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Im Herbst 1989 entschied sich das Schicksal der realsozia-listischen DDR: Ihr Zusammenbrechen bahnte den bürger-lich-kapitalistischen Verhältnissen der BundesrepublikDeutschland den Weg über Elbe, Harz und ThüringerWald.
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DieBewertungderErgebnisseunddieSinngebungdieses Jahres sind bis heute ein Feld harter politischer undideologischer Auseinandersetzung. Fernsehbilder bestim-mendieErinnerung.IhreAuswahlundihrEinsatzstehenoftfür eineerfolgreicheManipulation.WienochjedesEreignisder jüngeren deutschen Geschichte soll für die Herrschen-den auch dieses zur Dauerrechtfertigung des Kapitalismusdienen.
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Im November 1989 markieren zwei Daten dasSchicksal der DDR als dem ersten sich sozialistisch verste-hendenStaataufdeutschemBoden.Am4.NovemberschieneinvonBürgerbewegungenausgelösteundvonReformerninderSEDmitgetragenerVersuchzurErneuerungdesSozia-lismusaufdemokratisch-sozialistischerGrundlagezumGrei-fen nahe. Über eine halbe Million Menschen demonstrier-tenaufdemBerlinerAlexanderplatzfüreineErneuerungderDDR. Nicht zuletzt die Intellektuellen der DDR, mit diesemStaatgroßgeworden,sichanihmreibend,durchihnebensoinspiriert wie frustriert, hofften auf einen Neuanfang, mitihnen nicht wenige SED-Mitglieder und vor allem einfacheBürger.ChristaWolfsTraum,«mithellwacherVernunft:‹Stelldir vor, es ist Sozialismus und keiner geht weg.›»
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, war dieErwartung vieler in diesem Revolutionsherbst 1989. Einanderer Schriftsteller, Christoph Hein, brachte es auf denPunkt: «Schaffen wir eine demokratische Gesellschaft aufeinergesetzlichenGrundlage,dieeinklagbarist!EinenSozia-lismus, der dieses Wort nicht zur Karikatur macht. EineGesellschaft, die dem Menschen angemessen ist und ihnnichtderStrukturunterordnet.EswirdrunsallevielArbeitgeben,auchvielKleinarbeit,schlimmeralsStricken.»
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Nurfünf Tage später, am 9. November, sorgte die überstürzteunddochfolgerichtigeÖffnungderMauerfürdasEndederDDR als eigenständigem Subjekt des Völkerrechts und dergesellschaftlichenEntwicklung.DasaltePolitbürohattedieMaueröffnungentschieden,ohnezuahnen,woraufessicheingelassen hatte. Das «sofort, unverzüglich!» eines Polit-büromitgliedes öffnete die Schleusen, deren Wärter, ohneBefehl,sichfürdiePflichtverletzungunddamitdieGewalt-losigkeit entschieden haben. Es blieb nicht bei der Nacht,dem Tag des großen DDR-Ausflugs in den «Wahnsinn». Esging an beiden Tagen um die Macht und um die Zukunft.VorwärtszueinemdemokratischenSozialismusoderzurückin den Schoß eines modernen, aber doch kapitalistischenvereinten Deutschlands – das war die Alternative.
1.STABILUNDDOCHDEMUNTERGANGGEWEIHT?
DieSituation1988/89warscheinbardieeinesstabilenLan-des – international anerkannt, allerdings jüngst ob seinerFlüchtlinge sich verleumdet sehend. In ihrer Ausgabe zum40. Jahrestag der DDR schrieb die viel gelesene DDR-Illus-trierte NBI ohne die Wörter Flucht oder Ausreise zu benut-zen über die «Sonnenseite stark bewölkt»: «Von der Son-nenseite Deutschlands hat BRD-Kanzler Helmut Kohl kürz-lich gesprochen, und gemeint hat er damit die BRD imUnterschiedzurDDR.VonblitzendenFahrzeugkarossenbiszurhohenArbeitsproduktivitätgibtesdagewissmanchSon-niges.WasderKanzlerdagegennichtgemeinthabenkann,weil er und viele andere Leute hüben und drüben es ver-drängen,vergessenoderhinterverlogenerPropagandaver-stecken, ist die andere Seite der Medaille. Es sind die Mar-kenzeichendesgehobenenKapitalismusinderBRD:Arbeits-losigkeit, Wohnungsnot, Kinderfeindlichkeit – einige seinerunsozialenWucherungen.»
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Nocham7.Oktober1989ver-suchteStaats-undParteichefErichHoneckerdasBildeinerblühenden DDR zu zeichnen, als die Demonstranten schonauf der Straße ihre Forderungen stellten und Tausende ausder DDR flüchteten: «Wir werden unsere Republik in derGemeinschaftdersozialistischenLänder,durchunserePoli-tik der Kontinuität und Erneuerung auch künftig in den Far-ben der DDR verändern ... Dementsprechend bleiben wirbeimErreichtennichtstehen,erhaltenwirBewährtes,tren-nenunsvondem,wasüberholtistundhemmt,schreitenwirauf dem Kurs der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitikvoran.»
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GenaudasbefürchtetennichtwenigeDDR-Bürger– dass es weitergehen würde wie bisher und die Problemeund Widersprüche unter den Tisch gekehrt werden sollten.AuchdarumeskalierteandenAbendenderoffiziellenJubel-feiern der Protest auf der Straße gegen eine verknöcherte
STEFAN BOLLINGER
DER MISSGLÜCKTENEUANFANG 1989/90.
DIE DDR ZWISCHEN ANTISTALINISTISCHERREVOLUTION UND KAPITALISTISCHER VEREINNAHMUNG
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ChristaWolf.In:AnnegertHahn/GiselaPucher/HenningSchaller/LotharScharsich Hrsg.):4.November'89.DerProtest.DieMenschen.DieReden.Frankfurt/M.-Berlin1990,S.172.
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ChristophHein.In:ebd.,S.195.
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H.P.:Sonnenseitestarkbewölkt.In:NBI–NeueBer-linerIllustrierte.H.40/1989,S.18.
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ErichHonecker:DurchdasVolkundfürdasVolkwurdeGroßesvollbracht.FestansprachevonErichHonecker,GeneralsekretärdesZKderSEDundVorsitzenderdesStaatsratesderDDRFestveranstaltungzum40.JahrestagderDDR.In:NeuesDeutschland.Berlin,B-Ausgabe(imWeiteren:ND),vom9.Oktober1989,S.1.
KONTROVERS
03|2009
BEITRÄGE ZUR POLITISCHEN BILDUNG
   R   O   S   A   L   U   X   E   M   B   U   R   G   S   T   I   F   T   U   N   G
 
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Führung, für einen nach sowjetischem Vorbild endlich inAngriffzunehmendenErneuerungsprozess.
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DieseEnt-wicklunghattesichinnerhalbwenigerMonatebeschleunigt.ImHerbst1987nochinBonngefeierterundrespektierterGastmit markigen Sprüchen, hatte Honecker ein Dokument imGepäck,das nicht nur dieSystemauseinandersetzung hätteändernkönnen,sondernauchdieinnereEntwicklung.DennimVorfelddieseserstenBesucheseinesDDR-StaatschefsinderBundesrepublikhattenSEDundSPDeinPapierzumDia-log konträrer Ideologien ausgehandelt. Es anerkannte dieReformfähigkeitenbeiderverfeindeterSysteme.EinSchlüs-selsatzwaraberauch,dass«dieoffeneDiskussionüberdenWettbewerbderSysteme,ihreErfolgeundMisserfolge,Vor-zügeundNachteile,...innerhalbjedesSystemsmöglichsein(muss)».
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Was hier als Bedingung für den zwischenstaatli-chen Dialog gefordert wurde, war nun auch in der DDR von jenengefragt,diedieProblemeihresLandesundihrerGesell-schaftsahen.SiewolltenhierundjetzteinensolchenDialog.Genauderwurdeverwehrt.GleichzeitigsuchtennichtwenigeunterdemDachderKirchenachAntworten.1987/88rangendiechristlichenKircheninderDDRumeinenKonziliarenPro-zess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöp-fung, der konsequenterweise auf die Situation der eigenenGesellschaft und ihrer Wirklichkeit von Gerechtigkeit fokus-sierte.IndieDiskussionenflossenvielekritischeAnmerkun-genundÄnderungswünscheausgehendvonderimmerweni-gerakzeptiertenDDR-Wirklichkeitein.IneinerZuschriftauseiner Gemeinde wurde auf Negativerfahrungen verwiesen:«fehlendeFreizügigkeit;Hoffnungs-undPerspektivlosigkeitvieler Jugendlicher, Identitätsverlust bezüglich der Katego-rien Heimat/Vaterland, Allmachtserfahrungen unter demStaatsapparat,zunehmendeMilitarisierung/IdeologisierungderGesellschaft»,daserpresserischeNutzenderneuenRei-seregelungendurchdiestaatlichenOrgane.DerBriefschrei-berforderte,dass«dieUrsachenderUnmündigkeitundPas-sivität der DDR-Bürger ... näher benannt werden (müssen):derAlleinvertretungsanspruchaufWahrheitundRichtigkeitderPartei,IdeologisierungdergesamtenGesellschaft,Abgren-zungsmechanismen des Systems auf ökonomischem undhumanitärem Gebiet (fehlende menschliche Kontakte/feh-lendeWissenschaftskontakteverhindernglobalesDenken),BruchvonAußenpolitikundInnenpolitik(Vertrauensbildungund Dialogbereitschaft besonders betreffend)». Die Forde-rungen nach Veränderung finden sich in diesen Überlegun-gen ebenso: «uneingeschränkte Reisefreiheit der Familien,Überwindung der Abgrenzung, Respektierung der Men-schenwürde,völkerrechtlicheEinklagbarkeitderMenschen-rechte».Letztlichgeheesumdie«Übernahmebehrterbür-gerlicherDemokratieinhalte».
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AlldieswarderDDR-FührungundihrenSicherheitsorganenwohl bekannt, zwang sie doch gerade die nicht abreißendeZahlvonAusreiseanträgenzurAnalyse:«unzureichendeRei-semöglichkeiten,mangelndeVersorgungmitWarendestäg-lichenBedarfsundhochwertigenKonsumgüternsowieObstund Gemüse, Ersatzteilen, nicht zufriedenstellende Dienst-leistungen,unzulänglichegesundheitlicheBetreuung,Anstei-genderLebenshaltungskosten(Lohn-Preis-Gefüge),Fragendes Umweltschutzes, soziale Probleme (Wohnraum, Beruf,persönlicheKonflikte).»
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EbensoerkanntensiealsGründederAblehnungderDDR:«unbefriedigendeArbeitsbedingungenund Diskontinuität im Produktionsablauf; Unzulänglichkei-ten/InkonsequenzbeiderAnwendung/DurchsetzungdesLeis-tungsprinzips sowie Unzufriedenheit über die EntwicklungderLöhneundGehälter;VerärgerungüberbürokratischesVer-halten von Leitern und Mitarbeitern staatlicher Organe,Betriebe und Einrichtungen sowie über Herzlosigkeit imUmgang mit den Bürgern; Unverständnis über die Medien-politikderDDR». Eswurdeklarer,dasssichTeilederGesell-schaftgegenihrenStaatundseinen«SozialismusindenFar-ben der DDR» stellten. Die internationalen Rahmenbedin-gungen waren andere geworden, Moskau suchte mit derPerestroikaerstmalsdenWegfürprosozialistischeReformen.DieWirtschaftsproblemeimeigenenLandewurdengrößer.VorallemaberwolltendieMenschenGehörfindenundmit-reden.AberselbstdasrealsozialistischeWahlsystemversagteihnendasundhrtesichmitWahlfälschungenselbstadabsur-dum,wieder«überwältigendeWahlsieg»derNationalenFrontmit98,85ProzentbeidenKommunalwahlenam5.Mai1989nochmals bestätigte. Die oppositionellen Gruppen hattenschon im Vorfeld angekündigt, an den Stimmauszählungenteilzunehmen. Sie machten die Fälschung via Mundpropa-gandaundWestmedienpublik.Seitdem5.JunigabesPro-testegegendieManipulationderWahlen.SieverschmolzenmitdendemonstrativenAktionenfürAusreise,ihremGegen-stück,denerstenReformforderungenvonBürgerbewegtenund gipfelten schließlich in den Friedensgebeten und derzunächstinLeipzigstartendenMontagsdemonstrationen.
2. INSEL DER GLÜCKSELIGEN?
DieDDRstandineinersichwandelndenWelt.SeitEndeder1970er und der beginnenden 1980er Jahre hatten sich diewirtschaftlichen Herausforderungen verändert. Die neuenProduktivkräfte,der Vormarschder Elektronik,dieVerände-rung im Inhalt der Arbeit, der höhere Anteil intelligenzinten-siverArbeitstelltendieIndustriestaatenvorneuewirtschaft-licheundpolitischeneueHerausforderungen.NichtmehrdasFließband,dieProduktionvonStahlmachtendieStärkeeinerWirtschaftaus,sonderndieFähigkeitzurumfassendenInten-sivierung,zurRationalisierung,zurVeränderungvonProduk-tenundArbeitsinhalten.DirigismusundstraffeLeitungskon-zeptebewirktenimmerweniger.ImWestenhattenmitMar-gretThatcherundRonaldReaganPolitikerdieVerantwortungübernommen, die den Übergang zum Neoliberalismus, zueinerdenIndividualismusanbetenden,dietraditionellenArbei-terorganisationen entwaffnenden und die Wirtschaft in denMetropolenaufeineintelligenzintensiveundfinanziellprofi-tableBahnlenkendeProduktionsweisevollzogen.EinelinkeAntwort fiel aus. Die Niederschlagung der Wirtschafts- undPolitikreformenimOstblock,namentlichdesPragerFrühlings
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Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED/Grundwertekommis-sion der SPD: Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit. In: ND vom28. August 1987, S. 3.
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Dokument 10. In: Christian Sachse (Hg.): "Mündig werdenzumGebrauchderFreiheit".PolitischeZuschriftenandieÖkumenischeVersammlung1987-1989 in der DDR. Münster 2004, S. 91f.
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[Ministerium des Innern: Informationüber die Entwicklung und Zurückdrängung der Antragstellung auf ständige AusreisenachderBRDundnachWestberlin–Berichtszeitraum1.1.1989bis30.9.1989,hierS.7 – pag. 30] BArch-SAPMO DY 30 IV 2/2.039/333.
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ZAIG: Hinweise auf wesentlichemotivbildendeFaktorenimZusammenhangmitAnträgenaufständigeAusreisenachdemnichtsozialistischenAuslandunddemungesetzlichenVerlassenderDDR,9.9.1989.In: Armin Mitter/Stefan Wolle (Hrsg.): Ich liebe euch doch alle! Befehle und Lagebe-richte des MfS Januar-November 1989. Berlin 1990, S. 142.
 
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undparallelzuihmdesNeuenÖkonomischenSystemsinderDDR, hatte die Chance verbaut, mit mehr ökonomischenHebeln,mitGewinnorientierungundLeistungsanreizenPlanund Markt zu verbinden. Die Lösung der bestehenden Inte-ressenkonfliktewärenurdurcheinflexibleresSystemderArti-kulation und des Austragens möglich gewesen, das wurde jedoch von den dogmatischen Kräften in der SED nur alsBedrohungihrerMachtangesehen.Demokratie,Öffentlich-keit, gesamtgesellschaftlicheSuche nach alternativen Ent-wicklungswegendaranmangelteesdemRealsozialismus,unddieserMangelbeschleunigteinderKriseEndeder1980erJahreseinenUntergang.SeitAnfangder1980erJahrezeig-ten sich in der DDR erste Krisensymptome: die Möglichkei-ten, Devisen zu erwirtschaften und die anspruchsvollen, jaüberzogenenVorstellungeneinesverbessertenKonsumsmitKreditenundImportenzuerfüllen,scheiterten.
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Diedeut-lichen Warnsignale wurden nicht zur Kenntnis genommen:die latente Krise in Polen, die wirtschaftlichenSchwierigkei-ten, der zunehmende Verlust der ideologischen Bindungs-kraftundderwachsendeWilleweiterTeilederBevölkerung,überdieProblememiteinanderundmitderpolitischenFüh-rung zu reden.
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Nicht zuletzt hatte die neue Rüstungs-spiraleinderzweitenHälfteder1970erJahredieMenschenauchimOstenundgeradeinderDDRsensibilisiert.DieModer-nisierung des sowjetischen MittelstreckenraketenarsenalsmitRSD-10(imNATO-CodeSS20),dieAntwortmitdemNato-Nachrüstungsbeschluss, die Aufstellung zusätzlicher Kurz-und Mittelstreckenraketen auch in der DDR, die Angst voreinem unmittelbar bevorstehenden US-Raketenangriff1982/83angesichtsderkriegerischenRhetorikderUSAhat-ten auch die deutschen Verbündeten der Supermächte auf-geschreckt.DieDDRundHoneckerwolltendieRisikenmini-mieren, suchten nicht zuletzt mit Helmut Kohl in Bonn eine«KoalitionderVernunft»undlegtensichmitMoskauan.AbererstmitderWahlMichaelGorbatschowszumGeneralsekre-tär der KPdSU und seinen weit reichenden Abrüstungsvor-schlägenunddenZugeständnissenReagansbegannsichdieEinsichtvonderAussichtslosigkeiteinesKernwaffenkriegesindenbeidenBlöckendurchzusetzen.DieSystemauseinandersetzunghattesichverändert,derneueKalte Krieg ging scheinbar zu Ende. Die beiden deutschenRegierungenmeintenesernstmiteinerneuenEntspannung,SEDundSPDverhandeltenüberZonenohneAngriffswaffenin Mitteleuropa. Der Versuch Reagans, den Osten totzurüs-ten,stiinMoskauendlichaufdieEinsicht,dassmannichtmithaltennneundaufdieBereitschaft,daseigeneModellzuwandeln,zureformieren. DieAnerkennung desVorrangsder Menschheitsinteressen vor den Klasseninteressen unddie «Freiheit der Wahl» sollten Klassenkampf und System-auseinahndersetzung ablösen. All dies hatte Folgen für dieEinstellungzurDDRwiezurimperialistischenBedrohung,zurIdentifizierungmitdemeigenenSystem.BefragungenunterDDR-Lehrlingen belegten das Schwinden der Bereitschaft,das eigene Land zu verteidigen, angesichts der zunehmendschwindendenBedrohungsangst.Waren1986noch75Pro-zentderAuffassung,dassderWehrdienstvollkommenoderdochweitgehendnötigreundnur12Prozentihnwenigerodermehrablehnten,hattesichdiesesVerhältnis1989auf39zu41Prozentverschoben.
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GleichzeitigzeigtensichdieWirtschaftsproblemeunddiezentrifugalenTendenzeninderöstlichenSupermacht.InPolenundUngarngärtees,Refor-men des Realsozialismus waren drängend, der system-sprengendeEffektwurdemehrundmehrrealer.Spätestensmit der friedlichen Amtsübernahme durch eine nichtkom-munistischeRegierungimAugust1989inWarschauunddensystemsprengendenungarischenReformengabeseineneueSituationGorbatschowsPolitikvonGlasnostundPerestroikawar nicht nur Rhetorik, sie war ernst gemeint. Fast unmerk-lich – trotz vieler Signale – änderte sich auch das VerhältniszwischenMoskau,BonnundBerlin.DaswurdevorallemmitGorbatschowsBRD-BesuchimJuni1989spürbar.NichtnurdieeuphorischeBegrüßungdeserstenMannesausMoskaudurchdiebundesdeutscheBevölkerungalsVerfechtereineraktiven Friedenspolitik war bemerkenswert. In den Gesprä-chenmitKohlwurdedeutlich,dasssichauchindembeider-seitigen Verhältnis zur DDR etwas veränderte. Kohl konnteUS-PräsidentenGeorgeBushmitteilen,Gorbatschows«Dis-tanzzurDDRseideutlich». BonnwurdefürMoskaualsPart-ner für seine angestrebten ökonomischen Reformer wichti-geralsdieDDR.DiesowjetischeInteressenlageverschobsich,und in Bonn spürte man dies genau, begünstigte es nach-drücklichunderlebtedieDDRmehr undmehr als BittstellerinökonomischenFragen.
3. DIE KRÄFTE DES WANDELS
ImHerbstgerietdasLandindieexistentielleKrise.Dieeinenwollten raus in den Westen, sahen die Zukunft nur noch ineinem anderenGesellschaftssystem,dennfürsiehattesichtrotzPerestroikainderSowjetunionangesichtsderStarr-sinnigkeit der Führung in der DDR der Sozialismus erledigt.Es sollten insgesamt 241.907 Menschen werden, die illegaldasLandverließenundweitere101.947,die1989demLandlegaldenRückenkehrten.ZunächstimRahmenderseitJah-ren von der SED-Führung zugelassenen legalen Ausreisen,dieübereinAntragsverfahrenliefen,meistdieberuflicheundgesellschaftlicheIsolierungbedeutetenundinderRegeldieAblehnung des Staates noch verstärkten. Für die SED-Füh-rung und ihren Generalsekretär waren sie Verräter, denen –so in einem von ihm redigierten ND-Leitartikel vom 2. Okto-ber1989«keineTränenach(zu)weinen»
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sei.Dasgossnoch-malsÖlinsFeuer,weilesdieUnfähigkeitderHonecker-h-rung belegte, die Tiefe der Krise zu erkennen und nach Aus-wegenzusuchen.
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EshattesicheinseltsamesGemischunterschiedlicherInteressenundIdealeherausgebildet.DieAusreisewilligen trafen zunächst am Rande der kirchlichenFreiräume auf jene, die für den Wandel der DDR eintraten,damit sich ein Hierbleiben lohne. Erstere hatten für sich mitderDDRunddemSozialismusabgeschlossen,wollteneinenNeuanfang in einem anderen System. Ihre Ablehnung derDDR-GesellschaftwurdeaberzumAuslöservonWiderstand
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BerechnetausTab.71:VeränderungenverschiedenerAspektederHaltungzumWehr-dienst zwischen 1986 und 1988 (identische Population männlicher Lehrlinge) sowieEnde 1989. In: Peter Förster: Die Entwicklung des politischen Bewußtseins der DDR-Jugendzwischen1966und1989.In:WalterFriedrich/PeterFörster/KurtStarke(Hrsg.):Das Zentralinstitut für Jugendforschung Leipzig 1966-1999. Geschichte, Methoden,Erkenntnisse. Berlin 1999, S. 161.
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Telefongespräch Kohl mit Bush, 15.6.1989. In:Bundesministerium des Innern unter Mitwirkung des Bundesarchivs (Hrsg.): Doku-mentezurDeutschlandpolitik.DeutscheEinheit.SondereditionausdenAktendesBun-deskanzleramtes1989/90.BearbeitetvonHannsJürgenKüstersundDanielHofmann.München 1998, S. S. 832.
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Humanitärer Akt. Sich selbst aus unserer Gesellschaftausgegrenzt.In:NDvom2.Oktober1989,S.2.
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Aufbruch'89–NEUESFORUM.10.September1989.In:WirsinddasVolk.Aufbruch'89.mdvtransparent.Teil1:DieBewe-gung. September/Oktober 1989. Halle 1990, S. 11.
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Ebd., S. 12.
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