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erade 14 Lebensjahre zählt der bairische KnappeHans von Schiltberg, als er anno Domini 1394 sei-nem Herrn Lienhart von Reicharting zu den Fahneneines Kreuzzuges
»wider die Türcken«
folgt.Beunruhigende Nachrichten aus dem Südosten breite-ten sich damals über das christliche Europa aus: Bereitsim Jahre 1354 hatten die muslimischen Türken – die Os-manen – die Meerengen von Asien nach Europa über-schritten. Sie standen nun schon an der Donau und be-drohten das Königreich Ungarn, das Bollwerk der katho-lischen Christenheit gegen den Osten.Als der ungarische König Sigismund – es ist der spätererömisch-deutsche Kaiser Sigismund III. – die Unterstüt-zung der abendländischen Ritterschaft einfordert, strö-men Tausende zusammen, in der Hauptsache Franzosenund Deutsche, – und mittendrin eben jener bayerischeRitter von Reicharting mit seinem blutjungen Schild-knappen.
Das Verhängnis von Nikopolis (1396)
Für die Familie von Schiltberg, deren Name sich wohl vonder Burg Schiltberg östlich von Aichach ableitet, hat eskein Zögern gegeben, ihren Sproß mit auf die Kreuzfahrt 
Ein Baierunter
»Türcken und Tataren« 
Hans Schiltbergersunfreiwillige Reise in den Orient
Von Michael W. Weithmann
zu schicken, war man doch vom Triumph der christlichenWaffen fest überzeugt. Große Resonanz hatte der Aufruf zum Waffengang in Frankreich und Burgund gefunden, wo Tausende von Kriegsleuten nach dem Friedenschlußim
»Hundertjährigen Krieg«
beschäftigungslos geworden waren. Die Führung über ein waffenglänzendes burgun-disches Heer übernahm Jean de Nevers, der 24jährigeSohn Herzog Philipps des Kühnen. Unter dem Namen
»Johann ohne Furcht – Jean sans Peur«
, ist er in die Geschichteeingegangen. Und als Feldherren über das französischeKreuzheer hatte König Sigismund den sieggewohnten Jo-hann von Boucicaut gewonnen, den Marschall von Frank-reich und einen der mächtigsten Feudalherren desAbendlandes.Großartige Empfänge begleiten diese Kontingente auf ihrem Weg von Paris, Dijon und Straßburg über denRhein zur Donau, nach Ulm und Regensburg. Auch deut-sche Edelleute fühlen sich in hoher Anzahl herausgefor-dert. Wobei bemerkt sei, daß jedem Teilnehmer am
passa- gium militare
ein vollständiger Ablaß all seiner Sünden ge- wiß war. In Regensburg stoßen die bayerischen Teilneh-mer hinzu; sie stehen unter dem Panier des NürnbergerBurggrafen Johann von Hohenzollern, und unter ihnenbefindet sich auch unser Hans Schiltberger. Pfingsten des Jahres 1396 wird in Wien verbracht. In Buda, der ungari-schen Königsstadt, vereinigt sich das Ritterheer mit dem
(Oben): Osmanischer Leibwächter (»Pfortensklave«) – (Gegenüberliegende Seite): Die Kreuzfahrer – unter ihnen Hans Schiltber- ger – belagern Nikopolis an der Donau (1396) und werden von Sultan Bayezid I. überrascht. Miniatur des 16. Jahrhunderts.
 
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ungarischen Reichsaufgebot unter König Sigismund.Burgunder, Franzosen und Deutsche wetteiferten in Zel-ten aus Damast, goldenem Tafelgeschirr und tragbarenAltären. In Brokat und Seide gekleidete Edelpagen undeine ganze Entourage aus Köchen begleiten den Heer-bann. Die Chronisten versäumen es auch nicht, tadelndauf die
»Scharen von Buhlerinnen«
hinzuweisen, die sichdem Troß anschlossen. Bald kam es zu ernsten Reiberei-en zwischen den Ungarn und diesen farbenprächtig her-ausgeputzten Höflingen und hochwohlgeborenen Jun-kern, welche die Militärexpedition offenbar mit einemgalanten Abenteuer verwechselten.Erst nach endlosen Festgelagen, Turnieren und Waffen-spielen setzte man beim Eisernen Tor über die Donau unddrang in den osmanischen Machtbereich ein. Nun wur-den sämtliche Städte an der Donau ausgeplündert und dieBevölkerung, obwohl sie zum größten Teil aus bulgari-schen orthodoxen Christen bestand, gnadenlos niederge-macht. Im Siegesrausch stieß man weiter vor, und KönigSigismund verstieg sich zu der Behauptung, daß er übereinen
»Wald von Lanzen gebiete, der selbst den einstürzendenHimmel aufzuhalten vermocht hätte«.
Aber eine Katastrophe nimmt ihren Lauf.
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 Bei Nikopolisan der Donau (heute Nikopol’ – 8:>?>;J – in Bulgarien)zersprengt am 25. September 1396 der osmanische Sul-tan Bayezid mit dem bezeichnenden BeinamenY1´ld1´r1´m (Blitzstrahl) die ungarischen, französischenund deutschen Heerhaufen. Tausende fallen, darunter diebayerischen Herren von Pienzenau, Kuchl, Klammen-stein, Fraunberg, Greifenberg und Reicharting. Mar-schall Boucicaut ergibt sich, und nur mit Mühe gelingt dem Ungarnkönig die Flucht über die Donau. Die Überle-benden geraten in türkische Gefangenschaft, und unterihnen befindet sich Hans Schiltberger, dreifach verwun-det.Mit diesem dramatischen Ereignis beginnt Schiltber-gers Bericht, den er 35 Jahre später verfaßt hat:
»Einewunderbarliche und kurtzweilige Historie, wie Hans der Schiltberger von den Türken gefangen, in die Heidenschaft geführet und wieder ist heim kommen«.
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31 Jahre wird sein unfreiwilliger Auf-enthalt in der
»Haydenschafft«
dauern,Höhen und Tiefen wird er erleben,Schreckliches, Abenteuerliches, aberauch Menschliches. Eine besondereSchreckenstat erfährt er schon unmit-telbar nach der Niederlage. Denn derSultan, bestürzt über die hohen eige-nen Verluste, läßt allen adeligen Ge-fangenen wie auch den Kriegsknech-ten ihre Köpfe vor die Füße legen, an-statt sie, wie sonst üblich, gegen Löse-geld in Geiselhaft zu nehmen.
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Doch unser Knappe wird verschont,als ihn Süleyman, ein Sohn des Sul-tans, erblickt und Mitleid mit demBartlosen empfindet:
»… weil man nie-mand unter 20 Jahren tötet, und ich warkaum sechzehn Jahre alt.«
Und diesesGlück im Unglück wird Schiltbergerauch nicht mehr verlassen. Nicht nurseine unschuldige Jugend rettet ihn,auch seine Tapferkeit und Treue impo-niert den Gegnern, hat er doch in derSchlacht seinen vom Roß gestürztenHerrn noch zu retten versucht. Auch war Hans – wie wir aus seinen Auf-zeichnungen schließen können – einredlicher und eher schlichter Charak-ter, aber lernfähig und vorurteilslos,und ehrlich staunend über all das, waser in der Fremde sehen und hören wird.Bei seinen neuen Herren hat derBursche bald den berühmten »Steinim Brett«. Als er auserwählt wird, alsEhrengeschenk zusammen mit ande-ren Jünglingen dem ägyptischen Sul-tan nach Kairo überstellt zu werden,
Hans Schiltbergers unfreiwillige Reise in den Orient  
 
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»besorgten sie sich (wegen der Wunden), ich würd auf dem Wegesterben. Darumb blieb ich bei dem türckischen König«.
In denResidenzstädten des osmanischen Reiches, in Adrian-opel (Edirne im europäischen Teil der heutigen Türkei)und in Bursa verbringt er seine nächsten Jahre. Das west-anatolische Bursa beschreibt er als Stadt von
»zweihundert-tausend Häusern«
mit dreihundert Palästen und acht Spitä-lern,
»da man die armen Leut beherbergt, gleich ob Christen,Muslime oder Juden.«
Obgleich er ein Gefangener, und nach damaligenRechtsverständnis eigentlich ein Sklave, ist, macht der junge Schiltberger eine steile Karriere. Zwar schreibt eretwas mißverständlich
»sechs Jahr mußt ich vor dem König zuFuß lauffen«
, doch bedeutet das nichts anderes, als daß erals Page in die hochherrschaftliche Leibgarde des osma-nischen Sultans aufgenommen wurde. Um das ihm auf-erlegte, in Wirklichkeit ehrenvolle Amt des
»Vorläufers«
und um die damit verbundene persönliche Nähe zum Sul-tan dürften ihn viele Osmanen sogar beneidet haben.Daß er Christ ist, nimmt man eher bedauernd zur Kennt-nis. Kein Hinweis findet sich jedenfalls in seiner Schrift,daß er seines Bekenntnisses wegen jemals benachteiligt  worden wäre. In einem eigenen Kapitel seines Buchesgeht Schiltberger auch ausführlich auf den Islam ein.Kein böses Wort findet sich hier, keine Diffamierung,ganz im Gegenteil betont er die Gemeinsamkeiten beiderReligionen.Bald steigt er weiter auf und wird Mitglied der beritte-nen Eskorte des Sultans. Als
»Vorreiter«
macht er alleKriegszüge Bayezids mit. Da der osmanische Sultan seineWaffen nun nicht mehr gegen die Christen im Westen –also gegen Schiltbergers eigene Glaubensbrüder – son-dern gegen unbotmäßige Turkmenenstämme und derenEmire und Beys und A´as in Kleinasien richtet, bleibenihm Gewissenskonflikte erspart. Er erlebt die EroberungAnatoliens bis zum Euphrat mit und liefert uns dabei wertvolle Nachrichten über den Ausbau des Osmani-schen Reiches in seiner Frühzeit.Ein vereitelter Fluchtversuch zusammen mit 60 christli-chen Schicksalsgenossen endet mit einem erstaunlich zi- vilisierten Vergleich. Gegen den Schwur, den Sultan nie-mals mehr zu verlassen, erhält er nicht nur seinen Postenals Vorreiter und Leibgardist zurück, ja der Herrscher
»mehrte ihm sogar den Sold!«
Dies ist ein untrügliches Zei-chen, daß der bayerische Streiter längst nicht mehr alsKriegsgefangener galt, sondern als Mitglied des Hofes.
In der Hand der
»Geißel Gottes« 
Bald muß Schiltberger sein Treueversprechen einlösen.Denn der siegesbewußte Bayezid der Blitz war mit seinenasiatischen Eroberungen zu weit gegangen: Als er Sivas(Sebasteia) im Osten Anatoliens einnimmt, bedeutet diesKrieg mit dem wohl mächtigsten und auch furchtbarstenHerrscher jener Zeit, mit Timur Lenk (Timur, bzw.
»Temürdem Lahmen«
), dem Großkhan (Khagan) der Tataren undMongolen. In der größten Schlacht des Mittelalters, am27. Juli 1402 bei Ankara, geschlagen, gerät der Osmanen-sultan und mit ihm sein ganzer Hofstaat – darunter auchunser nun 22jähriger Bayer – in die Hände Timurs, dersich selbst für die
»Geißel Gottes«
gegen die Christen glei-chermaßen wie gegen die Muslime hält. Unter dem Na-men
»Tamerlan«
wird der Tatarenkhan, der über ganz Zen-tralasien herrscht, in der abendländischen Literatur zumInbegriff despotischer Willkür und Grausamkeit werden.Dem gefangenen Sultan und seiner Umgebung wird je-doch kein Haar gekrümmt. Der baldige Tod des schonbetagten und fast erblindeten Bayezid im März 1403 dürf-te denn auch nichts mit seiner tatarischen Gefangen-schaft zu tun gehabt haben.
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Schiltberger hat wieder Glück im Unglück. Er wechselt zwar den Oberherrn, aber seine Stellung behält er bei, wenn auch nicht mehr in derselben Vertrauensposition wie vordem. Lakonisch schreibt er:
»Und da ward ich vondem Temurlin gefangen und blieb bei ihm und ritt mit ihm«.
In seinen folgenden Schilderungen gehen die zeitlichenAngaben und die Ereignisfolgen etwas wirr durcheinan-der, was kein Wunder ist, hat Schiltberger doch diese Ju-genderlebnisse erst als reifer Mann aus dem Gedächtnisniedergeschrieben. Vieles erzählt er auch ganz offen-sichtlich dem Hörensagen nach. Bei den gewaltigenHeerzügen Timurs nach
»Klein-India«
(Hindustan), wo1398 vor Delhi Kriegselefanten auftreten, sowie bei der von Schiltberger eindrücklich geschilderten Vernichtung
 Aga (Truppenführer) der Yeni Ceri (Janitscharen).
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