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88
titel
 hinnerk 
12/09
MehrSchneid!
 
9
Jeder zweite Schwule bleibt im Job ungeoutet.Das kostet viel Kraft, schadet der Firma undist meistens unnötig. Drei Männer aus dreiBranchen beweisen: Ein Coming-out am Arbeitsplatz macht vieles leichter. Sonst wirdder Beruf zum Kampf. Oder zum Krampf, wiezwei andere Beispiele zeigen
 hinnerk 
12/09
 
titel
 hinnerk 
12/0910
Ab halb fünf Uhr morgens steht Jochen jeden Tag ineinem weiß gekachelten Raum auf dem Fleisch-großmarkt an der Sternschanze und zerstückelt mitgroßen Messern Rinder und Schweine. Die Schnitzel,Steaks und Filets sind für Einzelhändler und Gastro-nomiebetriebe in ganz Hamburg. Wenn der Fahrernicht kann, liefert Jochen auch mal Bestellungenaus. „Das ist dein Revier“, witzeln seine Kollegen,wenn eine Fuhre nach St. Georg soll. „Da kannst dudeine Lederklamotten anziehen.“Sie wissen, dass Jochen ein schwuler Lederfanist. Spätestens seit jenem Morgen, als der gelernteFleischer nach einer langen Partynacht in Erikas Eckeinkehrte, in Chaps, mit nacktem Po. In der Nacht-gaststätte gleich neben dem Fleischgroßmarkt gibtes auch um vier noch ein frisches Jägerschnitzel.„Du bist die Show-Einlage heute Abend“, hat ihmdie Wirtin fröhlich zugerufen.So lustig ging es in Jochens Arbeitsleben nichtimmer zu. Lange hat der großgewachsene Mann mitden scharfen Falten im Gesicht ein Doppelleben ge-führt. Inzwischen ist er geschieden und sein Sohnerwachsen. Doch auch nach der Scheidung ging Jo-chen auf Nummer sicher. Zumindest wenn es umseinen Arbeitsplatz ging: Eine gute Freundinschlüpfte in die Rolle der „Pseudofrau“, wie Jochendas nennt. Gelegentlich rief sie im Betrieb an, ummit ihm zu plaudern. Keiner schöpfte Verdacht.Erst nach und nach offenbarte sich der 54-Jäh-rige – und stieß nie auf Ablehnung. Nicht einmal inder Gemeinschaftsdusche gibt es Probleme. „Diefrotzeln nur“, sagt Jochen über sein fünfköpfigesTeam. „Selten ist mal eine wirklich böse Bemerkungdabei.“ Dass ein anderer Großmarkt-Arbeiter ihnerst kürzlich mit dem Satz „Alle Zigeuner undSchwulen raus“ aus dem Kühlraum gescheucht hat,rechnet Jochen nicht in diese Kategorie. „Dermeinte das nicht so.“Im Gegenteil: Es sei eher Neugier, was seine He-tero-Kollegen auszeichne. Vor allem die Frauen woll-ten es genau wissen: „Was hast du am Wochenendemit deinem Mann in der Sauna gemacht?“ Die Män-ner sind unsicher, ob sie ihren schwulen Kollegenaushorchen dürfen. „Sie fragen immer sehr fein-fühlig: ,Wie war‘s am Wochenende?‘“Sonst geht es auf dem Großmarkt ruppiger zu.„Im Hof schreie ich manchmal ganz schön rum,“ ge-steht Jochen. Wenn die Lieferanten nicht spuren.Oder wenn das verderbliche Fleisch nicht schnellgenug in den Kühlräumen ist. Der Job ist körperlichanstrengend, besonders im Sommer. Dann pendelndie Fleisch-Profis zwischen dem 25 Grad warmenHof und dem Kühlhaus mit seinen Temperaturenvon bis zu minus 30 Grad. „Die Knochen leiden starkin diesem Beruf.“ Schon nach acht Jahren hattesich Jochen deshalb zum Groß- und Außenhandels-kaufmann weiterbilden lassen – um später doch wie-der im Fleischgroßhandel zu arbeiten.Dort hat Jochen einen guten Stand, denn er ist imBetrieb, im Büro und im Führerhaus gleichermaßeneinsetzbar. Bei Konflikten schieben seine Kollegenihn gerne vor, weil er einfühlsam ist, aber zur Notauch laut werden kann – die Folge eines harten Trai-nings. „Meine Schutzmauer ist gewachsen in denJahren“, meint Jochen nachdenklich. „Ich weiß, wenich an mich ranlassen kann und wen nicht.“P
HILIP
E
ICKER
„Alle Zigeuner undSchwulen raus!“
NEUGIERIG
Jochen arbeitet auf dem Fleisch-großmarkt. Der Umgangston ist rau,das Interesse am schwulen Leben groß
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