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Wirtschaftsdienst 2009 10643
ZEITGESPRÄCH
Was darf das Internet kosten?
Die Informationsangebote im Internet sind zwar für den Nutzer oft unentgeltlich zu haben, verursachen beim Anbieter aber durchaus Kosten. Die besonderen Eigenschaftendes Gutes „Information“ führen jedoch dazu, dass sich nur schwer Preise herausbildenund am Markt durchsetzen lassen, die diese Produktionskosten decken. Daher werden viele neue Geschäftsmodelle diskutiert und erprobt – mit unterschiedlichenErfolgsaussichten.
 Arnold Picot
Erlöspolitik für Informationsangebote im Internet
I
nformation als ökonomischesGut hat schon immer besondereProbleme und Fragen aufgewor-fen. Dazu zählt u.a. das berühmteBewertungsparadox von Arrow:Um ein Gut bewerten zu können,muss man es zuvor begutachten.Wenn man aber eine Informationbegutachtet hat, dann hat man siesich schon angeeignet, und derBewertungszweck ist nicht mehrakut, da man die Information ja be-reits besitzt. Um als Informations-anbieter auf einem Markt aus die-sem Dilemma herauszukommen,gibt es zwei Strategien. Zum einendie Ablieferung von kleinen Pro-ben, die inspiziert werden könnenund Vertrauen für die „eigentliche“Transaktion schaffen, also eine Ba-sis für Bewertung und Kaufbereit-schaft erzeugen. Zum anderen dieSchaffung und Pflege einer hohenReputation hinsichtlich der Qualitätdes Informationsangebots, sodassim Vertrauen darauf Kaufbereit-schaft ohne vorherige Inspektionund Bewertung der Inhalte ent-steht. Selbstverständlich lassensich beide Strategien auch kombi-nieren (z.B. kostenloses Probeaboals Einstieg, danach Reputationund erfahrene Qualität als Grundla-ge für weitere Transaktionen).
 AusgangssituationInformationsmärkte
Bereits dieses erste Grundpro-blem von Informationsmärktenzeigt, dass deren Entstehung undPersistenz stets in Gefahr steht,prekär und instabil zu sein. DasBauen auf Reputation und Qua-lität allein ist in vielen Fällen derUnterhaltungs- und Fachinforma-tion wirtschaftlich nicht tragfähig,um ausreichende Zahlungsbereit-schaft auf Seiten der Informations-nutzer sicherzustellen. Zwar gibt esgewisse Fachsegmente, in denensich kaufkräftige Nachfrage nachFachinformation allein auf dieserBasis entwickelt und erhalten hat.Zu nennen sind hier z.B. medizini-sche, juristische oder technischeSachgebiete, auf die Experten inihrer Tagesarbeit immer wieder zu-rückgreifen müssen und für derenqualitätsvolle Verfügbarkeit dahernachhaltige Zahlungsbereitschaftbesteht. Bei den meisten Gebietender Fachinformation und erst rechtder unterhaltenden Information(die Trennlinie ist nicht selten un-scharf) ist jedoch die Zahlungsbe-reitschaft der qualitätsgetriebenenNachfrage nicht so ausgeprägt,dass damit die Informationspro-duktion nachhaltig wirtschaftlichwerden könnte. Das galt bereits inder Vor-Online-Zeit: Zeitungen undFachzeitschriften für ein breiteresPublikum sowie unterhaltungsori-entierte Titel mussten von jeherzusätzliche Erlösquellen erschlie-ßen. Dies geschah und geschiehtim Wesentlichen durch Vermark-tung der durch die angebotene undkonsumierte Information erzeugten Aufmerksamkeit an Werbetrei-bende. Diese nutzen die erwartetebzw. nachgewiesene Aufmerksam-keitswirkung zur Platzierung vonWerbebotschaften, deren Markt-wert und damit Preis vor allemdurch die (zielgruppenspezifische)Reichweite der Inhalteverbreitungbestimmt ist. Es entstanden dualeFinanzierungsansätze, ein Beispielfür die heute intensiv diskutiertenzweiseitigen Märkte.Gelingt es einem Informations-anbieter, mit seinen Inhalten ein
DOI: 10.1007/s10273-009-0983-y
 
Wirtschaftsdienst 2009 • 10644
ZEITGESPRÄCH
Die Autorendes Zeitgesprächs:
Prof. Dr. Dres. h.c. Arnold Pi-cot, 64, ist Inhaber des Lehr- stuhls für Information, Orga- nisation und Management an der Ludwig-Maximilians-Universität München.Dr. Stefan Kooths, 39, ist wis- senschaftlicher Mitarbeiter inder Abteilung Konjunktur imDeutschen Institut für Wirt- schaftsforschung in Berlin.Prof. Dr. Jörn Kruse, 59, istInhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftspolitik an der Universität der Bundeswehr Hamburg.Prof. Dr. Ralf Dewenter, 41, ist Leiter des FachgebietsWirtschaftstheorie der Tech- nischen Universität Ilmenau.
breites Publikum zu erreichen, soerschließt sich ihm in Form vonWerbeeinnahmen – zusätzlich zuEinzelverkaufs- und Abonnements-erlösen – eine oftmals sehr erhebli-che Erlösquelle. Um das Informa-tionsgeschäft aufrecht erhalten zukönnen, ist also die Nutzung desPotenzials der indirekten Finanzie-rung durch Werbeerlöse zusätzlichzu den direkten Vertriebserlösendes Kernprodukts in vielen Fällenunvermeidlich. Inwieweit darausfür den Informationsanbieter Ab-hängigkeiten oder Qualitätseinflüs-se seitens der Werbetreibendenentstehen können, ist eine medien-politische Frage von hohem Rang.Umgekehrt gilt: Je kleiner, abge-grenzter und fachlich fokussierterdie Zielgruppe der Informations-nachfrager ist, desto größer ist dieWahrscheinlichkeit der Erzielungdirekter Markterlöse und desto ge-ringer ist die Notwendigkeit (meistauch die Möglichkeit) der Erzeu-gung von werberelevanter Auf-merksamkeit, um die Informations-produktion zu ermöglichen.
 Änderungen im Internetzeitalter
Die zuvor kurz skizzierte Situa-tion der zweiseitigen Märkte ver-schärft sich in mancherlei Hinsichtim Zuge der Digitalisierung undElektronisierung von Informations-märkten, namentlich durch das In-ternet. Die technische Revolutiondes Internets spitzt den ohnehinprekären Charakter von Informati-on als Wirtschaftsgut dramatischzu. Hierzu einige Hinweise:Im Unterschied zu physischenInformationsgütern (Büchern,Zeitschriften, Broschüren) nutzensich digitale Informationsgüternicht ab und behalten ihre Aus-gangsqualität bei fachgerechterSpeicherung über praktisch un-begrenzte Zeit. Anders als physische lassensich digitale Informationsgüterblitzschnell und nahezu kosten-los über beliebige Entfernungentransportieren.Digitale Informationsproduktelassen sich zu Kosten, die naheNull liegen, kopieren und verviel-fältigen.Digitale Informationsgüter lassensich sehr leicht verändern (vari-ieren, zerlegen) und mit anderenInformationsgütern kombinieren,sei es durch Integration oder (Hy-pertext-)Referenz.Der Zugriff auf digitale Informa-tionsgüter (Zugang, Suche, Wie-derauffindbarkeit) ist im Vergleichzu ihren physischen Vorgängernungleich einfacher und leistungs-fähiger (Suchmaschinen, Portale,Vernetzung).Die Trennung zwischen Anbieternund Nachfragern wird im Informa-tionssektor unscharf; Konsumen-ten (und andere Akteure) könnenzu vergleichsweise sehr geringenKosten Informationen selbst an-bieten; klassische Anbieter müs-sen mit dem Markteintritt neuerWettbewerber und deswegen mitverschärftem Wettbewerb rech-nen.Wegen der sehr geringen Trans-port- und Grenzkosten einerseitsund des nicht unerheblicheneher fixen Aufwands für Produk-tion und Angebot qualitätsvollerInformation (Redaktion, Server,Software) sowie für deren Ver-breitung und für die Erlangungvon Reputation (Markenaufbau,Sichtbarkeit) weisen viele Infor-mationsmärkte im Vergleich zuralten Situation extreme Größen-vorteile und Konzentrationsten-denzen auf, was die Wettbe-werbsverhältnisse zum Teil tiefgreifend verändert.In der Welt des Internets und sei-ner digitalen Informationsproduk-te entsteht ein ungeheuer um-fangreiches Informationsangebotmit der Gefahr des „informationoverload“ beim Nutzer, sodasses für den einzelnen Anbieterimmer schwieriger wird, die Auf-merksamkeit auf die eigenen In-formationsprodukte zu lenken.Der Nutzer hat in der gestiegenenInformationsflut Orientierungs-probleme. Reputation und Ver-trauen erlangen deswegen nochgrößere Bedeutung.Diese Faktoren transformie-ren Informationsmärkte vermut-lich fundamental. Sie rücken dasWirtschaftsgut Information immerweiter in Richtung eines öffentli-chen Gutes. Das bedeutet, dass esinsbesondere wegen der nahezubeliebigen Reproduzier- und Trans-portierbarkeit immer schwierigerwird, das marktliche Ausschluss-prinzip mit Hilfe eines direktenPreises für den Konsum angebo-
 
Wirtschaftsdienst 2009 10645
ZEITGESPRÄCH
tener Information durchzusetzen.Veröffentlichte Informationen wa-ren schon immer in dem Sinne öf-fentlich, dass nur eine geringe odergar keine Rivalität bei ihrem Kon-sum in den erreichten Zielgruppen(Familien, Firmen) bestand, aberder Zugang zum nicht ohne weite-res zu vervielfältigenden Informa-tionsprodukt (Zeitung, Zeitschrift,Buch) wurde zumindest teilweisedurch Preishürden kontrolliert. ImInternet ist die Durchsetzbarkeitvon Preisen für Informationspro-dukte immer weniger gegeben; beiGrenzkosten von nahe Null pendeltsich auf dem Markt auch ein ent-sprechender Preis ein. Im Ergebnisliegt sowohl eine starke Tendenzzur Nicht-Ausschließbarkeit vomKonsum als auch eine verstärkteTendenz zur Nicht-Rivalität im Kon-sum vor – das sind die klassischenMerkmale öffentlicher Güter, fürderen Bereitstellung der klassischeMarkt versagt.
Folgen für die Geschäftsmodellevon Informationsanbietern
Was folgt aus dieser knappenBestandsaufnahme für die Ge-schäftsmodelle von Informations-anbietern? Zunächst ist daran zuerinnern, was unter einem Ge-schäftsmodell zu verstehen ist. Esbesteht gedanklich aus drei wichti-gen Komponenten, nämlichdem Produktmodell (inhaltlichesLeistungsversprechen, UniqueSelling Proposition (USP), Diffe-renzierung im Wettbewerb),dem Wertschöpfungsmodell (in-ner- und zwischenbetrieblicherorganisatorischer Lösungsansatzzur effizienten Realisierung derangestrebten Produkte),dem Erlösmodell (wo werden inwelcher Weise Erlöse generiert,um die wertschöpfungsbezoge-nen Kosten zu decken und einemarktübliche Rendite zu erlan-gen?).Diese drei Komponenten sindnicht unabhängig voneinander,sondern müssen aufeinander be-zogen sein. Insofern gibt es für dieFrage nach der Erlöspolitik keineEinheitsantwort, sondern je nachdem Charakter des Geschäfts-modells sind differenzierte Aussa-gen erforderlich. Dennoch lassensich einige wichtige übergreifende Antworten auf die Frage nach derZukunft der Geschäftsmodelle vonInformationsanbietern abstecken:
Erstens
: Wegen der anhaltendenund zunehmenden Internetdurch-dringung aller privaten, öffentli-chen und beruflichen Lebensberei-che darf die Informationswirtschaftauf die Einbeziehung des Internetin die Geschäftsmodelle und inden digitalen Kontakt zum Kundennicht verzichten. Es ist zu empfeh-len, diesen Weg offensiv zu bege-hen, um rechtzeitig mit dem eige-nen Angebot ins digitale Bewusst-sein zu dringen und den digitalenGeschäftsauftritt zu erproben. Dashaben viele Verlage und andere In-formationsanbieter zum Teil leidererst in jüngerer Zeit erkannt. Daserforderliche Umdenken fiel etab-lierten Anbietern oftmals schwer,sodass einige mit diesem funda-mentalen Wandel nur schwer mit-halten können und zugleich Raumfür Auftritt neuer Akteure entsteht.
 Zweitens
: Da wegen des inten-sivierten Wettbewerbs im Internetund – als Folge der Digitalisierung– erheblicher Kostensenkungs-möglichkeiten ganz generell mitgeringeren Erlöspotenzialen zurechnen ist, müssen die Kostender Produktion und des Angebotsvon Informationen sinken, was invielen Fällen mit erheblichen orga-nisatorischen Veränderungen undUmstrukturierungen einhergehendürfte. Hierzu zählen auch neueFormen der Kooperation und zwi-schenbetrieblichen Vernetzung, dieim Vor-Internet-Zeitalter undenkbargewesen wären.
Drittens
: Für wenige klar fokus-sierte und spezialisierte Fachinfor-mationsanbieter, die bereits in derPrint-Welt eine starke Marktpositi-on besaßen und das erforderlicheVertrauen aufgebaut haben, istes möglich, auch im Internet dasGeschäftsmodell auf direkten Er-lösen aufzubauen (Beispiel: Beck-Online). Diese Anbieter richten sichnicht an eine breitere Öffentlichkeit,sondern an gut abgrenzbare Exper-tengruppen, die in ihrer laufenden Arbeit auf flexiblen Zugriff zu Qua-litätsinformation angewiesen sind.Bei ihnen bestehen auch kaum Anreize, abgerufene Informationenaußerhalb ihrer Fachtätigkeit zuverbreiten. Die Kosten der Informa-tionsbeschaffung sind im Vergleichzu dem bezahlten Wert der Arbeits-zeit solcher Experten sehr gering.
Viertens
: Direkte Erlöse fürFachinformation im Internet sindin der Regel nur zu einem kleine-ren Teil (etwa bei e-Fachbüchern)als Einzelverkaufspreise bzw. alsEinzelnutzungsgebühren zu re-alisieren. Zu einem größeren Teilbestehen solche direkten Erlöse,sofern sie überhaupt erzielbar sind,aus transaktionsunabhängigen, al-so zeitbezogenen Erlösen (typisch: Abonnementpreise); dabei spielenklassische Einzelabonnements ei-ne weitaus geringere Rolle, son-dern es kommt viel häufiger alsfrüher zu Preisen für Abonnement-Bündel von inhaltlich verwandtenFachinformationsquellen.
Fünftens
: Eine weitere Quelledirekter Erlöserzielung im Internetliegt in manchen Bereichen derInformationswirtschaft in der Con-tent Syndication, also der kontrol-lierten und entgeltlichen Verlinkungdes eigenen Angebots mit demanderer Informationsanbieter. DieDurchsetzbarkeit solcher Vereinba-
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