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Offene Tore 2004_4

Offene Tore 2004_4

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Zeitschrift der Swedenborgianer
Zeitschrift der Swedenborgianer

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12/17/2009

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OFFENE TORE 4/04
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Scherben inBethlehem
von Albrecht Gralle
E
s ist zum Verrücktwerden“,sagte der Engel, der für irdi-sche Religionen zuständig war und sich in der großen StadtUr aufgehalten hatte. Vor Erre-gung ging er hin und her.„Was ist zum Verrücktwerden,mein lieber Raguel?“, fragte der Engel des Herrn, der als einer der wenigen mit dem unsichtbarenund unnahbaren Gott vertrau-ten Umgang pegte und in Ra-guels Garten saß.Raguel setzte sich zu seinemGast auf eine grüne Holzbank,im Schatten eines himmlischenGranatapfelbaums und seufzte:„Da haben wir nun wirklich al-les getan, damit die Menschenan den einen wahren Gott glau-ben Und was tun sie? Sie stel-len sich vor, dass die Sterne, dieSonne und der Mond Götter seien, die man anrufen müsste.Oh, Anschar Sin, beschwö-ren sie den Mond, erleuchtemich und gib mir Arbeit. Wenndu das tust, opfere ich dir auf deinem Altar ein halbes Lamm.Und wenn sie keine Kinder bekommen, rufen sie zu Ischtar:Oh, Ischtar, du Fruchtbare! Lassden Bauch meiner Frau anschwel-len, damit sie Kinder gebäre! Wenn sie Zahnschmerzen ha-ben, rufen sie nach dem GottEnki, dass er den Zahnwurm ver-treibe! Ach, ihr Inneres gleichteinem ausgefaserten Tau, daskeinen Halt mehr gibt. Je mehr Götter sie haben, desto haltloser werden sie. Ich sage dir, meineLieber, irgendwann werden sienoch einen Vogelgott erndenund oder eine Mäusegöttin an-beten. Was soll man dagegentun? Ich habe mich wirklichbemüht, aber man darf dieseGeschöpfe ja nicht zwingen. Im-mer diese übervorsichtige Artder Beeinussung! Man müssteihnen den Satz zehn Mal am Tagum die Ohren hauen, dass esnur einen Gott gibt!“Raguel, dessen äußere Ge-stalt sich seinem Inneren an-passte, wie das bei allen Engelnder Fall war, schnaubte Feuer aus seinen Nasenlöchern. Dennauch Engel können zornig wer-den, wenn ihr Zorn gerecht ist.Der Engel des Herrn lächelteund wehte mit der Hand denengelhaften Rauch weg, der un-
 
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ter dem Granatapfelbaum hing.„Es ist nicht dein Fehler, Ra-guel. Gott weiß, dass du dichbemüht hast und … ganz unter uns: Es gibt einen Plan.“„Einen Plan?“„Ja. Ich werde mich nachHaran begeben und in Gottes Auftrag einem gewissen Abramerscheinen. Er soll zu einemgroßen Volk werden und seineNachkommen werden dannnur noch den einen Gott an-beten. Gott wird ihnen Gebotegeben, die strikt verbieten, an-dere Götter anzuerkennen.“Und so geschah es. Gott,der Ewige und Unsichtbare,dem sich kein Mensch nähernkonnte, ohne zu vergehen,sprach durch den Mund seinesEngels zu Abram und sandteihn mit seiner Frau, seinem Nef-fen Lot, seinen Knechten, Mäg-den und Tieren ins Ungewisse,bis sie in Kanaan ankamen unddort siedelten.Und Abrahams Nachkom-men wuchsen zu einem Volkheran und verehrten Gott, denHerrn. Sie gerieten in ägypti-sche Gefangenschaft und wur-den Sklaven, doch der Herr be-freite sie und gab ihnen amSinai seine Gebote und vor al-lem das erste Gebot, dass siekeine anderen Götter anbetensollten, damit ihr Glaube starkund herrlich bliebe. Im Feuer und Donnergrollen offenbartesich Gott, verhüllte so seineHerrlichkeit und wachte über seine Gebote. Aber als das Volk zahlreichgeworden war und in Kanaanwohnte, el es häug von Gottab und wandte sich fremdenGöttern zu. Kein Wunder, denndie Götter Baal, Astarte und an-dere konnte man sehen undberühren. Die Astarteverehrer durften sogar bei den Ernte-festen mit den schönen Pries-terinnen schlafen. Das war einGlaube zum Anfassen, den je-der Mann sofort begriff. Aber Gott, der Geduldige,ließ sich nicht beirren undschickte immer wieder Prophe-ten, die sein Volk ermahntenund zu ihm zurückführten.Und nach Jahrhunderten,als der Tempel und damit alleHoffnungen vernichtet warenund Jerusalems Steine unter der Zerstörung aufschrieen, lebtedas Volk Gottes in Babylon. Dasprach der Prophet Jesaja zu ih-nen. Und allmählich begriffensie, dass Ihr Gott nicht nur der Stammesgott Israels war oder der Gott der Götter, der oberste
 
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aller Kräfte und Gewalten, son-dern, dass es überhaupt nur deneinen wahren Gott gab, der le-bendig und ewig ist. Und dassdie Götter Einbildungen undstumme Götzen waren, die wieLampen am Himmel hingen.Und sie nannten nun ihren Gott:Den Herrn der ganzen Welt.Raguel, der sich den Luxusleisten konnte, sich nicht um diemenschliche Zeitdauer zu küm-mern, war froh. Endlich war esgeschafft. Nach Jahrhundertenunermüdlicher Arbeit hatte eswenigstens dieses eine Volk ver-standen, dass es nur den einenwahren Gott gab.Raguel veranstaltete darauf-hin in seinem Garten ein präch-tiges Fest und feierte diesenTriumph. Bunte Vögel sangenLieder, die jedem Gast Tränender Freude in die Augen trie-ben, goldene Löwen kamenvorbei, damit die kleinen Engelauf ihnen reiten konnten. Siekletterten auf Raguels Bäumeund ließen sich dann jubelndauf die Löwenrücken fallen.Ein himmlischer Wein wurdeausgeschenkt, der einen nichtbenebelte, sondern nur inspi-rierte und eine Musik wurde ge-spielt, die die Luft zum Singenbrachte. Aber das menschliche Herzblieb nicht so wie es war. EineEngelzeit später erschrak Ra-guel, als er merkte, dass eineneue Gefahr heraufzog:Das erwählte Volk, dieNachkommen Abrahams, dienun wieder im eigenen Landwohnten, waren zu sicher ge-worden. O ja, sie beteten zwar den Ewigen und einzigartigenGott an, und in ihrem Glau-bensbekenntnis wiederholtensie es unermüdlich: „Der Herr,unser Gott ist ein einiger Gott.“ Aber für viele waren das nur Lippenbekenntnisse. In ihremHerzen dienten sie inzwischenanderen Göttern. Es war, alsob eine Axt ihr Herz gespaltenhätte, weil ihr Inneres anderssprach als ihr Mund. Nicht die-sen alten kanaanäischen Göt-zenbildern folgten sie nach,sondern sie verehrten nun denGott, den man Geld nannteoder sie beteten zu dem Gott,der Macht hieß. Sie bücktensich vor den Göttern Neid undHass und sie priesen in ihremInneren den Gott der ehernenGesetze. Das Furchtbare daranwar, dass sie es gar nicht merk-ten und dass ihr gespaltenesHerz vertrocknete, dass es hartund lieblos wurde und dass ihr 

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