wollte das nicht mehr.“Um sich gegen Frau Dr. Steffens durchzusetzen, musste man schon einen starken Willen haben.Oder die Schmerzen, die sie beim Zurückdrücken des Bruchs der Patientin zufügte, warentatsächlich so stark, dass sogar sie von der weiteren Verfolgung dieses Unterfangens abließ.Er wandte sich der Patientin zu – und nur die Andrej gut kannten, hätten an seinen schmalwerdenden Lippen bemerkt, wie angespannt er plötzlich war. Er sah eine Frau, die auf dem Wegzum Sterben war.Sie zitterte am ganzen Körper und hielt sich krampfhaft mit beiden Händen am Rand der Liegefest.„Mein Name ist Frank, wie geht es ihnen?“„Bitte, bitte untersuchen sie mich nicht mehr, es tut so weh.“„Ich muss sie operieren, so können wir das nicht lassen.“„Dann bringen wir das hinter uns. Ich mache alles mit, ich will nur keine Schmerzen mehr haben.“Ihre müden Augen sahen Andrej Frank an.„Bitte, bitte helfen sie mir“, flüsterte mühsam die zierliche FrauBlonde Haare fielen um ihr schmales Gesicht, dass Andrej signalisierte, wie wenig Zeit er hatte.„Sie werden sehen, wir kriegen das schon wieder hin.“Wie oft hatte er diesen Standartsatz gesagt, auch dann, wenn er sicher war, dass er nicht mehr helfen konnte. Er lächelte sie an.Sie sah ihn an und er meinte, eine Spur eines Lächelns zu sehen. Er erkannte, dass sie ihndurchschaute. Sie wusste genau, wie gefährlich krank sie war.„Also, wir bringen sie jetzt in den Op.“Zu Frau Dr. Steffens gewandt„Informieren sie Anästhesie und Op-Schwestern.“„Soll ich ihnen assistieren“, fragte der Chefarzt der Gynäkologie.„Nein, Frau Steffens macht das.“Er ging in Richtung Op, ohne sich weiter um die beiden anderen Männer zu kümmern.Im Umkleideraum des Zentral-Ops wechselte er seine Kleidung. Vor dem Spiegel, aus dem ihmein scharf geschnittenes Gesicht ansah, zog er Op-Haube und Mundschutz an. Seine Op-Schuhe
 
3 Rauhwind Autor: Walter Frank Copyright Ernst Hanischfand er ordnungsgemäß an ihrem Platz. Mit Genugtuung registrierte er das, da er nichts so sehr hasste, seine Op-Schuhe unter Dutzender anderer Schuhpaare heraussuchen zu müssen.Die Op-Mannschaft war schnell – es vergingen 15 Minuten und die Patientin war in Narkosevorbereitet. Op-Schwester Manuela richtete flink ihre Instrumente nach einer Ordnung, die nur Eingeweihte zu durchschauen wussten.„Guten Morgen!“Seine sonore Stimme war wirklich nicht zu überhören, öfters wurde er gefragt, ob er nichtSänger sei.„Guten Morgen, Professor!“ grüßten alle munter.„Keine gute Zeit so früh am Morgen oder noch mitten in der Nacht“, meinte der Anästhesist, der den Spitznamen Fürst der Finsternis mit Würde trug.„Tatsächlich keine gute Zeit“, gab er zurück und wusch, nachdem er von Manuela sterilangezogen war, den Bauch der Patientin mit Desinfektionsmittel ab.In ihrer Nacktheit und den seitlich ausgebreiteten Armen wirkte die Patientin zerbrechlicher alsvorher. Ihre Haut schimmerte nahtlos wie Bronze, unwillkürlich musste er an südlicheSommertage denken. Die Schwellung in der rechten Leiste war faustgroß undsteinhart. Manuela reichte ihm wortlos das Messer, das sanft über die Haut glitt und den Weg indie Tiefe des Körpers öffnete. Bald stieß er auf ein Gebilde, das schwarz wie Kohle aussah – abgestorbener Dünndarm. Wie harmlos und doch todbringend.„Jetzt halten sie schon den Darm so hin, dass ich operieren kann“, fuhr er seineAssistentin an. Bisher war es am Tisch still gewesen, Manuela war eine erfahrene Op-Schwester.Ohne dass er etwas sagen mußte, gab sie ihm die richtigen Instrumente in die offen hingehalteneHand.Warum waren diese Leute so spät gekommen, fluchte er still vor sich hin. Es war immer wieder dasselbe. Und jetzt starb diese Frau fast an einem lächerlichen, eingeklemmten Leistenbruch.Routiniert führte er die Operation zu Ende, schnitt den abgestorbenen Dünndarm ab und warf den Klumpen angewidert auf einen Beistelltisch. Danach nähte Andrej gut durchbluteten Darmwieder aneinander und vernähte die Bruchlücke.„Machen sie noch die Hautnaht und den Verband“, bat er Frau Dr. Steffens.Er trat vom Op-Tisch ab und notierte sich den Namen der Patientin, Andrea Michaelsen, für denOp- Bericht.„Hoffentlich heilt alles gut. Dann – bis später!“„Bis gleich“, rief man ihm nach.Er sah auf die Uhr – noch eineinhalb Stunden bis zur Frühbesprechung.Der stürmische Nachtwind hatte sich nicht gelegt und begleitete ihn auf seinem Weg zurück indas Ärztehaus.Als er sich hinlegte, fiel er sofort in einen Tiefschlaf. Seit langer Zeit träumte er wieder.
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