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Karl-Heinz Roth -Terror und Unperson

Karl-Heinz Roth -Terror und Unperson

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Karl Heinz Roth hat in einem kritischen Porträt 1978 Hanns-Martin Schleyer als einen Akteur des faschistischen Terrors und der späteren bundesdeutschen Restauration beschrieben. Die Gewaltkonstellation, die den BRD-Eliten eigen ist und, über den »Deutschen Staat« hinaus, die europäischen Gesellschaften prägt, erscheint in dieser Untersuchung wie in einem Film des Neo-Realismus, in scharfen Konturen. Schandtaten in schwarzweiß. Und so ist es intellektuell eine beschränkte Sichtweise, die Gewalt des »Deutschen Staates«, von Benno Ohnesorg bis Stammheim, als zwischenzeitliehe »Hysterie«, »Überreaktion« und dergleichen, die zudem von subalternen Teilen des Staatsapparates getragen wurde, einzusortieren. Vielmehr macht das Selbstverständnis einer Elite, die keine Zügelung durch die Zivilgesellschaft als notwendig erachtet, die Gewaltförmigkeit ihres Handeins zur Gänze aus. Jenseits des Schlachtfeldes nichts, nur der gepanzerte Körper des Kriegers, die Pflicht, der Dienst, die Unterwerfung.
Karl Heinz Roth hat in einem kritischen Porträt 1978 Hanns-Martin Schleyer als einen Akteur des faschistischen Terrors und der späteren bundesdeutschen Restauration beschrieben. Die Gewaltkonstellation, die den BRD-Eliten eigen ist und, über den »Deutschen Staat« hinaus, die europäischen Gesellschaften prägt, erscheint in dieser Untersuchung wie in einem Film des Neo-Realismus, in scharfen Konturen. Schandtaten in schwarzweiß. Und so ist es intellektuell eine beschränkte Sichtweise, die Gewalt des »Deutschen Staates«, von Benno Ohnesorg bis Stammheim, als zwischenzeitliehe »Hysterie«, »Überreaktion« und dergleichen, die zudem von subalternen Teilen des Staatsapparates getragen wurde, einzusortieren. Vielmehr macht das Selbstverständnis einer Elite, die keine Zügelung durch die Zivilgesellschaft als notwendig erachtet, die Gewaltförmigkeit ihres Handeins zur Gänze aus. Jenseits des Schlachtfeldes nichts, nur der gepanzerte Körper des Kriegers, die Pflicht, der Dienst, die Unterwerfung.

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Kompass: Analytische Wegweiser (IV)
über »Gewalt« sprechen
in
Deutschland heißt über den
Faschismus
sprechen.
Das
Nazi-Regime, der Sieg der
Konterrevolution
über die Arbeiterbewegung 1933
und
die Selbstabschaffung der bürgerlichen
Demo
kratie hat eine Situation geschaffen, deren Wirkung auf die Gesellschaft
bis
heute anhält. 1986 schrieb Gabriele Goettle
in
einem Beitrag
für
einen
Sammelband
mit
Texten
der
RAF:
»Über die RAF zu schreiben, ohne über faschistische Gewalt undihre Rolle bei der Entwicklung der Bundesrepublik zu sprechen, istunmöglich. Es ist zu zeigen, um was für eine Gewalt es sich handelt, daß sie zwar entnazifiziert, aber keineswegs neutralisiert wurde. Sie ist das Prinzip der Bewirtschaftung dieser Demokratie. »Parlamentarische Demokratie ist primär ein zwischen zwei Klassenerrichtetes Versöhnungskomitee.« (Trotzki)(
..
) Zwanzig Jahre nach Verkündung des Grundgesetzes wurde
~it
der Verabschiedung der Notstandsgesetze eine faschistische Herrschaftstechnik installiert. Damit war dem Prinzip staatlicher Gewaltendlich auch das Mittel in die Hand gegeben, mit dem unbotmäßiges Volksverhalten in jene Schranken gezwängt werden konnte, dieman im Grundgesetz vor Schreck vergessen hatte vorzusehen
...
«
Karl
Heinz
Roth
hat
in
einem
kritischen
Porträt 1978 Hanns-MartinSchleyer als einen Akteur des faschistischen
Terrorsund
der späterenbundesdeutschen Restauration beschrieben.
Die
Gewaltkonstellation,die den
BRD-Eliten
eigen
ist
und, über den
»Deutschen
Staat«
hin
aus, die europäischen Gesellschaften prägt, erscheint
in
dieser
Unter
suchung wie
in
einem
Film
des Neo-Realismus,
in
scharfen
Konturen.
Schandtaten
in
schwarzweiß.
Und
so
ist
es
intellektuell
eine beschränk
te
Sichtweise, die Gewalt des
»Deutschen
Staates«,
von
Benno
Ohnesorg
bis
Stammheim, als zwischenzeitliehe »Hysterie«, »Überreaktion«
und
dergleichen, die zudem
von
subalternen
Teilen
des Staatsapparates
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getragen wurde, einzusortieren.
Vielmehr
macht das Selbstverständniseiner
Elite,
die
keine
Zügelung durch die Zivilgesellschaft als notwendigerachtet, die Gewaltförmigkeit ihres Handeins zur Gänze aus. Jenseitsdes Schlachtfeldes
nichts, nur
der gepanzerte Körper des Kriegers, die
Pflicht,
der
Dienst,
die Unterwerfung.
Terror und Unperson
Allem Anschein nach ist die Marschlinie klar, auf die sich die zweiParteien zur Beerdigung gerüstet haben. »Plötzlich wird uns diesevon Schmissen zerhackte Visage, aus der eigentlich nur Bulligkeitund Brutalität stiert, als hehres Antlitz angeboten, das Warmherzigkeit, Güte, Toleranzausstrahlt.«1 So der Berliner Extradienst, alsSchleyer noch nicht aus der Welt war. Aber stimmt das? Der Papierflut nach, die sich seit einigen Jahren über ihn hermachte, gibtes keine andere Wahl. Alle personifizierten ihn, erhoben ihnzum Titanen, auch nachher (hier wäre der Extradienst zu korrigieren: die Schmierenpresse versteht ihr Geschäft zu gut, um aus ihmgleich den sanften Opa zu machen). »Boß der Bosse«, »Spitzenmannder Industrie: geradlinig und fair«, »Ein respektierter Sprecherder deutschen Wirtschaft«, »Ein Mann, der eine ungewöhnlicheArbeitslast für die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaftgetragen hat« -so die Medien des Kapitals. Der Linken ist Weitläufigeres eingefallen: »Alt Heidelberg, Du feine
...
«, »BilderbuchBoß Hanns-Martin Schleyer« usw., bevor ihr vom Staats schutz dasWort entzogen wurde. Unbestreitbar, daß der Tote dem allen
Vor-
schub geleistet hatte. »Gefragte Tugend: Unpopularität«, überschrieb er einen seiner in die Dutzende gehenden Artikel im Arbeitgeber-Zentralblatt.
2
»Eine Vollpersönlichkeit von hohem Rang unddabei ein menschlicher Mensch, kommunikationsfreudig ... begabtmit großer Überzeugungskraft
...
Motivationskraft ausstrahlend -einMann mit Vorbildwirkung in der Widmung an die Untemehmensziele, kurz: ein Menschenführer« -
so
räsonierte er vor allem (übersich selbst im letzten Buch, das er gut 40 Jahre nach seiner Juradissertation geschrieben hat.
3
Selbst Böll echauffierte sich gegen ihn,den Mann, der den Nationalsozialismus wieder unverhohlen äußerlich trage. Man hat
ja
auch die entsprechenden Zitate ausgegraben.Etwa die Sätze eines Schleyer, der dem Reichsinnenministerium
1941
auf die Aufforderung, endlich seine Juristenkarriere anzufangen, antwortete, er habe sich für die Vollpersönlichkeit desMenschenführers entschieden: »Ich bin alter Nationalsozialistund darf für mich in Anspruch nehmen, daß mich keine äußerlichenBeweggründe hier festhalten. Der Präsident des Zentralverbandesder Industrie in Böhmen und Mähren und der Leiter der kriegswirt-
101
 
schaftlichen Abteilung haben mich aufgefordert, im Rahmender Protektoratswirtschaft mitzuarbeiten und mich kriegswirtschaftlichen Arbeiten zur Verfügung zu stellen
...
Die uns in jungenJahren in der Kampfzeit anerzogene Bereitschaft, Aufgaben zusuchen und nicht auf sie zu warten, der ständige Einsatz für dieBewegung auch nach der Machtübernahme, haben uns früher alssonst üblich in Verantwortung gestellt. Diese Aufgabe glaube ichhier im Protektorat gefunden zu haben ...
«4
Sind das nicht dochtitanische Worte, zumal aus dem Mund des Sohns eines Landgerichtsdirektors? Wird da nicht einer vollpersönlich, wenn er -bei einem Interview auf dieses Zitat verwiesen -grinsend antwortet, das sei noch gar nichts, es gebe da noch ganz andere Sachen?Nein. Wir werden den Toten in keiner der beiden Marschsäulen begraben, die sich da von einer grotesken Selbstdarstellung abgezweigthaben. Wir weigern uns, an der Dämonisierung einer Unperson zur»Vollpersönlichkeit« teilzuhaben. Der Mensch Schleyer ist tot -ermuß auch irgendwo Subjekt gewesen sein, wenn wir auch nichtwissen wo, das zeigen die fast schon staatsfeindlichen Trauergestenseiner Anverwandten. Reden wir über die Unperson, an der eineabenteuerliche Abstraktheit und Kälte über das Funktionieren alsCharaktermaske des Kapitals hinausgetrieben worden ist. Es gehtuns dabei nicht um ein psychologisierendes Nachzeichnen desEntwicklungsgangs eines Menschen zur entäußerten Repräsentationder Macht. Wir wollen uns mit ein paar historischen Skizzendarüber begnügen, wie die Kontinuität des»Modells Deutschland«einen Menschen fortschreitend ausleert und schließlich aus demWeg geräumt hat.Manche Leserinnen/Leser mögen die Verweigerung des Konsens imNachruf auch gegenüber linkenPersonifikatoren für eine billigeMasche halten.
Vor
diesem Mißverständnis ist zu warnen. Wirhaben versucht, mit denen zu reden, die sich noch am ehesten alsOpfer des Menschenführers betrachten könnten. Viele waren esnicht. Die meisten, die vor langen Jahren im Kampf gegen dieBestialität des Modells Deutschland auf ihn gestoßen sein müssen,haben keine Spuren hinterlassen. Die tschechische Studentenavantgarde hat ihren Widerstand gegen die Germanisierung der Hochschulen des »Protektorats«, die über das Reichsstudentenwerk inPrag lief, vor Hinrichtungskommandos und im KZ Oranienburg beendet. Namenlos ist das Schicksal derer, die über die Protektoratsstelle der Reichsgruppe Industrie als Zwangsarbeiter ins »Altreich«verschleppt worden sind. Die Unfähigkeit der Skoda-Rüstungsarbeiter, die raffinierte Mischung von modemen Soziallöhnen und
102

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