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Mit der Sensibilität des Herzens – Die Wahrheit am Krankenbett im Wandel von Zeit undKulturenProf. Dr. Dr. Ernst HanischAsklepios Klinik LangenAkademisches Lehrkrankenhaus Goethe-UniversitätRöntgenstr 2063225 LangenAls Student arbeitete ich jede freie Minute als Pflegehelfer auf einer chirurgischen Station.Zur täglichen Visite holten wir den Ordinarius, den „Alten“, wie wir ihn respektvoll nannten, pünktlich um 7 Uhr am Aufzug ab.Es war die Zeit, als Patienten aus dem OP wiederkamen mit der Diagnose „Lebermetastasen,inoperabel“. Auf und zu. Der Alte erzählte seinen Patienten dann, sie hätten einen M. Boeck,der gut behandelbar sei. Als unser Anatomieprofessor als Patient kam und die Diagnose einesinoperablen, schleimbildenden Adenokarzinoms des Pankreas feststand, mussten wir bei der Visite vor dem Zimmer warten. „Ich spreche mit dem Patienten alleine.“ Als der Alte aus demZimmer kam, war er sehr ernst und nickte uns kurz zu.Später, als Assistenzarzt, erlebte ich meinen Chef, der es nicht übers Herz brachte, mit seinenPatienten über ihre Krebserkrankung zu sprechen. Ich erkannte seine offensichtlicheAbneigung, einen bestimmten Onkologen als Konsiliarius zu rufen, der bekannt dafür war,mit den Patienten über ihre Krebserkrankung so zu reden, als handele es sich um dienormalste Angelegenheit der Welt.Unvergessen bleibt mir eine Visite, bei der ein Stationsarzt einem Patienten seine Frage bejahte, dass er einen Lungenkrebs hätte – und dann einfach zum nächsten Patientenweiterging. Das Bild von der Betroffenheit und Angst im Gesicht des Patienten kann ich,auch nach so vielen Jahren, immer noch aus meinem Gedächtnis abrufen.„Hit and run“ nannte das ein Artikel im Journal of the American College of Surgeons.Als ich selber mit einer malignen Diagnose konfrontiert wurde – ich konnte plötzlich nichtmehr schlucken – zeigte mir ein Radiologe betroffen-verlegen das Röntgenbild mit einer distalen Oesophagusstenose. „Das muß man wohl operieren.“Plötzlich war ich in einer anderen Welt angelangt, in der Welt der Patienten und fiel in einunendlich tiefes Loch. Ich brauchte sehr lange, bis ich mich davon erholte, auch nachdem eine benigne peptische Stenose verifiziert werden konnte.In dieser Zeit hörte ich den Vortrag eines Philosophen, der dafür plädierte, Patienten undAngehörigen die Wahrheit mit der „Sensibilität des Herzens“ zu sagen.Fortan versuchte ich, dieses in die Praxis umzusetzen, am Anfang unsicher, im Laufe der Jahre besser.Mittlerweile überzeugt davon, dass der Patient ein Recht auf Wahrheit über seine Erkrankunghat, war ich erstaunt, in einem östlichen Kulturkreis eine andere Einstellung kennen zu lernen.In Herat/Afghanistan wurde ich zu einem Patienten mit einem weit fortgeschrittenenMagenkarzinom gerufen. Er litt unter starken Schmerzen und erwartete Hilfe. Über seineeigentliche Erkrankung wusste er nichts und seine Familie wollte nicht, dass ich mit demPatienten offen spreche.Als ich später mit einem afghanischen Kollegen aus Herat darüber sprach, meinte er „Warumsoll ich dem Patienten die Wahrheit sagen?“
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