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Karl Heinz Roth
 
Der Sozialkahlschlag: Perspektiven vonoben – Gegenperspektiven von unten
Der aktuelle Umbruch in DeutschlandSeit der berüchtigten „Agenda 2010“ der SPD-grünen-Regierung wird auch in Deutschland der Sozialstaatunwiderruflich geschleift. In allen seinenFunktionsbereichen findet eine pausenlos zugreifendeund arbeitsteilig abgestimmte Demontage statt. DerSozialkahlschlag konzentriert sich auf dieArbeitsmärkte, das Gesundheitswesen, denBildungssektor, die Altersrenten und dieMigrationspolitik.Durch die so genannten Hartz-Reformen(Deregulierungspaket I – IV der Hartz-Kommission derBundesregierung) ist auf den Arbeitsmärkten einqualitativer Sprung eingeleitet worden, der weitreichende Folgen haben wird. Die auf abhängigeErwerbsarbeit Angewiesenen werden weitgehendentrechtet. Die Sozialfonds für Erwerblose werden auf ein Minimum zusammengestrichen. Der Bezug derbisherigen Arbeitslosenhilfe wird auf das Niveau derSozialhilfe zurückgeführt und mit dieser gleichgesetzt,
 
und auf diese Weise nimmt das seit längerem verfolgteProjekt der Arbeitserzwingung konkrete Gestalt an. DasErgebnis ist die massive Ausweitung des Sektorsungeschützter Arbeitsverhältnisse, die schon jetzt mehrals die Hälfte des gesamten Arbeitsvolumensausmachen, und die endgültige Abkehr vom Modell der „Kernbelegschaften“. Auch in Deutschland hält dieArbeitsarmut Einzug. Auf die weitgehende Auflösungder Sozialfonds für Erwerbslose folgt die breiteEinführung eines Niedriglohnsektors.Das Gesundheitswesen wird auf allen Strukturebenenum ein Drittel demontiert und zugleich verteuert. DieKranken sind seit Jahresbeginn mit weiterenGebührensteigerungen konfrontiert, die auf mehrerenEbenen greifen. Auf diese Weise wird in allenStrukturbereichen die Privatisierung vorangetrieben.Die Versicherungs- und Pharmakonzerne übernehmendie Regie und unterwerfen das Gut Gesundheit einer ander Rendite orientierten Rationierung.Auch im Bildungssektor werden drastischeAbbaumaßnahmen vorangetrieben. Parallel dazuwerden vor allem finanziell greifende Zugangshürdenerrichtet. Die pluralistisch-demokratischenStrukturreste in Ausbildung und Forschung sindMakulatur geworden und werden auch hier von denBerufsschulen bis zu den Universitäten einer rasch umsich greifenden Privatisierungsoffensive geopfert. Unter
 
dem zunehmenden Anpassungs- und Selektionsdruckwächst die Bereitschaft vieler Wissenschaftlerinnen undWissenschaftler, ihre Denk- und Forschungsstrukturender Scheinlogik der Märkte zu unterwerfen. Die Gefahrwächst, dass die in Jahrhunderten gewachsenenFähigkeiten zur kritischen Systemreflexion über dieGeschichte und Perspektiven der Gesellschaft beseitigtwerden.Inzwischen werden auch die Bezieher von Altersrentenin den Strudel der Sozialdemontage hineingezogen.Durch hinterhältige Eingriffe in die Leistungskatalogewerden die Anwartschaftszeiten fortschreitendverlängert, die Anrechnungszeiten für dieBerufsausbildung vollends gestrichen und dieZahlungen schrittweise auf unter 50 Prozent des vorhererzielten Arbeitseinkommens gedrückt. Auch ausdiesem besonders sensiblen Kernbereich verabschiedetsich der Sozialstaat und öffnet demVersicherungskapital durch die Liquidierung desGenerationenvertrags und des Umlageverfahrens dasTor für den Zugriff auf die Ersparnisse der kleinenLeute.Im Gegensatz zu diesen dramatischen Angriffen auf diesoziale Sicherheit der Masse derDurchschnittsbevölkerung war die Marginalisierung derMigrantinnen und Migranten schon im Verlauf derletzten fünfzehn Jahre vorangetrieben worden. Die
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